Samstag, 27. Mai 2017

Terror in Manchester und anderswo: Die Brutalität staatlicher Barmherzigkeit

Bild: Pixabay/ Merio / CC0 Public Domain
von Frank Jordan
Als ich das Wort „sozial“ zum ersten Mal hörte, war ich sieben oder acht Jahre alt. Mein Vater sagte es. Es war mitten in der Nacht, und er sagte „Sozialplan“. Wie oft damals war ich erwacht und hatte mich oben an der Treppe davon überzeugt, dass ein Stock tiefer im Büro meines Vaters Licht brannte. Das musste so sein. Und wie immer ging ich hinunter, setzte mich auf seinen Schoß und fragte, was er tue. Doch anstatt mir wie sonst auch die vertraute Auskunft zu geben, dass er lerne (er paukte sich nebst Familie und Firma noch durch einen Executive MBA), sagte er, dass er Sorgen habe. Dass er Leute entlassen müsse. Eine Firma, die vor der Insolvenz stand, war übernommen worden. Der größere Teil des Personals ebenso. 

Trotzdem gab es Doppelspurigkeiten. Auf meine Frage hin, warum er sie nicht einfach behalten könne, antwortete er mit einer Gegenfrage: „Es gibt drei Möglichkeiten“, sagte er. „Die erste: Wir übernehmen die Firma nicht, sie geht pleite, und in einem Jahr stehen 200 Leute auf der Straße. Die zweite: Wir übernehmen die Firma, behalten alle Leute, machen Verlust, weil wir zuviele Leute haben, und in fünf Jahren stehen 700 Leute auf der Straße. Die dritte: Wir übernehmen die Firma, entlassen heute 50 und können 650 Menschen heute und vielen weiteren in den nächsten Jahrzehnten Arbeit geben. Welche Möglichkeit wählst du?“ Das verstand sogar ich. Und dann sagte er „Sozialplan“. Dass das bedeute, dass er wach sei und auch wach bleiben würde und nicht würde schlafen können, bis jeder dieser 50, die er alle kenne, eine neue Stelle gefunden habe. Das war 1982, und ich war stolz auf meinen Vater. „Sozial“ bedeutete Sorge aus Verantwortung, persönliches Engagement, die ganze Kraft, das Beste starker Menschen. Sicherheit. In meinem damaligen Verständnis: Vaterschaft.

Szenenwechsel. 2016. Ich lese einen Satz, der mich bis heute erschüttert. Jemand äußerte ihn nach dem Anschlag in Berlin. Wörtlich sagte die Person: „Ich finde die mangelnde Beachtung des Staates (der Opfer, der Hinterbliebenen und ihrer Trauer) traurig und unwürdig.“

Es geht hier nicht darum, wer das gesagt hat. Nicht um die Qual jener, die ihr Liebstes verloren haben. Und für einmal geht es auch nicht um Menschen, die das Abschlachten Andersgläubiger als Gottesdienst betrachten. Es geht ausschließlich um diesen einen Satz und um die gewaltige Fracht, die er enthält: die Erwartung an ein Gegenüber, die auf einem Wahrheits- und Wirklichkeitsgehalt fußt, der so gering ist, dass man ihn schon fast als komisch bezeichnen könnte, wäre es nicht so fatal und von derart lichtloser Traurigkeit.

Es ist die entartete Erwartung an ein imaginiertes Gegenüber „Staat“, dessen einzige Daseinsberechtigung einst jene war, die Ursache des Leids dieser Person und anderer zu verhindern: Schutz der Freiheit des Einzelnen, seines Lebens und seines Hab und Guts. Da stehen wir. Da steht Europa. Je suis Berlin. Je suis Nizza. Je suis Manchester. An die Verteidigung des Individuums und dessen, was ihm gehört, die über das beschauliche Verteilen von Betonsperren und Brosamen hinausreicht, scheint längst keiner mehr zu denken. Mehr noch: Wenn wir schon in die Luft gejagt werden, dann wenigstens sozial gerecht und energieneutral. Persönliche Befindlichkeiten, Bedürfnisse und ein Minimalquantum Trost von der „Öffentlichkeit“ werden höher gewertet als die einfachste Voraussetzung dafür, solchen Schwachsinn überhaupt denken zu können: jene, am Leben zu sein.

Wie sonst ist erklärbar, dass die Mehrheiten Europas im Monatstakt mehr desselben wählen, was unsagbares Leid nicht nur möglich macht, sondern aktiv organisiert? Wie anders lässt sich der Schrei nach Beachtung interpretieren als so, dass, was wir einander zu geben hätten – Trost, Mitgefühl, Mittragen, Mitleiden, Barmherzigkeit – an ein anonymes Kollektiv delegiert worden ist und wird? Was ist geschehen, was geschieht? Wie ist es möglich, dass wir unsere Nächsten beneiden, denunzieren, beleidigen und mit Häme übergießen und gleichzeitig von Menschen, die wir nicht einmal kennen und die ausschließlich auf unsere Kosten leben, das Beste erwarten, Rettung und Zukunft, bloß, weil wir sie direkt oder indirekt gewählt haben?

Es ist eine Bankrotterklärung. „Je suis Venezuela“, müsste es heißen. Das Eingeständnis, dass wir es zugelassen haben, dass aus einem Werkzeug im Dienst der Gemeinschaft eine separate Schöpfung in einem separaten Universum geworden ist, an die wir alles delegiert haben, was uns zu Menschen macht. Beziehung ist nur noch Unterhaltung. Der Rest ist Staat. Was bleibt und wählt, ist der von seiner Verantwortung, von seinem Nächsten und damit von sich selbst getrennte Staatsmensch, der das Ganze auch noch für eine humanitäre Veranstaltung hält.

Ich bin deine Haut, sagt der Staat. Ich schütze dich. Falsch. Die Haut, die die Gemeinschaft zuerst schützt und mit ihr den Einzelnen, ist die Freiheit. Der Staat war der Parasit, zu dessen Bewirtung sich die Menschen zum eigenen Besten entschieden hatten. Nach und nach ließ man es zu, dass unter den Schlagworten „sozial“ und „Emanzipation“ die Ordnung, dass der Parasit von seinem Wirt abhängt, auf den Kopf gestellt wurde. Das einzige, was sich dabei aufs sozialste emanzipierte, war der Parasit selbst, der dazu übergegangen war, sich überall dort dazwischenzuschalten, wo bisher aus gesundem Eigeninteresse zusammen gewirkt, gearbeitet und gewagt worden war. Zuallererst zwischen das Gespann Mensch-Verantwortung, ohne das Leben Lagerleben ist.

Heute platzt der Staat aus allen Nähten. Denn: Der Staat will nie helfen, er will nur wachsen. Das einzige, was ihn hindert, weiter zu wuchern, ist die Haut. Die Freiheit. Sie wird dünn. An einzelnen Stellen tun sich Risse auf. Sie sind lästig, aber man gewöhnt sich daran. Sie betreffen und schmerzen nur wenige und nur solche am Rand. Ein paar Konten auf sozialen Netzwerken werden gesperrt. Werbetreibende Unternehmen werden diskret darauf hingewiesen, wo ihre Botschaften besser nicht zu schalten sind. Wikipedia-Einträge entsprechen mehr den „sozialen Anforderungen“ als der Wirklichkeit. Verträge mit suboptimal gesinnten Firmen werden gekündigt. Ein paar Bücher sind nicht mehr erhältlich. Ein paar Zeitschriften und Online-Portale und ihre Inhalte sind auf Google nicht mehr zu finden. So geschehen im Fall von eigentümlich frei, „Sezession“ und „Blaue Narzisse“. Verschmerzbar: bloß kleine Unternehmen, kleine Steuerzahler, wenige Mitarbeiter, vernachlässigbare Existenzen. Nicht systemrelevant.

Das Problem: Ein Parasit bleibt ein Parasit. Wo er eindringt und nicht in Schach gehalten wird, wuchert er, infiziert gesundes Gewebe. Da stehen wir und merken es nicht. Sind blind dafür, dass die Ursache all unserer Probleme jenes Monster ist, das sich anschickt, als einziger Parasit der Welt größer zu werden als sein Wirt. Die Euro- und Schuldenkrise ist nicht die Wirkung freier Märkte, in deren Rahmen Menschen aus Eigeninteresse freiwillig zusammenarbeiten. Sie ist die direkte Auswirkung staatlicher Eingriffe in ebendiese Märkte, die heute nicht mehr frei, sondern bloß noch politisch sind. Hohe Arbeitslosigkeit und Armut sind nicht der Gier des Kapitalismus geschuldet, sondern staatlich alimentierten Zwangsorganisationen und politischen Kampfmaschinen, die unter der Bezeichnung „Gewerkschaften“ ihren sozialen Segen verspritzen. Versagt bei der Energiewende haben nicht Forschung und Entwicklung, sondern die staatliche Förderung nicht marktreifer Produkte zur Alimentierung eigener Ideen und gesinnungsmäßig Nahestehender. Hohe Scheidungsraten und Kinder, die mit drei Jahren schon drei Postadressen haben, sind nicht das Versagen hergebrachter Werte und Traditionen, sondern das Resultat staatlicher Emanzipations-Rhetorik und Fütterung auf Kosten anderer. Und Berlin, Manchester, Paris, Nizza – sie sind nicht der Unterprivilegierung, dem Ausschluss, der Nicht-Teilhabe, mangelnder sozialer Gerechtigkeit und dem Versagen der Gesellschaft geschuldet, sondern der seit Jahren staatlich orchestrierten Kriegs- und Einwanderungspolitik.

Es ist so hart, wie es einfach ist: Ein Parasit trachtet nie nach dem Besten seines Wirts, sondern nur nach dem eigenen. Um jeden Preis. Ein Parasit ist nie sozial, nie gerecht, nie fördernd, nie bildend, nie integrierend. Er muss unsozial sein, ungerecht, fordernd, dumm haltend und trennend, um zu wachsen. Oder anders gesagt: Wohin führt die Alimentierung immer breiterer hier lebender und zuwandernder Bevölkerungsschichten? Wohin führt die Verschleuderung des ganzen hart erarbeiteten Wohlstands vergangener Generationen (jawohl, er ist weg, und via Erbschaftssteuer will man jetzt auch den privaten Teil noch verschleudern können)? Wohin führt es, dass man den Leuten via Negativzinsen das Sparen verleidet? Wohin führt es, wenn man Geld druckt, als wär‘s Dreck, wenn es eines Tages zuviel davon gibt und es keinen Wert mehr hat? Wohin führen Rentenerhöhungen, Länderrettungen, Bankenrefinanzierungen und Industriesubventionen auf Pump? Genau – all das führt mit mathematischer Präzision früher oder später geradewegs in den Bankrott.

Aber das ist nicht das Ärgste: Wohin führt es, wenn man nicht beim Trennen des Zusammengehörenden verweilt, sondern fortschreitet und gegeneinander aufhetzt, was heute zumindest vorne herum noch friedlich koexistiert? Männer gegen Frauen, Kinder gegen ihre Eltern, die Jungen gegen die Alten, die Fleißigen gegen die Faulen, die „Armen“ gegen die „Reichen“, die Kranken gegen die Gesunden, die Raucher gegen die Nichtraucher, die Risikofreudigen gegen die Feigen, die „Guten“ gegen die „Bösen“, die Minderheiten aufeinander und das Eigene gegen das Fremde? Es führt zu Spannungen, Terror und Krieg. Es führt zu Berlin, Paris, Brüssel, Nizza, Manchester. Es führt zu mehr Kontrolle durch den Parasiten Staat. Und es führt am Ende zum Tod des Wirts.

Das „sozial“ des Staates bedeutet Tod. Immer. Reißen wir die Vaterschaft wieder an uns. Ein Zurück gibt es nicht. Bloß bereit sein und wach – die Währung der Freien. Ansonsten gilt frei nach Roland Baader: Wer sich füttern lässt wie ein Hund, wird gehalten wie ein Hund. Und verreckt auch wie ein solcher.
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