Sonntag, 7. Mai 2017

Leistungsgesellschaft 2.0: Lehrt die Kinder scheitern

Bild: Max Pixel - FreeGreatPicture.com / CC0 Public Domain
von Frank Jordan
Zwei Begebenheiten. Ein Abend bei Freunden. Man hatte gerade mit dem Essen begonnen, als einer der beiden Jungs (sechs Jahre) mich fragte, ob ich mir sein „Bobo“ (Schweizer Kleinkinder-Jargon für Beule, Wunde) ansehen wolle. Ich war hungrig, beschäftigt mit dem Tellerinhalt und verneinte die Frage. Ich weiß nicht, wieviele Sekunden verstrichen, bis mir die eklatante Abwesenheit von Geräuschen auffiel und auf dem dreckigen kleinen Bildschirm meiner sozialen Kompetenz eine Leuchtdiode im Panikmodus zu blinken begann. Die Augen hebend blickte ich in die erstarrten Gesichter meiner Freunde. Als hätte ich ihnen vorgeschlagen, ihre Kinder mit der Gin-Flasche aufzuziehen oder sie künftig von Kamelpisse und gebratenem Sand zu ernähren. Der Junge, der die Frage gestellt hatte, die ganzen 1,20 Meter dieses kleinen Menschen, schauten mich an wie ein kranker Hund. Mir stockten Atem und Herz. Meine verbale Volte – „Also, zeig her die Beule“ – vermochte wohl beim Kind eine Art verstrubbelten Triumphs hervorzurufen, trug aber nur wenig dazu bei, die Stimmung ärgst gedämpfter Euphorie zwischen uns Erwachsenen nachhaltig zu heben. Es wurde ein kurzer Abend.

Zweite Begebenheit: Der Sohn eines Bekannten (neun Jahre) spielt begeistert Fußball in der Schulmannschaft. Während eines Trainings stand eine Übungseinheit auf dem Plan, die er – aus welchem Grund auch immer – nicht gut meisterte. Der Trainer, ein Typ Anfang 30, der seine ganze Freizeit mit Begeisterung in den Club steckt, stippte dem Jungen beim Vorübergehen mit den Notizen, die er zusammengerollt in der Hand hielt, auf den Kopf und sagte: „Was ist eigentlich heute mit dir los?“ Diese Aussage hatte Weinkrämpfe, Trainingsverweigerung, unzählige Deutungs- und Erklärungsversuche der Eltern und ein Gespräch mit dem Trainer zur Folge.

Ja – was ist eigentlich hier los? Ich oszilliere zwischen Fassungslosigkeit, Mitleid und verbalem Amoklauf wider solchen Beschiss. Was soll das, Leute? Das Leben ist keine geruchs-, geräusch- und gefahrisolierte Gummizelle, an deren Wände man Bilder einer Wirklichkeit pinnt, die es nicht gibt. Das weiß jeder von euch. Warum also tut ihr das euren Kindern an? Warum organisiert ihr ihnen eine Dauerkomfortzone und degradiert sie zu Schmalspur-Menschen, indem ihr ihnen einen vollkommen abgehobenen Glauben an sich selbst und an die eigene Rolle in der Welt eintrichtert?

Woher diese Wahnidee vom perfekten Leben, vom perfekten Menschen in einer perfekten Welt, die sich früher oder später als Betrug herausstellen wird und die zuallererst Selbstbetrug ist? Der Widerspruch in der heutigen Modedoktrin in Sachen Erziehung ist gigantisch. Die Kinder sollen Kinder sein dürfen, heißt es, der Ernst der Lebens komme noch früh genug. Mit dieser Begründung werden Kinder und Jugendliche von Leistung, Konkurrenz, von der Möglichkeit des Scheiterns, von Regeln des Zusammenlebens im Allgemeinen und von solchen des Anstands im Besonderen abgeschirmt. Es gilt: Alles ist toll. Und es ist deshalb so toll, weil das Kind so toll ist. Der Druck, wunderbar zu sein und alles wunderbar zu finden und Spaß zu haben, ist gigantisch. Vor allem deshalb, weil Scheitern, Aufstehen, Weitermachen zum letzten Mal beim Laufenlernen erlaubt war. Danach ist es keine Option mehr. Denn: Ein perfekt betreutes Kind kann nicht scheitern. Aber: Ein perfekt betreutes Kind ist kein Kind. Es ist Sklave eines Kuschel-Totalitarismus, der jeden Existenzbereich überwacht. Der vorgibt, zu lenken, zu erziehen, zu trösten, zu behüten, zu motivieren, zu beraten, zu vervollkommnen und zu schützen, während er in Wahrheit besitzen muss.

Was den Kindern heute als Freiheit-des-Kindseins aufs Auge gedrückt wird, ist oft nicht mehr als ein totalüberwachtes räudiges Rasenviereck, auf dem sie betreut spielen dürfen. Später dann pubertär aufsässig sein, gegen rechts demonstrieren und gegen Atomstrom, brutalst proletarischen Kaffee trinken und demokratische Brötchen essen, 20 Semester Kunstmarketing studieren, Plüschtiere verteilen und ihren Befindlichkeitsstatus auf zehn sozialen Netzwerken aktualisieren. Freiheit reduziert auf die Integration in die Konsum- und Konsensgesellschaft und auf ein paar technische Gadgets moderner Einsamkeit. Alles ist erlaubt – alles, bloß nicht über die Mauer steigen und auf jene Seite gehen, auf der Eltern oder Staat keinen Zugriff auf einen haben. Wo einer scheitern könnte – ob echt oder bloß in den Augen der perfekten Welt, die er verlassen hat –, spielt dabei nur eine marginale Rolle. „Nur“ eine Berufslehre machen, das Studium selber finanzieren, finanziell zum elterlichen Haushalt beitragen, sich Dinge, die man sich wünscht, zusammensparen, zu den richtigen Dingen die falsche Meinung haben, aus den Reihen der Mehrheit tanzen, sein eigenes Ding durchziehen auf eigene Kosten, einen Job annehmen, der nicht auf der nahrhaften Seite der Gesellschaft, also in Staatsnähe, angesiedelt ist, selbst mal für andere zurückstecken, etwas wagen, versagen, es wieder wagen, es besser machen, ein behindertes Kind zur Welt bringen – ja, auch das! –, dagegen sind die Gebote, obwohl unausgesprochen, knallhart. Wer solches tut oder zulässt, hat als Eltern versagt.

Widerspruch und Betrug decken sich hier: Wir machen uns vor, noch nie in einer derart freiheitlichen Gesellschaft gelebt zu haben, in der jeder buchstäblich sein und tun und lassen kann, was er will. Die Jungen zuallererst. Aber das stimmt nicht. Es ist eine halbgare Freiheit, die einer lauwarmen Sicherheit gegenübersteht. Es ist weder Fisch noch Vogel – und es ist ganz sicher nicht das volle Leben. Alles, was Kinder so lernen, ist, ein Toller unter Tollen zu sein, ein Wunderbarer unter Wunderbaren. Ein Auserwählter unter Auserwählten. Eltern und später die Medien bestätigen es ihm jeden Tag. In Bern haben letzthin die Studenten des staatlichen veterinärmedizinischen Instituts abseits ökonomischer und organisatorischer Realitäten den ganzen Betrieb lahmgelegt, indem sie in Streik traten und sich mit ihrer Klage von Überlastung an die Medien wandten. Das Engagement der Jungen, ihr politisches Bewusstsein, ihr Empfinden für soziale Gerechtigkeit wurden landauf, landab gefeiert. Davon, dass während Tagen und Nächten die Tiere nicht mehr genügend versorgt werden konnten, die Boxen überbelegt waren, dass Intensiv- und Notfallstation zu wenig Personal hatten, dass die Ärzte und Pfleger Doppel- und Dreifachschichten absolvierten, um die freiheitskämpfenden Jungen zu ersetzen – davon las man nichts. Es war eine tolle und mutige Aktion der Studierenden. Punkt. Und die Klinikleitung tat alles, um sich bei den Medien anzubiedern und den festen Personalbestand ruhig und bei der Stange zu halten. Schließlich steht Steuerknete auf dem Spiel.

Das soll Leben sein? Freiheit? Mut? Diese windelweichen utopischen Visionen von Engagement, diese armseligen risikolosen Aktionen auf Kosten anderer und auf charakterlichem Gnomenniveau? Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mache nicht den Jungen einen Vorwurf, ich mache ihn den Eltern, die ihre Kinder sehenden Auges in ein Dasein als Unfreie führen, sie zu Konformisten unter dem schützenden Flügel einer dauerklatschenden Mehrheit machen und ihnen das, was Leben heißt, mit aller Liebe und nach bestem Wissen und Gewissen vom Leib zu halten versuchen. Das ist nicht fair, Leute! Leben ist auch die unbegrenzte Fähigkeit des Menschen, zu scheitern, wieder aufzustehen, es erneut zu versuchen, durchzubrechen, Dinge zu erleiden und das eitle eigene loslassen und hergeben zu müssen. Ansonsten bleibt es ein betreuter Raum, der sich in erster Linie durch die totale Abwesenheit von Freiheit auszeichnet. Ein Vakuum und kein Leben. Die Menschen von morgen konformistische Allesfresser – ungefestigt, unreif, labil.

Abgesehen von der Tragik, die solches für ein einzelnes Leben bedeuten kann, haben wir diesbezüglich zur Zeit noch ein anderes Problem: Der „Ernst des Lebens“, vor dem man Kinder und Junge mit aller Kraft zu schützen versucht, wandert gerade ein. Man muss nicht Verschwörungstheoretiker, Rechtsaußen oder Nationalist sein, um zu merken, dass die Menschen, die hunderttausendfach hier in Europa einwandern (durchaus gewollt, wie der auf der offiziellen Website der Europäischen Union publizierte Neuansiedlungsplan kundtut), aus Kulturen stammen, die solch dekadente Wunschwelten nicht nur nicht kennen, sondern sie auch verachten. Verachten müssen. Und die vor allem nicht planen, sich diesen auch nur im Entferntesten anzupassen oder sich darein zu integrieren. So barbarisch es klingt: Sie oder wir, wird es heißen. Oder anders ausgedrückt: Es ist nicht der Islam, das Fremde und teilweise Feindliche, das mich persönlich umtreibt. Es ist unsere eigene Schwäche und die Schwäche unserer Jungen, zu der wir sie verdammen. Wir haben weder die Zeit noch die Mittel, weiterhin ökonomische und soziale Fakten zu ignorieren um eines „guten Gefühls“ willen, und wir können es uns nicht leisten, eine Freiheit zu pflegen, deren kräftigster Ausdruck sich in einem „LOL“ bei Watsapp und im Ausfüllen eines Antragsformulars erschöpft. Tun wir es dennoch, dann betrügen wir uns und unsere Kinder nicht nur um das, was Leben heute sein könnte, sondern vor allem um unsere Zukunft.
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