Montag, 27. Februar 2017

Die Verrohung der Gesellschaft

Bundesarchiv, Bild 183-1990-0414-009 / Pätzold, Ralf /
CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
von Tommy Casagrande
Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund hat im Zuge der Thematik der Ausschreitungen vor dem Stadion des BVB geäußert, dass es ein Problem der Verrohung der Gesellschaft gäbe, das man nicht dem Fussballverein Borussia Dortmund andichten könne. Hierzu ein Statement von mir:

Die Verrohung in den Stadien hat, wie Watzke es richtig formuliert, ihre Ursache in der Verrohung der Gesellschaft. Denn die Menschen, die in die Stadien gehen, bilden natürlich die Gesellschaft ab. Warum verroht die Gesellschaft? Sie verroht nicht als ganzes, jedoch teilweise. Doch wieso ?

Die Ursache liegt in der ökonomischen Verfasstheit des Landes. Durch staatliche Eingriffe und eine Überhand nehmende Flut an Verordnungen und Gesetzen, werden die letzten Reste der Marktwirtschaft, die zu Zeiten von Ludwig Erhard viel, viel freier war als heutzutage, zerstört. Die Menschen zu Zeiten von Erhard lebten in einer Gesellschaft, in der es viele Freiräume zur Selbstorganisation gegeben hat. Da der Kapitalismus unter Erhard entfesselter gewesen ist als heute, waren die Menschen stärker darauf bedacht, sich als Dienstleister zu verstehen, wo auch Freundlichkeit zählt, um freiwillig zahlende Kunden zu akquirieren. Man hatte die Möglichkeit gesellschaftlich aufzusteigen, wenn man fleißig war. Heutzutage arbeiten viele Menschen ohne einer solchen sozialen Perspektive und es fühlt sich an wie ein Hamsterrad, in dem man strampelt ohne vorwärts zu kommen.

Gleichzeitig war das Geldsystem zu Erhards Zeiten besser als das heutige. Zu Erhards Zeiten gab es höhere Zinsen, sodass Sparen belohnt wurde. Durch Sparen wächst der Kapitalstock einer Gesellschaft. Der Kapitalstock ist der Aufbau von Wohlstand in einer Gesellschaft, durch den Investitionen in die Zukunft der Gesellschaft möglich werden. Wenn dieser Kapitalstock sich auflöst, droht Armut und wohl auch eine gewisse Verrohung. Die Zentralbank verursacht durch niedrige oder gar keine Zinsen eine Geldschwemme, die als Wirtschaftskrise sich auswirkt. Daraus resultieren Teuerungen, steigende Lebenshaltungskosten und am Ende durch populistische Parteien gar existentielle Sorgen für die Demokratie. 

In der Konjunkturzyklustheorie von Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek ist der Mechanismus klar herausgearbeitet. Allerdings ist er nicht sehr weit verbreitet, weil die Konsequenz die Forderung einer Abschaffung der Zentralbanken zur Folge hätte und Staaten sich nunmal auch gerne mit billigem Geld und niedrigen Zinsen verschulden möchten. Also stehen staatliche Institutionen und Zentralbanken der misesianischen und hayekianischen Konjunkturzyklustheorie nicht wohlwollend gegenüber. Dennoch ist sie wahr. Mises und Hayek ging es nicht darum, dass etwas nicht sein darf, weil es nicht zu ihrem Weltbild passt, sondern sie haben sich Probleme und Ursachen angeschaut und diese ideologiefrei analysiert. Allerdings leben wir in einer Welt voller Interessengruppen, in der es schwer ist, dass die Wahrheit sich durchsetzt. Das ist auch keine Verschwörungstheorie. Jeder kann das nachvollziehen. Wer würde, wenn er durch ein Geldsystem profitiert, das im Endeffekt auch viele Probleme mit sich bringt, unter denen aber andere und nicht man selbst zu leiden hat, Schriften und Publikationen darüber, dass es viele gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Schäden verursacht, zur Veröffentlichung und Verbreiterung verhelfen? Im Grunde genommen bestenfalls ein Idealist.

Menschen sind soziale Wesen, doch zu dieser sozialen Dimension gehört unabdingbar die wirtschaftliche Perspektive. Wenn man das, wie es Linke und Rechte gerne tun, voneinander trennt und entkoppelt, teilt man den Menschen im Grunde in ein nicht ganzes Geschöpf, das entweder nur dem einen oder dem anderen zugetan lebt, obwohl in Wirklichkeit beides in gleicher Weise zur Ganzheit des Menschen gehört.

Die zunehmende Verrohung der Gesellschaft hat ihre Ursache in der wirtschaftlichen Enge der Gegenwart. Wirtschaft, verstanden als Wissenschaft vom menschlichen Handeln, ist ein soziologisches Gebiet, bei dem es vordergründig nicht um Buchhaltung und Geldzählerei geht.

Natürlich, und das darf man nicht außer Acht lassen, hat auch jeder Einzelne eine Verantwortung dafür, wie er sich benimmt. Man kann jetzt nicht sagen, die Menschen sind fremdgesteuert, weil ihre Umwelt ihnen keine andere Wahl lässt. Zugleich kann man aber auch nicht behaupten, dass die Umwelt gar keinen Einfluss darauf hat, wie man sich als Mensch entwickelt. Denn es hängt sehr wohl von den einen umgebenden Strukturen ab, ob und inwieweit man innere Energien entladen kann, um in Anlehnung an Kurt Lewin, dessen Kritik der Ganzheit man auch lesen sollte, zu sprechen.

Das bedeutet, dass die von Watzke angestoßenen Gedanken, die vielleicht schon bald wieder verpufft sein werden, im Grunde der Anlasspunkt für eine Systemanalyse und eine Systemkritik werden könnten. Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass je mehr der sogenannte "ungezügelte" oder gar "entfesselte" Kapitalismus bemüht wird, desto weniger der Kapitalismus in Wahrheit noch existiert. Das ist das Paradox unserer Zeit. Je weniger Kapitalismus und Marktwirtschaft wir haben, desto öfter und stärker wird jener für alle Übel zur Verantwortung gezogen. Der Beweis ist einfach. Man lese Ludwig Erhard und vergleiche ihn mit der Gegenwart.

Kommentare:

  1. "Die wirtschaftliche Enge" ist eine von mehreren Ursachen der Verrohung der Gesellschaft, wahrscheinlich nicht ein Mal die entscheidende: wer den sozialen Hintergrund von Fußball-Hooligans kennt, der weiß, daß sie vorwiegend "bildungsfernen Schichten" angehören. Es ist deshalb auch falsch, davon auszugehen, daß diese Gruppen ein "Abbild der Gesellschaft" sind mit der Konsequenz, daß man daraus jedenfalls nicht herleiten kann, daß "weniger Kapitalismus und Marktwirtschaft" die Ursachen der Verrohung bei Fußballfans oder in der Gesellschaft sind.

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  2. Auch "Bildungsferne" hat ihre Ursache in oben beschriebenen Prozessen - der Anreiz zu Bildung fällt Dank des Sozialstaates zunehmend weg und Dank der Perspektivlosigkeit (Geldsystem, Gängelung jeglicher freier Wirtschaftstätigkeit etc.)auch die Hoffnung, es möge den eigenen Kindern einmal besser gehen, wenn man sie gut behandelt, erzieht und fördert ... s.f.

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