Montag, 24. Juli 2017

Libertarismus als einende Philosophie: Freiheit und Kapitalismus als Segen

Bild: Pixabay / 3dman_eu / CC0 Public Domain
von Tommy Casagrande
In jeder politischen Talkrunde, in jeder öffentlichen Diskussion über die Missstände unserer Zeit (gleichgültig ob sie im TV oder im Radio übertragen wird, in den meisten Gesprächen privater Kreise (gleichgültig ob in der Familie, im Freundes- oder im Verwandtenkreis), in den staatlichen Bildungsanstalten (gleichgültig ob in den Schulen oder Universitäten), auf den allermeisten Seiten des Internet (egal ob in öffentlichen Foren oder auf Blogs), und auch sonst in jedem vorderen und hinterem Winkel des gesellschaftlichen und privaten Lebens, gilt der einmütige Konsens, dass der Kapitalismus erstens die real existierende Ordnung des wirtschaftlichen Handelns von Menschen wäre, und zweitens diese wirtschaftliche Ordnung, der sogenannte Kapitalismus, für die Missstände der Menschen in der Gesellschaft und sogar im globalen Maßstab verantwortlich zeichnen würde.

Doch hier liegt bereits, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, ein Missverständnis. 

Denn erstens ist die real existierende Ordnung des wirtschaftlichen Handelns von Menschen eine Mischung aus Kapitalismus, staatlichen Eingriffen in den Kapitalismus und Zinssetzungen der Zentralbanken.

Ein Anhänger der Philosophie des Libertarismus würde ein solches System nicht als Kapitalismus bezeichnen, sondern eher als regulierten, unfreien Kapitalismus. Möglicherweise würde ein libertärer Mensch auch die Begriffe Korporatismus und Interventionismus als Zustandsbeschreibung für ein solches System verwenden. Ebenso würde auch das Wort Etatismus die Runde machen. Doch ganz gewiss würde dieser Mensch dieses System niemals als Kapitalismus bezeichnen. 

Das Wort Kapitalismus wird von einem libertär gesinnten Menschen für eine anarchische Ordnung verwendet, in der weder staatliche Eingriffe, noch die Aktivitäten von Zentralbanken Einfluss auf das wirtschaftliche Handeln und Entscheiden von Menschen nehmen können. Denn es sollte offensichtlich sein, dass nur freie Menschen die ihren innewohnenden Bedürfnisse am ehest möglichen zu befriedigen wissen und jeder Zugriff und Eingriff von Außen zu Verzerrungen und Schieflagen von menschlichen Lebenssituationen führen muss, weil die essentiellen Handlungen und Entscheidungen über das Vorwärtskommen im eigenem Leben zu einem gewissen Teil von anderen Außenstehenden einem aufoktroyiert werden, aufgrund gelegter Strukturen, die keine Rücksicht auf die Individualität und damit einhergehende Unterschiedlichkeit von Menschen nehmen. 

Die real existierende Ordnung des wirtschaftlichen Handelns von Menschen entspricht daher nicht der Vorstellung von Kapitalismus, die ein libertär gesinnter Mensch in sich trägt. Und aus diesem Grunde verwundert es jenen libertär denkenden Menschen auch nicht, dass in Wirklichkeit die real existierende Ordnung sehr unordentlich aussieht. 

Zweitens: Gerade weil es nicht die wirtschaftliche Dominanz über die Politik, sondern umgekehrt die Dominanz der Politik über die Wirtschaft ist und war (seit jeher), durch Gesetzeserlasse in das wirtschaftliche Handeln und Entscheiden von Menschen hinein zu wirken, sowie Zentralbanken von Gesetzeswegen her mit einem Privileg ausgestattet zu haben - als autoritäre Institution über dem Markt stehend das Geld als Tauschmittel menschlicher Arbeitsbeziehungen künstlich nach Interessengewichtung zu manipulieren -, kann der Kapitalismus nicht im Sinne der Menschen funktionieren, sondern funktioniert gegenwärtig schlicht im Sinne diverser Interessengruppen, die umso mehr Anreiz haben auf den Staat Einfluss zu nehmen mittels Lobbyismus, je größer die Macht des Staates wird, der in das wirtschaftliche Handeln und Entscheiden der Menschen hineingreift. Aus diesem Blickwinkel betrachtet nimmt es nicht Wunder, dass Staaten, je absolutistischer, desto korrupter und korrumpierter werden. 

Ich glaube, dass die durchaus berechtigten Anliegen von Menschen aller möglichen ideologischen Richtungen, die argwöhnen, dass dieses System nicht gut funktioniert, ihnen Schaden und Ängste zufügt, auch die Widersprüche wahrnehmen, in Wahrheit einen getreuen Verbündeten hätten bzw. haben könnten, der ihre berechtigten Anliegen und Sorgen zu einen vermag, ohne sie gegeneinander auszuspielen und in Gruppeninteressen aufzuspalten. Eine Philosophie sie alle zu einen ist der Libertarismus. Er vermag die unnötigen Gräben zwischen linken, rechten und allen dazwischen liegenden Systemkritikern zuzuschütten, so lange - und darauf kommt es an - die Menschen auch wirklich bereit sind, diese Philosophie ökonomisch und in all ihren darüber hinaus gehenden Aspekten und Schattierungen begreifen zu wollen. 

Ein entstaatlichter, deregulierter, befreiter, entfesselter, von staatlichen Privilegierungen und lobbyistischen Interessen bereinigter, seiner Seele zurückerlangter, dem Staat entwendeter und den Menschen zurückgegebener Kapitalismus vermag es, den individuellen Wohlstand der Massen zu erhöhen (gerade auch der Ärmsten); vermag es, Frieden zu sichern, da davon auszugehen ist, dass ein Staat, der liberal nach Innen, auch nicht die Mittel und Ressourcen sich anwenden kann und wird, um aggressiv nach Außen aufzutreten; vermag es, Freiheit zu institutionalisieren, da Menschen, wenn es ihnen erstmal materiell gut geht, sich Gedanken über den Mehrwert ihres Lebens und dem größeren Sinn dahinter hingeben. 

Ab einem gewissen Punkt des materiellen Wohlstandes, der bei jedem anderswo zu liegen scheint, geben sich Menschen auch anderen Themen des guten Lebens hin. Eine Zivilgesellschaft entsteht im Zuge des Wachstums einer Mittelschicht und ein jeder kann getrost annehmen, dass Menschen, denen es zunehmend besser geht, wenig Bedürfnis verspüren werden, Hass und Hetze gegenüber anderen Menschen und Kulturen zu schüren. Das mag eine wenig romantische Perspektive sein, nichtsdestotrotz sollten wir sie anerkennen. 

Den Wunsch nach autoritären Führern und Systemen, die den Gehorsam und den Gleichschritt eines jeden Individuums in Richtung des kollektiven Verderbens verlangen, wird es im Zuge der von mir angesprochenen Entwicklung nicht geben können. Und die Geschichte gibt mir Recht. Historisch war eine jede Zunahme wirtschaftlicher Freiheit ein Segen für die Zivilisation und eine jede Schramme derselben ein Schritt in Richtung Barbarei.

Freiheit und Kapitalismus sind nicht die Ursache aller Probleme sondern deren Lösung.

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