Freitag, 4. August 2017

Neymar: Das 222-Millionen-Euro-Schnäppchen

Bild: Basc catala [CC BY-SA 3.0],
via Wikimedia Commons
von Jorge Arprin
Ist der Fußball schon wieder tot? Das ist der Ton, den der Rekord-Transfer von Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain begleitet. 222 Millionen Euro zahlt Paris an Barcelona – mehr als doppelt so vielwie beim letzten Rekord-Transfer vor einem Jahr. Die romantischen Fußballfans und diverse Kommentatoren sehen die Zukunft des Fußballs in Gefahr. Außerdem wiederholen sie unermüdlich, dass „kein Mensch 222 Millionen wert ist“ und man „mit diesem Geld so vielen Armen hätte helfen können.“ Zuletzt prophezeien sie einen großen Crash im Fußball, ähnlich wie bei den Banken. Johannes Nedo gab im Tagesspiegel den Fußballfans die Schuld für diese Entwicklung und forderte von ihnen eine Umkehr:

,,Wer diese Spirale stoppen will, wer gierige Spieler und Berater wieder in die Wirklichkeit zurückholen will, der muss vom Profi-Fußball lassen. Der muss mal ein paar Jahre auf die besten Spieler verzichten und nur zum nächstgelegenen Amateurverein spazieren, keine neuen Trikots kaufen und den Fernsehsendern obendrein weniger Einschaltquote bei Fußballspielen bescheren. Das mag schwerfallen und wehtun, aber allein darauf reagieren die Strippenzieher des Hochglanzfußballs.''

Natürlich teile ich diese Sicht nicht. Aber ich lege auch keine unkritische Transfergeilheit an den Tag, denn ich sehe die derzeitige Entwicklung im Fußball differenziert. Einerseits ist es kein Problem, wenn immer mehr Geld im Sport fließt, denn dies entspricht ja der Nachfrage nach Fußball, die sowohl in Europa als auch weltweit in den letzten Jahren massiv gestiegen ist. Egal ob Tickets, Trikots, TV-Abos - der Fußball wird immer größer, also ist auch mehr Geld da. Fußballer können dann 222 Millionen wert sein, denn der Wert einer Sache wird immer durch den Nachfrager bestimmt. Ist ein Kunstbild zum Beispiel 275 Millionen Dollar wert? Jemand war dieser Ansicht und kaufte sich ein Exemplar einer Serie von Gemälden mit dem Titel „Die Kartenspieler“ für diesen Rekord-Betrag. Das Argument der weltweit immer noch grassierenden Armut lasse ich mal außen vor, hierzu nur so viel: Bei den jährlichen Ausgaben für Entwicklungshilfe (100 Milliarden) und für die westlichen Sozialstaaten (mehrere Billionen) fällt Neymar in etwa so auf, wie der Baum im Wald.

Gleichzeitig kann es durchaus berechtigte Kritik an einigen Transfersummen geben. Denn nicht alle Fußballvereine leben einzig von ihren eigenen Einnahmen oder von gewöhnlichen Sponsoren, die ihr in den Verein gestecktes Geld als Investition ansehen. Bei Bayern München oder Real Madrid mag das zutreffen. Aber Vereine wie Chelsea London, Manchester City oder Paris Saint-Germain bekommen ihr Geld nicht von gewöhnlichen Sponsoren, sondern zum Großteil von Gönnern, deren Geld aus mafiösen Quellen stammt, und die ihr in Fußballvereine gestecktes Geld nicht als Investitionen ansehen, sondern eher als Konsumgüter. Das ist der einzige Punkt, den ich an Transfers von „Scheich-Klubs“ kritisch sehe. Meine Sicht auf die aktuellen Transfer-Entwicklungen im Fußball ist also: Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Menschen ihr selbstverdientes Geld, egal in welchen Summen, für Dinge ausgeben, aber wenn Mafiosi ihr Blutgeld in den Fußball stecken, sollte es unterbunden werden.

Zu dieser differenzierten Sicht sind leider nur Wenige fähig. Sie verurteilen einfach die Summe, ohne darüber hinaus nachzudenken. Christian Streich, Trainer des SC Freiburg, meinte in einer Pressekonferenz zum Neymar-Transfer: „Der Gott des Geldes wird immer größer, und irgendwann verschlingt er alles.“ Außerdem sah er die demokratische Ordnung in Gefahr. Dabei bekam er selbst von Borussia Dortmund 20 Millionen Euro Transfererlös für Maximilian Philipp, einem Spieler, der noch nicht mal in der deutschen Nationalmannschaft spielt. Tja, was als obszöner Reichtum gilt, hängt wohl davon ab, wie reich man selbst im Vergleich zu anderen ist. Anstatt Summen zu verurteilen, sollte eine Sache getan werden: Geldströme aus Ländern mit mafiösen Rechtsstrukturen sollten stärker überwacht werden, damit das Geld im Fußball sauber bleibt und nicht mit Putin oder Islamisten befleckt wird.

Abgesehen davon sehe ich an den zunehmenden Transfer- und Gehaltssummen nichts Schlimmes. Wie gesagt: Das Geld ist da. Bayern München hat seinen Transfer-Rekord auch immer weiter nach oben verschoben: Von 18,75 Millionen für Makaay (2003), auf 25 Millionen für Ribery (2007), auf 35 Millionen für Gomez (2009), auf 40 Millionen für Martinez (2012), auf 41,5 Millionen für Tolisso (2017). So wird es wohl erstmal weitergehen. Warum auch nicht? Wie absurd wäre es, auf Johannes Nedo vom Tagesspiegel zu hören und aufzuhören, ins Stadion zu gehen, Trikots zu kaufen oder Fußball im TV zu gucken? Anstatt über solche Dinge nachzudenken, sollte die Bundesliga mal darüber nachdenken, die 50+1 Regel abzuschaffen, die Team-Anzahl von 18 auf 20 zu erhöhen und die Anstoßzeiten breiter zu verteilen. So bekommen die Vereine mehr Geld und können besser mit der Premier League mithalten.

Abschließend noch einige Vergleichszahlen:

Elbphilharmonie – 789 Millionen Euro.
Berliner Flughafen – voraussichtlich 5-6 Milliarden Euro.
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk – 8 Milliarden Euro.
Neymar – 222 Millionen Euro.

Was ist hiervon wohl die beste Investition?

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