Donnerstag, 8. September 2016

Der Demokrat über dem Nebelmeer

Tocqueville. Bild: Théodore Chassériau,
via Wikimedia Commons
Über das Bild der Demokratie im 21. Jahrhundert und ihre Zukunft. Gefahren, Defizite und Alexis de Tocqueville. Ein Erklärungsversuch.
von Rasim Marz

Im aufgeheizten US-Wahlkampf fielen zwischen der demokratischen Präsidentschafts-kandidatin Hillary Clinton und ihrem republikanischen Herausforderer Donald J. Trump viele Äußerungen, die über den amerikanischen Kontinent hinaus für Furore sorgten. Zwischen den Meldungen und in den politischen Diskussionsrunden tauchte jedoch immer wieder ein anderer Name auf: Alexis de Tocqueville. Der vor über 150 Jahren verstorbene französische Aristokrat bereiste die USA und prophezeite für die Zukunft den Aufstieg von Autokraten und Tyrannen aus dem Schoße der Demokratie.

Frankreich, 2. Dezember 1851. Das Land wird Zeuge eines Staatsstreiches, dessen Fundament Glanz und Gloria vergangener Tage bildete. Genau 47 Jahre nach der Kaiserkrönung seines legendären Onkels, ergriff der vom Volk gewählte Präsident Louis Napolèon die Gunst der Stunde, um die Alleinherrschaft in Frankreich zu etablieren. Als Vorbild diente hier der berühmte Staatsstreich des ersten Napolèons vom 18. Brumaire VIII, dem 9. November 1799 unserer Zeitrechnung, jedoch ohne die Fehler, die seinem Onkel fast zum Verhängnis wurden und ihm den Eingang in die Weltgeschichte als Feldherr und Kaiser verwehrt hätten.

Louis Napolèon wusste die politische Entwicklung so zu temporieren, dass die französische Bevölkerung wieder bereit war, einem Napolèon „bis zu den Sternen zu folgen.“ Das Establishment, allen voran Abgeordnete und Intellektuelle, wurden durch eine großangelegte Kampagne zum nationalen Hassobjekt stilisiert. Wenige Wochen nach dem Staatsstreich stimmten 7,5 Millionen Franzosen für eine Verfassungsänderung, die dem Präsidenten diktatorische Vollmachten einräumte und dem Parlamentarismus in Frankreich den Todesstoß versetzte. Zuvor versuchte das Parlament in seiner Verzweiflung den unteren Klassen des Volkes das Stimmrecht per Gesetz zu entziehen, um die Demokratie zu retten. 

„Die Freunde der wahren Freiheit, die wahren Republikaner, fürchten die Menge, die gemeine Menge, die alle Republiken zu Grunde gerichtet hat. Diese elende Menge hat die Freiheit aller Republikaner den Tyrannen überliefert.“, verteidigte Adolphe Thiers, späterer Staatspräsident der Dritten Republik, in jenen Tagen das Gesetz. Der Zorn der französischen Bevölkerung ließ nicht lange auf sich warten und kürte Louis Napolèon zum „Anwalt des Volkes“, der, unterstützt von Millionen, den Staatsstreich wagte und siegte. Über 27000 Menschen wurden verhaftet, 9500 von ihnen nach Algerien verbannt. Ein Jahr später ließ sich Louis Napolèon von 7,8 Millionen Franzosen zum Kaiser wählen. Die Stunde des „Zweiten Kaiserreiches“ unter Napoleon III. war angebrochen und weckte in Frankreich die Hoffnungen auf eine neue Epoche, die an die Herrlichkeit und an die Triumphe des großen Napolèon Bonaparte anknüpfen sollte.

Unter den verhafteten Abgeordneten befand sich auch der ehemalige französische Außenminister, Alexis de Tocqueville, der sein Ministeramt nach nur fünf Monaten niederlegte, „weil er als Gelehrter wertvoller sei, denn als Täter.“ Seine zeitlosen Werke „Die Demokratie in Amerika“ (1835/1840) und „Der alte Staat und die Revolution“ (unvollendet) reihen sich neben den staatsphilosophischen Schriften von Aristoteles und Machiavelli ein. Für den Juristen Albert V. Dicey, dem Vater der englischen Verfassungslehre, enthielten Tocquevilles Werke „eine Weisheit, von der die Welt noch nicht Besitz genommen hat.“ Der deutsch-jüdische Professor Siegfried Landshut, Vater der Politologie in Deutschland, bedauerte es sehr, dass Tocquevilles Sichtweisen in Deutschland kaum Anklang fanden, während sie im Ausland, vor allem in Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten, an den Universitäten gelehrt wurden. Landshut bescheinigte darüber hinaus Alexis de Tocqueville eine politische Weitsicht, die selbst dessen Zeitgenossen Karl Marx in den Schatten stellte. Tocqueville und Marx legten ihr Hauptaugenmerk auf das Prinzip der Gleichheit, der Beseitigung aller gesellschaftlichen Unterschiede innerhalb des Volkes. Diese Errungenschaft der Französischen Revolution von 1789 bildete in der Geschichte ein Novum und ihre Auswirkungen sind bis heute spürbar. Während Marx das Prinzip der Gleichheit in der demokratischen Gesellschaft als Ausweg zur klassenlosen Gesellschaft postulierte, warnte Tocqueville vor dem Ende der Freiheit und des Individualismus.

Geboren 1805, als Nachkomme eines der ältesten Adelsgeschlechter Frankreichs, reiste der 25-jährige Jurist Alexis de Tocqueville 1830 nach Amerika, um offiziell das Gefängniswesen zu erforschen. Doch bei seinem Aufenthalt studierte er eine demokratische Gesellschaft in Reinkultur, die sich dem Prinzip der Gleichheit verschrieb und durch keine Jahrhunderte alten Traditionen und Gesinnungen beeinflusst oder beeinträchtigt wurde, wie es in Europa der Fall war. Bis zur Französischen Revolution gab es keinen Unterschied zwischen Gesellschaft und Staat. Jeder Untertan des Königs hatte gemäß seinem Stand seine Funktion und Rolle innerhalb des Staates zu erfüllen. Erst die Menschen- und Bürgerrechte garantierten den Bürgern politische Gleichheit und dem Privatmann die Freiheit, selbst über sein berufliches Schicksal zu verfügen – auch wenn erst die Juli-Revolution von 1848 ihre vollständige Durchsetzung innerhalb der Gesellschaft erreichte, die Tocqueville prophetisch voraussagte. 

Anders wie Marx, erkannte Tocqueville, dass die vollständige soziale Gleichheit sich bereits entfaltete, ohne Abschaffung des Privateigentums oder einer endgültigen und gewaltsamen Revolution zur Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft. Die Vereinigten Staaten von Amerika standen an der Spitze dieser zivilisatorischen Entwicklung. Und sie kannten neben der Gleichheit auch die Freiheit. Die Selbständigkeit, die Unabhängigkeit und eigene Verantwortung. Europas Völker hingegen blieben in Abhängigkeit ihrer Monarchen und Grundherren. Doch auch in Amerikas Verständnis vom Prinzip der Gleichheit sah Tocqueville eine Gefahr. Das menschliche Verlangen nach politischer und sozialer Gleichheit konnte auch zum Ende der Freiheit führen. Für Tocqueville konnte eine egalitäre Gesellschaft in der Demokratie nur in zwei Richtungen führen: Anarchie oder Despotismus. Mit dem Verlust persönlicher Bezugspunkte wie Religion, Tradition, Kultur, Ehrfurcht, Mitgefühl oder Abhängigkeit in einer egalitären Gesellschaft, war das Ende des freien Individuums besiegelt. 

„Die Gleichheit, welche die Menschen voneinander unabhängig macht, bewirkt, dass sie die Gewohnheit und Neigung annehmen, in ihren persönlichen Handlungen ausschließlich ihrem eigenen Willen zu folgen.“, schrieb Tocqueville in seinem Werk über die „Demokratie in Amerika.“ In dieser egalitären Gesellschaft wird sich kein Mensch über den Durchschnitt erheben, der Denkanstoß für eine öffentliche Debatte wäre erst gar nicht gegeben und letztlich bliebe das einzige Bestreben eines inhaltslosen Lebens nur die Anhäufung von Reichtümern und die Sorge um seinen Wohlstand. Die egalitäre Gesellschaft baut hier auf zwei wichtige Säulen: Ordnung und Ruhe. Und die Menschen sind „stets bereit, beim ersten Aufruhr die Freiheit fortzuwerfen.“

Die Ausmerzung der Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft erreicht, laut Tocqueville, schließlich ungeahnte Ausmaße. Das Volk übergibt aus freiem Willen der herrschenden Zentralgewalt das Zepter schrankenloser Macht, um Ruhe und Ordnung bewahrt zu wissen und verweist auf die Notwendigkeit der Beibehaltung der Gleichheitsdoktrin. 

„Der Hang zum Wohlstand lenkt sie von der Betätigung an der Regierung ab und die Liebe zum Wohlstand bringt sie in eine immer stärkere Abhängigkeit von den Regierungen.“, konzediert Tocqueville. „Auf diese Weise macht sie den Gebrauch des freien Willens immer überflüssiger und seltener, beschränkt die Willensbetätigung auf ein immer kleineres Feld und entwöhnt jeden Bürger allmählich der freien Selbstbestimmung. Auf all das hat die Gleichheit die Menschen vorbereitet: hat sie bereit gemacht, es zu erdulden, ja es häufig sogar für eine Wohltat zu halten. So breitet der Souverän, nachdem er jeden Einzelnen der Reihe nach in seine gewaltigen Hände genommen und nach Belieben umgestaltet hat, seine Arme über die Gesellschaft als Ganzes; er bedeckt ihre Oberfläche mit einem Netz kleiner, verwickelter, enger und einheitlicher Regeln; er bricht den Willen nicht, sondern er schwächt, beugt und leitet ihn; er zwingt selten zum Handeln, steht vielmehr ständig dem Handeln im Wege; er zerstört nicht, er hindert die Entstehung; er tyrannisiert nicht, er belästigt, bedrängt, entkräftet, schwächt, verdummt und bringt jede Nation schließlich dahin, dass sie nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere ist, deren Hirte die Regierung. Ich bin immer der Überzeugung gewesen, dass diese Art einer geregelten, milden und friedlichen Knechtschaft, die ich eben gezeichnet habe, sich mit einigen der äußeren Formen der Freiheit besser verbinden könnte, als man denkt, und dass es ihr nicht unmöglich wäre, sich sogar im Schatten der Volkssouveränität niederzulassen.“

Napoleon III. Bild: Jean Hyppolite
Flandrin , via Wikimedia Commons
So war es Napoleon III., der 1852 durch ein Plebiszit die Kaiserkrone aus den Händen des Volkes empfing, als es in ihm einen Bewahrer der Stabilität und des Wohlstandes erkannte. Auch hier konstatierte Tocqueville nüchtern: „Eine Nation, die von ihrer Regierung nichts anderes verlangt, als die Aufrechterhaltung der Ordnung, ist im Grunde ihrer Seele schon verknechtet.“ 

Es gäbe keinen Unterschied zwischen der Diktatur des Einzelnen oder der Diktatur der Masse: „Wenn die demokratischen Völker an die Stelle aller verschiedenen Mächte, die den Aufschwung der individuellen Vernunft außerordentlich hinderten und verzögerten, die absolute Macht einer Mehrheit stellen würden, so hätte das Übel nur ein anderes Aussehen bekommen; die Menschen hätten nicht das Mittel für ein unabhängiges Leben gefunden, sie hätten nur...eine neue Abart der Knechtschaft entdeckt. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: hier ist ein tiefes Problem für die, welche die Geistesfreiheit für etwas Heiliges halten und nicht nur den Despoten hassen, sondern auch den Despotismus. Wenn ich die Hand der Macht auf meinem Haupte lasten fühle, kümmert es mich persönlich wenig, zu wissen, wer mich unterdrückt; und ich beuge mich nicht deswegen lieber unter das Joch, weil eine Million Arme es mir darbieten.“ „Unsere Zeitgenossen trösten sich über die Vormundschaft in dem Gedanken, dass sie selbst ihren Vormund gewählt haben. Jeder Einzelne lässt sich willig fesseln, weil er sieht, weder ein Mann noch eine Klasse, sondern das Volk selbst hält das Ende der Kette.“ 

Legitimiert durch den Volkswillen, greift die staatliche Zentralgewalt schließlich in die kleinsten Bereiche des Privatlebens ein und höhlt die Rechte der Bürger systematisch aus. „Ich hege keinen Zweifel,“ schreibt Tocqueville, „dass es den Herrschern in Zeiten der Aufklärung und der Gleichheit - wie den unsrigen - viel leichter fallen wird, die gesamte öffentliche Gewalt in ihrer Hand zu vereinigen und beständiger und tiefer in den Kreis der privaten Interessen einzudringen, als irgendein Herrscher der Antike das jemals vermochte.“ Diese, von der Demokratie legitimierte Zerstörung individueller Freiheit, war für den Juristen, Historiker und Philosophen Alexis de Tocqueville eine bisher nie dagewesene Erscheinung in der Geschichte der Menschen: „Ich bin der Ansicht, die Art der Unterdrückung, die den demokratischen Völkern droht, wird mit nichts, was ihr in der Welt vorausging, zu vergleichen sein; die alten Begriffe Despotismus und Tyrannei passen nicht.“

Der vom Volk gebilligte Staatsstreich Napolèons III. am Vorbild des 18. Brumaire VIII, des sogenannten „Monats des Nebels“, wie die Revolutionäre von 1789 den November im neuen Kalender tauften, war für Alexis de Tocqueville wenig überraschend. Frankreich tauchte in das unbekannte Nebelmeer einer Herrschaft, die nicht mehr auf den Körper ihrer Gegner abzielte, sondern auf ihre Seele. Diese neue Herrschaftsform, für die Tocqueville keinen passenden Begriff finden und die er nur beschreiben konnte, definierte die Praxis der Folter gänzlich um: „Unter der unumschränkten Alleinherrschaft schlug der Despotismus in roher Weise den Körper, um die Seele zu treffen; und die Seele, die diesen Schlägen entwich, schwang sich glorreich über ihn hinaus; in den demokratischen Republiken jedoch geht die Tyrannei nicht so vor; sie übergeht den Körper und zielt gleich auf die Seele. Der Herrscher sagt nicht mehr: entweder du denkst wie ich oder du bist des Todes; er sagt: du bist frei, nicht so zu denken wie ich; du behältst dein Leben, deinen Besitz, alles; aber von dem Tag an bist du unter uns ein Fremdling. Du behältst deine Vorrechte in der bürgerlichen Gesellschaft, aber sie nützen dir nichts mehr; denn bewirbst du dich um die Stimme deiner Mitbürger, so werden sie dir diese nicht geben, und begehrst du bloß ihre Achtung, so werden sie tun, als ob sie dir auch diese verweigerten. Du bleibst unter den Menschen, aber du büßest deine Ansprüche auf Menschlichkeit ein. Näherst du dich deinen Mitmenschen, werden sie dich wie ein unreines Wesen fliehen; und selbst die an deine Unschuld glauben, werden dich verlassen, denn auch sie würden gemieden. Ziehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, es wird aber für dich schlimmer sein als der Tod.“ 

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, führende Köpfe der Frankfurter Schule, erwiesen in ihrem Werk „Dialektik der Aufklärung“ Tocqueville die Anerkennung für die präzise Analyse dieser gesellschaftlichen Entwicklung, für dessen Barbarei sie selbst keine bessere Beschreibung erbringen konnten. Anders, wie später Horkheimer oder Adorno, sieht Alexis de Tocqueville in den Ideen seines Zeitgenossen Karl Marx auch nur einen Weg, um die „klassenlose Gesellschaft“ in die völlige Unfreiheit zu führen.

Tocqueville, Marx’ liberal-konservativer Antipod, deckte den wahren Charakter des Sozialismus in seiner Parlamentsrede vom 12. September 1848 auf: „Und das dritte und letzte Kennzeichen, das meiner Ansicht nach die Sozialisten aller Schattierungen und aller Schulen am stärksten charakterisiert: ein tiefes Misstrauen gegenüber der Freiheit, gegenüber der menschlichen Vernunft; eine tiefe Verachtung für die Person als solche, als Mensch; was sie alle charakterisiert, ist der ständige, abgewandelte, unaufhörliche Versuch, die menschliche Freiheit auf jede Weise zu verletzen, zu verstümmeln, zu beschneiden, zu beschränken; die Idee, dass der Staat nicht nur der Leiter der Gesellschaft, sondern sozusagen der Herr jedes Menschen zu sein habe, was sage ich! Sein Herr, sein Lehrmeister, sein Erzieher; dass er sich aus Furcht, den Menschen versagen zu sehen, ständig ihm zur Seite, über ihn, neben ihn stellen müsse, um ihn zu führen, zu bewahren, zu stützen und zurückzuhalten; mit einem Wort, die mehr oder weniger weitgehende Konfiskation, wie ich eben schon sagte, der menschlichen Freiheit; sie geht so weit, dass, wenn ich eine abschließende, allgemeine Formulierung zum Ausdruck dessen finden müsste, als was mir der Sozialismus in seiner Gesamtheit erscheint, ich sagen würde, er sei eine neue Formulierung der Knechtschaft. […] Nein, meine Herren, die Demokratie und der Sozialismus sind nicht solidarisch miteinander. Es sind nicht verschiedene, sondern entgegengesetzte Dinge. Und wenn die Demokratie nun zufällig darauf beruhte, dass eine Regierung geschaffen wird, die mehr zumutet, mehr in die Einzelheiten eingreift und größere Beschränkungen auferlegt als alle anderen, nur mit dem Unterschied, dass man sie vom Volke wählen lässt, und dass sie im Namen des Volkes handelt? Was aber hätten Sie dann anderes erreicht, als der Tyrannei einen Schein von Berechtigung zu geben, den sie nicht besaß, und ihr damit die Gewalt und die Allmacht zu gewährleisten, die ihr fehlten? Die Demokratie erweitert die Sphäre der individuellen Unabhängigkeit, der Sozialismus engt sie ein. Die Demokratie verleiht jedem Menschen den größtmöglichen Wert, der Sozialismus macht aus jedem Menschen einen Beamten, ein Instrument, eine Zahl. Demokratie und Sozialismus hängen nur in einem Wort zusammen, in der Gleichheit; aber bemerken Sie den Unterschied: die Demokratie will die Gleichheit in Freiheit und der Sozialismus will die Gleichheit in Behinderung und Knechtschaft.“ 

So schrieb Tocqueville 1848 an einen Freund nach der Juli-Revolution: „[…] Es sind nicht Bedürfnisse, es sind Ideen, die diesen großen Umsturz herbeigeführt haben: phantastische Vorstellungen über das Verhältnis von Arbeit und Kapital, übertriebene Theorien über die Rolle, die die öffentliche Gewalt in den Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber zu spielen vermag, ultra-zentralistische Lehren, die schließlich einer Unzahl von Menschen eingeredet haben, es hinge nur vom Staat ab, nicht nur sie vom Elend zu befreien, sondern ihnen auch Wohlstand und Glück zu verschaffen.“

Die Massen, die mit sozialistischen Parolen während der Juli-Revolution 1848 den Bürgerkönig Louis-Philippe I. vom Thron stürzten, erhoben nun 1852 Louis Napolèon zum Kaiser „von Gottes Gnaden und dem Willen des Volkes.“ „Er desillusionierte diese Revolutionen [1830 und 1848] und damit die Revolution an sich, er heilte die Massen durch Überredung und – wo es nicht anders ging – durch Gewalt von der revolutionären Krankheit, er machte sie lammfromm für das konservative Gehege des zweiten Kaiserreichs, in dem sich Wirtschaft und Kapital mit der Realisierung einiger liberaler Ideen aus dem Revolutionsschutt vergangener Tage zu einem Stelldichein trafen. Im Übrigen spekulierte man auf das Ruhebedürfnis der breiten Massen.“, resümierte der Napolèon-III-Biograf Heinz Rieder. König Leopold von Belgien urteilte viel schärfer und sagte über den Kaiser der Franzosen, „dass in seinem Kopf die Chimäre des napoleonischen Kaisertums und der absoluten Gewalt mit den Ideen des allergefährlichsten und allergewichtigsten Kommunismus auf das verworrenste gepaart sei.“ Die Zusammenarbeit linker wie rechter Sozialisten war erstmals abzusehen, die bis in unsere heutigen Tage zu beobachten ist. „Er war überzeugt“, urteilte Alexis de Tocqueville über Napolèon III., „ein Werkzeug des Schicksals, ein unentbehrlicher Mensch zu sein.“

Wie sieht der Weg der Freiheit innerhalb der Demokratie für Alexis de Tocqueville aus? Da die namenlose Herrschaft, oder wie ich sie in Anlehnung des 18. Brumaire nannte, die „Herrschaft des Nebels“, die Unterdrückung des freien Individuums innerhalb einer egalitären Gesellschaft anstrebt, so sieht Tocqueville in der Presse eine der letzten Bastionen des Individuums. „Ich glaube, dass die Menschen, die in einer Aristokratie [Monarchie] leben, schlimmstenfalls die Freiheit der Presse entbehren können. Aber die Bewohner demokratischer Länder können es nicht. Um in ihnen die persönliche Unabhängigkeit zu garantieren, möchte ich mich nicht auf die großen politischen Versammlungen, auf die parlamentarischen Vorrechte, auf die Erklärung der Volkssouveränität verlassen. Dies alles kann bis zu einem gewissen Punkt mit der persönlichen Knechtschaft Hand in Hand gehen; aber diese Knechtschaft könnte nie vollständig sein, solange die Presse frei ist. Die Presse ist im ausgezeichneten Sinne das demokratische Instrument der Freiheit.“ 

Ein weiteres Instrument der Freiheit bildet die Unabhängigkeit des Gerichtswesens: „Die Macht der Gerichte war zu allen Zeiten die stärkste Garantie für die persönliche Unabhängigkeit. Dies trifft aber vor allem für die demokratischen Epochen zu. Hier befinden sich die Rechte und die Interessen der einzelnen Bürger in Gefahr, wenn die rechtsprechende Gewalt nicht im gleichen Maße wächst und sich ausdehnt, in dem die gesellschaftlichen Verhältnisse sich nivellieren.“ Doch das Volk muss, gemäß Tocqueville, eigene Initiative zeigen und sich in Organisationen zusammenschließen, um der Zentralgewalt etwas entgegensetzen zu können. Die Verteidigung des Individualismus liegt in der Verantwortung seiner Bürger, nicht in den Händen der Zentralgewalt oder des Staates. „Ich beobachte bei unseren Zeitgenossen zwei entgegengesetzte, aber gleich verhängnisvolle Vorstellungen:
Die einen sehen in der Gleichheit nur die anarchischen Tendenzen, die sie mit sich bringt. Sie fürchten ihren freien Willen; sie haben Angst vor sich selbst.
Die anderen, geringer an Zahl, aber weitsichtiger, haben eine andere Ansicht. Neben der Straße, die, von der Gleichheit ausgehend, zur Anarchie führt, haben sie schließlich den Weg entdeckt, der die Menschen unwiderstehlich zur Knechtschaft führt. Sie beugen sich von vornherein der Notwendigkeit dieser Knechtschaft. Da sie an der Freiheit verzweifeln, verehren sie im Grunde ihres Herzens schon den Herrn, der nicht lange ausbleiben wird.“

Napolèon III. blieb bis 1871 Kaiser der Franzosen. Erst Bismarck sollte den bonapartistischen Adler, der sich 1852 empor schwang, bei Sedan stürzen. Während Frankreich in dieser Zeit eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebte, Straßen, Brücken, öffentliche Gebäude und Verkehrsverbindungen mit dem kaiserlichen Emblem „N“ eingeweiht wurden, ein mächtiges Kolonialreich geschaffen wurde, das noch weitere hundert Jahre die Stellung Frankreichs auf der Weltbühne sicherte, die Weltausstellung initiiert und der Suez-Kanal eröffnet wurden; all diesen Errungenschaften stand eine außenpolitische Isolationspolitik und die Zersetzung der Freiheit entgegen, die zum Grab für das Zweite Kaiserreich wurde. Napolèons Nationalstaatenpolitik, die sich gegen die legitimistischen Staaten Österreich, Russland und das Osmanische Reich richtete, gab den Einigungsprozessen Italiens und Deutschlands immensen Vorschub. Italien wandte sich nach seiner Unabhängigkeit im Streit um Rom von Frankreich ab, Deutschland sah im Krieg gegen Frankreich die Chance die deutsche Nationalbewegung an ihr Ziel zu führen. Bismarck erkannte sehr früh, dass Napolèons Nationalstaatenpolitik nicht Frankreich sondern viel mehr seine Gegner stärkte. Alexis de Tocqueville erlebte dies alles nicht mehr. Er starb bereits im Jahre 1859. Den Freunden der Freiheit rief er im Schlusssatz seines Werkes „Demokratie in Amerika“ zu: „Lasst uns daher der Zukunft mit jener heilsamen Furcht begegnen, die wachsam und kampfbereit macht, und nicht mit jenem kraftlosen und untätigen Schrecken, der das Herz niederdrückt und zermürbt.“

Rasim Marz ist Historiker für die Geschichte des Osmanischen Reiches, der europäischen Diplomatie des 19. Jahrhunderts und der Subversion des Nahen Ostens im 20. Jahrhundert.

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