Donnerstag, 22. Dezember 2016

Das Räderwerk der Freiheit: (K)ein Buch für Sozialdemokraten

Das Buch kann hier bestellt werden.
Niklas Fröhlich rezensiert
David D. Friedman: Das Räderwerk der Freiheit. Für einen radikalen Kapitalismus, Grevenbroich 2016, 460 Seiten, 24,90 Euro
Stellen Sie sich eine nicht allzu ferne Zukunft vor: Das Konzept der „Staaten“ ist dort weitgehend irrelevant geworden, hält sich nur noch in vereinzelten, rückschrittlichen Regionen unserer Erde. Im Wesentlichen alles, was vorher die Staaten mehr oder weniger gelungen zu organisieren versuchten – Recht, Sicherheit, Infrastruktur usw. – ist vollständig privatisiert. Geraten Sie in einen Rechtskonflikt, rufen Sie private Schiedsgerichte an, die den Streit auf Basis schon vorher, unabhängig vom konkreten Streitfall und damit von direkten Beeinflussungen der Streitparteien, nach vertraglich vereinbarten Konditionen schlichten. „Rechte“ sind nichts von einer übergeordneten Regierung festgesetztes, auch nichts demokratisch von der Mehrheit beschlossenes, sondern beruhen auf gegenseitigen vertraglichen Ausgleichsprozessen. Zum Teil sind „Rechte“, wie im Falle von Verschmutzungsrechten, regelrecht käuflich. Das Ergebnis funktioniert, wie jedes System, nicht problemfrei, aber zumindest so gut wie in der vergangenen, staatlichen Ordnung: Gewalt- und Eigentumsdelikte werden noch immer geahndet und die (nun privat finanzierten) Straßen stehen ebenso weiterhin zur Verfügung, wie wünschenswerte Regulierungen der Sicherheit und Einheitlichkeit von Produkten – schlicht deshalb, weil Menschen es nachfragen. In der Tat funktioniert vieles sogar besser: Durch die Konkurrenz der Anbieter von Recht, Sicherheit, Infrastruktur usw. zahlen Sie weniger Gebühren, als Sie einst Steuern zahlten, erhalten jedoch bessere Leistungen und ein besser auf sie zugeschnittenes Angebot von Rechtspaketen, als Sie es unter dem Monopol einer Regierung durch Zwangsabgaben finanzieren mussten. Vorbei sind die Zeiten, in denen Sie sich bei staatlicher Korruption, Verschwendung, Lobbyismus, Bürgerrechtsverletzung und anderen ungewünschten „Leistungen“ verzweifelt gerade an den Schuldigen selbst, den Staat wenden mussten. In denen sie Petitionen einreichen, Parteien unterstützen oder bei Wahlen auf diese hoffen mussten – nur um dann zu erleben, dass Sie die Wahl verlieren, die gewünschte Reform im institutionellen Morast versinkt oder der Skandal schlicht unter den Tisch gekehrt wird. In der genannten Zukunft gestaltet sich Ihre Reaktion simpler und konsequenter: Bei schlechtem Rechtsservice wechseln Sie den Anbieter. Letztlich gibt es für schlechtes Recht in einer derart organisierten Gesellschaft so keinen Markt: Alle erhalten im Rahmen des Möglichen und im Ausgleich mit den Vorstellungen ihrer Mitmenschen „ihr Recht“. Alle gewinnen.

Dies ist die äußerste Konsequenz und die Vision, zu welcher David D. Friedmans Werk „Das Räderwerk der Freiheit“ führt, das nun in seiner neusten, erweiterten Auflage jüngst in deutscher Fassung im Lichtschlag-Verlag erschien. Eine provokante Vorstellung? Für manchen gewiss. Eine anregende? Für manch anderen ohne Zweifel. Ein träumerisches Bild? Vielleicht.

Auch ein naives? Zumindest in der Darstellungsform keinesfalls. Friedman, Professor für Rechtswissenschaft an der Santa Clara University in den USA, entfaltet diese Vorstellung einer anarchistischen Gesellschaft nicht gerade in kleinen Sprüngen, aber doch stets mit einer ausgesprochenen argumentativen Gelassenheit. Über die ersten zwei der sechs Kapitel hinweg plädiert er für eine marktwirtschaftliche, auf Privateigentum basierende Gesellschaftsordnung. In kurzen, eingängig und pointiert geschriebenen Unterkapiteln schildet er jeweils Einzelaspekte und Problemfälle der großen Gedankenlinie, sowie letztlich die Art, auf welche eine kapitalistische Gesellschaft diese Probleme zu lösen vermöge. Man kommt auf diesen ersten, knapp 150 Seiten kaum umher, eine inhaltliche, stilistische und darstellungsdidaktische Nähe zum berühmten „Kapitalismus und Freiheit“ des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Milton Friedman festzustellen – der in der Tat David Friedmans Vater ist.

Erst im dritten Kapitel begeht der Sohn radikale Wege, die über den Vater deutlich hinausweisen und skizziert in Folge seiner Vorüberlegungen das eingangs geschilderte Bild einer „libertären“ anarcho-kapitalistischen Gesellschaft. In knappen, aber zielsicheren Einzelbetrachtungen schildert er nun in groben Zügen, wie Recht und Sicherheit sich in diesen Bahnen gewährleisten, das bloße Vorrecht des Stärken, Reicheren verhindern ließe – besser, als dies die Machtansammlung eines Gewaltmonopols jemals könnte.

Das vierte bis sechste Kapitel bietet eine Reihe von Überlegungen über die Vermittlung und Erreichung dieser Gesellschaftsordnung, deren methodische Vertiefung sowie Erwiderungen auf Einwände und Ausarbeitung einzelner (un-)politischer Taktiken. Herausstechend sind hierbei zweierlei inhaltliche Stränge: Erstens der Verweis darauf, dass die von Friedman skizzierte Ordnung keine eigentliche Utopie (ein „nicht-Ort“), sei, sondern einen ganz konkreten historischen Platz habe. Diesen findet er nicht nur in einigen Grundzügen in fast allen Überlieferungen frühster, auf schlichtenden Ausgleich zielenden Rechtsordnungen, sondern in komplexerer, langlebiger Form im mittelalterlichen Island. Der zweite Strang ist die Herausarbeitung einer „positiven“ Theorie von Rechten, die versucht, Recht weder als rein philosophisch-ethische, noch als vom Staat ausgehende positivistische Kategorie zu verstehen. Vielmehr versucht Friedman, in ökonomischer Weise das Entstehen von Recht zu erklären und greift dabei in anregender Weise auf das spieltheoretische Konzept der „Schelling-Punkte“ zurück. In seinen eigenen, bereits im dritten Kapitel angebrachten Worten liest es sich so: „Ich habe nicht versucht, eine Utopie in diesem Sinne zu entwerfen. Ich habe versucht, plausible Institutionen zu beschreiben, mit denen Menschen, die sich nicht sehr von uns heutigen unterscheiden, leben könnten. Diese Institutionen müssen sich nach und nach entwickeln, wie die heutigen. Sie können nicht unmittelbar aus den Träumen eines enthusiastischen Autors entstehen.“ (S.203.)

Gerade dies zeigt trefflich, wieso ich das Werk zuvor als keinesfalls naiv bezeichnen wollte. Es hat eine starke, provokante, niemals verborgene politisch radikale Ausrichtung – und doch wird es niemals zum utopischen Pamphlet. Vielmehr bietet es in insgesamt 66, im Schnitt also je nur etwa sieben Seiten umfassenden, Kapiteln regelrecht essayistische, kritisch pointierte Auseinandersetzungen mit Inhalten und Problemstellungen der Ökonomie, politischen Theorie, Moralphilosophie und einem bunten Strauß weiter nuancierender Themen. Nirgends ist es dabei rein propagandistisch, sondern zeichnet Gedankengänge, Kritiken, Korrekturen, Anregungen und Vorschläge in einem verständigen Ton nach, den man sich heute mehr denn je in mancher Diskussion wünschen würde. Gerade im Bereich der Rechtfertigung seiner Theorien hebt sich Friedman dabei auch von den Werken seiner anarchokapitalistischen Konkurrenten ab: Er argumentiert nicht über vermeintlich offensichtliche „Naturrechte“, wie etwa Murray Rothbard, oder über vermeintlich unwiderlegbare Apriorismen, wie dies etwa Hans-Hermann Hoppe tut. Friedman indessen untersucht schlicht die Funktionsweisen und Ergebnisse von Prozessen und argumentiert dabei in pragmatischer Weise tendenziell utilitaristisch, zumindest konsequentialistisch. Dass dies in libertären Zirkeln nicht immer auf Gegenliebe stieß und stößt, legt er selbst einige Male humorvoll dar. Kaum lässt sich jedoch bestreiten, dass Überlegungen Friedmans mit den steten Verweisen auf allgemeinen Nutzen, generelle Funktionsfähigkeit und funktionale Optimierung bestehender Prozesse leichter zu schlucken sind, als die Pillen philosophischer Großkonzepte. Der diskursive Pragmatismus ist ohne Frage auf Friedmans Seite.

Der letztlich collagenhafte Charakter des Werkes, der sich dabei ergibt, ist dem klaren Fluss einer geradlinigen Argumentation in der Tat nicht immer zuträglich, bietet jedoch ganz andere Reize: Stets ist es kurzweilig, regt zur Betrachtung neuer, einzelner Themenkomplexe an und würzt die Anregung des Geistes mit einem wohligen Hang zu Anekdote und Humor. Und während sich aus dem Zusammenspiel der einzelnen Kapitel dabei letztlich doch ein roter Faden entwickelt, lassen sich die einzelnen Kapitel problemlos getrennt lesen – und sind in der Tat zum Teil schon einzeln in dieser oder leicht überarbeiteter Form veröffentlicht worden. 

Diese Struktur hat ihren Ursprung in gewisser Weise in der Entstehungsgeschichte des Buches: Die erste Auflage, die bereits vor über 40 Jahren im Englischen erschien (1973), umfasste nur die ersten drei Kapitel, während die letzten sukzessive hinzugefügt worden sind – das letzte in der neusten englischen Auflage des Jahres 2014, die der vorliegenden deutschen Fassung zugrunde liegt. Insbesondere das sechste, jüngste Kapitel, liest sich dabei wie eine Reihe loser Perspektiven im Anschluss an das eigentliche Werk, rundet es aber gerade dadurch trefflich modernisierend ab: Möglichkeiten der neugewonnenen Privatheit, etwa digitale Währungen, aber auch Überwachung im Internet werden ebenso diskutiert, wie das pädagogische Konzept des „unschooling“ als Erziehung ohne Schulzwang.

Angehängt ist dem Werk, das zugunsten besserer Lesbarkeit auf Einzelverweise weitgehend verzichtet hat, ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Dort finden sich nicht nur in thematischer Anordnung zahlreiche Verweise auf grundlegende und weiterführende wissenschaftliche Literatur, sondern auch eine umfangreiche Anführung belletristischer, themenverwandter Titel. In lobenswerter Weise wurden dieser sehr amerikanisch ausgerichteten Liste in der deutschen Fassung nicht nur verfügbare deutsche Übersetzungen beigefügt, sondern diese auch um zahlreiche deutsche Titel erweitert.

Die Übersetzung des Werkes erscheint dabei im großen Ganzen gelungen und ist weitgehend ebenso locker lesbar, wie es das englische Original ist. Nur hin und wieder wurde offensichtlich die Leichtigkeit der eingeflochtenen Nebenüberlegungen und der sprachliche Wortwitz zum Problem: Einerseits ist es nicht immer einfach, regional gebundene Anspielungen aus dem US-amerikanischen in den deutschen Kontext zu übertragen. Regelmäßig ist von amerikanischen Gegenden, Institutionen, Zahlen, Vorfällen die Rede, die noch dazu regelmäßig historisch (aus der Entstehungszeit des jeweiligen Kapitels) sind. Den deutschen Leser mag das immer wieder vor eine gewisse Herausforderung stellen. Andererseits ist das Englische in seiner Zuspitzbarkeit bekanntermaßen etwas biegsamer als das Deutsche – was gerade die zahlreichen Aphorismen Friedmans schwer übersetzbar macht. Man betrachte etwa den folgenden, treffsicheren Parallelismus: „Ask not what the government can do for you. Ask what the government is doing to you.” Im Deutschen wird daraus: „Frage nicht, was die Regierung für dich tun kann. Frage, was die Regierung dir antut.“ (S.41.) Die Doppelung des reinen „do“ lässt sich im Deutschen nicht ohne das Kompositum „an-tun“ nachahmen, was dem ganzen ebenso etwas die parallele Spitze nimmt, wie auch der im „doing“ enthaltene Verweis auf die Regelmäßigkeit dieser Regierungstat verloren geht. Auch die dahinter stehende kulturelle Anspielung auf das berühmte Zitat John F. Kennedys ist im Deutschen nicht völlig voraussetzbar, in dieser Form noch weniger zu erkennen. Das sind kaum zu umgehende, klassische Übersetzungsprobleme, die durch regelmäßige Einflechtungen von Dichtung ins englische Original nicht gerade kleiner geworden sein dürften. So merkt man zahlreichen derartigen Formulierungen letztlich leider ihre vorige, spitzere, eben englische Form deutlich an. Ebenso haben sich immer wieder einige Sach- und Übersetzungsfehler eingeschlichen, die zum Teil jedoch der erheblichen Themenvielfalt des Werkes geschuldet sein dürften, zum Teil eben dem Problem, die wortwitzige Knappheit des Englischen ins Deutsche zu übertragen.[1] Dies begrenzt sich jedoch auf eine kurze Reihe von Fehlern und tut der allgemein guten Lesbarkeit keinen Abbruch.

Man fragt sich dennoch zwangsläufig, welchen Zweck die Übersetzung angesichts dieser beiden (inhaltlichen und formalen) Beschränkungen hat. Die Frage verstärkt sich, wenn man sich die Gesamttendenz des Werkes vor Augen führt: Ein radikaler Kapitalismus, der alle Staatlichkeit gleich ganz abschafft, ist selbst für amerikanische Leser harter Tobak. Für den Leser im sozialdemokratischen Europa klingt vieles indessen regelrecht wie Wahnsinn: Freie Marktwirtschaft, keinerlei Regierungsprogramme, Straßen in privaten Händen, Waffen in privaten Händen, keine Schulpflicht. Hat dieser Mann denn den Verstand verloren? Wer um Himmels Willen soll dieses Buch in Deutschland lesen?

Man kann diese Aussage jedoch leicht umkehren: Gerade weil diese Gedanken in Deutschland so fremd erscheinen, gerade weil sie zum Nachdenken anregen, gehört dieses Buch jedem gut-christsozialgründemokratischen Deutschen auf den Nachttisch. Auch wenn man nun der staatenlosen Endvision Friedmans nicht zustimmt, nicht einmal der Gesamttendenz zu folgen bereit ist, so sind dennoch die einzelnen Kapitel gerade wegen ihrer in sich weitgehend geschlossenen, essayistischen Form immer ein Gewinn und auch für sich eine Lesefreude. Und sei es nur als Herausforderung eigener Überzeugungen.
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[1] So schleichen sich als Beispiel flüchtiger Sachfehler im großen Themenfluss etwa die römischen Zwölftafelgesetze auf S.315 über das englische „Law of the twelve tables“ als „Gesetz der zwölf Tabellen“ ein. 

Ein treffendes Beispiel für unangenehme Ergebnisse und regelrechte Fehler infolge der Übersetzung im Deutschen schwer nachahmbarer englischer Syntax findet sich auf S.377: „Aber es kann gut sein, je nachdem was ich damit getan habe, dass die meisten Arten, auf die Sie es würden verwenden wollen, jetzt Ihnen jetzt (sic) verwehrt werden, weil Sie mein mit unserem Land jetzt (sic) gemischtes Eigentum verletzen würden.“
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