Montag, 11. September 2017

Bundestagswahlkampf der AfD: Die Parallelen zu 1989 sind unverkennbar

Volles Haus in Pforzheim. Foto: Tomasz M. Froelich
von Michael Klonovsky
Letzte Woche gab es den AfD-„Wahlkampfhöhepunkt“ im lauschigen Pforzheim, mit Alice Weidel, Alexander Gauland und der dem Merkel-Wahlverein spätentsprungenen Erika Steinbach als Hauptrednern. Ich muss den regelmäßigen Besuchern meines kleinen Eckladens nicht umständlich erklären, wie sehr mich Partei- und überhaupt Massenveranstaltungen betrüben; erwachsene Menschen, die „Martin! Martin! Martin!“ oder „Höcke! Höcke! Höcke!“ oder „De-De-Err! Un-ser-Va-ter-land!“ skandieren, sind mir zutiefst fremd (sogar die Dortmunder Südtribüne mag ich nur aus der Ferne). Gleichwohl wurde ich Zeuge einer berichtenswürdigen, ja buchenswerten Veranstaltung, es war kein abgezirkelter Konformistenauflauf wie bei den Etablierten, sondern echtes Oppositionskino, samt der üblichen Gegendemonstranten (ich werde diesen Menschenschlag nie verstehen, haben die wirklich nichts Besseres zu tun?), wobei deren gemeldete Zahl wahrscheinlich unter Einbeziehung der Raucher von drinnen zustandekam. Der Andrang dort wiederum war so enorm, dass die – zuvor von einer Trennwand verdeckte – Empore den Besuchern geöffnet werden musste. Die Redner brachten den Saal, wie man sagt, zum Kochen – hätte ein Wahrheits- und Qualitätsjournalist die Formulierung nicht schon für einen Sarrazin-Auftritt verschlissen, „ein Hauch von Sportpalast“ wäre diesmal fällig gewesen, wenngleich genau das Orchestrierte und Inszenierte fehlte und die Jubler von ihrer Teilnahme an der Veranstaltung draußen eher Nachteile als Vorteile zu gewärtigen haben –; es gab Begeisterungsbekundungen ohne Ende, Zwischenrufe, immer wieder Standing Ovations, ich sah Männer mit Tränen in den Augen, und obwohl sich die Veranstaltung über drei Stunden zog, verließ keiner den Saal. Ich habe den Eindruck, viele Westdeutsche erleben gerade ihr 1989. Die Parallelen sind ja unverkennbar (wobei immer noch die Ostdeutschen am verlässlichsten sind).

Ich hatte mich extra auf einen der Presseplätze gesetzt, weniger aus Nostalgie denn aus Neugier, wie man dort die Kirmes wahrnehmen werde. Es waren viele Journalisten und TV-Teams da, auch viele ausländische, und eines haben die meisten davon an diesem Abend, wie indigniert auch immer, begriffen: Das ist nicht mehr aufzuhalten und schlechtzuschreiben. Da ging mehr ab als bei den anderen Parteien. Das war echte Begeisterung, und das war auch nicht die Veranstaltung einer Truppe, die mit einem einstelligen Wahlergebnis in den Bundestag einziehen wird. Das kannst du politisch für grundverkehrt halten, aber es stinkt nicht nach Verrat und klebt nicht vor Heuchelei. Den besten Satz des Abends sprach Waldemar Birkle, Russlanddeutscher und Direktkandidat für den Wahlkreis Pforzheim: „Wenn Sie diese Regierung nicht austauschen, wird diese Regierung Sie austauschen.“

Ich fragte eine noch recht junge, eifrige Mitschreiberin, für welches Medium sie denn arbeite. „Und Sie?“, erkundigte sie sich, nachdem sie es mir verraten hatte. „‚Die Fackel‘, Wien“, erwiderte ich. Ihre Miene blieb vollkommen unbewegt. Irgendso ein neues Online-Magazin, mag sie gedacht haben. Oder sie war richtig cool und hat sich gedacht: Sie glauben doch nicht im Ernst, Sie komischer Vogel, dass ich mich von Ihnen hier hochnehmen lasse.

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