Mittwoch, 10. August 2016

Wilhelm Röpke: Kein Salonliberaler

Bild: Mises Institut, see page for author [GFDL
or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons
von Hubert Milz
Wilhelm Röpke wurde 1899 in Schwarmstedt geboren und starb 1966 in Genf. Ab dem Sommersemester 1917 studierte Röpke Staats- und Rechtswissenschaften. Sein Studium wurde durch den Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg, zu dem Röpke im Herbst 1917 eingezogen worden war, unterbrochen.

Nach Kriegsende setzte Röpke sein Studium fort, promovierte 1921 in Marburg, wo er 1922 in Politischer Ökonomie habilitierte. Anschließend war er Professor in Jena, Graz und Marburg gewesen, bevor er 1933 wegen seiner Haltung gegenüber den "braunen Sozialisten" das Deutsche Reich verlassen musste. Röpke hatte schon in den Jahren vor der Machtübernahme publizistisch gegen die "braunen Sozialisten" gefochten und auch nach der Machtübernahme aus seiner grundsätzlichen Opposition keinen Hehl gemacht.

Die Emigration führte ihn zunächst nach Istanbul, wo er eine Professur annahm, ab 1937 dann nach Genf, wo er am "Institut universitaire de hautes études internationales" eine Professur für internationale Wirtschaftsfragen erhalten hatte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verblieb Röpke zwar in Genf, er nahm jedoch von dort aus großen Anteil an der Gestaltung der Nachkriegsordnung seiner alten Heimat - gemeinhin gilt Röpke als einer der "Väter der sozialen Marktwirtschaft" und als ein großartiger, jedoch recht eigenwilliger Verfechter einer freiheitlichen Ordnung.

Sein Buch ,,Torheiten der Zeit'' war sein letztes Buch. Es erschien kurz nach seinem Tod. In diesem Buch zeigte Röpke eindrucksvoll, warum er bei vielen als ein Liberaler mit konservativen Wertvorstellungen gilt.

Viele Textpassagen zeigen jedoch ebenfalls, aus welchen Formulierungen die Gegner, ja, eigentlich die Feinde Röpkes, behaupten, dass Röpke ein Reaktionär gewesen sein soll. Ein Vorwurf, den gerade etliche Personen erheben, die gemeinhin zum liberalen Lager gerechnet werden - und die diesen Vorwurf scheinbar höflich verpackt erheben. Doch gerade durch diese Verpackung - zum Beispiel Röpke als "liebenswerten Reaktionär" zu bezeichnen - wirkt der Vorwurf "Reaktionär" wie ein vorsätzliches Versprühen von überzuckertem, aber reinem Gift.

Eine persönliche Anmerkung dazu sei als Einschub erlaubt. Jene "Liberalen", die solche Vorwürfe erheben, sind zu einem Teil reine Wirtschaftsliberale oder meistenteils nur "Salonliberale". Und "Salonliberale" sind in der Regel das Gegenteil von "liberal" und dem anti-freiheitlichen Lager im eigentlichen Sinne zuzurechnen. Die Wirtschaftsliberalen haben in der Regel meist noch gewisse Schnittmengen mit Röpke; die "Salonliberalen" in der Regel als Anhänger eines bedingungslosen und vorbehaltlosen Relativismus kaum bis gar nicht.

Liberale, neben Wilhelm Röpke zum Beispiel auch Franz Böhm, Ludwig Erhard, Friedrich August von Hayek oder Alexander Rüstow, hatten zwar vielfach - teilweise erhebliche - unterschiedliche, aber dennoch klare Vorstellungen bezüglich eines Regelwerks für die Ordnung einer freien Gesellschaft. Eines Regelwerks, welches auf tradierten und bewährten Werten ruhte, jedoch offen war für evolutionäre Prozesse, die das Regelwerk einer freien Gesellschaft verbessern.

"Salonliberalen" fehlt, da diese größtenteils einen Relativismus ohne Bedingungen und Vorbehalte fälschlich als "liberal" deuten, so gut wie jeder Bezug zum Gedankengebäude jener genannten Liberalen, welche die anthropologische Komponente beim Durchdenken einer freien Gesellschaftsordnung keineswegs vernachlässigen.

Persönlich wurde mir die Botschaft der "Ideen der Freiheit" 1978 durch die Lektüre eines der Werke Wilhelm Röpkes nahegebracht. Von Wilhelm Röpke führte der Literaturweg dann zu Franz Böhm, Walter Eucken, Friedrich August von Hayek und Alexander Rüstow. Die Lektüre von Hayeks leitete mich nahezu zwangsläufig zu den anderen Großen der "Wiener Schule der Volkswirtschaftslehre": Ludwig von Mises, Eugen von Böhm-Bawerk, Friedrich von Wieser und Carl Menger. Damals - 1978 - meinten Personen meines Vertrauens, dass ich die Botschaft nur hören konnte, weil meine Schleusen dafür offen waren. Dies mag sein, aber der Herold hieß nun einmal Wilhelm Röpke; die Verkündung der Botschaft durch irgendwelche "Salonliberale" würde ich sicherlich nicht gehört haben.

Schon im wichtigsten Spätwerk Röpkes, "Jenseits von Angebot und Nachfrage", ist sein "Kulturpessimismus" an vielen Stellen des Buches greifbar. Und dieses letzte Buch aus Röpkes Feder ist geradezu wie eine strenge, kulturpessimistische Abrechnung mit den "Torheiten der Zeit" zu lesen. Auf Seite 21 schreibt Röpke z. B.: »In der Tat zeigt nichts eindrucksvoller als das deutsche Beispiel, daß der Kult des wirtschaftlichen "Wachstums", der "Produktivität" und der Kolossalität mit allen Maßlosigkeiten und Widernatürlichkeiten, die damit einhergehen, ein wahrer Götzenkult werden kann, dem ein Land Glück und Behagen opfert.«

Auch der Kern dieses letzten Buchs von Röpke dreht sich um die für ihn wichtigsten Kristalle einer guten und freien Gesellschaft. Diese Kristalle sind: Sitte und Moral - tradierte und bewährte Werte -  und Regeln und Normen als unabdingbare Grundlage einer freien und guten Gesellschaft. Erst das rechte Zusammenspiel dieser Kristalle ermöglicht die Festigung, Bewahrung und stetige Fortentwicklung der guten und freien Gesellschaft.

Dieses rechte Zusammenspiel sah Röpke schon damals im Jahre 1966, also Jahre vor der 1968er Revolte, gefährdet. Ja, die reichhaltige und vielfältige Kultur des Okzidents sah er in akuter Gefahr. Und damit eben auch die gute und freie Gesellschaft; falls das Abendland seine Wurzeln verriet, bzw. diese gar nimmer kennen und/oder respektieren wollte.

Den falschen Weg sah Röpke in billigem Konsumismus, Materialismus, Relativismus, Banausentum, Inflationismus in jedweder Form und verblödeter Fachidiotie statt allgemeiner Bildung. Kurz, in einer rüden Massengesellschaft, die alles Tradierte verlachte, verspottete und verhöhnte.

Diese für Röpke falschen Pfade nimmt er - wie immer sprachgewaltig - unter die Lupe. Dabei gelingen ihm feine Zeichnungen; so legt Röpke offen, dass gerade die Futuristen, die vorbehaltlosen Fortschritts- und Zukunftsgläubigen, die eigentlichen Träumenden sind. Nicht "die zornigen alten Männer", zu denen sich Röpke selbst zählt und auch seinen Freund Alexander Rüstow hier mit einreiht, sind die Ewiggestrigen, die Reaktionäre oder die Romantiker, sondern gerade jene Futuristen sind die hoffnungslosen Romantiker im eigentlichen Wortsinn. Ebenfalls gelingt es Röpke zu zeigen, dass gerade die Verfechter des Sozial- und Wohlfahrtsstaates diejenigen sind, welche die Zerstörer der individuellen und allgemeinen Wohlfahrt sind. Wohlfahrtsstaatliche Auswüchse zerstören die Brüderlichkeit, denn diese vollzieht sich freiwillig und spontan und nicht durch staatlichen Befehl. Demgegenüber sind es die Liberalen, für Röpke die Liberalen seiner Façon, die tatsächlich die Sorge tragen für Caritas, Ehrenamtlichkeit und Freigebigkeit in einem freien und friedlichen Gemeinwesen. Noch weitere Punkte in dieser Art breitet Röpke geschickt aus.

Trotz allen Pessimismus, den Röpkes letztes Buch wie ein roter Faden durchzieht, ist Röpke irgendwo auch immer noch ein Optimist. Er stellt mehrere Eckpfeiler vor, die ihm für den Bestand und die weitere Entwicklung - im für Röpke guten Sinne - des Abendlandes bedeutsam sind:

Dies ist zum einen ein selbstbewusster und existenzfähiger Bauernstand. Ein freier, unabhängiger Bauernstand ist für Röpke das Elixier für eine gesunde Vitalität eines jeden Gemeinwesens. Sicher kann man über die Art und Weise, in welcher Röpke hier seine Positionen darlegt, trefflich streiten, sicherlich auch über die Methoden zur Sicherung des Bauernstandes. Doch seinen Satz "Stadt kann man lernen, Land nicht" kann ich - da auch auf dem Land aufgewachsen - nachempfinden. Dieser Satz ist stimmig.

Im Rahmen jener Ausführungen Röpkes findet sich oftmals der Vorwurf, dass Röpke hier den landwirtschaftlichen Subventionen, zum Beispiel einer EU-Agrarpolitik, Tür und Tor geöffnet habe. Dies sehe ich nicht so. Ich denke vielmehr, dass Röpke eine solche Art der Agrarpolitik in Bausch und Bogen verworfen haben würde. Gerade in diesem Buch nämlich merkt Röpke an, dass er im Gegensatz zu früher, viel weniger Vertrauen bezüglich der ordnenden Hand des Staates hege.

Ein weiterer wichtiger Eckstein Röpkes stellt - schon wie in seinem Werk "Jenseits von Angebot und Nachfrage'' - die Hoffnung auf eine "Nobilitas Naturalis" dar. Dies wäre eine kleine Gruppe, eine tatsächliche Elite von Menschen, die im Leben gereift und moralisch absolut integer sind und die einfach das Vorbild an und für sich vorleben. Eine natürliche Aristokratie, die sich den Entartungen und Irrwegen einer rüden Massengesellschaft entgegenstellt und widersetzt, die das "Recht auf Ungleichheit" verteidigt und als Bollwerk gegen den "Egalitarismus" fungiert, die sozusagen das Salz für das Gemeinwesen sein soll.

Natürlich ist dieser Punkt, die "Nobilitas Naturalis", geradezu ein Einfallstor für die Gegner Röpkes - auch und gerade aus Ecken der "Salonliberalen" und auch diverser Wirtschaftsliberaler. Ganz im Sinne der Egalitaristen tönt es aus jenen liberalen Lagern, dass die "Nobilitas Naturalis" furchtbar antiliberal, gleichheits- und demokratiefeindlich ist.
Was für ein Widersinn! Der Egalitarismus ist antiliberal, nicht das "Recht auf Ungleichheit" und die Anerkennung von natürlichen Eliten. Die "Gleichheit vor dem Gesetz", welches alle Menschen - ohne Rücksicht auf Stand oder Herkunft - gleich behandelt, ist die Gleichheit, für die die Liberalen - so auch Röpke - eintreten. Während der Egalitarismus zum Verlust der Freiheit führt.

Viele Dinge, die der großen Masse der "Modernen" als antiquiert, überholt und lächerlich erscheinen, und die von Wilhelm Röpke wortgewaltig verteidigt worden sind - z. B. Heimat, einfache Lebensfreude, Familie - werden inzwischen durch die allgemeine Verhaltensforschung und teilweise auch von der heutigen Institutionenökonomie gestützt. Die modernen "Salonliberalen" sind offensichtlich nicht auf der Höhe der Zeit.

Zum Schluss kann ich nur noch auf Ludwig Erhard verweisen. Ludwig Erhard ehrte 1967 bei der Marburger akademischen Gedenkfeier Wilhelm Röpke mit den Worten: "Wer die Lebensgeschichte wie auch den beruflichen Werdegang Wilhelm Röpkes kennt, kann sich nur in Ehrfurcht und Bewunderung vor ihm neigen." Dieser Verbeugung Ludwig Erhards kann ich mich nur bedingungslos anschließen, insbesondere auch mit Blick auf Röpkes letztes Buch, welches von einem großartigen und eigenwilligen Kämpfer für die Freiheit geschrieben worden ist!

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