Sonntag, 2. April 2017

Aus den Akten Pinker vs. Anarchie 6: Verdinglichung

Bild: Steven Pinker (Rebecca Goldstein)
[CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
von Stefan Blankertz
Zwei Todesfälle, eventuell Morde, zwischen 1955 und 1977, also einem Zeitraum von zweiundzwanzig Jahren, unter einem 300 Seelen zählenden Clan der Semai werden zu einer »Mordrate« von 30,3 je 100.000 Einwohner pro Jahr hochgerechnet.[1] Der gleiche Ethnologe extrapoliert einen Todesfall pro Habitat der Gebusi in sieben Jahren zu einer Homizidrate,[2] die zu den »höchsten effektiv dokumentierten« gehöre, »höher als die höchste Schätzung der Tötungen in Europa (einschließlich Westrussland) während des zweiten Weltkriegs. […] Die Rate der prä-kolonialen [internen Tötungen unter den Gebusi] gleicht fast derjenigen […] im Irak zwischen 2003 und 2006.«[3] Dass es sich bei der »prä-kolonialen« Zeit nicht etwa um eine Zeit vor der Kolonialisierung Neuguineas Anfang des neunzehnten Jahrhundert handelt, sondern nur vor der staatlichen Eingliederung der Gebusi in den 1960er bzw. ihrer Missionierung in den 1990er Jahren, sei am Rande bemerkt. 

Ebenso verfährt Bruce Knauft mit den !Kung,[4] wobei er in recht unklarer Weise sich auf eine Untersuchung von Richard Lee stützt, der ganz andere Schlussfolgerungen aus seinen Daten zieht als Knauft. Pinker und weitere Autoren übernehmen die Hochrechnungen Knaufts dann, ohne dass die zugrundeliegenden Zahlen noch eine Erwähnung finden. Manch einer gibt zusätzlich »Lee (1979)« als Beleg an, ohne Lees anders lautende Schlussfolgerungen mitzuteilen. 

Jedenfalls macht Pinker sich diese Mühe nicht, sondern lustig über sie, die gegen die Verdrängung durch die Xhosa[5] sowie die Unterwerfungsversuche durch den Zulu-König Shaka[6] und die Kolonialmächte Widerstand leisteten.[7] Die Zahlen gehen aber in seine Charts ein.[8] Sobald sie dort einen Balken markieren, lösen sie sich von ihren ursprünglichen Tatsachen ab und werden zu einem Faktum. Ob im Busch von Neuguinea oder in der Savanne von Kalahari ein, zwei oder drei Menschen durch Menschenhand sterben, oder ob im zweiten Weltkrieg Millionen von Menschen auf den Schlachtfeldern bleiben, in Gaskammern umkommen und unter Maos Regime verhungern, das wird durch das Verfahren der Hochrechnung anscheinend vergleichbar. Und es sieht gut aus für die Schlächter des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie sind exkulpiert, denn an die nach diesem Verfahren fiktiv produzierten vor-geschichtlichen und vor-staatlichen Mordraten reichen sie nicht heran. Kain erschlägt Abel und schon sind 50% der Menschheit ausgerottet. Dies soll Kain erstmal ein Dschingis Khan, ein Hitler oder ein Mao nachmachen.

Auch gegenüber ihren historischen Vorfahren vom Typ des staatlichen Gewaltherrschers wie Dschingis Khan nehmen sich die Stalins, die Hirohitos, die Pol Pots, die Mengistus ganz bescheiden aus. Pinker präsentiert eine Liste von den 21 schrecklichsten Dingen, die durch Menschen ihren Mitmenschen im Laufe der Geschichte zugefügt wurden.[9] Warum es 21 sind, wird ebenso wenig klar wie die Auswahl der Ereignisse, die vom Fall Roms ab dem 3. Jahrhundert[10] bis hin zu Mao Zedong reichen. Die prä-historischen Ereignisse und die vorgeblich höchsten Mordraten unter nicht-staatlichen Völkern tauchen hier nun nicht mehr auf, das hörte sich wohl selbst für Pinker zu fantastisch an. Zunächst listet er die Ereignisse mit ihrer absoluten Opferzahl, dort rangiert dann der zweite Weltkrieg mit 55 Millionen auf Rang 1. Da aber die Weltbevölkerung über die Jahrhunderte gewachsen ist, lassen sich die Opferzahlen nicht ohne weiteres vergleichen. Darum multipliziert Pinker die Opferzahl jedes historischen Ereignisses, als ob es sich auf die Weltbevölkerung Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts bezöge. Nun hat der An-Lushan-Aufstand im China des achten Jahrhunderts die Nase vorn. Die eh schon grausigen 36 Mio Tote, die dem Aufstand von An Lushan den Rang 4 im Reigen der absoluten Zahlen sichert, katapultieren ihn die fiktiven 429 Mio Opfer unangefochten und uneinholbar auf Rang 1 der Liste von Pinker.

Das achte Jahrhundert erscheint uns zwar als arg weit weg; in der gesamten Zeitspanne, die Pinker betrachtet, liegt es uns aber näher als der Beginn der Menschheit. Das Staatsprinzip ist nun bereits rund zweitausend Jahre alt und bringt ein Ereignis hervor, dem mehr als 15% der damaligen Weltbevölkerung zum Opfer fallen. Kein gutes Zeugnis für die Leviathan-Theorie, die eine initiale Gewaltreduktion des Staatsprinzips an sich behauptet.

Wie allerdings kommt Pinker auf eine Opferzahl für den An-Lushan-Aufstand von 36 Mio? 36 Mio beträgt die Differenz zwischen der letzten Steuerliste des chinesischen Reichs vor Beginn des Aufstands 755 und der ersten nach Beendigung des Aufstands 763. Offenbar stützt sich Pinker hierbei auf Matthew White, der die Schätzung für die Opfer von An Lushan auf seiner Homepage allerdings inzwischen gedrittelt hat und nun 13 Mio Opfer angibt. Zwei Probleme verbirgt die einfache Rechnung mittels der Differenz in den Steuerlisten. Das erste Problem besteht darin, dass die Grenzen des chinesischen Reichs vor und nach dem Aufstand nicht identisch waren. Zudem hat es viele Fluchtbewegungen der Einwohner gegeben. Wichtiger und noch schwieriger zu kalkulieren ist die Überlegung, dass nach einem solch verheerenden kriegerischen Ereignis wie diesem achtjährigen Krieg die Erfassung der Steuerpflichtigen nicht so korrekt und umfassend gelingen konnte wie vorher. Nehmen wir nun die 13 Mio Opfer und multiplizieren sie mit dem Pinker-Faktor, gelangen wir zu rund 150 Mio fiktiven Opfern und der An-Lushan-Aufstand behauptet nur noch Rang 2 hinter den mongolischen Eroberungen (laut Pinker 40 Mio reale Opfer, hochgerechnet zu 278 Mio fiktiven Opfern auf dem Bevölkerungsniveau des zwanzigsten Jahrhunderts).

Ich versuche eine Schätzung der Opfer des An-Lushan-Aufstands nach einem anderen Verfahren. Obwohl auch äußerst fraglich, so ist die Zahl der auf beiden Seiten beteiligten Soldaten von einer Million[11] vielleicht verlässlicher als die Bevölkerungszahl nach Steuerlisten. Nehmen wir an, im Verlauf der acht Kriegsjahre seien eine Million Soldaten getötet worden, und weiter, dass das Verhältnis von getöteten Soldaten zu direkten und indirekten zivilen Opfern 1:1:1 betrage,[12] so gelangen wir zu 3 Mio Opfern. Dies liegt auch darum nahe, weil es sich beim An-Lushan-Aufstand um den Versuch handelte, die Macht zu erobern. Ausrottung der Bevölkerung war nicht das Ziel einer der Kriegsparteien. Mit 36 Mio fiktiven Opfern läge die An-Lushan-Rebellion jetzt nach den 40 Mio Opfern Mao Zedongs (reale und fiktive Zahl gleichen sich hier in Pinkers Liste) und vor den 35 Mio fiktiven (17 Mio realen) Opfern in Britisch-Indien auf Rang 12. In dieser Weise würde die Zeitlinie von Pinker noch weiter verrutschen.

Damit aber nicht genug. Beim zweiten Weltkrieg[13] nimmt Pinker 55 Mio Opfer an, die Schätzungen reichen jedoch bis hin zu 85 Mio. In gleicher Art orientiert sich Pinker bei den Opfern von Mao Zedong[14] mit 40 Mio am unteren Ende; die Schätzungen gehen hoch bis hin zu 75 Mio. Beim Taiping-Aufstand[15] im neunzehnten Jahrhundert setzt Pinker 20 Mio reale (40 Mio fiktive) Opfer an, während auch Schätzungen von 100 Mio vorliegen, was dem Taiping-Aufstand den ersten Rang in der Pinker-Liste nach realen Zahlen sichern würde und den Rang 3 in der korrigierten Liste – nach den mongolischen Eroberungen[16] und vor dem islamischen Sklavenhandel.[17]

Das gleiche Spiel ließe sich mit jedem anderen Rangplatz in Pinkers Liste treiben. Wir hantieren mit Millionen Toten und sehen, dass keine sinnvolle Liste sich ergibt. Und eine definitive Zeitlinie schon gar nicht. Das, was wir sehen, ist jedoch ganz klar, wie der Leviathan, von Pinker als allgewaltiger Friedenstifter gepriesen, durch die Geschichte wütet.
Die Hochrechnung etwa der Opfer von An Lushan auf die Weltbevölkerung Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts macht die Voraussetzung, dass dem Aufstand 429 Mio Menschen zum Opfer gefallen wären, hätte die Weltbevölkerung im Jahr 763 zweieinhalb Milliarden betragen. Oder, dass der zweite Weltkrieg, hätte er 763 stattgefunden, »nur« 4,5 Mio Opfer verlangt hätte. Da ein dem Aufstand »ähnliches« Ereignis im zwanzigsten Jahrhundert nicht die Opferquote von An Lushan erreicht habe, sei dies einer Abnahme des Gewaltniveaus zuzuschreiben.

Bezeichnenderweise passt Pinker die Opferzahl des ersten Weltkriegs, der russischen Revolution (die er »Bürgerkrieg« nennt) und des Stalinismus nicht auf die Weltbevölkerung Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts an, obwohl die Weltbevölkerung zwischen 1900 und 1950 um den Faktor >1,5 gestiegen ist (von 1,65 auf 2,53 Milliarden). Gehen wir von der umstrittenen, gleichwohl nicht abwegigen These eines »europäischen Bürgerkriegs« aus, den wir, anders als Ernst Nolte,[18] nicht erst 1917, sondern schon 1914 beginnen lassen, und rechnen die Opfer auf die Weltbevölkerung Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts um, kommen wir bereits mit der Pinker-Liste[19] zu 150 Mio Toten, genau die Opferzahl des An-Lushan-Aufstands, sofern wir die korrigierte Schätzung von Matthew White zugrundelegen. Dann gäbe es keine Abnahme, sondern ein gleichbleibendes Niveau der kriegerischen Gewalt. Wenn wir dagegen meiner Schätzung für den An-Lushan-Aufstand folgen, ist das kriegsbedingte Gewaltniveau enorm gestiegen. Sicherlich sind solche Zahlenspiele makaber.
In Pinkers Liste sind die Ränge 20 und 21 nach realen Opferzahlen der chinesische Bürgerkrieg[20] und die französischen Religionskriege[21] mit je 3 Mio (nach den napoleonischen Kriegen mit 4 Mio) Toten. Der Korea-Krieg mit schätzungsweise 4 Mio Toten taucht nicht auf. Insgesamt scheint mir Pinker die Opferzahlen sowohl des Kommunismus als auch der USA im unteren Bereich der Schätzungen zu halten. Oder anders gesagt: Seine Schätzungen fallen zugunsten des zwanzigsten Jahrhunderts und zuunungsten der früheren Jahrhunderte aus.

Da Pinker zwar die Opferzahlen hinsichtlich der steigenden Weltbevölkerung, nicht aber hinsichtlich der zeitlichen Ausdehnung eines Kriegs korrigiert,[22] könnten auch die Opfer der römischen Gladiatorenspiele Anspruch erheben, nach dem Korea-Krieg eingeordnet zu werden mit geschätzten 3,5 Mio Toten über rund acht Jahrhunderte. [23] Um den Pinker-Faktor hochgerechnet würden die Gladiatorenspiele zu rund 50 Mio fiktiver Opfern führen und den korrigierten Rang 10 nach dem zweiten Weltkrieg und vor dem Taiping-Aufstand belegen. Wenn wir schon beim Hochrechnen sind, sollte auch die Brechung des gallischen Widerstands durch den Leviathan Julius Cäsar auftauchen, bei der gut 20% der gallischen Bevölkerung[24] ihr Leben lassen musste; die 1,2 Mio Toten (der gallischen Seite) würden sich, um den Pinker-Faktor korrigiert, auf 16 Mio hochrechnen. Oder die Anordnung der einjährigen Trauer nach dem Tod von Shakas Mutter, bei der mit rund 7.000 Ermordeten fast 3% der Zulus getötet wurden, die nicht genug Trauer zeigten und stattdessen sich mit unwichtigem Zeitvertreib wie Nahrungsmittelproduktion und dem Stillen von Kindern befassten; seine insgesamt 2 Mio Opfer rechnen sich mit dem Pinker-Faktor immerhin noch auf 4 hoch.

Wohlgemerkt, alle Toten, über die wir hier sprechen, sind Opfer des Leviathans. Die neue Pinker-Liste könnte folgendermaßen aussehen. Wo ich Schätzungen von Pinker übernehme, will ich damit ausdrücklich nicht sagen, dass diese richtig oder zuverlässig seien. Vielmehr sind alle Schätzungen – inklusive der vorn mir korrigierten – hochgradig problematisch. Was ich zeigen will, ist vielmehr, dass das Gesamtbild, das uns Pinker präsentiert und von seinen Daten empirisch bestätigt sieht, vollständig auf den Kopf gestellt wird, sobald wir auch nur in einigen Fällen andere, ebenso plausibel geschätzte Zahlen einsetzen.

Pinkers Ränge 1 (WWII), 8 Josef Stalin, 13 (WWI) und 14 (russischer Bürgerkrieg) fasse ich im »Europäischen Bürgerkrieg zusammen, wobei der Krieg im Pazifik herausgerechnet werden muss und eine neue Position (mein Rang 4 nach realen, Rang 16 nach hochgerechneten Zahlen) aufmacht. Pinker hat bei seinen Opferzahlen für den zweiten Weltkrieg die niedrigsten, ich die höchsten Schätzungen berücksichtigt. Auch bei den Opferzahlen von Mao Zedong bewegt Pinker sich im unteren Bereich. Bei den Opfern der mongolischen Eroberungen dagegen nimmt Pinker die Top-Werte an, während ich sie nach unten korrigiere. [25] Genauso verhält es sich beim islamischen Sklavenhandel. Warum ich für die Opfer des An-Lushan-Aufstands eine so viel geringere – und immer noch entsetzlich hohe ­– Zahl annehme, habe ich oben schon begründet. Das Herumdoktern an Pinkers Liste mag willkürlich erscheinen, ist aber nicht willkürlicher, als Pinker selbst vorgeht. Die Hochrechnung auf die Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert führt zu einem Übergewicht früherer Schreckensherrschaften. Es ist ja auch Pinkers erklärtes Ziel, der blutigen Vergangenheit die relativ friedliche Gegenwart vorzuhalten. Aber das gelingt ihm nur durch Manipulation.

Schließlich habe ich einige neue Positionen in die Liste aufgenommen. Die Kriege des Imperium Romanum (mein Rang 16|10),[26] der Korea-Krieg (mein Rang 18|23) und die in den Arenen getöteten Gladiatoren (mein Rang 19|11) belaufen sich in der Größenordnung von Ereignissen, die in Pinkers Liste auftauchen. Es ist nicht ersichtlich, warum er jene ausgeschlossen hat. Die Opfer bei der Gründung des Zulu-Reichs durch Shaka (mein Rang 23|22) und der Eroberung Galliens durch Caesar (mein Rang 24|18) liegen zahlenmäßig unterhalb der Schwelle in der Pinker-Liste. Sie machen noch einmal deutlich, wie problematisch das Verfahren der Hochrechnung ist.


Ordnen wir die Liste nach Jahrhunderten, ist nun keine Abnahme der kriegerischen Gewalt mehr sichtbar. Die Lücke des »großen Friedens«, den Pinker uns für das zwanzigste Jahrhundert weismachen will, tut sich vielmehr zwischen dem sechsten und dreizehnten bzw. vierzehnten Jahrhunderts auf.[27]


Wenn wir eine regionale Auflistung vornehmen, kommen wir diesem Phänomen vielleicht auf die Spur. Die weltweit schlimmsten Opfer haben in einem fast ausgeglichenen Verhältnis vor allem Großreiche zu verantworten und dies fast unabhängig von dem Zeitraum, ob es sich nun um die europäischen Kolonialmächte, die USA, das chinesische, das mongolische oder das römische Weltreich handelt. Andere Reiche wie das japanische,[28] das ägyptische, das persische, das assyrische, das spanische, das britische, das deutsche Reich, die Reiche der Azteken und der Mayas, das Alexanderreich oder die Donaumonarchie könnten in die Betrachtung einbezogen werden und würden meine Schlussfolgerung nur noch bestärken.


Die Arbeit an dieser Pinker-Akte hat mich verstört. Mit den großen Zahlen zu hantieren, hinter denen so viel unfassbares Leid steht. Hier eine Million runter, dort eine rauf, damit die Statistik stimmt, aufgebaut auf nichts als wagen Vermutungen, das ist in gewisser Weise unwürdig und dennoch notwendig, gerade um zu zeigen, wie sehr die Interpretationen von Pinker in der Luft hängen. Bezogen auf das Demokratische Kampuchea sagte Peter Fröberg Idling: »Man kann nicht sagen, dass 2.250.000 Menschenleben auf oder ab unwichtig sind. Würden aber die Verbrechen [der roten Khmer] weniger schwer wiegen, wenn es ›nur‹ 750.000 waren, die starben?«[29]
__________________ 

[1] Bruce Knauft, Reconsidering Violence in Simple Human Societies, in: Current Anthropology, Nr. 28, 1987, S. 458. Und hier noch einmal der Hinweis, dass kommunistische Aufständische in Malaysia Anfang der 1950er Jahre die Ältesten der Semai exekutiert hatten und daraufhin die jede Form von gewaltsamen Auseinandersetzungen ablehnenden Semai an der Seite der britischen Kolonialtruppen gegen die Kommunisten zu Felde zogen. Dies traumatisierte die Semai in doppelter Weise, und sie referieren auf dieses Ereignis dememtsprechend als »Blutrausch«.

[2] Anders als Pinker (S. 101 u.ö.) spricht Bruce Knauft allerdings nicht von Mord.

[3] Bruce Knauft Violence Reduction Among the Gebusi of Papua New Guinea, in: Robert W. Sussman, C. Robert Cloninger (Hg.), Origins of Altruism and Cooperation, New York 2011, S. 208. Die Information, dass es sich um eine Tötung in sieben Jahren je »settlement« handelt, findet sich auf S. 212.

[4] Vgl. Akte 3.

[5] Eine polykephale Bantu-Ethnie mit frühfeudalistischer Struktur, d.h. noch ohne Erzwingungsstab.

[6] Von Pinker (S. 301) ahistorisch, aber nicht zu unrecht als »Zulu-Hitler« gekennzeichnet. Auch die Zulu zählen zur Volksgruppe der Bantu. Shaka wird uns noch in Akte 7 beschäftigen, weil u.a. sein Reich die These von der initialen Gewaltreduktion des Leviathans widerlegt.

[7] »Die !Kung San wurden »in den 1960er Jahren als Musterbeispiel für die Harmonie unter Jägern und Sammlern gepriesen […]: In Wirklichkeit hatten sie in früheren Jahrhunderten häufig gegen europäische Kolonialherren, ihre Nachbarn vom Volk der Bantu und untereinander Kriege geführt. […] Diese ungefährlichen, gewaltlosen, wutfreien Menschen ermordeten einander nicht nur mit einer Quote, die weit größer ist als die bei Amerikanern und Europäern, sondern wie die Leviathan-Theorie es voraussagt, ging die Mordquote bei den !Kung auch um ein Drittel zurück, nachdem ihr Territorium unter die Kontrolle der Regierung von Botswana kam« (Pinker, S. 100f). Zur Beachtung: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die San (zu denen die !Kung gehören) den Angriffen des entstehenden, insgesamt aber kurzlebigen Zulureichs ausgesetzt; sie unterwarfen sich nicht, mussten aber ausweichen. Die Angriffe der Kolonialmächte gegen die San fanden 1915 ihren Höhepunkt.

[8] Pinker, S. 93, S. 101.

[9] Pinker, S. 298.

[10] Das ist eine merkwürdige Datierung, 3. bis 5. Jahrhundert. Üblich ist es, den Untergang des römischen Reichs mit der Schlacht von Adrianopel 378, also Ende des 4. Jahrhunderts beginnen zu lassen.

[11] Zu Schätzungen vgl. Denis Twitchett, Tibet in Tang’s Grand Strategy, in: Hans van de Ven (Hg.), Warfare in Chinese History, Leiden 2000, S. 137ff.

[12] Dies ist ungefähr das Verhältnis des zweiten Weltkriegs und scheint auch bei vielen anderen Kriegen in ähnlicher Weise vorzuliegen (wenn es sich nicht ausdrücklich um Vernichtungskriege handelt, die das Ziel verfolgen, die gegnerische Bevölkerung möglichst vollständig zu beseitigen; aber ein solches Anliegen gab es beim An-Lushan-Aufstand nicht, er war auf Machteroberung resp. Machterhalt ausgerichtet).

[13] Pinker-Rang nach realen Zahlen 1. Korrigiert 09.

[14] Pinker-Rang nach realen Zahlen 2. Korrigiert 11.

[15] Pinker-Rang nach realen Zahlen 6. Korrigiert 10.

[16] 40 Mio reale Opfer, mit Pinker-Faktor hochgerechnet auf fiktive 278 Opfer.

[17] In Pinkers Liste euphemistisch als »Sklavenhandel im Nahen Osten« bezeichnet. 19 Mio reale Opfer, hochgerechnet auf fiktive 132 Opfer.

[18] Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945: Bolschewismus und Faschismus, Frankfurt/M. 1986.

[19] Es müssten noch weitere Opfer hinzugezählt werden, die in Pinkers Liste nicht auftauchen, etwa die Opfer des spanischen Bürgerkriegs.

[20] 20. Jahrhundert.

[21] 16. Jahrhundert.

[22] Die größte Zeitspanne ist der islamische Sklavenhandel, angegeben mit 7. bis 19. Jahrhundert, also 12 Jahrhunderte.

[23] Gladiatoren waren überwiegend Sklaven, aber keine Verurteilten. Hinrichtungen von Verurteilten fanden in Spielpausen etwa per Kreuzigung oder durch Tierhatzen statt. Gladiatorenkämpfe mussten nicht tödlich enden; Martin Zimmermann geht jedoch von einer »immer höheren Todesrate« aus (Gewalt: Die dunkle Seite der Antike, München 2013, S. 342). Die Schätzung der getöteten Gladiatoren nach: Keith Hopkins und Mary Beard, The Colosseum (2005), London 2011, S. 92ff.

[24] Zur Abschätzung der Einwohner Galliens vgl. Karl Beloch, Die Bevölkerung Galliens zur Zeit Caesars, in: Rheinisches Museum für Philologie. Bd. 54 (1899), S. 414-445.

[25] Vgl. Sayfi Heravi, How Bad Were the Mongols?, Quodlibeta 13. Dezember 2011.

[26] Zu den Kriegen mit besonders hohen Opferzahlen zählen (abgesehen von den gesondert aufgeführten Kriegen Caesars gegen die Gallier und die Kriege rund um den Untergang Roms) die punischen Kriege, die Zerstörung Kathargos, die Ausrottung der Kimbern und Teutonen, der Bürgerkrieg, die mithridatischen Kriege, die Sklavenkriege, die jüdischen Kriege sowie der Krieg von Kaiser Probus gegen die Germanen. Die Annahme von 4 Mio Opfern ist eine eher niedrige Schätzung. Pitirim Sorokin, Social and Cultural Dynamics, Bd. 3 (Fluctuation of Social Relationships, War, and Revolution, 1937), New York 1962, geht S. 295ff von 885.000 gefallenen Legionären aus. Wenn wir ganz vorsichtig kalkulieren, dass ebenso viele gegnerische Soldaten getötet wurden, gelangen wir zu 1,8 Mio. Wenden wir dann die 1:1:1-Regel vom Verhältnis getöteter Soldaten zu direkten zivilen Opfern zu indirekten zivilen Opfern an, ergibt sich die Schätzung von 5,4 Mio (um den Pinker-Faktor hochgerechnet auf die Bevölkerung des 20. Jahrhunderts wären das 86,4 Mio).

[27] Ob das realistisch ist, ist eine andere Frage. Es könnte sich ein anderes Bild ergeben, wenn wir die vielen »kleinen« Kriege addieren, die es »mangels« absoluter Opferzahlen nicht in die Liste geschafft haben. Die Annahmen gehen sehr weit auseinander, bei den Kreuzzügen liegen sie, formuliert von den jeweils an hohen oder niedrigen Zahlen interessierten Seiten, zwischen einer und 20 Mio, bei der nach-reformatorischen Inquisition zwischen 10.000 und 9.000.000 Opfern.

[28] Ich frage mich, ob es jemandem auffallen würde, würde ich es hier nicht ausdrücklich vermerken: Die Opfer der japanischen Aggression in Asien fließen in meiner räumlichen Auflistung stiekum bei denen der USA ein. Dafür fehlen die Opfer des Vietnamkriegs und andere Opfer der pax americana. Ohne den Vietnamkrieg hätte es in Kambodscha vermutlich keinen Sieg der roten Khmer gegeben. Wem ihm zurechnen?

[29] Peter Fröberg Idling, Pol Pots Lächeln (2006), Frankfurt/M. 2013, S. 272.

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