Mittwoch, 25. Mai 2016

Libertär. Salafist. Kein Widerspruch?

Jouvenel und Koran: Jens Ranft. 
Tomasz M. Froelich im Gespräch mit Jens Ranft
Jens Ranft ist ungewöhnlich: Er ist indigener Deutscher und konvertierte gleich zweifach: Als Linker zum Libertarismus und als Christ zum Islam und Salafismus. Das ist nicht nur sehr ungewöhnlich, sondern auch sehr interessant. Grund genug, um ihn näher kennen zu lernen. Tomasz M. Froelich sprach für Freitum mit ihm.

Froelich: Herr Ranft, sie sind deutscher Herkunft, Libertärer und Salafist. Als solcher wird man wohl nur in den allerwenigsten Fällen geboren. Wie fanden Sie zum Libertarismus und zum Salafismus?

Ranft: Ja, ich bin indigener Deutscher. Zum Islam bin ich vor neun Jahren konvertiert. Vor 27 Jahren, also mit 14, gab ich dem Islam jedoch bereits den Vorzug vor dem Christentum, quasi direkt nach meiner Konfirmation. Dass ich mit meiner Konversion zum Islam auch ein sogenannter Salafist wurde, war mir zum damaligen Zeitpunkt gar nicht bewusst, denn die Begriffe Salafismus/Salafist sind westliche Wortschöpfungen und zudem äußerst willkürlich definiert. Bis zu meiner Konversion war ich eher linkspolitisch orientiert. Aus einem sozialdemokratischen Haushalt kommend, hatte ich lose Bindungen zu den Jusos, später dann auch Kontakt zur damaligen PDS. Als ich von Ostwestfalen nach Hamburg zog, trat ich sogar der DKP bei. Dort war ich Mitglied, bis ich zum Islam konvertierte. Die Anfangszeit als Muslim war für mich aus politischer Sicht recht schwer, da meine linke Gesinnung in vielerlei Hinsicht mit der islamischen Lehre kollidierte.
Erst nach und nach kristallisierte sich für mich eine klare, mit dem Islam konforme Richtung heraus. Ich begann quer zu lesen, muslimische Literatur sowie abendländische konservative und liberale Literatur. Nachdem ich Erik von Kühnelt-Leddihn gelesen hatte, wurde ich auf Roland Baader aufmerksam, dann auf Hans-Hermann Hoppe und auch auf Bertrand de Jouvenel. Vieles, was ich bei diesen Autoren las, fand meine Zustimmung und ließ in mir die Erkenntnis reifen, dass das muslimische Morgenland und das christliche Abendland zumindest eines gemeinsam hatten, nämlich eine Geschichte der expandierenden Staatsgewalt, die aus einer tragischen Verehrung für den Staat resultierte.

Froelich: Sie sind also Libertärer und Salafist. Das klingt ungewöhnlich. Ist der Libertarismus überhaupt mit dem Islam - und dem Salafismus im Besonderen - kompatibel?

Ranft: Das ist sicherlich eine Frage der Definition (besonders der Begriffe Libertarismus und Salafismus). Ich würde aber - recht verkürzt - alles mit einem Ja beantworten. Ich bin Muslim und vertrete in der Glaubenslehre einen salafitischen und in der Ordnungspolitik einen libertären Standpunkt. Da Glaubenslehre und Ordnungspolitik zwei vollkommen unterschiedliche Sphären sind, tangieren sich mein Libertarismus und mein Salafismus gar nicht. Ich denke, dass es eher die muslimische Rechtslehre ist, an der ein Muslim seinen Freiheitsbegriff definiert und sein Verständnis von Staat, Herrschaft und Gesellschaft kann er aus der tradierten Geschichte des Islams herleiten.

Froelich: Ist es nicht so, dass sich aus salafitischen Standpunkten heraus, trotz der zwei für sich stehenden Sphären der Glaubenslehre und der Ordnungspolitik, Implikationen auf letztere herleiten lassen, die einer libertären Ordnung entgegen stehen?

Ranft: Der innerislamische Streitpunkt in der Glaubenslehre, der für Salafiten eine Rückkehr zu den Ansichten der rechtschaffenden Generationen (Salaf as-Salih) nötig macht, liegt vor allem im Verständnis der Attribute und Eigenschaften Gottes. Im 8. und 9. Jahrhundert entstanden im heutigen Irak philosophische Schulen, die den Koran und die prophetischen Überlieferungen neu auslegten. Es geht dabei vor allem um solche Fragen wie: Ist die „Hand Allahs“, wie sie im Koran steht, wirklich eine Hand oder ist damit metaphorisch nur die Allmacht Gottes gemeint? Ist Gott oben, über den Himmeln, oder ist Gott überall? Darüber wurde viel und heftig gestritten, besonders auch mit griechisch-philosophischen Stilmitteln. Der Standpunkt der direkten Nachfolgegenerationen (Salaf) war in dieser Hinsicht kurz und schmerzlos: Wir nehmen es hin, wie es dort steht, ohne zu philosophieren, ohne es mit Geschöpfen zu vergleichen und ohne zu spekulieren. Dies hat aber recht wenig mit Ordnungspolitik zu tun. Das Einzige, was einigen Gelehrten und Anhängern dieser Glaubensschule zu Eigen wurde, ist eine Präferenz für die wörtliche Auslegung religiöser Quellen, was sich dann natürlich auch auf die Rechtslehre auswirken könnte. Ob man einer solchen Rechtsschule jedoch folgen möchte oder nicht, ist jedem selbst überlassen. 

Froelich: Wie sieht dieses aus der tradierten Frühgeschichte des Islam hergeleitete Verständnis von Staat, Herrschaft und Gesellschaft aus?

Ranft: Ebenso wie das christliche Abendland, hat auch das muslimische Morgenland eine Staatsgeschichte vorzuweisen, die vor allem durch eine Expansion der Staatsgewalt geprägt war. Begonnen jedoch hat alles in einer Stammesgesellschaft ohne Staat, gewissermaßen in einer Anarchie. Es gab keinen hoheitlichen Herrscher, keine offiziellen Ämter oder Beamte. Die verschiedenen Stämme hatten eigene natürliche Hierarchien und eigene tradierte Sitten und Gebräuche. Alles, was über den eigenen Stamm hinausging, wurde mit den anderen Stämmen entweder vertraglich ausgehandelt oder kriegerisch gelöst. Ordnungspolitische Institutionen wurden freiwillig und in Form von Vertragsbündnissen geschaffen. 

Froelich: Gibt es Beispiele hierfür?

Ranft: Ja, ein solches Bündnis war beispielsweise das Hilf al-Fudul (Bündnis der Vorzüglichen), das zu Lebzeiten des Propheten Mohamed von ansässigen Unternehmern in und um Mekka geschlossen wurde, um die Eigentums- und Vertragsrechte der Einheimischen und reisenden Kaufleute zu wahren. Der Prophet Mohamed war selbst an diesem Vertragsbündnis beteiligt, und als ihn später die Offenbarung/Prophetie erreichte, war dies die einzige (mir persönlich bekannte) ordnungspolitische Institution, die er in Überlieferungen namentlich ausdrücklich lobte – im Gegensatz zu Institutionen wie der Dawla (sprich: Staat) oder dem Diwan (Ministerium, Amt, Registratur), die erst nach seinem Ableben und der damit einhergehenden Beendigung der Offenbarung/Prophetie Eingang in den ordnungspolitischen Wortschatz fanden.

Froelich: Hat diese Form der ''Anarchie'' reibungslos funktioniert?

Ranft: Diese damalige Anarchie hatte auch ihre Nachteile, denn es gab keine allgemeingültigen und unveräußerlichen Rechte. In einigen Stämmen war es z.B. Sitte, ungeplanten oder unliebsamen Nachwuchs (vorzugsweise weiblichen) nach der Geburt direkt lebendig zu begraben, Tötungsdelikte wurden entweder nicht weiter verfolgt oder der vorherrschenden Blutrache überlassen. Schwächere Glieder der Stammesgesellschaften, wie z.B. leibeigene Mägde und Knechte, Ehefrauen und Waisen, waren der Willkür ihrer Herren, Gatten oder Vormünder schutzlos ausgeliefert.

Froelich: Klingt brutal.

Ranft: Nach dem Beginn der Prophetie Mohameds änderte sich das. Einzelpersonen, Sippen und ganze Stämme nahmen den Islam an, gaben dem Propheten Mohamed einen Treueid und erkannten ihn somit als Oberhaupt an. Aus einzelnen Stämmen entstand nun ein Mithaq, was so viel bedeutet wie „Bündnis unabhängiger Stämme“. Durch göttliche Offenbarung wurde ein allgemeingültiges Recht geschaffen, welches die dem Bündnis angehörigen Stämme anerkannten. Der 2. Nachfolger des Propheten, der Kalif Omar ibn al-Chattab, führte die erste behördliche Verwaltung ein, den Diwan al-Jund, eine Art Heeresregister, das die verschiedenen Garnisonen erfassen sollte und deren Besoldung organisierte. Diese Errungenschaft übernahm er aus dem Staatswesen des persischen Reiches, welches man zu seinen Lebzeiten bereits erobert hatte. Mit der Machtergreifung von Mu’awiya ibn Abi Sufyan, nur etwa 30 Jahre nach dem Ableben des Propheten, wurde das Ende des rechtmäßigen Kalifats eingeläutet und die Obrigkeit wandelte sich in die Herrschaft eines klassischen Königtums. Die persische Verwaltungspraxis wurde nun auch auf andere Bereiche ausgeweitet und der föderale Charakter des Mithaq erfuhr zugunsten einer Zentralisierung die ersten merklichen Einschränkungen. Weitere 20 Jahre später hatte man mit Yazid I. bereits den ersten Tyrannen an der Macht.

Froelich: Wie entwickelte sich die Geschichte dann weiter?

Ranft: Die weitere Geschichte (bis heute) gestaltete sich wechselhaft. Es gab milde Oberhäupter und äußerst freie Gesellschaften, aber auch Tyrannen und schwerere Zeiten. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass der moderne Staatsbegriff im Morgenland erst weitaus später Fuß fasste, als im Abendland. Staatsquoten von 15% oder mehr fand man wohl auch in den größten muslimischen Despotien nicht, bis die Moderne Einzug hielt und damit auch die Idee der Republik, des Sozialismus und des Nationalstaats.

Froelich: Vielen Dank für den Exkurs! Nun ist es ja so, dass der deutsche Ottonormalbürger mit dem Salafismus in erster Linie Prediger wie Pierre Vogel und einen Fanatismus assoziiert, der in Terrorismus zu münden droht. Alles ein großes Missverständnis?

Ranft: Ich würde mich wohl der allgemeinen Belustigung preisgeben, wenn ich jetzt behaupten würde, dass der gegenwärtige Terrorismus, wie er z.B. in Paris und Brüssel zutage trat, nichts mit dem Islam oder Salafismus zu tun hätte. Der muslimische Terrorismus ist ein typisches Phänomen der Moderne und die Beteiligten berufen sich auf den Islam, das ist Fakt. Jedoch sind längst nicht alle terroristischen Gruppen auch salafistische. Die Hisbollah z.B. ist schiitisch, die Taliban sind Maturiditen, die Bataillone bzw. Brigaden der Hamas bestehen größtenteils aus Aschariten. 

Froelich: Man kann nicht alle muslimischen Terroristen über einen Kamm scheren. Das leuchtet ein.

Ranft: Es gibt also unabhängig von der Glaubenslehre Muslime, die dieses Konzept des Terrorismus befürworten und es gibt Muslime, die es kategorisch ablehnen. Beides setzt jedoch voraus, dass man sich intensiv islamrechtlich mit der Materie auseinandersetzt. Dazu sind aber nur die wenigsten Muslime wirklich befähigt. Deshalb möchten die allermeisten damit gar nichts zu tun haben. Jeder betrachtet sich als Individuum, das seine Handlungen selbstständig determiniert. Es gibt gewissermaßen den Islam bevor und den Islam nachdem ihn der Muslim praktiziert. Muslime sind auch nur Menschen, fehlerhaft sowie verschieden in Intellekt, Charakter und Neigung. Der Islam, in Form von über 600 Buchseiten göttlicher Offenbarung (Koran) und hunderttausenden Überlieferungen (Sunna) liegt vor ihm und will als Ethos aufgefasst werden. Hierin ergeben sich ganz von allein Meinungsverschiedenheiten und es bilden sich unterschiedliche Methoden, Lesearten und Interpretationen. Die Scharia ist das Sammelbecken dieser zahlreichen und vielfältigen Urteile, an denen sich der Muslim orientieren kann, je nachdem wie er meint dass es richtig oder wichtig ist.

Froelich: Das klingt kompliziert und macht eine einheitliche Orientierung und Interpretation wohl nur schwer möglich.

Ranft: Ein Gegenbeispiel: Im Grenzgebiet zwischen der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, dem Südsudan und Uganda treibt die LRA (Lord's Resistance Army) seit Jahren ihr Unwesen. Diese christliche Miliz kämpft für einen bibeltreuen Gottesstaat und schreckt dabei auch vor Kannibalismus, Verstümmelungen, Mord und Vergewaltigungen nicht zurück. Fast alles was sie tut, kann sie mit der Bibel rechtfertigen. Wenn Angehörige dieser Miliz ihren Gegnern bei lebendigem Leibe die Hände amputieren, Augen ausstechen oder die Lippen abschneiden, dann rechtfertigt das Joseph Rao Kony, der Führer der LRA, folgendermaßen: «Wenn Sie Pfeile schießen und wir die Hand abschneiden, die Sie verwendet haben, ist wer verantwortlich? Sie verraten uns mit dem Mund, und wir schneiden ihnen die Lippen ab. Wer ist verantwortlich? Sie! Die Bibel sagt, dass, wenn ihre Hand, ihr Auge oder ihr Mund einen Fehler macht, sie abgeschnitten werden müssen.» Obwohl die Organisation „Invisible Children Inc.“ im Jahr 2011/12 die großangelegte globale Kampagne „Kony 2012“ ins Leben rief, erlangten diese Verbrechen (im Namen der christlichen Religion) kein besonders großes mediales Echo. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Phänomen der tödlichen Hexenverfolgung durch Christen in Nigeria, der vor allem Kinder zum Opfer fallen, oder die Anschläge auf Abtreibungskliniken in den USA, die von evangelikalen Christen begangen werden. Wir sehen also, dass auch die Bibel anscheinend ausreichend Raum für unterschiedliche Methoden, Lesearten und Interpretationen bietet. Doch gibt uns das nicht das Recht, alle Christen pauschal zu verurteilen oder gar das komplette Christentum. Wir müssen diese kollektivistische Sichtweise abstreifen und beginnen zu differenzieren.

Froelich: Herr Ranft, vielen Dank für das Gespräch!

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