Donnerstag, 4. Februar 2016

Umweltproblematik: Auf den Kapitalismus setzen!

NaomiKlein
Naomi Klein. Foto: von mrittenhouse (Flickr)
CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons
von Anna Malin Möller
In der Rede der kanadischen Autorin Naomi Klein zum Klimawandel wird das Problem als politische und wirtschaftliche Herausforderung dargestellt, die es international zu bekämpfen gilt. Die These, der Klimawandel würde nicht ohne einen Wandel des wirtschaftlichen Systems aufzuhalten sein, ist der Ausgangspunkt der Autorin. Und während sie die Entscheidung für das Eine als Entscheidung gegen das Andere versteht, frage ich mich: Utopie oder Umdenken - ist eine Veränderung der kapitalistischen Lebensweise denkbar und notwendig? 

Ja, das Klima verändert sich. Ja, die großen Industrien und Unternehmen sorgen für irreparable Schäden an der Natur. Die Beispiele Kleins sind erschreckend und noch erschreckender ist die Tatsache, dass es nur einige von unendlich vielen sind. Die Wissenschaft ist sich einig: Rückgängig lässt sich nichts mehr machen und Klein betont, dass ohne ein radikales Vorgehen durch Veränderungen auch das Schlimmste nicht mehr vermeidbar sei. Gleichzeitig sieht sie den Klimawandel als ein Thema der Internationalen Politik, sodass es ihr nicht um die Einstellung des Einzelnen geht, sondern um das Netz aus Politik und Wirtschaft. 

Die Macht und damit die Möglichkeit zur Veränderung hätte die Politik; sie sei gefordert massive Regulierungen zu veranlassen, Privatisierung zu verhindern und hohe finanzielle Verpflichtungen zu verlangen, so Klein. Sie fordert einen starken Staat, der ein Diktat zu Gunsten der Umwelt führt und das in internationaler Zusammenarbeit. Eine allumfassende Revolution, ein Umdenken müsse sich durchsetzen. Doch berücksichtigt sie nicht, dass im Kapitalismus die Märkte entscheiden, die gelenkt sind von der Nachfrage des Konsumenten, also dem Individuum. Sie verkennt in ihren Überlegungen die kleinste Einheit des Systems, wettert sogar gegen den zunehmenden Individualismus. Aber bei denen, die das Angebot bestimmen, liegt die Macht zur Veränderung und einzige Hoffnung auf Verbesserung. Und dort sind Tendenzen eines Umdenkens festzustellen. Umdenken beginnt mit der Entwicklung eines Bewusstseins für die Probleme und die eigene Verantwortlichkeit dafür. Der Gedanke eines nachhaltig verträglichen Lebens entstand mit dem Protest gegen die Umweltzerstörung und blüht seitdem auf. Beispielsweise Vegetarismus und Veganismus sind mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen und deutlich mehr akzeptiert als noch vor 15 Jahren. Da die Konsequenzen der geschädigten Umwelt jetzt schon für jeden erkenn- und spürbar sind, kommt es zu einer neuen Ausrichtung der Werte und Prioritäten. Als kleines Beispiel für die Entwicklung eines Umweltbewusstseins zeigt sich in den Zahlen der Radfahrer in Wien: 2012 wurden 43% mehr Radfahrer gezählt als noch 2010.

Dennoch reden wir hier über eine Bedrohung, die sich nicht durch ein paar mehr Fahrradfahrer abwenden lässt. Die Produktionen zum Erhalt der westlichen Lebensstandards gehen auf Kosten unseres Lebensraumes und es handelt sich dabei nicht nur um eine kapitalistische Lebensweise, sondern auch um eine imperiale, denn für den Wohlstand einer mächtigeren Minderheit leidet die Mehrheit jeglicher Lebensformen. Was würde also eine Veränderung der Lebensweise ändern? Kein Coltan-Abbau mehr in Afrika, weniger Kerosin in der Atmosphäre und hohe Umweltschutzauflagen für industrielle Produktionen wären die positiven Folgen. Gleichzeitig ist es ein gesellschaftlicher Rückschritt der globalen Welt. Um Mobilität und Kommunikation in dem aktuellen Maß zu gewährleisten, bräuchte es Alternativen, die bisher fehlen. Das wäre vielleicht noch zu verkraften, doch würde es vielmehr den Schritt zurück in die Nationalstaatlichkeit bedeuten. Internationale Zusammenarbeit und Arbeitsteilung wären unter solchen Bedingungen nicht mehr möglich. 

Es mag sein, dass das von der Autorin bedacht, aber nicht als wesentlich gesehen wurde, doch dann bestünde ein Widerspruch zu ihrer These des Klimawandels als ein international zu bewältigendes Problem. Fakt ist, erneuerbare Energien sind noch nicht entwickelt genug, um den derzeitigen Bedarf an Energie und Ressourcen zu decken. Ein Verzicht und Rückschritt gingen mit einem radikalen Wechsel der Versorgungsquellen einher. Sie erwähnt jedoch, dass sich in Europa schon unheimlich viel verbessert hat. Energiesparauflagen, Atomausstieg oder der Ausbau nachhaltiger Energiegewinnung sorgen dafür, dass mittlerweile deutlich weniger Energie verbraucht wird. Damit setzt Europa nicht nur international ein Zeichen, sondern trägt damit vielleicht dazu bei, weniger zu schaden. Verhindern ließe sich das Schlimmste, wenn international alle mitziehen würden und man die Verweigerer zur Verantwortung zieht, bzw. zur Kasse bittet, so die Autorin. Dabei übersieht Klein jedoch ein wesentliches, durch keinen Staat einzuschränkendes Problem, das den Kampf gegen den Klimawandel fast unmöglich macht: das enorme Wachstum der Weltbevölkerung. Je mehr Menschen es zu versorgen gilt, desto mehr Ressourcen müssen aufgewendet werden, um überhaupt ein Überleben zu gewährleisten. 

Wie sie selbst feststellt, basiert unser System mit kapitalistischer Ausrichtung auf einer jahrhundertjährigen Entwicklungsgeschichte. Dementsprechend ist es sehr stark als Art Paradigma in unserem Denken und Verständnis verankert. Einen solchen Komplex aus Werten, Normen, Mechanismen und Prägungen unserer Lebensweise lässt sich nicht von heute auf morgen abwerfen und umwälzen, was jedoch nach Ansicht Kleins absolut notwendig wäre. Aber ist es das wirklich? Dazu muss das System, das sie für die Zerstörung der Umwelt verantwortlich macht, genauer untersucht und verstanden werden. Naomi Klein hält die aktuelle Weise zu wirtschaften und Politik zu betreiben für eine Gewinnmaximierende und erklärt das System zum Kapitalismus. Die freien Kräfte des Marktes und das uneingeschränkte Spiel des Kapitals führen zu multinationalen Unternehmen, die als einzig Mächtige über das große Geld verfügen und mit keinerlei Rücksichtnahme auf die negativen Folgen ihrer Produktionen danach streben, Natur und Menschen noch weiter auszubeuten. Sie selbst spricht von ihrer kapitalismuskritischen Einstellung. Die Lösung sieht sie im Eingriff der Staaten, um zu regulieren und durch ihre Instrumente, wie der Gesetzgebung, einen Rahmen zu bilden. Überhaupt müsste zu Gunsten der gerechten Verteilung von Ressourcen eine Form der Planwirtschaft herrschen, doch der konkrete Gegenentwurf eines Wirtschaftssystems ohne kapitalistische Tendenz wird nicht gegeben. 

Betrachtet man nun die Bilanzen der Umweltstatistiken sozialistischer Wirtschaftsformen, so stellt man fest, dass die Umweltintensität der aus den Planwirtschaften hervorgehenden Übergangswirtschaften im Vergleich zu entwickelten Marktwirtschaften deutlich überhöht ist. Das derzeitige System zeigt korporatistische Tendenzen und Machtgefüge, die erst durch staatliche Intervention zustande gekommen und sicherlich im Interesse der staatlichen Akteure sind. Privatisierungen sind besonders in der Umweltpolitik notwendig, da durch Konkurrenz leistbare Preise entstehen könnten, denn ein weiteres Hauptproblem ist, dass die Nutzung erneuerbarer Energien für den Verbraucher bisher teurer ist. Eine Lösung kann nicht darin bestehen, das Angebot einzuschränken oder massiv zu beeinflussen, sondern die Forderung nach einem besseren Angebot zu wecken. Dann schließt eine wahrhaft kapitalistische Lebensweise eine umweltfreundliche nicht aus.

Der Druck des Kapitalismus würde nicht nur dafür sorgen, die Preise für jeden Verbraucher erschwinglich zu machen, sondern auch eine schnelle und zeitnahe Entwicklung neuer Methoden, Technologien oder Unternehmenskonzepte gewährleisten. Die einnehmenden Mechanismen der Ressourcenmärkte würden auch in den neu erschlossenen Märkten für umweltfreundliche Alternativen wirken. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die von Klein angesprochen Probleme nicht wegzudiskutieren und nicht mehr länger zu ignorieren sind. Auch dass unser System für die ineffiziente Nutzung der Ressourcen verantwortlich ist, ist unbestreitbar. Doch definiert sie die falschen Ursachen und im Folgenden auch die falschen Lösungsansätze, da sie die ursprüngliche Idee des Kapitalismus mit der aktuellen Wirtschaftsform gleichsetzt. In einem System, das von wirtschaftlicher, politischer und personenspezifischer Interessensvertretung mit ungleicher Machtverteilung geprägt ist, ist ein staatliches Handeln und Eingreifen als Lösung naheliegend, im Endeffekt jedoch nicht zielführend. Durch aktive Schärfung des individuellen Umweltbewusstseins und die notwendige Aufklärung über die verantwortlichen Konzerne oder Verhaltensweisen gilt es aufzuklären, denn der Boykott ist die wirkungsvollste Waffe des Kapitalismus. Realistisch sollte man bleiben: eine sozialistische Revolution ist nicht bloß undenkbar, sondern auch nicht wünschenswert. Und hat man erst mal angefangen realistischer zu sein, erkennt man, dass auch der Weg aus Toronto nach Berlin nicht mit einem Ruderboot zurückgelegt werden kann, bzw. sollte. Das Motto sollte lauten: Weg ohne Zwang!

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