Dienstag, 31. Mai 2016

Über Islam, Gewalt und Systemversagen

Photo: Pixabay / CC0 Public Domain / MIH83
von Tommy Casagrande
Immer wieder lese ich die Phrase "Terrorismus habe etwas mit dem Islam zu tun". Ob an dieser Aussage etwas dran ist, hängt von den verwendeten Definitionen ab. 

Ich denke jedoch, dass der Versuch, Terrorismus mit dem Islam gleichzusetzen oder zu erklären, eine Verklärung der tatsächlichen Ursachen darstellt, weshalb Menschen zu Gewalt neigen. Schiebt man die menschliche Gewalt auf den Islam, entsteht der Eindruck, das Problem ließe sich lösen, sobald der Islam bekämpft, vernichtet oder fern gehalten ist. 

Ich sehe es anders. Zum einen ist schon der kollektivistische Ansatz falsch. Der Menschenverstand verbietet eigentlich, alle über einen Kamm zu scheren. Zum anderen könnte man es auf die Formel reduzieren: "Gewalt hat etwas mit Menschen zu tun". Denn wenn eine bestimmte Religion oder eine Gruppe, die sich auf eine solche bezieht, durch Religion nicht mehr ihre Gewalt zum Wandel von realen Problemen legitimieren könnte, würden sich einfach die Bezugnahmen verschieben.
 
Wenn es keinen Islam gäbe und die ganze Welt aus Christen bestünde, dann würden diejenigen Christen, die in armen und zerbombten Ländern leben, so meine ich, auch eher Terrorgruppen hervorbringen und sich dann auf ein fundamentalistisches Christentum beziehen. Das täten diese Menschen aber nicht aus Langeweile oder aus Spaß, sondern weil sie keine besseren Ideen kennen, um eine berechtigterweise als Gefängnis empfundene Welt zu ändern. Die Mittel der Gewalt sind Unrecht, egal welches Ziel man anstrebt. Mittel müssen auf Freiwilligkeit gegründet sein, nur dann kann eine wie auch immer aussehende Welt eine bessere sein. Eine Welt, die nicht auf Freiwilligkeit gründet, als unmenschlich zu empfinden, ist absolut berechtigt. Auch dann, wenn jene, die nur das Gefühl von Unmenschlichkeit empfinden, nicht sich darüber im klaren sind, dass es im Kern die Freiwilligkeit ist, deren Fehlen den Hunger nach einem Wandel nährt.

Ich behaupte, gäbe es auf der Welt keine Religionen mehr, dann gäbe es immer noch Terrorismus aufgrund der gleichen Ursachen wie heute. Systemische Strukturen, die Gesellschaftsschichten und Nationen in Gewinner und Verlierer selektieren.

So lange es keinen freien Markt gibt (was ein freies Leben miteinschließt) und Menschen nicht auf friedlichem Wege danach streben können, was ihr Begehr ist - seien es weltliche Güter oder immaterielle Ideale -, so besteht immer die erhöhte Gefahr, dass manch einer bereit ist, sein Leben und vor allem das Leben anderer für etwas zu opfern, bei dem jener glaubt, die Welt ändern zu können. Mit dieser Handlung aber führt dieser Mensch nur das Unheil fort, welches die Welt zu genau dem Ort hat werden lassen, in dem dieser Mensch nicht mehr leben will. Wenn dieser Mensch nun eine Lehre findet, die ihm in dieser Wahrnehmung aus dem Herzen spricht und dieser Mensch sich in seiner Gewalt durch diese Lehre legitimiert fühlt, dann besteht eine Gefahr durch Terrorismus. 

Diesen Lehren aber die alleinige Schuld in die Schuhe zu schieben ist bequem. Denn erst musste eine Situation existieren, die manch einer für so schlecht und unveränderbar befunden hat, dass er sich Lehren gegenüber öffnet, die ihn zum Werkzeug einer neuen Gewaltideologie haben werden lassen. Das ist wohlgemerkt eine Erklärung, logischerweise niemals eine Rechtfertigung. Fatal ist, dass ein solcher Mensch im Grunde immer ein Getriebener seiner Reaktionen gewesen ist. Er reagierte erst auf das System und danach reagierte er im Sinne der Lehren einer Gewaltideologie. Aktiv hat er seinen Verstand nie verwendet um Reflexionen auszuüben.

Das Problem, wenn man mit den falschen Mitteln (Gewalt) vorhat etwas zu ändern, ist, dass es egal ist, was man tut, wenn man keinen Einfluss hat. Es bringt ja eh nichts. Wenn man aber einen Einfluss hat, dann sollte man das richtige tun. Und darum ist Islamismus der falsche Ansatz um die Welt zu ändern. Sollte sich diese radikalisierte Form des Islam irgendwo behaupten, so werden nachfolgende Generationen nicht einstimmig überzeugt sein, dass ein solches Leben dem ihren entspricht. Auf diese Weise entstehen neue Widerstände und Rebellionen und der Islamismus wird möglicherweise jenes Schicksal erleiden, als dessen Gegensatz er gesehen wurde.

Im übrigen gibt es auch im Westen einen erstarkenden Rechtspopulismus, der Menschen anzieht, die immer mehr zu Verlierern des Systems werden oder geworden sind und deren Sprache eine Verrohung, zunehmende Aggression und Radikalität erfährt - ganze ohne Bezugnahme zum Islam, dafür aber mit Bezugnahme auf Rasse, Nation und Volk.

Was ich in dem Zusammenhang rechtspopulistischen Bewegungen ankreide, ist, dass ihre Analyse und Kritik sich nicht auf das Gewaltmonopol und dessen Eingriffe bezieht, sondern auf die Legitimationsbezugnahme derer, die gewalttätig handeln. Auf diesem Wege lassen sich jedoch niemals die Ursachen für ein zerrüttetes Zusammenleben von Menschen bereinigen. Vielmehr bedeutet dieser Weg eine andauernde und gegenseitige Radikalisierung, ein Hochschaukeln von Aggressionen, während die Ideologisierung zunimmt und Feindbilder sich verhärten.

Bei Gewalt handelt es sich oft um ein menschliches Phänomen, das keine andere Möglichkeit sieht auf die Welt einzuwirken, als über die Zerstörung. Systemische Strukturen verhindern jeden Wandel durch freies, individuelles Engagement. Somit wird friedlicher Wandel erschwert oder verunmöglicht. Das ist ein Nährboden für Menschen, um gewaltsame Veränderungen herbeiführen zu wollen. Es gibt halbstarken Gurus die Möglichkeit, Macht zu erlangen, indem sie von Menschen angebetet oder glorifiziert werden, die in einer Welt mit umgekehrten Vorzeichen (weniger Staat, mehr individuelle Freiheit um sein Leben zu gestalten) eine ganze andere Wertschätzung dem Leben gegenüber bringen würden.

So betrachtet, haben Gewalt und Terror mit dem Islam nichts zu tun, sondern vielmehr wird der Islam, oder der Bezug darauf, als vorgeschobene Legitimation für eine Verhaltensweise gebraucht, verbraucht und missbraucht, deren Ursache in der Unfreiheit unserer Welt zu suchen ist. Der Islam - wobei zu fragen ist, inwieweit es eigentlich eine kollektiv, gelebte Vorstellung dessen unter Muslimen selber gibt - ist somit eine austauschbare Bezugnahme.

Daher wären Bewegungen wichtig, die auf friedlichem Wege und insbesondere ideologiekritisch von einer besseren Welt durch individuelle Freiheit predigen. Man muss die Ursache der Probleme in den gewaltmonopolistischen Strukturen suchen. Ein jeder, der versucht ist, sich offen den Kenntnissen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie zu stellen und die Realität unseres Systems mit den dortigen ökonomischen Analysen abgleicht, erkennt die verzerrende, selektierende, unruhestiftende Wirkung staatlicher Eingriffe. 

Wie die Österreichische Schule lehrt, handeln Menschen um ihr Leben zu verbessern. Ganz offensichtlich sehen manche Menschen keinen anderen Weg, als mit furchtbaren Gewalttaten die Welt und ihr Leben zu verbessern. Das deutet nicht bloß, wie alle Welt meint, auf eine wahnsinnige Ideologie oder unmoralische, geisteskranke Extremisten, sondern vor allem auf ein gewaltiges Manko an individueller Freiheit, denn individuell freie Menschen sind in der Lage, ihre unmittelbare Umwelt zu ändern und ihrem Leben Sinn zu geben. Der freiwillige Austausch von Handlungen befriedigt nicht nur, sondern er befriedet auch.

Es wäre darum schön, wenn jene, die vor einer linkspopulistischen Weltbetrachtung reflexiv in den Rechtspopulismus abdriften, weil auch sie mit der Welt und dem System unzufrieden sind, kurz inne halten und ihren Aggro-Konfrontationskurs noch einmal überdenken. Indem man automatisch das Gegenteil derer tut, die man verabscheut, tut man nicht zwangsläufig Recht. Denn wie der Anarchokapitalismus aufzeigt, ist die ethisch korrekte Position jenseits von links und rechts.

Nur weil mich jemand zum Veganerdasein zwingen möchte und seit Jahrzehnten das versucht, stürze ich mich nicht mit Leib und Seele in eine Fleisch-Sekte und fordere eine Zwangsernährung dieser Menschen mit Fleisch. Unrecht löst man nicht mit Unrecht. Feuer löscht man nicht mit Benzin. Die Lösung menschlicher Konflikte liegt in dem Abschwören von Gewalt und Zwang begründet. Jeder Mensch darf essen, was immer ihm schmeckt. Und jeder Mensch darf glauben, was immer er glaubt. Solange man keinem anderen Schaden zufügt.

Nur mit einer solchen Haltung lässt sich friedliches Zusammenleben von Menschen bewerkstelligen.

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