Dienstag, 26. Juli 2016

Amok und Terrorismus

Stehen wir im Fadenkreuz?
Bild: Pixabay / CC0 Public Domain
von Jorge Arprin, ohne Rücksicht
Was für ereignisvolle zwei Wochen! Zuerst der Lkw-Terror in Nizza, dann der Putschversuch in der Türkei, gefolgt vom Axt-Terror in Würzburg, die Ereignisse in München, der Machetenmord in Reutlingen und die Explosion in Ansbach. Dabei ist Pokemon Go erst seit drei Wochen auf dem Markt. 

Die Terror-Wochen hatten auch Folgen für die Wikipedia-Historiker: Stand es vor Juli auf der Anzeigetafel noch „Anders Breivik 75:49 Omar Mateen“, hat Mohamed Lahouaiej Bouhlel nun Platz 1 erobert. Ich denke jedoch, es wird nicht in dem Tempo weitergehen. Islamistischer Terror ist zwar nichts Neues, aber ein Anschlag alle vier Tage ist noch nicht zur Normalität geworden und die Ereignisse in der Türkei hatten nichts mit dem Terror in Europa zu tun. In Zukunft dürften also, wenn nicht etwas Außergewöhnliches passiert. In Zukunft dürfte es vermutlich wieder ruhiger werden.

Besagte drei Wochen haben einige absurde Reaktionen hinterlassen. So haben viele Kommentatoren nach Nizza und Würzburg lange behauptet, die „Hintergründe der Tat seien unklar“. Der Nizza-Attentäter sei nicht religiös gewesen und habe nie eine Moschee besucht. Vielleicht war es ein normaler Amoklauf? Hatte der Täter psychische Probleme und war somit unzurechnungsfähig? In Würzburg wurde ein islamistischer Bezug selbst dann geleugnet, nachdem klar war, dass der Axt-Angreifer in Würzburg „Allahu akbar“ geschrien hatte. Schließlich hieß es, der Täter hätte keinen nachweisbaren Kontakt zum IS gehabt. Das zeigt: Wir haben es wieder mit dem Dschihadleugnungssyndrom zu tun.

Der Täter in Nizza mag nicht sein ganzes Leben lang religiös gewesen sein, doch wie die Ermittlungen gezeigt haben, hatte er sich vor der Tat dem Islamismus zugewandt und die Tat monatelang geplant. Wahrscheinlich ist man als islamistischer Terrorist im Westen auch nicht häufig in der Moschee, weil man, verglichen etwa mit Pakistan, fürchten muss, durch radikale Aussagen aufzufallen. Wer psychische Probleme hat, muss deshalb nicht an einer Psychose bzw. an Wahnvorstellungen leiden (im Sinne von echten Wahnvorstellungen, nicht vom blinden Glauben an einen Gott). Und ob der Täter in Würzburg nun ein Schläfer oder ein „Blitzradikalisierter“ war, ist wohl nicht klar, aber ein Islamist war er auf jeden Fall. Zu sagen, jemand, der kein offizielles IS-Mitglied ist, könne kein Islamist sein, ist so, als würde man sagen, der Arprin könne kein echter Liberaler sein, immerhin ist er nicht in der FDP. Oh, glaubt mir, es ist möglich.

In München spricht nun ausnahmsweise nichts für einen islamistischen Hintergrund. Trotzdem schreiben viele Medien von Terrorismus. Das zeigt, dass in der Öffentlichkeit die Wörter „Amok“ und „Terror“ immer häufiger synonym verwendet werden. Das ist ärgerlich, muss aber theoretisch nicht schlimm sein, wenn jeder weiß, was konkret damit gemeint ist (es haben schon viele Wörter ihre Bedeutung gewechselt). Leider ist das nicht der Fall: In Nizza und Würzburg wird mit der Benutzung des Wortes „Amok“ nämlich ein islamistischer Hintergrund in Frage gestellt. Deswegen ist es wichtig, für diese Taten das Wort „Terrorismus“ zu verwenden oder zumindest „islamistischer Amoklauf“, wenn man unbedingt dem Wort Amok zum Aufstieg verhelfen will. Die Tat in München wiederum sollte als nicht-politisch motivierte Tat bezeichnet werden.

Einige fragen sich vielleicht, ob es wichtig ist, zwischen der Motivation der Täter zu unterscheiden? Nicht, wenn es um die Frage geht, ob das eine schlimmer ist als das andere – beides ist gleich schlimm. Aber eine politisch motivierte Tat hat andere Ursachen und somit gibt es auch potenziell andere Lösungen, um damit fertig zu werden. Um Amokläufe vorzubeugen, muss die öffentliche Sicherheit verbessert werden. Bei einer politisch motivierten Tat muss als zusätzliche Präventionsmaßnahme die politische Ideologie, die hinter der Tat steckt, bekämpft werden. Und vor allem: Politisch motivierter Massenmord ist potenziell vielfach tödlicher als nicht-politischer (wie Solschenizyn sagte: Um mehr als Dutzende Menschen zu töten, braucht es eine Ideologie).

Bleibt noch die Frage, was passiert, wenn ich Unrecht hatte und die letzten drei Wochen die neue Normalität sind. In dem Fall müsste nicht nur die Polizei, sondern jeder Bürger mit der neuen Gefahr fertig werden. Liberales Waffenrecht? Schießkurse? Krav Maga? Der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann hat eine bessere Idee:
,,So ist es nachvollziehbar, wenn man sich nun bedroht fühlt, wenn einer mit Axt den Zug betritt. Aber wir dürfen nicht paranoid werden. Es hilft, wenn man hingeht und höflich fragt, was es damit auf sich hat."
Dieser Tipp ist so genial, dass jeder, der ihn befolgt, einen Preis bekommen sollte. Den Darwin Award.

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