Mittwoch, 11. Mai 2016

Staatenlose Demokratie: Politische Ansichten eines Staatenlosen

von Christoph Heuermann, dem Staatenlosen
Es ist kein Geheimnis, dass ich kleine Staaten toll finde. Nicht ohne Grund sind die meisten Offshore-Länder Zwergstaaten. Und nicht ohne Grund ist mein derzeitiges Aufenthaltsland Malta eines der kleinsten Staaten Europas. Im Zeitalter des Zentralismus ist es freilich immer schwieriger für Kleinstaaten zu argumentieren. Gerade in den Schulen wird die Zeit deutscher Kleinstaaterei vor allem als negative Epoche beschrieben. Dabei gibt es plausible akademisch validierte Argumente, dass die Kleinstaaterei Deutschland und auch erst Europa zu dem gemacht haben, was es heute ist. Ob von den Anfängen der griechischen Polis, die Stadtstaaten Italiens oder die vielen Fürstentümer Deutschlands – sie haben die europäische Geschichte entscheidend geprägt.

Mein etwa 2 Jahre alter Essay zu dieser Thematik nimmt sich dem Thema an. Seitdem habe ich Unmengen dazu gelernt, dies freilich hat meine damaligen Grundannahmen nur weiter validiert.

Als Staatenlosen möge man mich fragen, warum ich in diesem Essay einem Staat eine Existenzberechtigung zuspreche. Dies ist ein schwieriges Thema, das einmal anders näher behandelt wird. Kurz gesprochen würde mich ähnlich wie dem im Text genannten Philosophen Leopold Kohr als „philosophischen Anarchisten“ bezeichnen, der die Anarchie bewusst als Utopie sieht. Um ihn mit seinen eigenen Worten zu zitieren.

„Frei von Ideologien!
Das ist Anarchismus! Es ist die edelste der Philosophien. Aber eine Gesellschaft kann nur ohne Staat und ohne Regierung leben, wenn der Einzelmensch so ethisch erzogen ist, dass es niemandem einfallen würde, in den Bereich des anderen einzudringen. Ihm auf die Füße zu steigen. Anarchisten, die jemanden erschießen, die sind Lustmörder. Die sollen eingesperrt werden! Lebenslänglich. Nicht weil sie jemanden umgebracht haben, sondern weil sie sich Anarchisten nennen.''

Staatenlosigkeit ist wie in meinem Buch und hier erklärt vor allen eine mentale Einstellung. Politisch mag man – und auch ich – Theorien einer Privatrechtsgesellschaft offen gegenüber stehen, die jedoch meiner Meinung nach den evolutorischen Prozess zur Schaffung einer solchen außer Acht lassen. Wer mich kennt, weiß, dass ich kleinste Einheiten am meisten schätze – und damit in letzter Instanz das Individuum.

Doch wenn uns politisch auch nicht die kleinste Einheit – das Individuum – vergönnt ist, so sollten wir es zumindest mit der nächstgrößeren Einheit versuchen!

Genaueres dazu könnt ihr in meinem eher spielerischen Essay aus 2013 nachlesen, den ich hier erneut abdrucke. Ausgangsfrage in ihm war das Verhältnis von Demokratie und Liberalismus, das ich immer noch in der kleinsten Einheit am ehesten harmonisch verwirklicht sehe. Ich hoffe, ich kann dem Wunsch vieler Leser nach mehr Ethik und Moral wie auch meinen politischen Ansichten damit entsprechen! Falls ich mich dann mal als Demokrat oute, wisst ihr was ich eigentlich damit meine!

Demokratie und Liberalismus - Harmonie im menschlichen Maß

„Dosis facit venenum“ – die Dosis macht das Gift – wusste schon der berühmte Arzt Paracelsus zu berichten. Diese Weisheit lässt sich nicht nur auf den Organismus des Menschen, sondern auch auf den der Gesellschaft anwenden. Symptomatisch für unsere Zeit ist der Kult des Kolossalen, der sich längst nicht nur auf Prestige-Projekte wie die Hamburger Elbphilharmonie erstreckt. Wilhelm Röpke, vom dem noch später die Rede sein wird, fasst diesen Kult in trefflichen Schlagworten zusammen: Hybris, Rationalismus, Szientismus, Technokratentum, Sozialismus, Massendemokratie jakobinischer Art (Röpke 1958).

Diese Schlagwörter des Großen scheinen so gar nicht mit den Idealen des Liberalismus zu korrespondieren, mit der Realität der Demokratie jedoch zu harmonieren. Doch so sehr es nach einem Spannungsverhältnis aussieht, so wenig handelt es sich um eines. Demokratie harmoniert mit dem Liberalismus – aber nur im menschlichen Maße! Denn was heute in den Politikwissenschaft als „liberale Demokratien“ bezeichnet wird, hat wenig mit Demokratie noch mit Liberalismus zu tun. Was dieses menschliche Maß nun konkret ist, sei nach einer Einführung in das hier benutzte Verständnis von Demokratie und Liberalismus erläutert, an das sich die konkreten Implikationen anschließen.

Demokratie und Liberalismus sind beides Begriffe, die der babylonischen Sprachverwirrung zum Opfer gefallen sind. Wen wundert diese Folge ob der dem Turmbau zu Babel ähnlichen Megalomanie der meisten alten wie neuen „Ismen“, die, an sich nachvollziehbare, Ideen ins gefährliche Extrem überdehnen. Der Ideenhistoriker Eric Voegelin sah dies als Folge eines politischen Gnostizismus, der sich in den drei zentralen Varianten des Progressivismus, des Utopismus und des revolutionärem Aktivismus äußert (Voegelin 1999: 107f). Auch der „Ismus“ des Liberalismus ist in seinen verschiedensten Ausprägungen von diesen nicht verschont geblieben.

Um eine trotz der Sprachverwirrung nicht willkürliche Definition der Begriffe „Demokratie“ und „Liberalismus“ zu geben, sei sich mit ihrer Etymologie auseinandergesetzt: so steht Demokratie nicht etwa für Volksherrschaft, sondern bezeichnete bei den alten Griechen die Selbstverwaltung kleinster Einheiten. Die „Deme“ ist als kleinste Verwaltungseinheit primärer Identitätsbezug ihrer Bürger. Das Gemeinwesen der Polis dürfe höchstens so groß sein, dass sie vom Versammlungshügel aus vollständig überblickt werden könne. Nur diese konkrete Öffentlichkeit der Heimatgemeinde galt als „demosios“ (Taghizadegan 2009: 2ff).

Auch der Liberalismus entstand aus einem Kontext des Kleinen: „liberal“ kommt von „liberalis“, das heißt „eines Freigeborenen würdig“. Bis ins 18. Jahrhundert war es etwas Individuelles: eine Bezeichnung für eine persönliche Tugend, die sich noch bis in die heutige Zeit gerettet hat. So sprach Johann Wolfgang von Goethe 1830 von: „Güte, Milde und moralische Delicatesse“(Eckermann 2006). Den Liberalismus von etwas Kleinem zu etwas Großen machte ausgerechnet ein kleiner, aber größenwahnsinniger Franzose: Napoleon war der Erste, der im großen Stile von „liberalen Ideen“ sprach und somit den politischen Begriff prägte, der sich in den folgenden Jahrzehnten rasant ausdifferenzierte und vollends zum „Ismus“ wurde.

Eine Definition von „Liberalismus“, die mit dem dargestellten Demokratie-Begriff zu harmonieren scheint, stammt von Wilhelm Röpke: das “Prinzip der politischen Dezentralisierung“ enthalte bereits das „Programm des Liberalismus“ (Röpke 1944: 179). Der„alte Liberalismus“ habe nicht in seinem Plädoyer für die Marktwirtschaft geirrt, sondern in seiner gesellschaftlichen Lehre (Röpke 1944: 18): „dem Kult des Kolossalen“, für das er die anfangs erwähnten Schlagwörter benutzte. Für Röpke ist der Liberalismus eine Idee, „die die Grundlage des Wesens abendländischer Kultur schlechthin ausmacht“ (Röpke 1950: 15). Er erklärt daher in diesem Kontext: „Das Maß der Wirtschaft ist der Mensch und das Maß des Menschen ist sein Verhältnis zu Gott“ (Röpke 1962: 355).

Er war nicht der Erste und ist nicht der Letzte, der die Worte vom menschlichen Maße in den Mund nimmt. Schon der antike Philosoph Protagoras erklärte: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, daß sie sind, der Nichtseienden, daß sie nicht sind“. Besonders prägend für den Begriff wurde dann ein grüner Anarchist, der österreichische Ökonom Leopold Kohr, der eine Philosophie der Größe vertrat, die seinem Ökonomenfreund E.F. Schumacher zu seinem bekannten Werk „Small is beautiful“ inspirierte. Kohr schreibt in seinem Werk „Das Ende der Großen. Zurück zum menschlichen Maß“: „Die Größe scheint das zentrale Problem der Schöpfung zu sein. Wo immer etwas fehlerhaft ist, ist es zu groß. […] Die Größe – und nur die Größe! – ist das zentrale Problem der menschlichen Existenz, im sozialen und im physischen Sinn“. (Kohr 2002: Einleitung). Mit Größe meint Kohr nicht die absolute, sondern die relative, die zu große, Größe. Die einzige Rettung sei „die Idee und das Ideal der Kleinheit als einziges Serum gegen die krebsartige Wucherung der Übergröße […]“.

Doch wo hört Größe auf und fängt Kleinheit an? Was ist das menschliche Maß? Gibt es objektive Kriterien oder siegt die subjektive Willkür? Röpke wie Kohr haben beide darüber geschrieben. Zuerst lassen wir aber Friedrich August von Hayek mahnen: „Es kann keine allgemeine Regel für die wünschenswerte Größe geben, da diese von den ständig wechselnden technischen und wirtschaftlichen Bedingungen abhängt“ (Hayek 2003: S.384). Wilhelm Röpkes Ideal des menschlichen Maßes entspricht einem kleinen 3000-Seelen-Dorf in der Schweiz mit Handwerk, Landwirtschaft und Mittelstand (Röpke 1944: 80f). „Äußerstes Maximum“ sei für ihn eine Stadt mit 50 000-60 000 Einwohnern (Röpke 1944: 287f). Leopold Kohr ist dies noch zu groß. Er schreibt, dass eine Gemeinschaft bei etwa 350 Personen die Größe erreicht, bei der berufliche Spezialisierung möglich wird (Kohr 1988: 36f). Aggregaten mehrerer zehntausend Menschen steht Kohr kritisch gegenüber: „Nach dem Wirtshaus-, Dorf- und Stadtstaat kamen die Stamm-, National-, Kontinentalstaaten und internationale Wirtschaftsgemeinschaften, die unser Summum bonum mit keinem einzigen zusätzlichen Genuß bereichern können, der nicht schon den Bürgern des kleinen Liechtenstein zur Verfügung steht. Alles, was uns diese überwachsenen Monsterorganisationen geben, sind mehr Kosten mehr Streitereien, mehr Sorgen, mehr Probleme, zu deren Lösung diese überwachsenen Staatsgebilde das Gefühl haben, daß sie immer noch größer werden müssen […].(Kohr 1988: 38).Ludwig von Mises erklärt dies in seiner „Kritik des Interventionismus“ (1976) anschaulich: jede Intervention müsse zwingend weitere Interventionen nach sich ziehen. Folge dieser „Interventionsspirale“ ist das, was man in der Finanzwissenschaft als das „Wagnersche Gesetz steigender Staatsquoten“ kennt. Von einem reinen Ordnungsstaat ohne Interventionen bildet sich so der moderne Wohlfahrtsstaat heraus, eine „Megamaschine“ wie Lewis Mumford (1974) es ausdrücken würde, dir immer weiter anwächst, den Menschen entfremdet und dabei ganz sicher alles ist, aber nicht liberal.

Doch ist das menschliche Maß nicht unbedingt quantitativ zu fassen, sondern vielmehr qualitativ: es geht nicht so sehr um die quantifizierbare Größe, sondern um ihre Angemessenheit für den Menschen und seiner Natur. Wilhelm Röpke scheint hier durch den spanischen Philosophen Jóse Ortega y Gasset geprägt zu sein, der diesen Unterschied in seiner Massenpsychologie traf: Masse sei kein quantitativer Begriff im Sinne vieler Menschen. „Masse bezeichnet keine gesellschaftliche Klasse, sondern eine Menschenklasse oder -art.“ im qualitativen Sinne(Ortega y Gasset 1931: 113). Röpke meint mit dieser Art Mensch den modernen Massenmenschen, der in seiner Konformität mit dem Strom schwimmt. Er schreibt, dass im kollektivistischen Staat die Vermassung „ihren unüberbietbaren Höhepunkt“ erreicht (Röpke 1944: 250).

Diese Art von Mensch ist in einer unüberschaubaren, großen Gesellschaft ein Problem: Ortega y Gasset sei nochmals ausführlich zitiert: „Der Massenmensch sieht im Staat eine anonyme Macht und, da er sich selbst genauso anonym fühlt, glaubt er, dass der Staat zu ihm gehört. Wenn sich im öffentlichen Leben eines Landes eine Schwierigkeit, ein Konflikt oder ein Problem auftut, neigt der Massenmensch dazu eine sofortige Intervention und direkte Lösung seitens des Staates mit seinen immensen und unangreifbaren Ressourcen einzufordern. […] Wenn die Masse irgendein Unglück erfährt oder einfach einen starken Appetit verspürt, liegt ihre große Versuchung in jener stets gewissen Möglichkeit alles ohne Mühe, Streit, Zweifel oder Risiko zu bekommen, indem sie bloß einen Knopf drückt und die mächtige Maschinerie in Bewegung setzt“ (Ortega y Gasset 1931). In einer kleinen Gemeinschaft kann es jedoch schon allein rein quantitativ keinen Massenmenschen geben. Auch qualitativ ist die Art Mensch, die wie Röpke es sagen würde in einer „natürlichen Ordnung“ lebt (Röpke 1950: 153), vom modernen Massenmenschen verschieden, weil in einer kleinen Gemeinschaft andere Verhältnismäßigkeiten gelten als in einer großen. Konkret wären dies ein besseres Verständnis gesellschaftlicher Prozesse, persönliche Verantwortlichkeit und Solidarität, der Schutz des Individuums sowie eine höhere Dynamik, sowohl in wirtschaftlich-politischer, psychologischer als auch moralischer Hinsicht.

Der erste Aspekt leuchtet ein: eine kleine Gemeinschaft ist überschaubarer und damit weniger komplex im Sinne sie überblicken zu können. Das Individuum ist hier notwendiger Teil des gesellschaftlichen Prozesses – sein alltägliches Handeln, seine Entscheidungen werden im Regelfall einen Unterschied machen. Sich dieser Verantwortung bewusst wird sich das Individuum eher für gesellschaftliche Prozesse interessieren, an ihnen partizipieren durch demokratische Wahlen. Aktiv, indem er auf direktdemokratischem Wege Einfluss auf ihn unmittelbar betreffende Entscheidungen nehmen kann, passiv indem, eben bedingt durch die Kleinheit, zeitlebens ein politisches Amt ehrenamtlich zu bekleiden notwendig für diese Gemeinschaft ist. Die Kleinheit hat zudem den Vorteil, dass sie eine Wirtschafts- und Verwaltungsstruktur bedingt, die eben nicht durch Großorganisationen, sondern durch viele selbständig handelnde Individuen geprägt ist. Friedrich August von Hayek machte in dieser Hinsicht nämlich eine spannende Beobachtung: „Wir hatten schon Gelegenheit von der Gefahr zu sprechen, die sich aus der Tatsache ergibt, das immer größere Teile der Bevölkerung in immer größeren Großunternehmen arbeiten und deshalb mit dem Ordnungssystem Organisation vertraut sind, aber nichts vom Marktmechanismus wissen, der die Tätigkeiten der einzelnen Großunternehmen koordiniert“ (Hayek 2003: 385). Eine kleinere Gemeinschaft begünstigt also das Verständnis gesellschaftlicher Prozesse – seien es politische, wirtschaftliche oder sonstige. Politisch fabrizierter Unsinn ist hier auch für den Durchschnittsbürger leicht zu erkennen.

Der zweite Aspekt der persönlichen Verantwortung und Solidarität ist bereits angeklungen. Das Verstehen und Mitwirken am politischen Prozess heißt Verantwortung für seine Mitmenschen zu tragen. Oft hört man, dass Liberalismus und Verantwortung zusammen gehören. Auch auf die Demokratie trifft dies zu. Verantwortung kann getragen werden oder nicht. In kleinen Gemeinschaften ist es logischerweise jedoch sehr viel wahrscheinlicher selbst diese persönliche Verantwortung zu übernehmen als sie an ein unpersönliches Organ abzuschieben. Einerseits, weil gesellschaftliche Prozesse besser verstanden werden, andererseits, weil man sich untereinander kennt. Man muss – dies liegt in der Natur des Menschen – sich nicht immer mögen, doch man kann miteinander handeln. Kleinheit führt so zur Internalisierung von Konflikten. Vertrauen ist dabei ein hohes Gut, das einmal gebrochen, sich in einer kleinen Gesellschaft schnell herumspricht. Man kann sich dann eben nicht einfach so seiner Verantwortung entziehen. Gerade das schmiedet ein Zusammengehörigkeitsgefühl – eine Identität -, die im Kleinen sehr heilsam ist, übersteigert aber illiberale Züge annehmen kann. Verbunden damit ist der Stolz auf sich und seine Gemeinschaft, der sich jedoch in einem selbstverstärkenden Prozess selbst schwächt, weil die Anstrengungen zur Aufrechterhaltung dieser demokratischen Gemeinschaft im Kleinen schwinden. In dieser Hinsicht bemerkte schon Thukydides zur Demokratie: „Der Name, den sie trägt, ist zwar der der Volksherrschaft, weil die Macht nicht in den Händen weniger, sondern einer größeren Zahl von Bürgern ruht; ihr Wesen aber ist, dass nach den Gesetzen zwar alle persönlichen Vorzüge niemandem ein Vorrecht verleihen, hinsichtlich seiner wirklichen Geltung aber jeder, wie er sich in etwas auszeichnet, im Staatsdienst seine volle Anerkennung findet: eine Anerkennung, die nicht auf Parteigetriebe, sondern auf wirklichem Verdienst ruht“ (Thukydides 2,34-46).

Solidarität ist in der kleinen Gemeinschaft vor allem freiwillig und eben keine„mechanisch-anonyme Kollektivfürsorge“(Röpke 1944: 250). Man kennt sich untereinander, hilft sich also auch gegenseitig bei Problemen. Der Schweizer Freiheitspublizist Robert Nef ist der Ansicht, dass Solidarität unter anthropologischen Gesichtspunkten auf kleine Kreise begrenzt ist. Man dürfe gewöhnliche Menschen nicht dazu zwingen, jemanden zu helfen, der einer ganz anderen Kultur und Sprache angehöre, weil dies jene überfordert. Doch liegt es im Eigeninteresse der Individuen, dass es ihren Nachbarn gut geht und ihr Viertel kein Armutsquartier wird. Wo sie nicht persönlich solidarisch sein können, entfalten Kirchen und andere Organisationen ihre Solidarität. Und in letzter Konsequenz gibt es noch die Gemeinde, die für die sorgen kann, für die niemand sonst da ist. Friedrich August von Hayek kann die bisherigen Ergebnisse gut zusammenfassen:„Vertraute man die Ausführung der meisten Dienstleistungen des Staates wieder kleineren Einheiten an, so würde das wahrscheinlich zu einem Wiederaufleben des Gemeinsinns führen, der durch die Zentralisierung weitgehend erstickt worden ist. Die weithin empfundene Unmenschlichkeit der modernen Gesellschaft ist […], dass die politische Zentralisierung ihm weitgehend die Möglichkeit genommen hat, an der Gestaltung der ihm bekannten Umwelt teilzuhaben“ (Hayek 2003: 453). Auch in Hinblick auf persönliche Verantwortung und Solidarität scheinen Demokratie und Liberalismus in einer kleinen Gemeinschaft zu harmonieren. Demokratie, indem die Mitwirkung an ihr Verantwortung erfordert und kollektive Solidarität mittels freiwilligen direktdemokratischen Wahlakten gewährt werden kann, aber nicht muss. Dies ist auch das Ideal fast aller Liberalismen: Verantwortung und freiwillig gewährte Solidarität.

Der dritte Aspekt betrifft den Schutz des Individuums vor der Obrigkeit. In einer kleinen Gemeinschaft gibt es keine anonyme Obrigkeit in Form von Bürokratien. Eben, weil man sich kennt, sich vertraut, ist eine solche Obrigkeit nicht nötig. Gewählte Politiker können die Aufgabe wahrnehmen, die sie im ursprünglichen Sinne wahrnehmen sollten: sich für die Gemeinschaft einsetzen statt über sie zu befehlen. Politiker tragen Verantwortung für ihre politischen Entscheidungen, für die sie haftbar gemacht werden können. In einer großen Gesellschaft würde diese Haftbarkeit weitgehend zu Stillstand führen, weil niemand die Folgen überblicken kann. Dies jedoch ist im überschaubaren, rechten Maße möglich. Sie leben auch unter ihres gleichen statt täglich im Olymp des Parlaments mit anderen Politgöttern ihre Hybris auszuspielen. Sie sind näher an den Sorgen und Nöten ihrer Mitmenschen und haben es schwer, Sonderinteressen durchzusetzen. Der Lobbyismus ist alltäglich und geht von jedem aus statt einer finanzkräftigen Minderheit am weit entfernten Polit-Olymp vergönnt zu sein. Um zu verhindern, dass ein Sokrates erneut den Schierlingsbecher trinken muss, braucht die Politik aber natürlich eine Einschränkung durch das Recht. In einer kleinen Gemeinschaft kann sich dies über die Generationen entwickeln. Recht ist nicht willkürlich, sondern gewachsen, in einem Wettbewerb mit anderen Gemeinschaften, wie Friedrich August von Hayek es so schön ausdrückt ein„Entdeckungsverfahren“.Überhaupt sorgt die Tatsache, dass kleine Gemeinschaften natürlich auch von anderen kleineren Gemeinschaften umgeben sind dafür, dass man schnell über die Grenze flüchten kann, wenn Gefahr droht. Erst die Kleinstaaterei auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands ermöglichte die Blüte, die ihm den Beinamen „Land der Dichter und Denker“verpasste. Oder um es mit einer Analogie von David. D. Friedmann auszudrücken: .„Eines Tages verkündet der Präsident Frankreichs, dass aufgrund von Problemen mit benachbarten Staaten die Militärsteuern erhöht und in Kürze ein Zwangswehrdienst eingeführt werde. Am nächsten Morgen bemerkt der Präsident dass er, ein friedliches, doch leeres Land regiert, da sich die Bevölkerung auf ihn, drei Generäle und siebenundzwanzig Kriegsreporter reduziert hat.“(Friedman 1973: 154).

Der vierte Aspekt betrifft die höhere Dynamik einer kleineren Gemeinschaft unter psychologischen, wirtschaftlich-politischen und moralischen Gesichtspunkten. Psychologisch gesehen kam bereits Hayeks Argument auf, dass kleine Gemeinschaften durch das Fehlen von Großorganisationen das Verständnis von Marktprozessen begünstigen würde. Auch Zwischenmenschliches wie Vertrauen lässt sich in diese Kategorie einordnen. Hinzu kommt, dass je intransparenter die Folgen des individuellen Handelns in einer Gruppe sind, desto größer der Anreiz für Einzelne ist, sich opportunistisch zu verhalten. Eine kleine Gruppe, in der die Folgen individuellen Handelns von anderen nachvollzogen werden können, verhindert so Opportunismus. Auch Hayeks Wissenssoziologie ist in diesem Kontext zu erwähnen. Wissen wird in kleinen Gemeinschaften leichter und schneller geteilt und besser weitergegeben.

Unter wirtschaftlich-politischen Gesichtspunkten lassen sich vor allem Skaleneffekte fassen. Doch wo es „Economies of Scale“ gibt, gibt es auch „Diseconomies of Scale“. Bis zu einer gewissen Größe steigt die Effizienz, doch wird sie aufgrund von Koordinationsschwierigkeiten gebremst. Es gilt das rechte, das menschliche Maß zwischen steigenden und fallenden Skalenerträgen zu finden. Und selbst wenn dies nicht gelingt: im Vergleich zu einem zentralistisch-effizienten Massenstaat ist das Leben in einer kleinen Gemeinschaft doch deutlich lebenswerter, auch wenn man Abstriche bei der Effizienz nimmt.

Im Hinblick auf die moralische Dynamik ist eine kleine Gemeinschaft ein zweischneidiges Schwert. Gerade in der Verbindung mit Demokratie warnte schon Alexis de Tocqueville 1835 vor einer Tyrannei der Mehrheit. Keine rein numerische, sondern vor allem ein geistiger Despotismus gespeist aus einem Konformismus der Masse. Während dieser Konformismus wie schon dargelegt in kleinen Kreisen weniger wahrscheinlicher aufkommen wird, so ist diese Folge einer geistigen Tyrannei der Mehrheit doch denkbar, die Tocqueville mit den folgenden Worten beschreibt: „Die Mehrheit umspannt […] das Denken mit einem erschreckendem Ring. Innerhalb dessen Begrenzung ist der Schriftsteller frei; aber wehe ihm, wenn er ihn durchbricht. Zwar hat er kein Ketzergericht zu befürchten, aber er ist allen möglichen Verdrießlichkeiten und täglichen Verfolgungen ausgesetzt“ (Tocqueville 1835: 382). Die Kleinheit bewirkt in diesem Fall eben auch, dass man sich schwer aus dem Weg gehen kann. Ein Dissens mit Wenigen kann schon ein Dissens mit einer gefühlten Mehrheit sein. Übrig bleibt nur die Flucht an einem anderen Ort – der sich aufgrund der Kleinheit wiederum einfacher gestalten wird. Die moralische Dynamik kann im Positiven disziplinieren, im Extremfall jedoch dafür sorgen, das reaktionäre Inseln des Moralismus entstehen, die von ihrer Norm abweichenden Lebensformen nicht dulden werden. Dies mag nicht sonderlich liberal sein, doch sorgt der liberale Wettbewerb zwischen kleinen Einheiten dafür, dass sich letztlich für jede Lebensform ein Platz findet.

Friedrich August von Hayek warnt davor, die Demokratie an sich zu verdammen. Sie sei lediglich falsch angewandt worden (Hayek 2003: 404): Demokratie ist zwar nicht dasselbe wie Freiheit […], doch sie ist einer der wichtigsten Garanten der Freiheit.[…] Wir bemerken sie kaum, solange sie ihre Wirkung tun, ihr Fehlen kann aber tödlich sein“ (Hayek 2003 311). Ihre vernunftgemäße Anwendung in Harmonie mit dem Liberalismus war Thema dieses Essays. Demokratie harmoniert mit dem Liberalismus in menschlichen Maß, in kleinen Gemeinschaften, die andere, vorzüglichere Dynamiken besitzen als große. Ob man Liberalismus als persönliche Tugend sieht, als individuelle Freiheit definiert oder mit freien Märkten identifiziert – sie alle sind kompatibel mit einer Demokratie im menschlichen Maße einer kleinen Gemeinschaft, so unrealistisch eine Rückkehr zu dieser nach heutigen Verhältnissen auch scheinen mag.

Ein abschließendes Plädoyer für diese kleinen Gemeinschaften entnehmen wir Gilbert K. Chesterton (1904), der argumentiert, dass wenn man etwas wirklich liebt, seine Kleinheit betont – so wie Verliebte sich in der Verkleinerungsform gegenseitig „Schatzi“ oder „Häschen“ nennen. Er empfiehlt: Wir müssen um jeden Preis zurück zu den kleineren politischen Einheiten, weil wir um jeden Preis zurück zur Realität müssen. Wir müssen näher und näher zu Liebe, Haß und Mutterinstinkt, zu persönlichen Entscheidungen und offen ausgesprochenen Wahrheiten.Der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila konstatierte:„Vielköpfige Gesellschaften tendieren zur Flachheit der schlammigen Pfütze“(Dávila 1992: 149). Er mag Recht haben: Großes kann nur im Kleinen entstehen. Demokratie und Liberalismus harmonieren nur im menschlichen Maße. Lassen wir in diesem Sinne am Schlusse Goethe aus seiner „Parabase“ dichten:

Und es ist das ewig Eine, 
Das sich vielfach offenbart; 
Klein das Große, groß das Kleine, 
Alles nach der eignen Art.

Bibliographie:

Chesterton, Gilbert K., 1904: The Patriotic Idea: the first essay in the composite book England: A Nation. London and Edinburgh: R. Brimley Johnson.

Dávila, Nicolás Gómez, 1992: Auf verlorenem Posten. Wien: Karolinger.

Friedman, David D, 1973 [2003]: Räderwerk der Freiheit. Für einen radikalen Kapitalismus. Grevenbroich: Edition Eigentümlich Frei.

Eckermann, Johann Peter, 2006: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 9. Auflage. Frankfurt: Insel-Verlag.

Hayek, Friedrich August von, 2003: Recht, Gesetz und Freiheit. Tübingen: Mohr Siebeck.

Kohr, Leopold, 2002: Das Ende der Großen. Zurück zum menschlichen Maß. Salzburg: Otto Müller Verlag.

Kohr, Leopold, 1988: Dorf-Rehabilitierung. Salzburg: Alfred Winter.

Mises, Ludwig von, 1976: Kritik des Interventionismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Mumford, Lewis, 1974: Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht. Wien: Europa-Verlag.

Ortega y Gasset, Jóse, 1931 [1993]: Der Aufstand der Massen. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.

Röpke, Wilhelm, 1944 [1979]: Civitas Humana. Bern und Stuttgart: Verlag Paul Haupt.

Röpke, Wilhelm, 1950 [1979]: Maß und Mitte. Bern und Stuttgart: Verlag Paul Haupt.

Röpke, Wilhelm, 1958 [1979]: Jenseits von Angebot und Nachfrage. Bern und Stuttgart: Verlag Paul Haupt.

Röpke, Wilhelm, 1962: Laudatio zur Verleihung der Willibald-Pirkheimer-Medaille 1962. In: Röpke, Wilhelm, 1964: Wort und Wirkung. Ludwigsburg.

Taghizadegan, Rahim, 2009: Demokratie. Eine Analyse des Instituts für Wertewirtschaft.

Thukydides: 2,34-46 Grabrede des Perikles.

Tocqueville, Alexis de, 1835: Über die Demokratie in Amerika. Erster Teil von 1835. Zürich: Manesse Verlag.

Voegelin, Eric, 1999: Der Gottesmord – Zur Genese und Gestalt der modernen politischen Gnosis. München: Wilhelm Fink Verlag.

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