Donnerstag, 18. Mai 2017

Politische Korrektheit mit zweierlei Maß: Gut hassen

Bild: TwoWings [CC BY-SA 3.0],
via Wikimedia Commons
von Frank Jordan
Hass ist nach allgemeinem Verständnis eine der stärksten menschlichen Emotionen. Hass ist Abscheu. Hass will schaden. Vernichtung des Gehassten bedeutet Lustgewinn.

Die Kürzestbeschreibung macht klar: Hass ist abgründig, destruktiv, schädlich und potentiell tödlich. Für den Gehassten ebenso wie für den Hassenden. Wer kann, hütet sich davor. Caroline Emcke, Gewinnerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, liegt richtig, wenn sie dem Hassenden eine Verengung der Sicht unterstellt. Aber sie liegt in sichtverengtester Weise falsch, wenn sie das Potential des Hasses unter dem Mikroskop des eigenen – so ist anzunehmen von jemandem, der sich „über den Hass gebeugt“ hat, um ihn zu „analysieren“ – Nicht-Hassens als Strömung definiert, die sich exklusiv vom „rechten“ in jeder Beziehung minderbemittelten Rand der Gesellschaft bis in deren verrohte und verblödete Mitte zieht. Eine der „wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart“ legt damit Zeugnis jenes „verengten und geschlossenen“ Weltbildes und der „Kollektivierung von Individuen“ ab, die sie ausschließlich anderen Kreisen als jenen, in denen sie selbst sich bewegt, zuschreibt.

Sie sagt damit: Würden meine Kinder via Schulpflicht aufs gröbste indoktriniert, via Sexualkunde in ihrer Intimsphäre verletzt und politisch auf Linie getrimmt, dann würde ich – Ohnmacht hin oder her – den Apparat und die Menschen, die solches notfalls mit Gewalt und Drohung und gegen meine innersten Überzeugungen erzwingen und durchdrücken, nicht hassen. Würden sich irgendwelche „rechten“ Fanatiker mit ausgeprägt suizidaler Neigung ab und zu und unter dem duldenden Blick der „Regierung“ mitsamt ein paar Unbeteiligten ins Jenseits befördern, würde ich nicht hassen. Würde einer meiner Nächsten belästigt, vergewaltigt oder getötet – ich würde nicht hassen. Werden Kinder, Tiere oder andere Wehrlose misshandelt und gequält – ich hasse nicht.

Diese Selbstidentifikation, die mit Variationen auf das gesamte linke Juste Milieu angewandt werden kann, lässt zweierlei Schlüsse zu. Entweder handelt es sich bei diesen Leuten um eine Art entmenschlichter Verstandesmaschinen bar jeden Mitgefühls, mitleid- und gnadenlos einzig der Vernunft verpflichtet. In diesem Fall sind die gern verwendeten Termini vom „Opfer“, vom „Verletztsein“, von der „Demütigung“ oder der „Verwundung“ reine Masche. Oder aber es gibt zwei Sorten von Hass: den richtigen auf das Richtige und den falschen auf das Falsche.

Im Interview mit dem Schweizer „Tages-Anzeiger“ machte Daniel Cohn-Bendit kürzlich klar, dass von letzterem auszugehen ist. Auf die Frage, wo denn der Unterschied liege zwischen der radikalen Opposition, dem Establishment-Hass und der sogenannten Hetze einer Marine Le Pen und dem nicht gewaltfreien Hass gegen alles Hergebrachte der 68er-Bewegung, antwortete er, sie hätten wohl radikal opponiert, aber immer lachend.

Für die korrekt kultivierten Ohren der Cohn-Bendits und Emckes dieser Welt, die in vortrefflichster Weise das heutige Establishment – eine tiefreligiöse Kultur-, Medien- und Politoligarchie – repräsentieren, muss dieses Lachen auch dann zu hören sein, wenn der „Schwarze Block“ im Namen des Antirassismus privates Eigentum im Wert von Millionen von Euros vernichtet, wenn steuergeldfinanzierte Kulturetablissements zur Ermordung von Politikern aufrufen, wenn durchalimentiert Benachteiligte ganze Straßenzüge verwüsten und wenn der Tod politisch Andersdenkender öffentlich gefeiert wird. Auch Sätze wie: „Holt Hitler, um die Juden zu töten“, „Ich wünsche euch den Tod“ (in Richtung „Charlie Hebdo“) und „Ihr Weißen, ihr solltet so rasch wie möglich sterben“ sind Wohlklang in den Gehörgängen der Nicht-Hasser. Letzteres Brech- und Reizgezwitscher von Mehdi Meklat, bis vor kurzem französischer Messias des Buntheitskults, Schriftsteller, Reporter und Produzent.

Ein besseres Beispiel für die schwarz-weiße Weltsicht der Meinungsbildner von Buntwelt als der zur Ikone der multikulturellen Utopie erhobene Meklat ist kaum zu finden. Zusammen mit einem Freund fing der damals 15-Jährige an, über das Leben in den Pariser Banlieus zu bloggen. Als die Medien die beiden entdeckten, brach ein Riesenhype los. „Les Kids“ avancierten quasi über Nacht zu den gehätschelten Stars des Medien- und Literaturbetriebs. Eigene Radio- und Video-Formate in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, Dokumentarfilme bei Arte, Buchverträge, Kolumnen und ungezählte Artikel und Interviews waren die Folge. Meklats Sicht darauf, seinen Dank an die Branche, die ihn groß gemacht hatte, und seine Wertschätzung der Kultur, in die er sich so erfolgreich integriert hatte, folgte via Roman, der im renommierten Verlag „Éditions du Seuil“ erschien: „Das Geld hat mir meine Ehre genommen. Ich hätte meine Mutter auf dem Scheiterhaufen verbrennen können und hätte noch mehr Bücher verkauft. Ich hätte auf dem Dach meines Verlags meinen Pressesprecher ficken können vor aller Augen und ohne Skrupel. Ich war der Herr des Literaturbetriebs. Die Journalisten lutschten mir im Fernsehen live die Eier und die Franzosen mit ihnen.“ – „Reine Poesie“, jubelte der kultur- und gendersensible Teil der solcherart Beglückten Frankreichs. „Nichts als Intelligenz und Menschlichkeit.“

Man könnte lachen darüber. Über den großen Betrug und Selbstbetrug jener, die sich hoch, offen und sehend wähnen, während sie in Wahrheit nichts anderes tun, als einen Menschen ihrer Wahl aufgrund ihrer eigenen Kriterien und zum Beweis der Richtigkeit ihrer Weltsicht in diskriminierendster Weise zum Kuscheltier und Wanderpokal herabzuwürdigen, mit dem es sich in den geschützten Werkstätten abgehobenen Gutseins blendend amüsieren lässt. Das Problem dabei: Sie tun es mit unserem Geld. Und ein Gutteil der Bürger folgt ihnen, wenn von der Kanzel die Losung verlesen wird: „Lieber politisch korrekt als moralisch infantil.“

Nicht nur die verbalen und persönlichen Entgleisungen Meklats gegen Schwule, Juden, Frauen und Weiße im Allgemeinen waren seit Jahren bekannt, sondern auch die Tatsache, dass er seit 2011 auf Twitter einen Account unter dem Pseudonym „Marcelin Deschamps“ mit rund 11.000 Followern betrieb, und dass das, was dort an rassistischer, homophober und antisemitischer Hetze in 55.000 Tweets abgesondert, geteilt und gefeiert wurde, an Übelkeitauslösendem kaum zu toppen ist. Stimmen, die den Medien von der verbalen Gewaltorgie berichteten, darauf hinwiesen und sich zu Recht über die Perversion und Vulgarität echauffierten, wurden konsequent überhört. Erst als sich Comicautor, Schriftsteller und Filmemacher Joann Sfar einschaltete, konnte die Wirklichkeit solcher „Vielfalt und Hybridität“, die es „auszuhalten“ gilt, nicht länger ganz ignoriert werden. Aber auch dann noch sah ein Teil der Medien, die Meklat weiterhin hofierten, darüber hinweg oder versuchte, ihn und seine Ergüsse zu erklären, zu entschuldigen und zu bagatellisieren. Antirassismus-Organisationen blieben stumm. Die Justiz untätig.

Die sozialen Medien erzwängen geradezu Spaltungen in der Persönlichkeitsstruktur, wurde dem in Sippenhaft festgesetzten Frankreich der tumben Hasser erklärt. Meklats Ausschreitungen seien Ausdruck eines experimentellen Spiels mit dieser Spaltung, dem sich seine Generation zu stellen habe. Sie dienten ausschließlich der Denunziation (!), seien surreales Experiment, ein Kunstprojekt oder einfach „blöde Witze“. Wo Witz oder wahlweise künstlerischer und didaktischer Mehrwert solcher „Projekte“ liegen soll, blieb indes das Geheimnis einer Kulturelite, die sich ihr Spielzeug nicht wegnehmen lassen wollte. Meklat selber, von dem sich nach dem erzwungenen Eklat – sei es aus Überzeugung oder aus Selbsterhaltungstrieb – viele distanzierten, blieb in seinen Erklärungen und Entschuldigungsversuchen untypisch vage. Mitnichten vage waren er und seine Förderer indes, wenn es darum ging, die Schuldigen der „inszenierten Demontage“ zu identifizieren. Von einer „digitalen Allianz der Faschosphäre“ war die Rede, die mit allen Mitteln zu zerstören versuche, „wofür Meklat stehe: die erfolgreiche Integration“. Tempo und Geschmeidigkeit, mit denen der menschgewordene Integrationserfolg im Anschluss zum Opfer verwertet und dann entsorgt wurde, sind beeindruckend. Inzwischen hört man nichts mehr von der Sache. Johnny Hallyday kämpft gegen den Krebs.

Die eklatant-arrogante Dürftigkeit der Argumente dieser selbsternannten Elite, der Menschenreparierer und Gesellschaftsverbesserer ist atemberaubend. Was sich auch heute noch als Befreier vom Bündlertum des nationalen Sozialismus gebärdet, ist in Wahrheit bloß anderes Personal vor den Kulissen derselben totalen und totalitären Herrschaftsansprüche. Schwarzweißer ist kaum möglich. Gut und geduldet mit Anspruch auf Alimentierung ist, wer europa- und immigrationseuphorisch, islamophil, nationalhassend und globalisierungsfreundlich ist. Verdächtig und potentiell hassend ist, wer solches in Zweifel zieht oder gar ablehnt.

Hass bekämpfen bedeutet also in Wahrheit nichts anderes, als Zweifler bekämpfen. Zweifler bekämpfen, heißt selbstverantwortlich Denkende bekämpfen. Diese bekämpfen, bedeutet, Meinungsfreiheit und Freiheit bekämpfen. Oder anders gesagt: Querdenken ist Hass. Auslöschungs- und Vernichtungs-Rhetorik und -Aktivitäten im richtigen Denkschema sind Provokation. Provokation ist gut.

Es ist, wie Stefan Zenklusen, Schweizer Philosoph und Essayist, treffend formuliert, an Ironie kaum zu überbieten, dass genau jene Leute, die zur Untermauerung jedweden wehleidigen Argumentchens „die dunkelsten Stunden Europas“ beschwören, dies mit den Mitteln tun, ohne die es solche Stunden in solcher Form nicht gegeben hätte: Denunziation, faschistoide Ausschlussmechanismen, Verdrehung, Phantasie, Lüge, Hexenjagden und Austreibungen. Bloß ein anderes Benthamsches Universum des permanenten Beobachtetwerdens in den Petrischalen inferiorer Kultur, über die sich im eisigen Wind der Kollaboration die Köpfe der großen Denker und Lenker beugen.

Indes – der wahre Eklat bleibt dies: Es funktioniert erneut. Johnny Hallyday kämpft. „AfDler sind Arschlöcher. Immer. Überall.“
______________ 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie uns!

Name

E-Mail *

Nachricht *