Donnerstag, 22. Juni 2017

Schriftsteller als gequälte Juristen: Die Schreiber und „das Recht“

Dichter und Jurist: Heinrich Heine. Bild: unbekannt
(Archiv Göttinger Tageblatt) [Public domain],
via Wikimedia Commons
von Philipp A. Mende
Wenn man aus Neugierde mal ein wenig recherchiert, welche bekannten Schreiberlinge in der Vergangenheit mit der Juristerei gequält wurden, schlackert man teilweise mit den Ohren.

Vorhang auf: „Von den sieben Jahren, die ich auf deutschen Universitäten zubrachte, vergeudete ich drei schöne blühende Lebensjahre durch das Studium der römischen Kasuistik, der Jurisprudenz, dieser illiberalsten Wissenschaft. Welch ein fürchterliches Buch ist das Corpus iuris, die Bibel des Egoismus! Wie die Römer selbst blieb mir immer verhasst ihr Rechtskodex. Diese Räuber wollten ihren Raub sicherstellen, und was sie mit dem Schwerte erbeutet, suchten sie durch Gesetze zu schützen; deshalb war der Römer zu gleicher Zeit Soldat und Advokat, und es entstand eine Mischung der widerwärtigsten Art.“

Diese Worte stammen von einem meiner Lieblingspoeten: Heinrich Heine. Nach seinen Erfahrungen auf der Uni trat er zeitlebens nie als Jurist in Erscheinung.

Stattdessen: „Ich brachte jenes gottverfluchte Studium zu Ende, aber ich konnte mich nimmer entschließen, von solcher Errungenschaft Gebrauch zu machen, und vielleicht auch, weil ich fühlte, dass andere mich in der Advokasserie und Rabulisterei leicht überflügeln würden, hing ich meinen juristischen Doktorhut an den Nagel. Meine Mutter machte eine noch ernstere Miene als gewöhnlich. Aber ich war ein sehr erwachsener Mensch geworden, der in dem Alter stand, wo er der mütterlichen Obhut entbehren muss.“

Ein weiteres Genie und ebenfalls Teil meiner persönlichen Favoritenliste, Franz Kafka, promovierte ohne Dissertation, nachdem er Klausuren mit „Genügend“ abhakte, also der schlechtesten Note, die gerade noch zum Bestehen „genügte“. Wie er sich vorbereitete? So: „Ich studierte also Jus. Das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies schon von Tausenden Mäulern vorgekaut war.“

Auch Märchenonkel (und Sprachwissenschaftler) Jacob Grimm fühlte sich überaus unwohl in der Rolle eines vermeintlichen Rechtsgelehrten, und er ließ sein Studium nach einigen Semestern sausen. 1805 klagte er seinem jüngeren Bruder Wilhelm: „Ich weiß nicht, ich habe in manchen Dingen einen Leichtsinn, der unrecht ist, den ich aber durchaus nicht besiegen kann, so könnte ich mich jetzt nicht mit Staats-, Privatrecht et cetera abgeben, und zu solchen Sachen muss mir das Wasser bis zum Hals gehen, ehe ich sie angreife.“

Ein Blick nach Frankreich macht deutlich, dass sich dort vor allem der Romancier Gustave Flaubert Schöneres vorstellen konnte: „Die Rechtswissenschaften bringen mich um, verblöden und lähmen mich, es ist mir unmöglich, dafür zu arbeiten. Wenn ich drei Stunden meine Nase in das Gesetzbuch gesteckt habe, während derer ich nichts begriffen habe, ist es mir unmöglich, noch weiter fortzufahren: Ich würde sonst Selbstmord begehen (was sehr betrüblich wäre, denn ich berechtige zu den schönsten Hoffnungen).“ – „Wie dem auch sei, ich scheiße auf die Rechtswissenschaften. Das ist mein ‚Delenda Carthago‘.“

Und kurz darauf: „Das Studium der Rechte verbittert meinen Charakter in höchstem Maße: Ich knurre unaufhörlich, wettere, murre und brumme sogar gegen mich selbst und auch wenn ich ganz allein bin. Vorgestern abend hätte ich hundert Francs (die ich nicht besaß) darum gegeben, wenn ich irgendjemandem eine Tracht Prügel hätte verabreichen können.“ – „Zahnschmerzen sind noch gar nichts, und die Tränen, die mir bei den schlimmsten Anfällen in die Augen kommen, sind nicht mit den furchtbaren Krämpfen zu vergleichen, die mir diese reizende Wissenschaft verursacht, die ich studiere.“ Nach zwei Jahren pfiff Flaubert schließlich auf sein Studium.

„Simplicissimus“-Begründer Frank Wedekind schlug in eine ähnliche Kerbe und schrieb unmittelbar vor seinem Studienabbruch über seine Eltern: „Ich muss sie ja im süßen Wahn lassen, dass ich Jurisprudenz studiere, bis ich ihnen wenigstens mit einem kleinen Erfolg vor die Augen treten kann, um meine Wahl zu rechtfertigen.“ – „Von Jurisprudenz kann ich ja auch nichts schreiben, denn ich weiß nichts davon, und meine Eltern so gründlich anlügen, das kann ich auch nicht mehr.“

In Österreich quälte sich unter anderem Peter Handke, bevor er sein Studium in Graz hinschmiss: „Die Müdigkeit in den Hörsälen ließ mich mit den Stunden im Gegenteil sogar aufsässig oder aufbegehrend werden“, heißt es in seinem „Versuch über die Müdigkeit“, „es war in der Regel weniger die schlechte Luft und das Zusammengezwängtsein der Studentenhunderte als die Nichtteilnahme der Vortragenden an dem Stoff, der doch der ihre sein sollte. Nie wieder habe ich von der Sache so unbeseelte Menschen erlebt wie jene Professoren und Dozenten der Universität.“

Kommen wir zum größten Schwergewicht deutschsprachiger Literatur. Wie wohl jeder weiß, war auch Goethe Jurist. Doch war er dies aus Überzeugung? Gefiel ihm jene Arbeit? Auf Druck seines Vaters studierte er Jura, zuerst in Leipzig, dann in Straßburg. Seine Gedanken werden in einem Brief (1771) an den Juristen Johann Daniel Salzmann deutlich: „Auch das Cäremoniel weggerechnet, ist mirs vergangen Doktor zu seyn. Ich hab so satt am Lizenzieren, so satt an aller Praxis, daß ich höchstens nur des Scheines wegen meine Schuldigkeit thue, und in Teutschland haben beide Gradus gleichen Werth.“

Schließen wir mit einem nicht ganz so begeistert wirkenden Sonett des wunderbaren und viel zu früh verstorbenen Georg Heym, seines Zeichens ebenso Jurist wider Willen.

„Zu vieren sitzen sie am grünen Tische, 
Verschanzt in seines Daches hohe Kanten. 
Kahlköpfig hocken sie in den Folianten, 
Wie auf dem Aas die alten Tintenfische.

Manchmal erscheinen Hände, die bedreckten
Mit Tintenschwärze. Ihre Lippen fliegen
Oft lautlos auf. Und ihre Zungen wiegen
Wie rote Rüssel über den Pandekten.

Sie scheinen manchmal ferne zu verschwimmen,
Wie Schatten in der weißgetünchten Wand.
Dann klingen wie von weitem ihre Stimmen.

Doch plötzlich wächst ihr Maul. Ein weißer Sturm
Von Geifer. Stille dann. Und auf dem Rand
Wiegt sich der Paragraph, ein grüner Wurm.“

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