Dienstag, 15. März 2016

,,Von Thesenpapieren wird der Staat nicht kleiner!'': Hat die AfD libertäres Potential?

Libertär, konservativ, AfD:
John Langkamp. Foto: Privat.
Tomasz M. Froelich im Gespräch mit John Langkamp
Nein, wie ein Wutbürger oder Politrowdy, wie er ja - der medialen Berichterstattung sei Dank! - im Umfeld der Alternative für Deutschland (AfD) vermutet wird, wirkt er nicht: John Langkamp, 20 Jahre alt, Student der Volkswirtschaftslehre in Bonn, stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Alternative für Deutschland und zusätzlich deren stellvertretender Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen wirkt sympathisch, seriös, sachlich. Er gehört in der Partei dem libertären Flügel an und ist Mitinitiator der Libertären Alternative, einem Zusammenschluss von libertären Kräften innerhalb der AfD. Tomasz M. Froelich sprach für Freitum mit ihm über sein Engagement in der Partei und wie er ihr libertäres Potential einschätzt.

Freitum: Herr Langkamp, sie bezeichnen sich als klassisch-liberal/libertär und konservativ: Kein Widerspruch?

Langkamp: Ganz im Gegenteil! Als Libertärer lehne ich staatliche Eingriffe grundsätzlich ab – gleichzeitig halte ich konservative Werte, beispielsweise das Verteidigen von Tradition und Familie als Keimzelle des Privaten für unerlässlich. Nichts ist der Freiheit so förderlich wie intakte natürliche Institutionen und nichts schadet diesen – als konservativ geltenden – Werten mehr als die Allmachtsphantasien staatlicher Vertreter, die eben diese natürlich gewachsenen Institutionen zur eigenen Machterweiterung mit allen Mitteln zu zerstören versuchen.
Es gibt natürlich nicht zu leugnende theoretische Differenzen, aber es existiert eine Schnittmenge aus wertkonservativer und wirtschaftsliberaler Politik, auf die wir uns besinnen müssen.
So waren beispielsweise führende Vertreter des Liberalismus wie Roland Baader und Ludwig von Mises ausgesprochene Kulturkonservative, der Urvater des Konservatismus Edmund Burke ein Freund der unumstößlichen Eigentumsrechte.

Freitum: Sie engagieren sich bei der Jungen Alternative, sind dort stellvertretender Landesvorsitzender in NRW. Wie empfänglich ist Ihrer Meinung nach die AfD für libertäres Gedankengut?

Langkamp: Die AfD ist zunächst die einzige Partei, die sich überhaupt gegen Eurorettung, EU-Wahn, GEZ-Zwangssteuer und für mehr Freiheit in Form von Steuererleichterungen einsetzt. Es ist richtig, dass die AfD niemals eine Partei der reinen Lehre werden wird und man somit als Libertärer in der AfD zu Kompromissen gezwungen ist. 

Freitum: Was bleibt dem kompromisslosen Libertären, deren einziger Kompromiss darin besteht, sich parteipolitisch engagieren zu wollen?

Langkamp: Wer der Überzeugung ist, dass eine rein libertäre Partei der Weg zum Ziel ist, der kann sich der bereits existierenden Kleinstpartei namens PdV anschließen, deren Programm sicherlich sehr attraktiv ist, doch dessen Reichweite – leider – nicht über die libertären Zirkel hinausragt. Freiheit auf dem Papier ist schön und gut, auch erlesene Vorträge und Debatten sind wichtig für den philosophischen Widerstand – letztlich zählt aber nicht die Freiheit auf dem Papier, sondern die auf der Steuerabrechnung. Von Thesenpapieren wird der Staat nicht kleiner.

Freitum: Und mit der AfD schon?

Langkamp: Die AfD mag Steuersystem und Sozialstaat nicht per se abschaffen, doch sie tritt für deutliche Vereinfachungen und private Alternativen an. Die AfD mag sich nicht für ein vollständig privatisiertes Schulmodell aussprechen oder das Marktgeld fordern, doch ist jede Reduzierung des staatlichen Einflusses und jeder Vorstoß gegen eine zentralistische Währung nicht ebenso von Wichtigkeit? Man muss dem Bürger die Freiheit schmackhaft machen. Dies ist die einzige Chance. Jeder „Hau-Ruck-Versuch“ ist in unserem System zum Scheitern verurteilt.
Es gibt jedoch einen Aspekt, der für den deutschen Liberalismus noch relevanter ist:
In der AfD findet ein breiter Diskurs statt – Überzeugungsarbeit für die Freiheit ist nirgends besser möglich als dort. Auf ESFL-Konferenzen und Friedrich-Naumann-Vorträgen mag der Libertäre seine Argumente bis in die Perfektion verfeinern, aber er gewinnt nur marginal neue Anhänger. In der AfD gibt es einen großen Anteil an Mitgliedern, die zwar die Probleme unserer Zeit erkennen, deren Ursache – nämlich die staatliche Allmacht – aber noch nicht sehen. Eben diese Menschen sind offen die Ideen des Liberalismus. Das Potential ist riesig. Wer der AfD beitritt, der stolpert zwangsläufig über Hayek, von Mises und Baader.

Freitum: Als junge Partei hat die AfD viele Gesichter - die Palette reicht von "libertär" bis "nationalkonservativ". Sind das auf lange Sicht betrachtet nicht zu große weltanschauliche Gegensätze? Welche Kräfte werden sich durchsetzen?

Langkamp: Unbestritten ist, dass in der AfD große weltanschauliche Gegensätze koexistieren. Der einzige Weg zum Erfolg und Einzug in den Bundestag kann nur ein wertkonservativer und marktwirtschaftlicher sein. Sozialdemokratische Parteien à la CDU und FDP gibt es - gemessen am Wertekompass und der Marktfreundlichkeit - genug. Für uns Liberalen und Libertäre in der AfD heißt das: Wir müssen dafür einstehen, dass die Freiheit des Einzelnen auch in Zukunft nicht zur Floskel in unserem Programm wird.

Freitum: Ist das nicht ein utopisches Unterfangen?

Langkamp: Man mag mich als Utopisten bezeichnen, doch ich sehe in der AfD eine aufkeimende paläolibertäre Kraft. Dieses Ziel kann aber nur wahr werden, wenn beide Flügel nicht den Streit, sondern den Frieden suchen.
In der Jungen Alternative, der Ideenwerkstatt der AfD, sind wir auf einem guten Weg: Wir fordern schon jetzt die Abschaffung der Europäischen Union ohne die wirtschaftliche Freiheit einzuschränken, wollen das Steuersystem radikal vereinfachen und treten für eine sachliche Debatte des angeblich vom Menschen verursachten Klimawandel ein. 

Freitum: Zum Abschluss: Was sind Ihre politischen Vorbilder?

Langkamp: Große Sympathie hege ich für den letzten Liberalen der Kaiserzeit, Eugen Richter, der mit großer Redekunst trotz aller Widrigkeiten für die Freiheit stritt. Mit heutigen deutschen Politikern kann ich wenig anfangen, weswegen ich mich eher an Ron Paul als Begründer des Paläolibertarismus und Maggy Thatcher als erfolgreiche konservativ-liberale Realpolitikerin orientiere.
Grundsätzlich ist mir jeder Politiker sympathisch, der sein Handeln lediglich darauf beschränkt, Verfassung und Recht zu achten und seine persönlichen Vorlieben für sich behält statt sie mir aufzudrücken.

Freitum: Herr Langkamp, vielen Dank für das Gespräch!

Kommentare:

  1. Die AfD wird es auch nicht schaffen den Staat kleiner zu machen. Zu viele Parasiten in der Bevölkerung, und es werden jeden Tag mehr. Der Staat wird erst durch den Zusammenbruch kleiner - wenn richtig viele Leute gestorben sind (vor allem die besonders nutzlosen) und alle enormen Hass auf den Politabschaum haben. Es ist besser wenn die Sozialisten die Macht haben wenn das passiert, dann gibt es noch mehr Leute die sich um sie "kümmern" wollen.

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  2. boah, heftiger Kommentar, aber könnte echt wahr sein. Leider :-(

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  3. Wenn der Staat einen Zusammenbruch erleidet, wird die Mehrheit der Bürger, die keinerlei ökonomische Kenntnisse hat und auch nicht weiß wie gutes Geld entsteht, weiterhin den Raubtierkapitalismus, die ungezügelte Marktwirtschaft und die Deregulierung verantwortlich machen. Leider!

    Es gibt für Libertäre nur dann eine Chance, wenn es gelingt "die intellektuelle Führung in einem Land, welche den Staat und die Gesellschaft im Allgemeinen beeinflussen kann," (Ron Paul: http://www.misesde.org/?p=12050 ) zu überzeugen.

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  4. Muss nicht sein. Die Leute werden schon merken, dass es das Ende der Fahnenstange ist und es kein Geld für ihre Ansprüche mehr gibt. Das Klima wird dann ein ganz anderes sein: heute wird jeder Idiot bejubelt oder wenigstens geduldet, der mehr Geld für irgendwas fordert, nach dem Zusammenbruch werden sie es nicht mehr wagen, weil sie mit massiver Ablehnung und Hass wegen ihrer Frechheit, in Krisenzeiten Privilegien zu fordern, zu rechnen haben. Eine intelligente Regierung würde diese Leute sogar noch benutzen, um von sich abzulenken.
    Die aktuelle "intellektuelle Führung" wird zu sehr damit beschäftigt sein sich vor den ganzen "Freunden" zu verstecken, die sie sich mit ihrer Flüchtlingspolitik gemacht haben, deren wahre Resultate sich zeigen sobald die Sozialleistungen ausfallen. Die wirtschaftliche Elite, die noch irgendwas machen kann, ist ganz sicher nicht am Sozialismus interessiert, die werden sich schon daran erinnern, dass wirtschaftliche Freiheit immer zieht.

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  5. Ja rote_pille, das ist auch eine Möglichkeit.
    Letztlich ist es aber doch so, wie Doris Day in "Que sera, sera" sang: "The future's not ours to see."

    Ich revidiere meinen Satz: Es gibt für Libertäre nur dann eine Chance... und streiche das "nur".

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