Mittwoch, 9. März 2016

Wir haben keinen Grund uns über die USA zu beklagen

USA: Doch nicht der Sündenbock?
Bild: Pixabay/Tumisu/CC0 Public Domain
Die Amerikaner verhinderten, dass Deutschland Supermacht wurde, und der deutsche Michel nimmt ihnen das bis heute übel
von Thomas Rettig

Je größer der Leidensdruck durch die Masseneinwanderung, desto populärer werden plakative Erklärungen, die sämtliche Fehlentwicklungen auf eine Ursache zurückführen. Nicht nur bei den Gutmenschen, auch in der AfD, vor allem aber unter Pegida-Demonstranten macht sich der Antiamerikanismus breit. Das Beunruhigende daran ist, dass viele von den Amerika-Hassern mit der Demokratie abgeschlossen haben, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nacheifern und andere Meinungen nicht gelten lassen. Wie die Nationalsozialisten in der Weimarer Republik sprechen manche vom System. Sie behaupten, es gebe einen geheimen Plan zur Zerstörung Deutschlands bzw. Europas. Diese Ansicht gehört ins Reich der Verschwörungstheorien, was auch die Meinung von Michael Stürzenberger ist. Der bekannte islamkritische Blogger und Redner schrieb am 28.12.15 in pi-news.net: "Ich bin relativ viel zu Demonstrationen in Deutschland unterwegs und höre das immer wieder. Das 'System' sei der Feind und es müsse beseitigt werden. Aus diesen Reihen wird auch meist der Ausstieg aus der NATO gefordert, man sieht in den USA einen Gegner sowie absichtlichen Verantwortlichen für die 'Flüchtlings'-Misere, ist nicht selten sogar von der 9/11-Verschwörungstheorie überzeugt und bewertet gar die Palästinenser als 'Opfer' der israelischen 'Unterdrückung'."

Es gibt einen konkreten Anlass, die These von der angeblich so destruktiven Rolle der USA zu entkräften – dazu später. Wir Deutsche haben schon mal keinen Grund, uns bitter über die Amerikaner zu beklagen. Das heißt, wenn man nicht primitive Rachsucht wegen zweier verlorener Weltkriege unterstellt. Das Eingreifen der Vereinigten Staaten hat uns zwar den Sieg im Ersten Weltkrieg gekostet, doch die USA sprachen sich für einen fairen Friedensplan und milde Reparationszahlungen aus. US-Präsident Woodrow Wilson, Initiator des Völkerbunds und Friedensnobelpreisträger, konnte sich aber nicht gegen Frankreich durchsetzen, das Deutschland am Boden sehen wollte (vgl. Golo Mann, 1958: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, S. 671f, 695f, 703f, 712). Neben der zersetzenden Wirkung des Versailler Vertrags machte der Sohn Thomas Manns vor allem die destruktive Rolle der Kommunisten für Hitlers Machtergreifung 1933 verantwortlich (vgl. ebd, S. 803). Er wusste, wovon er sprach, denn er war bis dahin selber linksradikal, danach aber Sozialdemokrat. Die 68er-Bewegung sah Golo Mann kritisch. In den 70er Jahren wandte er sich deshalb vom SPD-Kanzler Willy Brandt ab, dem er vorwarf, nichts gegen die kommunistische Unterwanderung der Sozialdemokraten zu unternehmen. Ende der 70er unterstütze der Historiker den Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß von der CSU, dem er zutraute, den linken 'Marsch durch die Institutionen' zu stoppen. Damals wurde Helmut Schmidt als Kanzler bestätigt, bevor zwei Jahre später Helmut Kohl ans Ruder kam. Der CDU-Mann sprach von einer 'geistig-moralischen Wende', die aber nie umgesetzt wurde.

Die Amerikaner trugen zwar entscheidend dazu bei, dass Deutschland auch den Zweiten Weltkrieg verlor, zum Beispiel durch die Bombardierung der Städte. Doch die US-Bomber flogen bei Tag, um die Industrieanlagen zu zerstören. Die britischen Bomber kamen dagegen in der Nacht. Sie hatten deswegen weniger Verluste zu beklagen, verfehlten jedoch nicht selten ihr Ziel, sodass vermehrt Wohngebiete getroffen wurden. Es war ein Brite, Marschall Arthur Harris, der die Flächenbombardements deutscher Städte durch die Royal Air Force angeordnet und befehligt hatte.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg behandelten uns die Amis fair. Sie machten mit den Kriegsverbrechern nicht kurzen Prozess, sondern gewährten ihnen ein rechtsstaatliches Verfahren. Sie schickten CARE-Pakete in die Besatzungszonen. Sie halfen beim Wiederaufbau, zum Beispiel mit den Geldern des Marshallplans. Sie organisierten 1948 fast ein Jahr lang die Luftbrücke, als die Sowjets Westberlin aushungern wollten. Es waren nicht die Amerikaner, sondern die Russen, die noch bis zehn Jahre nach Kriegsende über drei Millionen Deutsche in Kriegsgefangenschaft hielten, wovon ein Drittel umgekommen ist. Und als es 1990 um die Wiedervereinigung Deutschlands ging, kamen Bedenken von britischer und französischer, nicht aber von amerikanischer Seite. 

Woher kommt dann die Abneigung der Deutschen und der Europäer gegen Amerika? Ganz einfach: Bis zum Ersten Weltkrieg war Europa der weltbeherrschende Kontinent. Die Volksseele aber scheint es nicht verwinden zu können, dass man diese Rolle an die Amerikaner abgeben musste. Insbesondere bei den Deutschen ist es neben der Kritik am Kapitalismus vermutlich der pure Neid: Vor dem Ersten Weltkrieg konkurrierten die Deutschen mit den Briten und den Amerikanern um die Rolle der weltbeherrschenden Wirtschaftsmacht. Mit dem Kriegseintritt der USA wendete sich das Blatt und die Mittelmächte unter Führung Deutschlands verloren den Krieg. Die Amerikaner verhinderten, dass Deutschland Supermacht wurde, und der deutsche Michel nimmt ihnen das bis heute übel. Freilich sind die USA in der halben Welt verhasst. Die Linken dokumentieren mit "Ami go home" ihren Klassenstandpunkt, die Rechten ihr Wissen um die Strippenzieher, und in den islamischen Ländern dient der Hass gegen die USA als der letzte Kitt, der Sunniten und Schiiten noch als Einheit erscheinen lässt. In weiten Teilen der Welt freut man sich über das verbindende Moment, das in der Ablehnung der Yankees liegt: Alle Menschen werden Brüder, denn sie haben einen Feind.

Nach 1945 waren Deutschland und England endgültig aus dem Rennen. Es konnte nur noch der zutiefst imperialistische Koloss Sowjetunion plus die eroberten Staaten Osteuropas (Warschauer Pakt) mit den USA mithalten – bis der Sozialismus Ende der 1980er Jahre an seinen eigenen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten zu Grunde ging. Schlichte Gemüter machen aber auch hierfür die USA verantwortlich und legen angebliche Beweise vor. Wahrscheinlich ist auch schon längst bewiesen, dass die Amis dahinter stecken, wenn in China ein Sack Reis umfällt.

Der Antiamerikanismus hat seine Wurzeln in der Staatsgläubigkeit. In der säkularisierten Gesellschaft sehen viele Menschen den Staat als die höchste Instanz an, da tendiert man leicht dazu, die Möglichkeiten eines Staates zu überschätzen. Aber auch für die Supermacht USA ist es nicht so einfach, der Entwicklung ihrer Gesellschaft oder gar der Weltgesellschaft eine gewünschte Richtung zu geben. Auf nationaler Ebene hat Friedrich August von Hayek vor dem Größenwahn des sogenannten Social Engineering gewarnt. Der Philosoph und Ökonom kritisierte die Fortschrittsgläubigkeit der Sozialpolitiker und bezeichnete ihre Kunst als modernen Aberglauben. In den Naturwissenschaften und in der Technik habe es tatsächlich einen nachprüfbaren Fortschritt gegeben. Bei den Sozialwissenschaften sei das nicht der Fall, daher wir uns vor einer 'Anmaßung von Wissen' hüten müssten (Hayek Lesebuch, 2011, S. 252). Mit den geostrategischen Plänen der einzig verbliebenen Supermacht USA verhält es sich ganz ähnlich. Die Vorstellung ist naiv, dass die Vereinigten Staaten Pläne für die Welt in der Schublade haben, die bei passender Gelegenheit eins zu eins umgesetzt werden. Allerdings muss der Präsident, wenn er wiedergewählt werden will, nach Außen hin so tun, als hätte er einen Plan und nicht nur Prinzipien. 

Wie jeder Global Player muss auch eine Großmacht wie die USA Entscheidungen bei unvollständiger Information treffen. Auch die mächtigen USA können sich ihrer Verbündeten niemals sicher sein. Noch viel weniger ist abzusehen, wie sich feindliche Staaten verhalten. Klar gibt es die Geheimdienste, doch diese können auch irren, und sie irren sich immer wieder. Bestes Beispiel war der Verdacht, dass der Irak unter Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen zur Verfügung habe, der sich bekanntlich nicht bestätigte. Die Beweise, mit denen im Jahr 2003 die die US-Regierung den Angriff auf den Irak begründet hatte, waren lückenhaft. Es waren nur Indizien, muss man im Nachhinein sagen. Dass keine Massenvernichtungsmittel gefunden wurden, beweist jedoch nicht, dass es sie nie gegeben hat. Man kann den Vorgang als Täuschungsversuch eines kriegslüsternen George W. Bush interpretieren, muss man aber nicht. Ebenso gut kann man sagen, dass hier eine Fehlleistung der Geheimdienste vorlag.

Sicher werden dem US-Präsidenten Prognosen vorgetischt, sogar ausgeklügelte Computersimulationen, doch genau die hat der Zufallsmathematiker Nassim Nicolas Taleb 2008 als moderne Quacksalberei entlarvt (siehe sein Buch ''Der schwarze Schwan – die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse''). Es ist also davon auszugehen, dass die USA die meisten Entscheidungen auf globaler Ebene ohne einen konkreten Plan treffen. Sie handeln dann ganz einfach nach ihren Prinzipien (Freiheit, Demokratie, Völkerrecht) und im Interesse der Weltwirtschaft. 

Der Unternehmensberater Wolfgang Berger stellte in seinem Buch "Business Reframing" generell die Ausarbeitung von Plänen infrage, denn "Pläne können sich nur auf den Stand unseres Wissens beziehen und ausgetrampelte Pfade weisen". Das ist natürlich auf Unternehmen gemünzt, doch bei der Führung einer Supermacht gelten ganz ähnliche Bedingungen. Berger meint, dass man Problemlösungen nicht planen könne, denn "Durchbrüche geschehen auf Feldern, von denen wir nicht wissen, dass wir nichts davon wissen, auf denen unser Nichtwissen für uns nicht existiert. Wir können sie nicht planen, weil sie nach unseren gegenwärtigen Wissensgrundlagen nicht existieren. Unternehmensplanung muss auf Wissensgrundlagen aufbauen, die in der Vergangenheit gründen. … Wer daraus seine Zukunft ableitet, verhält sich wie der Autofahrer, dessen Frontscheibe beschlagen ist, und der deshalb mit Hilfe der Rückspiegel fährt" (Business Reframing, 3. Auflage 2002, S. 166).

Wenn die amerikanische Regierung trotzdem in der einen oder anderen Frage eine konkrete Strategie verfolgt, dann kommt vermutlich in der Mehrzahl der Fälle etwas ganz Anderes dabei heraus. Denn die Welt ist vielschichtig, weil die einzelnen Menschen, Familien, Völker, Staaten und supranationalen Organisationen hochkomplexe Systeme sind. Weil es immer wieder Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen gibt, weil lang angestaute Unzufriedenheit urplötzlich aus einem Volk herausbrechen kann, sind die Gesellschaften ständig im Fluss. Dabei können einzelne Aspekte des Handelns einer Supermacht konterkariert, andere wiederum verstärkt werden. Wenn es daher einen Plan gibt, dann muss er ständig überarbeitet und an die veränderten Umstände angepasst werden, so dass von dem ursprünglichen Plan irgendwann nur noch die grundlegende Vision übrig bleibt. Taleb, der Philosoph des Zufalls, sieht den Staat in der Pflicht, die Robustheit von Wirtschaft und Gesellschaft gegenüber unvorhersehbaren Katastrophen zu vergrößern. Er schlägt als Strategien vor: Dezentralisierung, Sicherung des freien Wettbewerbs, Verhinderung von Monopolen und Too-Big-to-Fail-Organisationen, Rücklagen statt Staatsschulden, Redundanz statt zu große globale Arbeitsteilung im Interesse von Risiko-Minimierung und Risikostreuung (vgl. ''Der Schwarze Schwan - Konsequenzen aus der Krise'', 2012, S. 24ff.). Mit der Staatsverschuldung bis über die Halskrause und der Politik des leichten Geldes gehen die Großmächte seit einigen Jahren aber genau den entgegengesetzten Weg.

Richtig ist, dass sich der Staat im Leben der Bürger immer weiter ausbreitet, dass er inzwischen fast überall seine Finger drin hat. Er wird übergriffig und mischt sich massiv in unser Privatleben ein. Mittlerweile stellt der Staat nicht nur eine Rechtsordnung als Rahmen zur Verfügung, innerhalb derer sich die Gesellschaft und ihre Mitglieder frei entfalten können. Nein, immer mehr Menschen werden zur Zahlung von Sozialabgaben, Gebühren, Unterhaltsgeldern gezwungen - eine neue Form der Wegelagerei. Anstatt wie früher eine Anzahl von Verboten auszusprechen und einige wenige Gebote anzuordnen, überwiegen in den 'modernen' Sozialstaaten die Gebote. Der Raubtiersozialismus, wie er auch bezeichnet wird, besteht aus einem Dickicht von Gesetzen und Verordnungen, das schon allein deswegen jeder Gerechtigkeit Hohn spricht, weil es kaum einer mehr durchblickt. Die Geldflüsse gehen von oben nach unten, von unten nach oben, von der Mitte zur Mitte oder von der linken in die rechte Tasche. Durch den Wohlfahrtsstaat und seine mannigfachen Umverteilungsmaßnahmen werden die gewachsenen Solidarsysteme wie die Ehe und die bürgerliche Familie unterminiert und das naturrechtlich entstandene Sozialverhalten der freien Märkte eingeschränkt und manipuliert. Indem sich die Rechtsordnung immer weiter in unserem Leben ausbreitet, unterwandert sie die Gesellschaft, nämlich das, was Hayek als "Handelnsordnung" bezeichnet. Betroffen ist nicht nur die Marktwirtschaft, die ja urwüchsig ist und schon immer da war, der Handel, die Vermittlung von Angebot und Nachfrage mittels spontaner Preise und Löhne. Betroffen sind auch die Normen, Werte, Sitten, Bräuche, Traditionen sowie die Rolle z.B. von Mann und Frau, die nach und nach überflüssig gemacht und damit zerstört werden (vgl. Hayek Lesebuch, 5: Rechtsordnung und Handelnsordnung, S. 88ff.).

Um den Wahnsinn auf die Spitze zu treiben, wird das Wertesystem unserer Gesellschaft zusätzlich durch die Einwanderung von Millionen Menschen einer uns feindlich gesinnten Kultur infrage gestellt. Für dieses Zerstörungswerk braucht man indessen nicht die USA zu bemühen, das schafft die Große Koalition unter Angela Merkel ganz alleine. Wenn sie eine Marionette der USA wäre, dann hätte sie weniger Rückhalt in der Bevölkerung. Die Ursache für den Sog, mit dem wir die Menschen aus den Armutsgebieten der Welt nach Deutschland holen, ist vielmehr die vor allem von den Linken und Grünen getragene Gutmenschen-Religion. Ihre Verfechter haben den Wohlfahrtsstaat mittlerweile auf die ganze Menschheit ausgedehnt.

Ist es nicht so: Wer in einem Land mit einem nennenswerten Wirtschaftswachstum wohnt, für den sind die USA kein Thema. Wo es Probleme gibt, da ist man schnell dabei, die Supermacht USA als den Schuldigen auszumachen, zumal mit den Vereinigten Staaten (zu Unrecht) immer auch der Kapitalismus getroffen wird. Wir haben aber gesehen: Wer den Amerikanern die Schuld für alle Fehlentwicklungen in die Schuhe schiebt, der überschätzt ihren Einfluss bei weitem. Er geht davon aus, dass das, was man vorfindet, genau so von der Supermacht geplant wurde. Ein Facebook-Freund, der mich wegen meiner mangelnden USA-Feindlichkeit kritisiert hatte, schrieb am 21.12.15: "Also wenn jemand wirklich glaubt, dass der Grund für das Chaos, das die Kriege der USA grundsätzlich hinterlassen, nur das ungeschickte Händchen der USA beim Kriegsführen ist, dann kann ich ihn nur für naiv halten. Wenn es aber nicht die Dummheit der größten, der erfolgreichsten Weltmacht ist, dann muss es bei der Häufigkeit ja wohl geplant sein".

Am 2. Dezember bin ich als Leiter von 'Widerstand Karlsruhe' zurückgetreten (ehemals Pegida bzw. Kargida). Ich wurde am Tag zuvor (nach unserer 20. Demonstration) heftig kritisiert, weil ich in meiner Rede die USA in Schutz genommen hatte. Dort hatte ich wörtlich gesagt: "Meine persönliche Meinung ist: Die USA sind nicht maßgeblich schuld an unserer Masseneinwanderung. Ich sage das, weil immer wieder behauptet wird, die Vereinigten Staaten brächten mit ihrer Interventionspolitik den Nahen Osten aus dem Gleichgewicht. Tun sie vielleicht auch – aber das ist nicht der Grund für die Masseneinwanderung. Manche behaupten, die USA hätten den IS selbst mutwillig ins Leben gerufen und würden ihn jetzt bombardieren, um eine Flüchtlingswelle auszulösen, die den Konkurrenten Europa hinwegfegt. Ich finde, das ist absoluter Quatsch. Wenn Europa untergeht, werden die USA mit runtergezogen, und das wissen die auch. Wir haben eine eng verflochtene globalisierte Wirtschaft, und deswegen haben die Amerikaner kein Interesse, dass wir untergehen in Europa" (www.youtube.com/watch?v=9MBn6fg3dHg, ab Minute 16).

Ich hatte in mehreren Reden meine libertär-konservative Haltung durchblicken lassen. Dabei bin ich mir bewusst, dass unsere Redner solche Themen, die innerhalb der Bewegung strittig sind, nicht breittreten sollten. Doch Kritik am Wohlfahrtsstaat wollen viele Pegida-Demonstranten überhaupt nicht hören, weil sie selbst an ihn glauben. So sehr mich meine Entmachtung kränkt, so sehr bin ich auch froh darüber, nicht länger für eine Gruppierung zu arbeiten, in der bestimmte Ansichten nicht geduldet werden. Und zwar nicht, weil sie extrem sind, sondern weil sie vom Mainstream in dem einen oder anderen Punkt abweichen. Wir lehnen den Gesinnungsterror der Gutmenschenreligion ab und täten daher gut daran, in den eigenen Reihen Andersdenkende zu respektieren! 

Wir Europäer begeben uns in große Gefahr, wenn wir nicht zu einer gesunden Streitkultur zurückkehren. Die Political Correctness nimmt unserer Gesellschaft die Fähigkeit, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Wir brauchen auch bei Pegida den Wettbewerb verschiedener Ansätze zur Erklärung, wie es zu dem Niedergang Europas kommen konnte. Auch wenn kontroverse Diskussionen einer Partei oder einer Bewegung nicht selten als Zerstrittenheit angekreidet werden, brauchen wir sie, denn sie sind unsere Augen und unsere Scheinwerfer. Ohne offene Diskussionen, ohne die Duldung unbequemer Ansichten auch und gerade auf Facebook (und zwar bis an die Schmerzgrenze), ohne Meinungs- und Pressefreiheit gibt es für uns keine Sicherheit in flammender Gefahr. Unsere Gesellschaften bewegen sich mit in großer Geschwindigkeit in unsicherem Gelände, da brauchen wir jeden, der uns vor gefährlichen Hindernissen oder Abgründen warnen könnte. Einer dieser Abgründe wäre, wenn wir allzu einfachen Erklärungen erliegen würden, nach denen sich Demagogen die Finger lecken, weil es so leicht ist mit Ressentiments Politik zu machen. Die Linken sprechen von 'gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit'. Die gibt es wirklich, und zwar auch und gerade im Gutmenschentum. Als Sündenböcke werden gehandelt: die Männer, die Banker, die Unternehmer, die Neoliberalen, die Konservativen, die AfDler, die Pegida-Demonstranten und nicht zuletzt die Amerikaner. Wenn solcher Populismus die Oberhand gewinnt, dann geht die Wahrheit flöten. Das aber können wir uns nicht leisten. Schon gar nicht in der prekären Situation, in der Europa steht.

Kommentare:

  1. Tommy Casagrande10. März 2016 um 00:00

    Die Masseneinwanderung ist nicht die Ursache für einen Leidensdruck sondern der Sozialstaat, die hohe Besteuerung, die gesetzlichen Hürden die einem freien Arbeitsmarkt im Wege stehen, die Politik des billigen Geldes von Seiten der Zentralbank.

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  2. Thomas Rettig möge Oliver Janich lesen, dann würde er erfahren, aus welchen Kreisen denn eben dieser Sozialismus so gepusht wird!

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  3. Die Zerstörung Deutschlands und mit Deutschland als dem europäischen Kernland auch die Zerstörung Europas als dem kulturbildendem Kontinent der westlichen Welt ist keine Verschwörungstheorie. Es ist eine Verschwörung. Eine Verschwörung, die seit weit mehr als 100 Jahren betrieben wird.

    Die Machteliten geben es ganz freimütig zu. So forderte schon im Jahre 1925 Coudenhove-Kalergi in seinem Werk "Praktischer Idealismus" die Abschaffung der weißen Rasse in Europa durch Flutung migrantischer - vornehmlich muslimischer - Unterschicht.

    Umgesetzt z.B. durch die Barcelona-Deklaration der EU aus dem Jahre 1995, die einen unbeschränkten Zuzug aus den muslimischen Mittelmeeranrainerstaaten vorsieht.

    Eine Forcierung erleben wir mit der "Asylkrise". Diese armen Menschen werden lediglich für die Ziele dieser perversen, niederträchtigen Eliten instrumentalisiert.

    Neben der kulturellen Zerstörung läuft parallel die ökonomische Zerstörung, u.a. durch die EU-Bürokratie und den Euro.

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  4. Woher nehmen Sie die Erkenntnis, Coudenhove-Kalergi würde zu den Machteliten gehören? Und wieso sollte es für die von Vorteil sein eine Bevölkerung zu haben die nicht ihre Werte teilt und damit auch nicht zu kontrollieren ist?

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  5. Werte anonyme Kommentatoren,

    es ist schon sehr interessant, dass immer, wenn irgendjemand die Irrsinnigkeit antiamerikanischer Ansichten beweist, irgendwer mit einer hanebüchenen Theorie ankommt, die ein genaues Beispiel dafür ist, wovon der Autor spricht. Eigentlich wäre hierzu nicht mehr zu sagen als "quod erat demonstrandum", aber wir wollen uns Anonymus Nr.2 doch mal genauer ansehen.

    Wir wollen keineswegs in Abrede stellen, dass Deutschland auf dem absteigenden Aste ist und es in den letzten 100 Jahren seine Weltstellung insbesondere in kultureller Hinsicht sehr eingebüßt hat. Aber ist Deutschland nicht selbst daran schuld ?

    Nehmen wir mal den ersten Weltkrieg. Wilhelm II., ein traumatisierter, innerlich schwächlicher und gleichzeitig größenwahnsinniger, trotz seiner Hofjuden auch antisemitischer Borderliner war es, der im Juli 1914 den Funken ins Pulverfass schlug. Und seine Deutschen, die Heßlings, folgten ihm alle, folgten ihm durch aussichtslosen Stellungskrieg, durch Hunger und Elend, um danach von ihm im Regen stehengelassen zu werden mit den Trümmern, die er hinterlassen hatte, mit Alleinschuld und Reparationen und allem drum und dran.

    Aber das war ja schnell verziehen, denn eigentlich waren ja die Juden dran schuld, die Deutschen wählten erst mit Hindenburg einen Ersatzkaiser und schließlich einen österreichischstämmigen ehemaligen Gefreiten, der den Deutschen genau das sagte, was sie hören wollten, dass nämlich die Anderen dran schuld sind. Was folgte, kennen wir. Den Schaden, den wir in ganz Europa angerichtet haben, können wir gar nicht erst aufzählen. Dass es uns selbst mitgetroffen hat, war da wohl unvermeidlich: Die Vernichtung herausragender deuscher Kulturträger wie der Preußen, der Schlesier, der deutschsprachigen Juden, der Verlust des Vorrangs in der Weltwissenschaft, die Diskreditierung der deutschen Kultur: alles das Werk der Deutschen, die ihrem böhmischen Gefreiten durch Dick und Dünn folgten.

    Und die EU ? Ist sie nicht von Deutschland dominiert ? Sind es nicht Merkel und Schulz, die immer davon faseln, die "europäische Idee" sei in Gefahr, wenn irgendwer Merkeldeutschland widerspricht ? Ist es nicht Merkeldeutschland, dass die Asylkrise herbeigerufen hat, allem Widerspruch seiner Nachbarn zum Trotz ? Und stützt sie sich nicht wieder auf ihre treuen Deutschen ?

    Aber daran sind natürlich immer nur die Amis/Juden/Freimauer/Kalergis/Reptiloiden/ Anujagis dran schuld. Was soll man machen ? Deutschland, das tapfer und unbeirrt gegen den angelsächsisch-kapitalistischen Tand des gesunden Menschenverstandes und der Eigenverantwortlichkeit ankämpft, ist halt einfach nur umgeben von undankbaren, verständnislosen Kackbratzen. Und wenn der deutsche Michel auch weiterhin in seiner deutschen Kollektivmatrix bleibt, in der er selbst nie was dafür kann, wird sich daran auch nichts ändern.

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  6. Alexander, vielen Dank für Ihren Kommentar, der mir wahrlich aus der Seele spricht.

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  7. Leider ist eine völlig unkritische Sicht auf die heutigen USA in libertären Kreisen augenscheinlich recht weit verbreitet. Der oberflächliche, ob der Geschichte und der derzeitigen Politik der USA und dem Zustand innerhalb der USA geradezu jeden klaren Blick auf die Realität verweigernde Artikel ist ein Beispiel dafür. Wer sich im Elfenbeinturm libertärer Eutopie eingeschlossen hat, verliert offenbar den Blick auf das Jetzt, z.B. weil er so sehr mit seinem Traum von der Zukunft beschäftigt ist?

    Daß sich in der unkritischen Bejubelung der heutigen USA dann auch noch Anarchokapitalisten und sich klassisch-liberal Nennende in einvernehmlicher Realitätsverleugnung treffen, stört offenbar weder die einen noch die anderen.

    Ich habe heute aus den hämischen Erwiderungen auf "anonyme Kommentatoren" gelernt, daß z.B. Ron Paul ein Anti-Amerikaner sein muß. Ebenso wie Paul Craig Roberts (stellvertretender Finanzminister während der Regierung Reagan), um nur diese beiden Beispiele zu nennen. Beide haben immerhin die us-amerikanische Staatsangehörigkeit und kritisieren die Politik der USA deutlich.

    Wer aufhört zu denken und sich allein deshalb im Besitz der Wahrheit glaubt, weil er sich libertär nennt, Mises et al auswendig hersagen kann, ist nicht besser als die kollektivistischen Ideologen, die er zu bekämpfen vorgibt. Er ist ein stumpfer Dogmatiker.

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  8. @ Jörg A.

    Dieser Artikel ist nicht dafür gedacht, Amerika von aller Schuld reinzuwaschen. Amerika ist und bleibt aber immer noch das Land der Erde, in dem der Gedanke des Individuums und seiner Freiheit noch immer den traditionell höchsten Stellenwert hat und das damit natürlich für jeden, dem diese Werte am Herzen liegen, weitaus attraktiver ist als der Iran, China oder Merkeldeutschland. Dass amerikanische Staatsbürger die Politik ihres Landes kritisieren, ändert daran nichts, im Gegenteil, es bestätigt nämlich, dass sie die Freiheit haben, eben dies zu tun, ohne von der Bildfläche zu verschwinden.

    Herr Paul und Herr Roberts sind natürlich keine Antiamerikaner, indem sie das tun. Abgesehen davon, dass ich diese Herren gar nicht erwähnt habe, haben Sie schlicht und einfach das Wesen des Antiamerikanismus nicht verstanden. Es liegt nämlich darin, Amerika für das zu hassen, was es ist, und nicht für das, was es tut, und es vor allem aber für alle Übel in der Welt verantwortlich zu machen. Dass Antiamerikanisten als "Beleg" dafür immer wieder gerne die Aussagen von Amerikanern zu Rate ziehen, ändert an dieser Haltung nichts. Sie ist auch deshalb unsinnig, weil Kritik an der Regierung in den Vereinigten Staaten durchaus als ein Ausdruck von Patriotismus gelten kann, denn die USA sind von dem Gedanken geprägt, dass das Volk dazu da sei, die Regierung zu überwachen, und nicht umgekehrt, wie in Merkeldeutschland.

    Zudem bin ich selbst nur bedingt libertär, ich lese diesen Blog nur unter vielen anderen. Ich fühlte mich angesichts jener anonymen Kommentatoren, die die Kernthese des Artikels bestätigten, jedoch dazu veranlasst, meinen Senf dazuzugeben.

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