Montag, 26. September 2016

Inklusive Beschulung: Fetisch für Bildungsklempner

Bild: Pixabay / falco / CC0 Public Domain
von Tomasz M. Froelich
Die Bildungsklempner unserer Zeit haben einen neuen Fetisch für sich entdeckt: den Fetisch der Inklusion. Die Idee hinter der Inklusion klingt zunächst wie ein hehres Ideal: Kinder mit und ohne Handicap lernen miteinander, und alle profitieren davon. Ein pädagogisches Paradies, könnte man meinen. Nur, leider folgt aus einem hehren Ideal noch keine ideale Wirklichkeit. Ganz im Gegenteil.

Vor sieben Jahren trat die UN-Konvention, die allen Kindern das Recht auf inklusive Beschulung zusprach, in Kraft. Und was zeigt sich? Eltern wollen ihre behinderten Kinder mit „sonderpädagogischem Förderbedarf“ gar nicht auf die Regelschulen – also auf die Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen – schicken, da sie merken, dass die Förderschulen, mit ihrem speziell an behinderten Schülern orientierten Profil, ihren Kindern besser tun.

Das liegt vor allem daran, dass das pädagogische Konzept der Inklusion an sich schon problematisch ist: Benachteiligte Kinder können in einer Regelschulklasse, in der sie ihre Leistungsfähigkeit mit „normalen“ Kindern vergleichen, schnell untergehen und sich isoliert oder ausgegrenzt fühlen. Aus der angestrebten Inklusion wird so erst recht eine Exklusion.

Zudem droht das allgemeine Lernniveau abzusinken, wenn die Lerngruppen zu heterogen sind und es dadurch immer schwieriger wird, auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler einzugehen. Der Lernfortschritt bleibt auf der Strecke. Wer glaubt denn ernsthaft, dass so heterogene Schülerzusammensetzungen problemlos über die Bühne gehen würden? Das ist doch naiv!

Wirklich bedenklich wird es dann, wenn aus dem Recht auf Inklusion ein Zwang zur Inklusion wird und die Wahlfreiheit der Eltern dabei komplett untergraben wird. Dahingehende Tendenzen sind bereits zu beobachten, wenn man sich so anschaut, was etwa die deutsche Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenkonvention so von sich gibt. In einer ihrer Stellungnahmen heißt es: „Sollte die Existenz eines Elternwahlrechts nachweislich den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems verzögern oder untergraben, beispielsweise weil es die erforderliche Reorganisation von Kompetenzen und Ressourcen für das Regelschulsystem erschwert und in diesem Zuge das Sonderschulwesen stärkt, ist das Elternwahlrecht mit dem Gebot der progressiven Verwirklichung des Rechts auf inklusive Bildung nicht in Einklang zu bringen.“ Die Wahlfreiheit der Eltern, die in der Regel am besten wissen, was für ihre Kinder gut ist, wird ideologischen Hirngespinsten staatlicher Bildungsklempner geopfert.

Was auch nicht ignoriert werden sollte: Inklusiver Unterricht ist mit enormen Kosten für die Regelschulen verbunden: behindertengerechte Infrastrukturen, wie etwa Rollstuhlrampen, Fahrstühle und entsprechende Toiletten, sind teuer. Zudem mangelt es an geschultem Personal – Lehrer brauchen intensive Fortbildungen und Coachings, um mit der neuen Zusammensetzung der Schülerschaft zurechtkommen zu können. Wer zuvor an den Regelschulen unterrichtete und nun auch noch körperlich behinderte, geistig behinderte, lernbehinderte, sprachgeschädigte und verhaltensauffällige Kinder unterrichten soll, ist schnell überfordert.

Das kann kaum verwundern. Laut einer Forsa-Befragung war für 82 Prozent der Lehrer inklusiver Unterricht kein fester Bestandteil ihrer Ausbildung, und 57 Prozent gaben an, über keinerlei sonderpädagogische Kenntnisse zu verfügen. Es ist deshalb auch nicht überraschend, dass 97 Prozent der Lehrer sich dafür aussprechen, die Sonderschulen ganz oder zumindest teilweise zu erhalten. Nötig wären zusätzliche Lehrkräfte. Auch die gibt es nicht umsonst. Da das Budget für Bildung knapp ist, sind Streitigkeiten zwischen Ländern, Kommunen und Schulen vorprogrammiert.

Wieso werden also derartige Wagnisse eingegangen? In den Förderschulen sind die notwendige Infrastruktur und qualifiziertes pädagogisches Personal bereits vorhanden. Diese Voraussetzungen müssten in den Regelschulen erst für viel Geld geschaffen werden.

Gesellschaftliche und politische Konflikte sind unvermeidbare Begleiterscheinungen in der Debatte um inklusive Pädagogik, vor allem dann, wenn an zentraler Stelle die Ausgestaltung des Bildungswesens festgelegt werden soll. Diese Konflikte ließen sich vermeiden, wenn man das libertäre Credo in puncto Bildung in die Praxis umsetzen würde: die Privatisierung des Bildungswesens. Dies hätte zur Folge, dass verschiedene Schulen entstehen würden, die auf die verschiedenartigen Bedürfnisse der Eltern und Schüler Rücksicht nehmen würden. Es könnten also durchaus auch inklusive Schulen entstehen, falls sich tatsächlich ausreichend Eltern und Schüler finden würden, die sie nachfragen. Die Wahlfreiheit für Eltern und Schüler bliebe jedenfalls bestehen, die Bildungsvielfalt wäre größer, gesellschaftliche und politische Konflikte wären eingedämmt und Eltern und Schüler nicht dem Diktat staatlicher und häufig ideologisch gefärbter Bildungsarchitekten unterworfen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei eigentümlich frei.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie uns!

Name

E-Mail *

Nachricht *