Dienstag, 16. August 2016

Katastrophe in Venezuela: Die sozialistischen Gesellschaftsklempner und ihr Geschwätz von gestern und heute

Venezolaner fliehen nach Kolumbien, um sich mit
Grundnahrungsmitteln eindecken zu können.
von Jorge Arprin
Vor drei Monaten berichtete ich darüber, wie in deutschsprachigen Zeitungsredaktionen niemand in der Lage ist, das wirtschaftliche Desaster in Venezuela mit dem Sozialismus in Verbindung zu bringen. Die wahren Anhänger von Chavez im Westen findet man jedoch in der Politik. Sehr viele bekannte linke Politiker haben sich in den letzten Jahren positiv über den Chavismus in Venezuela geäußert, darunter Mitglieder der Linkspartei, der spanischen Podemos oder der britischen Labour-Partei. Jeremy Corbyn sah, wie so viele Linke, in Chavez eine Hoffnung für die ganze Welt. So twitterte er zum Beispiel im März 2013:
,,Thanks Hugo Chavez for showing that the poor matter and wealth can be shared. He made massive contributions to Venezuela & a very wide world''
Was denken diese Leute heute über Venezuela? Tatsächlich haben sich seit meinem letzten Artikel einige Chavez-Fans zur Lage in Venezuela geäußert. Sie sind nun weniger euphorisch, aber von einem Wandel ihrer Ansichten kann man nicht sprechen. Stattdessen wendet jeder seine eigene Taktik an, um gleichzeitig Sozialist zu bleiben und Venezuelas Desaster in Kenntnis zu nehmen.

Sahra Wagenknecht

Die libertären „Sons of Libertas“ veröffentlichten am 9. Mai ein Video, in dem sie Sahra Wagenknecht über verschiedene Themen ausfragten. An einer Stelle kam das Thema Venezuela auf:
Sons of Libertas: „Sie und ihre Partei haben sich vor einigen Jahren positiv zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Venezuela geäußert. Momentan ist es darum ein wenig ruhig geworden. Wie ist ihre Meinung dazu?“ 
Wagenknecht: „Naja, es sieht ja jetzt danach aus, dass dort doch vieles auch wieder nach hinten geht. Die Armut wächst, die Krise ist stark, natürlich leidet Venezuela auch unter dem niedrigen Ölpreis, aber es ist eben leider nicht so nachhaltig mit den Reformen wie wir uns das mal erhofft hatten.“ (Lächeln)
Wagenknechts Taktik: Dem Ölpreis die Schuld geben.

Bernie Sanders

Eins muss man Sanders lassen: Er hat sich nie positiv über Chavez geäußert. Er bezeichnet sich nur selbst als Sozialisten, hat während seiner politischen Karriere Fidel Castros Kuba und die Sandinisten in Nicaragua gelobt, eine Flagge der Sowjetunion in seinem Büro hängen gehabt, die Verstaatlichung aller Banken und Ölkonzerne gefordert und sich positiv über Warteschlangen für Nahrungsmittel geäußert:
„You know, it’s funny. Sometimes American journalists talk about how bad a country is when people are lining up for food. That’s a good thing. In other countries, people don’t line up for food. The rich get the food and the poor starve to death.“ 
So gesehen, gibt es in Venezuela viele soziale Wohltaten, die er gerne in den USA umsetzen würde.

Hat Sanders aber auch eine Meinung zu dem, was diese sozialen Wohltaten in Venezuela angerichtet haben? In einem Interview mit der „Univision“ am 23. Mai versuchte ein Reporter, ihn dazu zu befragen:
Univision: „I am sure that you know about this topic: various leftist governments, especially the populists, are in serious trouble in Latin America. The socialist model in Venezuela has the country near collapse. Argentina, also Brazil, how do you explain that failure?“ 
Sanders: „You are asking me questions …“ 
Univision: „I am sure you’re interested in that.“ 
Sanders: „I am very interested, but right now I’m running for President of the United States.“ 
Univision: „So you don’t have an opinion about the crisis in Venezuela?“Sanders: „Of course I have an opinion, but as I said, I’m focused on my campaign.“

Sanders Taktik: Kein Kommentar abgeben.

Juan Carlos Monedero (Podemos)

Die spanische Partei Podemos hat oft Venezuela als Vorbild für Spanien bezeichnet. Am 29. Juni gab der Podemos-Mitgründer Juan Carlos Monedero der „Zeit“ ein Interview, in dem auch die Frage nach der Entwicklung in Venezuela aufkam. Monederos Antwort zum Hunger in Venezuela:
Ich will nicht sagen, dass die Chavisten alles richtig machen. Aber nicht an allem ist die venezolanische Regierung schuld. (…) Der Ölpreis, die Haupteinnahmequelle des Landes, ist, wegen äußerer Einflüsse, um 80 Prozent gesunken. Stellen Sie sich mal vor, die deutsche Wirtschaft würde 80 Prozent ihres Werts verlieren. Warum übrigens sprechen wir immer über Venezuela, aber nicht über Saudi-Arabien, Israel, Kolumbien oder Mexiko? Dort haben sie letzte Woche auf Lehrer geschossen, die protestierten. Keiner regt sich darüber auf. Stellen Sie sich mal vor, das wäre in Venezuela passiert, was dann los wäre. Menschenrechtsverletzungen müssen überall verfolgt werden.
Monederos Taktik: Whataboutismen.

Jeremy Corbyn

Schließlich kommen wir zu Jeremy Corbyn zurück. Hier gibt es leider nichts zu berichten, denn Corbyn hat sich seit Jahren nicht mehr zu Venezuela geäußert. Nicht nur das, er hat alle Artikel über Venezuela von seiner Website gelöscht. Das Vaporisieren ist eine altbekannte sowjetische Taktik, die von Corbyn auch bezüglich anderer Themen, wie z.B. der EU oder Israel, angewandt wurde.

Corbyns Taktik: Alle Venezuela-Artikel löschen.

Zusammenfassung

Wie erklären sich die Sozialisten also, dass Venezuela mit Ausnahme Syriens das einzige Land ist, in dem Menschen ihre Katzen essen? Mit viel Kreativität: Sahra Wagenknecht gibt dem Ölpreis die Schuld, Bernie Sanders weigert sich einen Kommentar abzugeben, Juan Carlos Monedero von Podemos kommt mit Whataboutismen und Jeremy Corbyn löscht in Stalin-Manier alle seine Artikel über Venezuela von seiner Website.

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