Mittwoch, 14. Dezember 2016

Nachruf: Zum Tode des libertären Historikers Ralph Raico

Raico. Bild: Mises Institute [GFDL or
CC-BY-SA-3.0], via Wiki Commons
von Tomasz M. Froelich
Traurige Kunde war gestern aus den Vereinigten Staaten zu vernehmen: Der amerikanische Historiker Ralph Raico starb im Alter von 80 Jahren. Raico lehrte unter anderem am Buffalo State College und war eng verbunden mit dem Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama. Außerdem war er Herausgeber der „New Individualist Review“, einer freiheitlich orientierten Zeitschrift, in der namhafte Autoren zu Wort kamen, wie etwa Russell Kirk, William Buckley, Jr., Murray Rothbard oder Ludwig von Mises.

Letzterer nahm in der akademischen Laufbahn Raicos eine Sonderstellung ein: Raico studierte bei Mises und lernte auf dessen Anraten die deutsche Sprache. Die wurde ihm nützlich, als er Ludwig von Mises‘ Klassiker „Liberalismus“ und diverse Schriften Friedrich August von Hayeks, unter dessen Leitung er an der renommierten University of Chicago promovierte, vom Deutschen ins Englische übersetzte.

Einer der Forschungsschwerpunkte Raicos war die Geschichte des deutschen Liberalismus, über den er ein bemerkenswertes Buch schrieb, das so manchem freiheitlich gesinnten Leser im deutschsprachigen Raum bekannt sein dürfte: „Die Partei der Freiheit: Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus“. Raico versuchte in diesem Buch, die Verwerfungen und Fehlinterpretationen, die dem deutschen Liberalismus des 19. Jahrhunderts zuteilwurden, einer Revision zu unterziehen. Dabei ging er unter anderem auf die geistigen Ursprünge des deutschen Liberalismus ein, sowie auf führende, heutzutage weitestgehend vergessene Akteure der deutschen Freiheitsbewegung, denen er außerordentlichen Respekt zollte. 

Da wäre zum einen John Prince-Smith zu nennen – ein deutscher Manchesterliberaler, der als Publizist für die Idee der Freiheit warb, von der er sich später leider distanzieren sollte. Da wäre zum anderen der legendäre Eugen Richter zu nennen – der wohl entschiedenste deutsche Liberale und Verfechter des freien Marktes, der seine politischen Gegner, zu denen sowohl Bismarck als auch die Sozialisten zählten, im kaiserlichen Reichstag regelrecht zur Weißglut trieb, denen er sich politisch allerdings geschlagen geben musste, da sich das sozialstaatliche Modell Bismarcks durchsetzen und sich dadurch die Staatsgläubigkeit der Deutschen noch weiter verfestigen sollte. Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle Ludwig Bamberger, der mutig für Freihandel statt Protektionismus stritt und sich zum heute so zu Unrecht verpönten Manchesterliberalismus bekannte – und das vor allem im Interesse der Armen, die – was heute aufgrund der weitverbreiteten „Manchesterlüge“ kaum bekannt ist – vom Freihandel und vom Abbau der Zölle und Handelsbeschränkungen profitierten, da sie dadurch in den Genuss günstigerer Getreideimporte kamen und so ihren Lebensstandard heben konnten. So galt etwa Richard Cobden, die führende Figur des Manchesterliberalismus, zeit seines Lebens unter den britischen Arbeitern nicht umsonst als „Champion of the Poor“.

Die von den politischen Gegnern der deutschen Liberalen ausgehende Agitation gegen den Freihandel und die für die Liberalen ungünstigen politischen Kräfteverhältnisse sorgten letztlich jedoch dafür, dass sich die protektionistischen und später auch die kartellistischen Kräfte durchsetzen sollten – mit schlimmen Folgen.

Explizit nicht zu den Ikonen des deutschen Liberalismus zählte Raico indes Friedrich Naumann, der ständig seine Meinung wechselte und eine große „nationalistische Begeisterung für den Kriegskommunismus“ (Christian Watrin) an den Tag legte. Für die deutschen Parteiliberalen nicht Grund genug, um ihre nach Naumann benannte Parteistiftung umzubenennen.

Mit Ralph Raico ist ein Ausnahmeakademiker von uns gegangen, der mit seiner Forschungstätigkeit wichtige Meilensteine für die so nötige Revision der Geschichte des deutschen Liberalismus setzte.
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(Dieser Artikel erschien zuerst bei eigentümlich frei.)

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