Sonntag, 12. Februar 2017

Zur antikapitalistischen Mentalität

Bild: Zarateman (Own work) [CC0],
via Wikimedia Commons
von Stefan Blankertz, Murray-Rothbard-Institut
Die antikapitalistische Mentalität führt wirkliche oder vermeintliche soziale Übel auf den Kapitalismus zurück. Dabei bleibt die Frage außen vor, ob das Übel tatsächlich die Form des Wirtschaftens im freiwilligen Austausch zur Ursache hat. Alternative Erklärungen können etwa allgemein menschlichen Verhaltensweisen unabhängig von der Wirtschaftsform sein oder staatliche Eingriffe, die den freiwilligen Austausch behindern und insofern selber antikapitalistisch sind.

Das Folgende ist ein Bericht aus meiner aktuellen Theoriewerkstatt. Ich bin dabei, drei Stränge der Theorie zusammenzuführen, die üblicherweise eher als getrennt, ja als gegensätzlich angesehen werden: Ludwig von Mises (1881-1973), Karl Marx (1818-1883), die mehr gemein haben, als Mises wahrhaben wollte und als den Marxisten lieb ist,[1] sowie der Sozialpsychologe Kurt Lewin (1890-1947),[2] dessen Ansätze ich für geeignet halte, im Bereich der Psychologie das Programm der Praxeologie nach Ludwig von Mises umzusetzen.

Woher stammt die antikapitalistische Mentalität? Der Begriff der »antikapitalistischen Mentalität« geht zurück auf das Buch von Ludwig von Mises »The Anti-Capitalistic Mentality«, 1956. Dieses Buch wie andere Ansätze, etwa um die primitivste Form des Antikapitalismus, den Antisemitismus, zu erklären, greifen auf die Untugend des Neides zurück: Diejenigen, die im freiwilligen Austausch Verlierer sind oder jedenfalls nicht alles das erreichen, was sie sich wünschen, machen dafür den Markt und nicht ihr eigenes Handeln haftbar.

Zwei Überlegungen lassen deutlich werden, dass mit dem Neid nicht viel, wenn überhaupt etwas am Zustandekommen der antikapitalistischen Mentalität erklärt wird.

Verlierer können vielleicht ein gewisses soziales Klima erzeugen, wenn sie eine genügend große Masse bilden, doch sie sind per Definition nicht diejenigen, die die Richtung der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung bestimmen. Oder anders ausgedrückt: Wenn Verlierer mit irgendeiner Maßnahme Einfluss auf die soziale Entwicklung erhalten, macht sie das zu Gewinnern. Die Frage lautet dann: Warum behalten die Gewinner, selbst wenn sie ehemalige Verlierer waren, und ihre Nachkommen die antikapitalistische Mentalität bei? Doch wissen wir auch, dass wahrlich nicht nur und wahrscheinlich gar nicht mal hauptsächlich ehemalige Verlierer an der Spitze des Antikapitalismus stehen, sondern gerade Gewinner, die Mächtigen, darunter vor allem auch die Gewinner des Kapitalismus, die erfolgreichen Unternehmer. Wer sich mit der Analyse der antikapitalistischen Mentalität an die Verlierer hält, dem entgeht die wichtigste Gruppe des Antikapitalismus, diejenige Gruppe, die ihn in die politische und wirtschaftliche Praxis umsetzt. Wenn die Analyse des Antikapitalismus selbst Elemente der antikapitalistischen Mentalität in sich trägt, führt sie zu einer Praxis, die das, was die kritisiert, in Wirklichkeit perpetuiert.

Die These vom Antikapitalismus als Verlierermentalität scheitert auch noch an einem zweiten Punkt. Sie setzt voraus, dass der Kapitalismus im Wesentlichen Verlierer produziere und zwar so viele Verlierer, dass sie die gesellschaftliche Herrschaft etwa durch Revolutionen oder durch demokratische Wahlen übernehmen können. Damit ist die These vom Antikapitalismus als Verlierermentalität im Kern selbst antikapitalistisch. Demgegenüber brauchen wir gar nicht mal nur auf das Werk Ludwig von Mises’ zurückzugreifen, um zu verstehen, dass der Kapitalismus ungeahnten Reichtum vor allem auch für die ehemalig Armen gebracht hat und zwar in einer historisch gesehen völlig unerreichten Gleichverteilung (abgesehen von der Ur-Anarchie,[3] die ich hier nicht diskutiere); diese Einsicht hatte bereits Karl Marx, dessen Name leider unmittelbar mit dem Antikapitalismus verbunden ist (durchaus mit seinem Zutun). Historisch geht der Antikapitalismus nicht auf Marx zurück und ist auch nicht wesentlich marxistisch, der historische Marxismus hat sich ihm eigentlich nur angehängt. Träger des Antikapitalismus waren neben den Unternehmern auch in starkem Maße der Landadel und die Handwerker.

Mein Ansatz zur Erklärung der antikapitalistischen Mentalität, der sich, wie gesagt, auf die durch von Mises, Marx und Lewin formulierten Theorien stützt, hat folgende Struktur:

Vermittels der Staatgewalt können Interessengruppen sich Sondervorteile verschaffen. Der Begriff »Sondervorteile« macht nur Sinn, wenn es sich um Vorteile handelt, die sich durch freiwillige Interaktion nicht erreichen lassen. Es sind Vorteile gegenüber dem Markt, gegenüber dem Kapitalismus.

Um den aus den Sondervorteilen realisierten Gewinn hoch und den gegen die Sondervorteile gerichteten Widerstand gering zu halten, ist es zweckrational, dass die Gruppe, die die Sondervorteile bezieht, so klein wie möglich, die Gruppe, zu Lasten die Sondervorteile gehen, so groß wie möglich ist.[4] Die konservative Behauptung, die breite Masse des Pöbels würde sich an der kleinen Gruppe des mittelständischen, ehrbaren Bürgertums schadlos halten, wird damit mehr als fraglich. Ein (zugegebenermaßen stark vereinfachtes) Schema stammt von Robert Nozick: Teilen wir die Bevölkerung ganz grob in Ober-, Mittel- und Unterschicht und gehen davon aus, dass jede Schicht in der Wahl ihre ökonomischen Interessen verfolgt. Um die Mehrheit zu erlangen, müssen zwei Schichten miteinander koalieren. Dabei kann die Oberschicht der Mittelschicht immer das ökonomisch besseren Angebot machen als die Unterschicht. Insofern ist es wahrscheinlich, dass die Mittelschicht von staatlichen Maßnahmen eher profitiert als unter ihnen leidet, und entsprechend dieser Voraussage verhalten sich auch die politischen Vertreter der Mittelschicht. Aus den Reihen der Reichen, auch und vor allem der von erfolgreichen Unternehmern, findet und fand sich kaum eine nennenswerte Unterstützung für auch nur ein halbwegs konsequent liberales Programm. Und dass die sich aus der Mittelschicht rekrutierende Wählerbasis der FDP von Anfang der Bundesrepublik an ein Eintreten für konsequente Liberalisierung verhindert hat, ist ein weiteres Beispiel für Richtigkeit meiner Analyse.

Wenn auch die Gruppe, die sich vermittels der Staatsgewalt Sondervorteile sichern will, klein sein muss, damit pro Kopf der Ausbeutungsgewinn lohnend bleibt, so ist für die Erlangung einer demokratischen Mehrheit es dagegen notwendig, eine viel breitere Zustimmung zu organisieren. Die Organisierung von Zustimmung zur Tätigkeit der Staatsgewalt geschieht über die Produktion von Ideologie: Die Ideologie suggeriert der breiten Masse, dass die Staatstätigkeit ihnen nutzt; dieser Nutzen darf der Gruppe, die Sondervorteile vermittels der Staatsgewalt zu erwirtschaften trachtet, nicht zu viel kosten, um ihren Ausbeutungsgewinn nicht zu sehr zu belasten: der der Masse in Aussicht gestellte Nutzen muss möglichst rein ideel sein. Der Grundtenor aller Ideologie ist darum zweckmäßigerweise antikapitalistisch: Die Tätigkeit der Staatsgewalt schütze vor den negativen Auswirkungen des Kapitalismus.

Nach meiner Analyse ist die antikapitalistische Mentalität demnach nicht ein Auswuchs einer Charakterschwäche wie Neid oder eines mentalen Defektes wie der Unfähigkeit, die positive Kraft des Kapitalismus zu realisieren, sondern das ideologische Ergebnis der politischen Umsetzung von ökonomischen Interessen. Je mehr die Staatsgewalt in die Wirtschaft und in das alltägliche Leben der Menschen eingreift, um so mehr Menschen sind in ihrer unmittelbaren ökonomischen und sozialen Existenz auf die staatlichen Institutionen und ihre reibungslose Tätigkeit angewiesen. Dies ist, was ich Spätetatismus[5] nenne: Die Ideologie ist zur Wirklichkeit geworden. Im Antikapitalismus formuliert sich das Interesse der Oberschicht im Slang der Unterschicht. Er gehört zum guten Ton der »feinen« Leute – wohlfeil, wenn man weiß, dass man nicht zu den unteren Schichten gehört, die unter den Folgen zu leiden haben werden. Als schwarze Magie der Politik schafft es der Antikapitalismus, die Unterdrückten für die Sache der Herrschenden einzuspannen.
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[1] Vgl. Stefan Blankertz, Mit Marx gegen Marx: 11 x 11 Thesen, Berlin 2014 (edition g. 111).

[2] Vgl. Stefan Blankertz, Kurt Lewins Kritik der Ganzheit, Berlin 2017 (edition g. 403).

[3] Vgl. Stefan Blankertz, Widerstand: Aus den Akten Pinker vs. Anarchy, Berlin 2016 (edition g. 109).

[4] Mehr zu dieser Dynamik: Stefan Blankertz, Das libertäre Manifest (2011), Berlin 2015 (edition g. 104), S. 41ff.

[5] Vgl. Stefan Blankertz, Die Katastrophe der Befreiung: Faschismus und Demokratie, Berlin 2015 (edition g. 107).

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