Montag, 17. April 2017

Interview mit Jörg Guido Hülsmann: ''Die gegenwärtige akademische Welt ist eine Ausgeburt des wuchernden Wohlfahrtsstaates''

Jörg Guido Hülsmann
Dominik Ešegović im Gespräch mit Prof. Dr. Jörg Guido Hülsmann
Jörg Guido Hülsmann lehrt in Frankreich an der Universität von Angers. Er ist Senior Fellow des Ludwig-von-Mises-Instituts in Auburn, Alabama. Er ist Autor vieler Artikel und Bücher und schrieb u.a. Deflation und Freiheit, Die Ethik der Geldproduktion, Krise der Inflationskultur und Mises: Der letzte Ritter des Liberalismus. Er ist einer der bedeutendsten Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Er lehrt einen Kurs über "Geld, Banken und das Finanzsystem" am Cevro-Institut in Prag für den Masterstudiengang Politik, Philosophie und Ökonomie (PPE).

Im Interview mit Dominik Ešegović spricht Jörg Guido Hülsmann über seine bisherigen Forschungsschwerpunkte, seine Eindrücke von Prag und seine Vorstellungen darüber, was gute Bildung ausmacht. 

Ešegović: Professor Hülsmann, was wäre aus Ihnen geworden, hätten Sie die Österreichische Schule nie kennengelernt?

Hülsmann: Ich weiß offen gesagt nicht, was passiert wäre, wäre ich mit den Austrians nicht in Berührung gekommen. Zwar würde ich mich dennoch bestimmt mit wirtschaftlichen Belangen beschäftigen, jedoch hätte ich wohl keine akademische Karriere eingeschlagen. Vor allem in Deutschland erfordert eine akademische Karriere eine ziemlich zeitintensive Vorbereitung. Zunächst muss man eine Doktorarbeit verfassen und zusätzlich noch eine Habilitationsschrift anfertigen. Dann arbeitet man in der Regel für ein paar Jahre in temporären Positionen ohne jedwede Sicherheit, dass man eine dauerhafte Stelle erhält. Das wäre mir zu riskant gewesen, wenn ich mich bloß für Mainstream-Ökonomie interessiert hätte. Ich hätte lieber eine Stelle in der freien Wirtschaft angetreten, was ich übrigens auch getan habe, bevor ich einen akademischen Job annahm.

Ešegović: Sie haben in Frankreich, in den USA und jetzt auch in der Tschechischen Republik am Cevro-Institut unterrichtet. Inwiefern unterscheidet sich Ihre tschechische Erfahrung von den anderen?

Hülsmann: Das PPE-Programm am Cevro-Institut ist eines der ganz seltenen in Europa und vielleicht sogar auf der ganzen Welt. Deshalb glaube ich nicht, dass die Studenten, die ich hier getroffen habe, für die gesamte Tschechische Republik repräsentativ sind. Die Gruppe, die ich unterrichten durfte, war sehr gut und in Frankreich säße vor mir wohl keine derartige Komposition an solch hervorragenden Studenten. Ich habe meine erste Unterrichtswoche hier sehr genossen, weil es ein ziemlich interdisziplinäres Programm ist mit interessanten Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund. Die Studenten bringen neue Ideen, Perspektiven und Wissen ein. Wir hatten gute Diskussionen. Die Erfahrung, die ich hier gemacht habe, übersteigt das, was ich von den Graduiertenprogrammen an meiner eigenen Universität gewohnt bin.

Ešegović: Sie unterrichteten auch am Grove City College. Das Archiv in Grove City war für Ihre Biographie des verstorben Ökonomen Ludwig von Mises von Bedeutung, von dem viele private Briefe und Manuskripte dort aufbewahrt werden. Stand Ihre Archivarbeit in direktem Zusammenhang mit Ihrem späteren Lehrauftrag am Grove City College?

Hülsmann: In Grove City ist man dem Misesschen Zugang seit jeher sehr zugeneigt. Der große Ökonom Hans Sennholz lehrte dort über viele Jahrzehnte. Das war ein Grund, warum das Mises-Archiv dort eingerichtet wurde. Vor nicht allzu langer Zeit wurde dort die Wirtschaftsfakultät mit weiteren Austrians besetzt. Zunächst wurde 1997 Jeffrey Herbener angeheuert – just in dem Jahr, in dem ich zum ersten Mal nach Grove City gegangen bin, um das Mises-Archiv zu durchforsten. Herbener ist ein Freund von mir geworden und wir schätzen die Arbeit des anderen sehr. Er ist derjenige, der mich mehrmals eingeladen hat, an seiner Fakultät als Gastprofessor zu unterrichten.

Ešegović: Sie sind Deutscher und ein hervorragender Vertreter der Österreichischen Schule. Warum lehren Sie nicht in Deutschland?

Hülsmann: Nun, ich könnte mir durchaus vorstellen, in Deutschland zu unterrichten. Aus irgendeinem seltsamen Grund hatte ich niemals starke akademische Beziehungen zu deutschen Universitäten. Hätte ich dort eine Stelle gefunden, wäre ich wohl geblieben. Leider sind nicht viele Lehreinrichtungen in Deutschland am österreichischen Ansatz interessiert. Das ist nun mal eine Tatsache.

Ešegović: Kommen wir auf einen Ihrer bisherigen Forschungsschwerpunkte zurück: Ludwig von Mises. Sie sind studierter Ökonom und sogar Ingenieur. Wie war Ihre Erfahrung, eine historische Arbeit zu schreiben und was haben Sie beim Schreiben gelernt?

Hülsmann: Als Lew Rockwell, der Leiter des Mises Institute in Auburn (US), mich bat, Mises Biographie zu schreiben, fühlte ich mich nicht ganz so gut für die Aufgabe vorbereitet. Allerdings kannte ich die österreichische Schule und Mises' Werk ziemlich gut und ich beherrsche auch die Sprachen der Orte, in denen er lebte. Das hat mich in eine relativ gute Position gebracht, um mich an dieses Projekt zu wagen. Ein großer Fund Miseschen Archivmaterials war erst Mitte der 1990er Jahre bekannt geworden. Viele von Mises‘ Dokumenten, die aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg datieren, wurden in Moskau in einem früheren Geheimarchiv entdeckt. Das Projekt war grundsteinlegend und das Thema zu dem Zeitpunkt brandaktuell. Ich hatte die Herausforderung angenommen, weil ich meinen Fuß in die akademische Welt setzen wollte. Es war eine großartige Gelegenheit für mich und meine Karriere, aber wenn ich gewusst hätte, wie viel Arbeit das werden würde, hätte ich das Angebot wohl nicht angenommen. Selbstverständlich bin ich stolz auf meinen Beitrag, vor allem in Bezug auf das neue Material zu Mises, das ich mit diesem Buch zugänglich gemacht habe.

Ešegović: Welche Fähigkeiten haben Sie beim Schreiben erworben?

Hülsmann: Es ist natürlich sehr hilfreich, etwas über Wirtschaftsgeschichte zu wissen. Was meinen Hauptforschungszweig anbelangt, der sich vor allem auf Wirtschaftstheorie konzentriert, kann ich nicht wirklich viel von meiner historischen Forschung zehren. Aber meine Erfahrung hilft mir in der Lehre sicherlich. Es ist gut, wenn man sich historischer Entwicklungen bewusst ist. Dieses Wissen steigert die Qualität meines Unterrichts

Ešegović: Carl Menger, der Doyen der österreichischen Schule, studierte in Prag. Sein Schüler Friedrich von Wieser lehrte politische Ökonomie an der Karls-Universität. Glauben Sie, dass Mises heutzutage am Cevro-Institut unterrichten würde?

Hülsmann: Mises war sehr wählerisch. Als er aus Europa floh und in die USA zog, hätte er an jedem x-beliebigen College unterrichten können, was er aber nicht wollte, da er eine Stelle an einer prestigeträchtigen Universität bevorzugt hat. Eine solche hat ihm aber die Anstellung verwehrt. Nun, das Cevro-Institut befindet sich in einer Hauptstadt – in einem interessanten Ort zu leben. Cevro ist sehr zentral gelegen. Es ist eine ausgezeichnete Privateinrichtung. So gesehen, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Mises dem Ruf dieser Schule heute folgen würde.

Ešegović: Sie haben negative Auswirkungen der Inflation auf Kultur, Moral, etc. diskutiert. Sehen Sie irgendwelche Auswirkungen unserer „Inflationskultur“ auf den akademischen Bereich?

Hülsmann: Die akademische Welt, so wie wir sie heute sehen, ist eine Ausgeburt des wuchernden Wohlfahrtsstaates. Einer der wichtigsten Bereiche staatlicher Dienstleistungen ist die Bildung. Diese ist weitgehend zu einem Teil des öffentlichen Sektors geworden. Die meisten Hochschullehrer in Frankreich, Deutschland, und ich glaube auch in der Tschechischen Republik, sind Beamte. Sie haben die typischen Ansichten von Beamten. Es wird in der Regel geglaubt, dass staatliche Eingriffe notwendig und nützlich sind. Der Gedanke liegt somit nahe, dass diese Eingriffe erweitert werden sollten. Dieses Problem lässt sich durch die Tatsache erklären, dass Universitätsangestellte von anderen Universitätsangestellten ausgewählt werden. Jene arbeiten bereits in jenem System und Neulinge sind natürlich daran interessiert, für den öffentlichen Sektor zu arbeiten. Dies erzeugt eine sehr starke pro-etatistische Haltung unter akademisch tätigen Intellektuellen.

Ešegović: In Ihrer Mises-Biografie haben Sie auf Georg Simmel und Joseph Schumpeter (geboren in Třešť) hingewiesen, die das Wesen ökonomischen Handelns als Austausch charakterisiert hatten. Sie haben hier einen ganz lebendigen Austausch mit Studenten erfahren. Was war das Interessanteste, was Sie aus Ihrem Unterricht mitnehmen?

Hülsmann: Ich habe mich sehr über das Interesse der Studenten an den besprochenen Themen gefreut. Wir hatten einen sehr fruchtbaren Austausch über Aspekte der Wirtschaftstheorie, der Theorie des Bankings und des Geldes. Wir hatten ein gesondertes Seminar zu Mises und auch da gab es einen regen Austausch. Was ich mit nach Hause nehmen kann, ist ein ausgezeichneter Eindruck über die Vitalität der Hochschule.

Ešegović: In Ihrer Vorlesung haben Sie gesagt: „Es ist nicht Aufgabe des Staates, Wohlstand zu erzeugen.“ Was denken Sie, ist die Aufgabe der Bildung und worin sehen Sie Ihre eigene Rolle als Professor?

Hülsmann: Es ist Aufgabe der Bildung, Studenten dabei zu helfen, sich zu Persönlichkeiten zu entwickeln. Das ist das ultimative Bildungsziel von Erziehung - um ihnen Bürgerinnen und Bürger der Welt zugänglich zu machen, die Welt um sie herum zu verstehen und vor allem Wissen zu erwerben, dass sie die Welt verstehen müssen. Das Ziel ist also nicht, Informationen in ein vermeintlich leeres Gefäß zu füllen, sondern junge Intellektuelle dabei zu unterstützen, sich selbst zu helfen. Wir können nur Hilfestellungen geben und ihnen eine Orientierung bieten. Aber man kann diese Orientierung nur dann geben, wenn die Menschen irgendeine Art von Grundwissen haben. Meine eigenen politischen Ansichten sind sehr libertär. Wenn ich vor meinen Studenten stünde und vorhätte, sie darüber aufzuklären, wie die Dinge laufen sollten, dann würde ich wohl nicht allzu viel Aufmerksamkeit bekommen. Deshalb kreisen meine Vorlesungen in der Regel um die Erklärung wirtschaftlicher Mechanismen. Während des (österreichischen, Anm.: D. E.) Ökonomiestudiums wird man automatisch skeptischer, was die Möglichkeiten und die Notwendigkeit staatlicher Intervention anbelangt.

Ešegović: Sie versuchen auch, die Dinge so zu sehen und darzustellen wie sie sind bzw. sein sollen. Wo stehen Deutschland und die Tschechische Republik in dieser Hinsicht. Welches Land kommt dem Ideal am nächsten?

Hülsmann: Es ist schwer für mich, eine gültige Bewertung für die Tschechische Republik vorzunehmen. Bisher bin ich nur in einem Umkreis von 3 km um mein Hotel spaziert. Das ist ziemlich viel, aber natürlich nicht ausreichend. In der Tschechischen Republik gibt es viele ländliche Gebiete. Aber was ich hier in Prag gesehen habe, ist sehr positiv. Ich mag die Atmosphäre der Stadt. Sie hat ein schönes Flair. Die Leute sind freundlich, gelassen und fast entspannt, aber nicht auf eine schluderige Art. Man spürt einfach nichts von dieser Hektik wie in anderen Städten, etwa Paris oder London. Es ist eine sehr angenehme Atmosphäre. Ich mag auch die Art, wie die Leute sich hier kleiden. Es ist ein eher konservativer Touch, bescheiden würde ich ihn nennen. Ich habe nicht viele Leute gesehen, die mit sehr sichtbaren Tätowierungen herumlaufen. Ich mag das Essen, ich mag das Bier. Das ist wirklich ein toller Ort, in dem es sich zu bleiben lohnt.

Ešegović: Professor Hülsmann, vielen Dank für dieses Interview.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie uns!

Name

E-Mail *

Nachricht *