Montag, 4. April 2016

Industrielle Revolution und belehrende Städter: Der Hinterwäldler weiß es besser

Hartes Landleben. Foto:Deutsche Fotothek‎
[CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
von Holger Pinter
Da will mir doch ein neunmalkluger Städter erzählen, dass wir hier alles im Überfluss hatten, bis die industrielle Revolution die Menschen in die Städte lockte und die Welt kaputt machte.

Idiot! Das sage ich nicht. Ich bleibe ruhig und sachlich und erkläre ihm, dass uns die industrielle Revolution den Arsch gerettet hat. Dabei hat er Abitur. Ich verfüge über keine nennenswerte Schulbildung und verdiene meinen Lebensunterhalt als Einrichter für Exzenterpressen, und das ist nicht unbedingt Raketentechnik. Aber wie man zu einem Thema recherchiert, das hat er nicht gelernt. Er liest seine Illustrierte über das Landleben und sieht sich anschließend mit der Sense vor der untergehenden Sonne stehen. So richtig romantisch. Mit wehendem Haar und so.

Schon mal eine Wiese mit der Sense gemäht? Ich schon! Habe mir beim Schärfen den Daumen gespalten und mit meinem blutgetränkten Halstuch, welches ich mir darum gewickelt hatte, weiter gearbeitet. Das war kein Spaß. Ich musste fertig werden.

Woher ich meine Kenntnisse in Heimatgeschichte habe? Ich habe zugehört, wenn mir Eltern, Großeltern und Nachbarn etwas erzählt haben. Und die haben bei ihren Eltern, Großeltern und Nachbarn auch schon zugehört. Das ist nämlich die Grundlage bürgerlicher Bildung, die wiederum die Grundlage unserer abendländischen Kultur ist und nun mit dieser zusammen ausstirbt. Vergiss Deine Illustrierte! In unseren Dorfchroniken, Zeitungsarchiven, Kirchenbüchern und Gerichtsakten kannst Du gerne alles nachprüfen, was ich Dir hier erzähle. So geht Recherche!

Zur Zeit der industriellen Revolution explodierte die Bevölkerung. Es wurde schwierig, Mensch und Vieh satt zu bekommen. Wegen ein paar Grashalme kam es zu blutigen Exzessen. Ja, Grashalme! Du hast richtig gehört! Die waren nämlich so knapp, dass die Schergen der Obrigkeit überall darüber wachten, dass sie nicht ausgerissen wurden. Die Strafe für das Abschneiden mit einer Sichel fiel noch deutlich höher aus als die Strafe für das Rupfen. Hat ein Forstbeamter eine arme Bäuerin mit einem Sack Gras im Wald erwischt, konnte sie hoffen, dass er einen guten Tag hatte und den Inhalt des Sacks nur auf dem Boden verstreute. Ein falsches Wort und die arme Frau fand sich im Kerker wieder. Ungefähr drei Kilometer von meinem Haus entfernt wurde der Förster Eckel erschlagen und der Förster Benner schwer verletzt, als sie ein paar arme Leute verhaften wollten, die sie beim Grasrupfen erwischten. Nachzulesen in der Chronik des Dorfes Wallau an der Lahn.

Weil das Gras so knapp war, sammelte man im Herbst Laub, welches zum Trocknen in den Scheunen ausgebreitet wurde. Damit brachte man das Vieh über den Winter. Aber das Laub durfte nur zu bestimmten Zeiten aus dem Wald geholt werden und das regelte jeder Verwaltungsbezirk mit eigenen Gesetzen, die natürlich streng überwacht wurden. Streulaubverordnung hieß das. Wurde gehandhabt wie die Sache mit dem Gras. In der kurzen Zeit, in der das Sammeln von Laub genehmigt war, riskierten die Menschen Kopf und Kragen, um mit ihren Heuwagen, die zu diesem Zweck umgebaut wurden, möglichst viele Herbstblätter aus den Wäldern zu schaffen. Und ähnlich verhielt es sich mit dem Holz, das man dringend zum Heizen und zum Kochen benötigte.

Einen besonderen Wert hatten Bucheckern. Daraus konnte man Öl pressen und dieses Öl war in unserer Region das Gold der einfachen Leute. Für eine Tasse Öl bekam man eine Menge Kartoffeln. Und natürlich war es verboten, gegen die Buchen zu schlagen, um mehr Bucheckern zu bekommen.

Weil wir arbeitenden Menschen vom Land schon immer mit unseren Steuern die Obrigkeit zu finanzieren hatten, kamen ein paar arme Bauern und Tagelöhner in einem Nachbardorf 1822 auf die Idee, die Postkutsche mit den Steuergeldern zu überfallen und so das geraubte Geld zurück zu rauben. Die Geschichte wurde 1971 von Volker Schlöndorf verfilmt. Schlöndorf war zwar bei den Details etwas schlampig, aber sehenswert ist "Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach" auf jeden Fall.

Die Rebellion gegen die Obrigkeit war hier immer eine Frage des Überlebens. Das war so als uns Karl der Große mit seinen Franken drangsalierte und das war so als die Truppen Napoleons unsere Berge unsicher machten. Während des 2. Weltkriegs mussten die wenigen Bauern, die noch hier waren und die Arbeit machten, einen so großen Teil der Ernte für die Truppen an der Front abgeben, dass sie verhungert wären, wenn sie auf dem Weg zur Dreschhalle nicht einen Teil des Getreides in Scheunen versteckt und später mit alten Dreschflegeln gedroschen hätten. Auch jedes Schwein, das man schlachten wollte, musste zuerst auf der amtlichen Waage gewogen werden. Das führte dazu, dass das Schwarzschlachten kultiviert wurde, was wiederum zur Folge hatte, dass mehr Kontrolleure der Obrigkeit als Bauern in den Bergen unterwegs waren, die dann mit Wurst und Schinken bestochen werden mussten. Als nach dem Krieg die Kassen leer waren und die Steuern massiv erhöht wurden, fing man wieder an, große Mengen Schnaps zu brennen. Mein Heimatdorf galt unter Zollfahndern als Hochburg der Schwarzbrenner.

Ja, wir Hinterwäldler verstehen etwas vom Überleben. Aber ohne die industrielle Revolution wären wir hier an Hunger und Seuchen krepiert. Und das Letzte, das wir brauchen, sind Städter, die uns belehren wollen. Oder die uns das Jagen und Fischen, unseren Hähnen das Krähen, unseren Hunden das Bellen und unseren Kirchenglocken das Läuten verbieten wollen.

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