Donnerstag, 4. August 2016

Über das Ende und die Seele der Yongkang Road in Shanghai

Bild: Screenshot YouTube / Black Buddha
von Tommy Casagrande
Die meisten werden es wohl nicht mitbekommen haben, aber in der chinesischen Weltmetropole Shanghai wurde der Barstreet in der Yongkang Road der Saft abgedreht. Dass es Grund dazu gibt darüber traurig zu sein, kann ich aus persönlichen Erfahrungen bestätigen, da ich mehrmals diese Straße besucht habe und absolut begeistert war. Mindestens so begeistert wie meine Freundin.

Die Yongkang Road war eine Barstreet, in der sich auf 50 Meter Länge rund 70 Bars dicht an dicht getummelt und einander zugeprostet haben. Eine Intensität, wie es sie in der restlichen Welt kaum bis nirgendwo zu finden gibt. Vor allem nicht im mit strengen Bauordnungen zu Tode regulierten Westen.

Als im Jahre 2010 die Yongkang Road noch keine Barstreet gewesen ist, war sie eine eher ruhige Straße mit einem Markt in der ehemaligen französischen Konzession, einem recht großen inneren und malerischen Stadtgebiet von Shanghai. Als dieser Markt von Behörden geschlossen wurde, haben sich westliche Expats und chinesische Unternehmer einen Laden nach dem anderen angeeignet, um diesen nach individuellen Vorstellungen mit höchster Kreativität und Wohlfühlfaktor innen einzurichten.

Schöne Markisen reihten sich an beiden Straßenseiten aneinander. In der blauen Stunde leuchteten die individuell gestalteten Reklametafeln und erzeugten einen stimmungsvollen Farbenzauber. Tausende Menschen bevölkerten abends diese Straße, die tagsüber entweder in Shanghai arbeiteten oder als Touristen die Stadt eroberten. Es wurde laut und voll. Menschen aus aller Welt, aus jedem Kontinent zeigten, wie schön, harmonisch, friedlich, urban und weltstädtisch sich international anfühlt. Menschen gingen miteinander ins Gespräch, lachten, grölten, machten Party. Taxis kamen kaum durch, gehupt wurde ständig von vorbeifahrenden Elektrorollern und die chinesischen Anwohner, die nicht unbedingt erfreut waren über diese Entwicklung, brachten kein Auge zu. 

Es gab in den letzten fünf bis sechs Jahren immer wieder Konflikte zwischen Anwohnern und den Barstreetbetreibern. Für die eine Seite war es der Himmel, für die andere die Hölle, wie es einst der Chinadaily USA beschrieb. Doch sind es nicht diese Konflikte, die hier im Zentrum stehen sollen. 

Diese Barstreet wird es in ihrer bisherigen Form nicht mehr geben, denn nun haben die Behörden, nachdem sie sechs Jahre lang weggesehen und geduldet haben, beschlossen, die Barstreet auf Lizenzen hin zu untersuchen. Wer keine Lizenz hat, darf auch keine Bar betreiben. So mussten nun die meisten Bars schließen und eine einzigartige, durch unterschiedliche Faktoren zustande gekommene Intensität an unternehmerischem Geist gestaltete Straße nimmt ihr Ende. Was zeigt uns das? Man sieht, dass wenn Menschen unreguliert und frei sind, Orte entstehen können, an denen sich Touristenattraktionen entwickeln können. Orte, die magnetisch auf Menschen wirken. Die Barbetreiber haben sich einfach die leerstehenden Läden angeeignet, ihr Geld investiert und als man nach kurzer Zeit merkte, wie die Menschen das dankbar annehmen, öffnete Woche für Woche eine weitere Bar. Die Problematik mit den Anwohnern ergab sich dadurch, dass es keinen allgemein freien Markt in der Situation für Anwohner gibt und gab und auch keine Hausordnungen eine Rolle spielten. Aber aus der unternehmerischen Perspektive sieht man, was passiert, wenn es keiner Lizenzen oder anderer Erfüllungen bedarf, durch welche staatliche Behörden zu Regulatoren und oft auch zu Totengräbern für Entwicklungen werden. 

Behindert der Staat die Menschen nicht, kann eine Yongkang Road auch ohne Anwohnerproblematik (die man separat thematisieren muss) überall auf der Welt entstehen. In diesem Sinne war diese Straße ein historisches Beispiel dafür, was es bewirkt, ob Menschen freier oder unfreier sind.

Für jeden, der diese Straße an einem Shanghaier Abend in den letzten fünf bis sechs Jahren nie besucht hat, tut es mir von Herzen leid, diese großartige Erfahrung nicht gemacht zu haben. Man kann sich das im Westen gegenwärtig einfach nicht vorstellen, was für ein lebensbejahender und intensiver Ort das war. Einfach cool und historisch.

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