Montag, 25. Juli 2016

Rezension: Die Regierungen wechseln, die Berater bleiben

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Hubert Milz rezensiert
Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft, 269 Seiten, 9,95 Euro, Kopp
Zbigniew Brzezinski, der Autor des Buches, wurde 1928 in Warschau geboren. Die Familie weilte seit 1938 in Kanada und Brzezinski erwarb 1958 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Brzezinski gilt als eine "Graue Eminenz" unter geo- und militärpolitischen Beratern in und rund um Washington D. C. - und dies schon seit Jahrzehnten. Brzezinski beriet die demokratischen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson oder Jimmy Carter und wird von Barack Obama überschwänglich gelobt. Aber auch republikanische Präsidenten - wie Ronald Reagan oder die beiden Bushs - hörten auf Brzezinski.

Brzezinski wird meist als den Demokraten nahestehend dargestellt. Sein Gegenpart auf republikanischer Seite ist nach dieser Sichtweise die dortige "Graue Eminenz" Henry Kissinger. Aus Parteiensicht mag dies zutreffen, inhaltlich jedoch kaum. Beide "Graue Eminenzen" befürworten eine Politik, die ohne jedwede Rücksicht auf andere - nach Außen und nach Innen - nur machtpolitische US-Interessen zum Kalkül hat. Beide sind Vertreter eines ähnlichen konsequenten Unilateralismus.

Auch in diesem Buch, welches im amerikanischen Original 1997 als 'The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives' erschienen ist und zu einer Art internationalem Bestseller avancierte, macht Brzezinski wie üblich aus seinem bedingungslosen Unilateralismus kein Geheimnis.

Zunächst streift Brzezinski in einem kurzen Überblick die Weltreiche, die es in der Geschichte der Menschheit in den verflossenen Jahrtausenden gegeben hat. Für Brzezinski sind dies alles nur sogenannte Weltreiche gewesen. Im eigentlichen Sinne erkennt Brzezinski z. B. im Römischen Imperium - im Reich Karl V., in welchem die Sonne nie unterging - oder im Britischen Empire keineswegs Imperien. Brzezinski zeigt auf, in welcher Art und Weise jene sogenannten Imperien ihre Machtausdehnung bewerkstelligt hatten und mit welchen Mitteln diese sogenannten Imperien ihre Machtstellung versucht hatten zu konservieren oder auch weiter auszuweiten.

Das erste und bisher einzige Imperium der Weltgeschichte ist nach der Lesart Brzezinskis das US-Imperium. Für Brzezinski ist die Welt das Schachbrett für die Spielzüge der Geopolitik. Dieses machtpolitische Spiel ist von den USA derart zu gestalten, dass alle eventuell möglichen Konkurrenten des US-Imperiums kleingehalten, geschwächt und/oder völlig ausgeschaltet werden.

Um dieses Ziel zu erreichen sind alle Mittel erlaubt - Skrupel sind ein Luxus, den Brzezinski sich nicht leisten kann, denn er predigt einen bedingungslosen Machiavellismus! Brzezinski schwelgt zwar in Lobpreisungen bezüglich der Werte der westlichen Welt, will jedoch gerade diese aufgelisteten Werte (Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, Freihandel etc.) nötigenfalls ganz gezielt als Instrumente missbrauchen, sobald ein solcher Missbrauch dem Erhalt der weltweiten US-Vormachtstellung dienlich ist.

Dies ist die Essenz, die meiner Erachtens zwangsläufig und logisch aus den Ausführungen Brzezinskis abzuleiten ist. In der Lesart Brzezinskis gibt es demzufolge für das US-Imperium weder Freund noch Feind, sondern nur mögliche Konkurrenten: Freunde sind nur scheinbare Freunde - heute Freund, morgen Feind (und umgekehrt), je nach dem Nutzen für das US-Imperium - meiner Meinung nach nicht nur in der Außenpolitik, sondern ebenso in der Innenpolitik. Daraus folgt jedoch auch, dass das "Management des US-Imperiums" auch im Innern der USA jeden Gegner - US-Verfassung hin, US-Verfassung her - zu eliminieren hat.

Eine Empfehlung zum Schluss: Wer dieses Buch Brzezinskis gelesen hat, sollte im Anschluss einmal einen Blick auf die US-Weltpolitik der letzten Jahrzehnte werfen! 

Anschließend sollte jenes weltweite US-politische Agieren in die Zusammenschau mit Brzezinskis Gedankengebäude, welches er in diesem Buch Stein um Stein aufgebaut hat, gestellt werden.

Dann braucht man sich auch nicht mehr zu wundern, weshalb Barack Obama, der Brzezinski bewundert, im Mai 2014 in einer Rede in West Point gesagt hat: "Ich glaube an die Einzigartigkeit der USA - mit jeder Faser meines Seins. Was uns so einzigartig macht, ist aber nicht unsere Fähigkeit, uns über internationale Normen und das Recht hinwegsetzen zu können; es ist unser Wille, dies durch unser Handeln zu tun."

Danach sollte gefragt werden, ob die vielen Kritiker einer solchen Politik, die vielen Mahner usw. (z. B. Ron Paul oder Paul Craig Roberts, die beide Washington D. C. von Innen kennen und beide das Bild des ursprünglichen/urwüchsigen US-Amerikaners symbolisieren - und diesen ursprünglichen/urwüchsigen US-Amerikaner schätze ich sehr) tatsächlich nur Verschwörungstheoretiker sind, also Spinner, denen keine Beachtung zu schenken ist?

Deshalb, auch wenn Brzezinskis Buch einen Machiavellismus in reinster Form spiegelt, gebe ich dem Buch - wegen Brzezinskis dreister Ehrlichkeit und unverhohlenen Offenheit - vier  von fünf Sternen.

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