Freitag, 19. Februar 2016

Über Neomoralismus oder: Wie man politische Opfer einander abwägt

Naiv: Moralapostel. Bild: Wilhelm Busch.
von Philipp A. Mende
Ich frage mich, wie man als „Libertärer“ die Tatsache vollkommen ausblenden kann, dass vor dem Hintergrund der wohlgemerkt selektiven „Einwanderung“ in die BRD - denn als hochqualifizierter Chinese beispielsweise kannst du lange darauf warten - das „freie Bewegen” auf der Basis von Zwang und der Androhung von Gewalt von vollkommen unschuldigen Menschen bezahlt werden muss. Ja, jede Zwangsabgabe ist falsch, richtig. Das relativiert aber überhaupt nichts. Es ist interessant, dass eine sogenannte „reine Lehre” (die unter Freiheitsfreunden sicherlich von beinahe jedem verinnerlicht wurde) auf das prinzipiell natürliche, freie Bewegen bis zum St. Nimmerleinstag angewandt wird, aber urplötzlich und mit einem Schlag das „Ja, gerne, aber bitte auf eigene Kosten“ völlig belanglos wurde bzw. hinsichtlich der Zwangsfinanzierung dieses „freien Bewegens“ ausgeblendet oder relativiert wird, manchmal getreu dem Motto: „Naja, es wird ja bereits so viel zwangsfinanziert, dann ist diese Zwangsfinanzierung auch schon egal.“ Dumm nur, dass letztere Zwangsfinanzierung der ganzen, vom Staat initiierten, „freien Bewegung“ voraus (!) geht. Und dumm auch, dass letztere Zwangsfinanzierung so teuer ist, dass laut diverser Hochrechnungen jeder Deutsche bis zu 100.000 Euro Schulden angehäuft haben wird (selbst die, die noch gar nicht geboren sind). Interessiert sich eigentlich auch jemand für die ökonomische Situation nachfolgender Generationen, von der gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung einmal ganz zu schweigen?  

Das heißt, wenn die „libertäre Denke“ schon von jemandem „verletzt“ oder inkonsequent gehandhabt wird, dann doch von denjenigen, die bis zum Zeitpunkt der kulturellen Zwangsvereinigung richtigerweise tönten: „Ja, mache ein jeder, was er wolle, aber nicht zu Lasten Dritter, komme also ein jeder selbst oder auf Basis freiwilliger Spenden für seinen Lebensunterhalt auf.“ Doch ab Zeitpunkt der kulturellen Zwangsvereinigung heißt es fälschlicherweise urplötzlich: „Ja, möge ein jeder sich frei niederlassen, ungeachtet des Umstandes, unter welchen Prämissen diese Niederlassung und Verpflegung finanziert wird.“ Nicht selten werden begründete kritische Stimmen, logische Prognosen anhand de facto bereits existierender Vorkommnisse und Zustände mit dem (auch hier prinzipiell natürlich richtigen) Argument ignoriert, indem die Frage gestellt wird, ob sich Menschen, die niemandem etwas getan haben, frei bewegen dürfen sollten. Und ja, auch hier gilt selbstverständlich:  Natürlich  dürfen sie das. Ignoriert wird der Umstand, dass sie ab dem Moment, wo sie zwar angerückt sind, jedoch nicht auf eigene Kosten leben, eben sehr wohl jemandem „etwas tun“, indem durch immer weiter ausufernde Kapitalenteignung via „Steuererhebung“ Menschen, die umgedreht den „frei Beweglichen“ nichts getan haben (so wird ein Schuh daraus!), genötigt, erpresst und letztlich ausgeraubt werden. Punkt. Ich bin selbst Auswanderer (und auf gewisse Weise „Flüchtling“) und könnte mich nach jenem Argument hinstellen und sagen: „Ich habe keinem Chinesen irgendetwas getan. Demzufolge darf ich mich in China niederlassen und aushalten lassen. Und wenn deshalb einer aufmuckt, ist er ein böser Unterdrücker, der mich ja nur an meiner Bewegungsfreiheit hindern will und für Grenzen ist!“ Auf beiden Seiten handelt es sich um politische Opfer. Jedoch scheinen die einen doch irgendwie gleicher zu sein als die anderen.

Nebensächlich scheint für diese - wie ich sie nenne - Art „Neomoralismus“ der Fakt, dass die Zwangsbezahlung in vielen Fällen eben auch dazu führt, dass ihrerseits vollkommen unschuldige Menschen (Zwangsfinanzierer) aus ihrer eigenen Heimat flüchten müssen, sofern sie - exakt wie die Neuankömmlinge in Deutschland - zu etwas kommen wollen (allein in meiner Familie und meinem Freundeskreis bisher fünf Fälle, inklusive mir. Wir sehen uns nur noch ein- bis zweimal pro Jahr, wenn überhaupt). Kapiert man das womöglich tatsächlich nur als produktiver Leistungsträger? (Anmerkung am Rande ohne Anspruch auf generelle Repräsentativität: Ich persönlich mache die Erfahrung, dass sich v.a. selbstständige und etwas erwirtschaftende Libertäre tendenziell gegen eine Hau-ruck-Zwangsvereinigung aussprechen, arbeitslose oder ihrerseits vom Staat abhängige Libertäre hingegen tendenziell dafür.)

Warum wird jener Umstand hartnäckig und konsequent verschwiegen? Sind es dogmatische Gründe? Oder doch nur Naivität? In jedem Falle wurde sich heillos verheddert. Warum steht das angebliche „Naturrecht“, sich frei bewegen zu dürfen, über dem angeblichen „Naturrecht“, in Ruhe gelassen zu werden? Wenn eine Situation an sich moralisch falsch ist (Zwangsstaat), wird sie nicht dadurch relativiert, noch mehr moralisch Falsches zusätzlich beizumischen. Ja, Politiker haben diese gewaltige Misere - wie jede dieses Ausmaßes - zu verantworten, da sie seit jeher und gegen jede Ethik schalten und walten „dürfen“, wie sie gerade lustig sind. Das ändert aber nichts an den Konsequenzen, die wie immer Unschuldige ausbaden müssen. Und zu diesen Unschuldigen zählen eben nicht nur die Menschen, die unter falschen Versprechen angelockt wurden, sondern auch jene, die für falsche Versprechen zahlen, zahlen und noch mehr zahlen müssen.

Es ist meines Erachtens jedenfalls ein Unding, immer wieder - unter Weglassen der kompletten Wahrheit - einseitig auf einen Aspekt einer „Lehre” hinzudeuten, welchen, a) wie gesagt, jeder prinzipiell genauso sieht und um sich b) im Endeffekt (unterschwellig) moralisch überlegen gerieren zu können. Wieso diese Überlegenheit nicht besteht, verdeutlicht sich anhand eines wunderbaren Roland-Baader-Zitates: 

„Es ist nicht moralisch, auf Kosten anderer zu leben und das auch noch als ‚Anspruch‘ oder ‚Recht‘ zu verstehen [Gilt aber, wie gesagt, offenbar nicht mehr in der aktuellen Situation; diese „Logik“ müsste mir noch sinnvoll dargelegt werden, auch bezüglich der weiteren Punkte, die Baader im Folgenden aufführt. - Anm. von mir]; es ist nicht moralisch, dem einen unter Zwang etwas wegzunehmen, um es einem anderen zu geben und damit sein Wohlwollen kaufen zu können (Stimmenkauf); es ist nicht moralisch, unter Zwang etwas vom eigenen Einkommen oder Vermögen abzugeben und zu glauben, dies sei eine 'karitative' Leistung; es ist nicht moralisch, vermittels der Macht monopolistischer Syndikate (Gewerkschaften) sein eigenes Einkommen auf Kosten der Einkommen, Erträge und Arbeitsplätze anderer in die Höhe zu treiben; es ist nicht moralisch, auf Kosten der Arbeitsleistung und der Ersparnisse anderer studieren, wohnen, arbeiten oder nicht arbeiten, krank feiern oder krank sein zu können; es ist nicht moralisch, andere für den eigenen Lebensabend versorgen und bezahlen zu lassen; es ist nicht moralisch, den einen aufgrund ihrer 'höheren Leistungsfähigkeit' mehr wegzunehmen als anderen (progressive Steuer) – und dies auch noch für gerecht zu halten; es ist nicht moralisch, sich Güter und Dienste vom Staat auf Kosten anderer und auf Kosten künftiger Generationen geben zu lassen – oder dies einzufordern; es ist nicht moralisch, jemanden zu zwingen, anderen etwas angeblich oder tatsächlich 'Gutes' zu tun; es ist nicht moralisch, andere für eigenes Unglück oder eigenes Versagen oder eigene Nachlässigkeit verantwortlich und haftbar zu machen; es ist nicht moralisch, Gleichheit und Gerechtigkeit nicht als Gleichheit vor dem Recht zu fordern, sondern aus Gründen des Neides und der Missgunst, der Habgier und der Bequemlichkeit. Alles das ist nicht moralisch, sondern unmoralisch. (...)“ 

Kommentare:

  1. "Ignoriert wird der Umstand, dass sie ab dem Moment, wo sie zwar angerückt sind, jedoch nicht auf eigene Kosten leben, eben sehr wohl jemandem „etwas tun“"


    Wem tun "sie" etwas? Nenne mir bitte eine konkrete Handlung. "Sie" haben niemandem beraubt. Der Räuber ist und bleibt der Staat.

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  2. Das ist das große Dilemma zwischen blanker Theorie und doofer Realität. Staat raubt. Richtig. Ethisch gesehen hat er aufgrund seiner Zwangsstrukturen kein Existenzrecht, was Menschen betrifft, die diesen Zwang nicht wollen. Auch richtig. Um Letztere geht es. Und um jene, die diesen Raub durch eigene Handlungen in Gang setzen, da sie von einem mittellosen Zustand davon ausgehen, es sei rechtens, damit logischerweise Raub innerhalb eines „SOzialstaates” in Ganz zu setzen. Ob Vorsatz, Fahrlässigkeit oder Naivität spielt keine Rolle. Existiert der Staat trotz der philosophischen Theorie? Ja. Werden durch die Existenz eines Zwangsstaates automatisch alle Menschen zu Unschuldslämmern? Nein. Wenn ich ohne Staat allein aus ökonomischen Gründen nicht tun und lassen kann, was ich will, sofern ich die Mittel dafür nicht zur Verfügung habe, kann ich es auch und erst recht nicht vor dem Hintergrund eines Zwangsstaates, da ich genau weiß, dass mein Tun, so wie ich es will, bei fehlender ökonomischer Grundlage zwangsläufig von fremden, unschuldigen (!) Menschen finanziell geschultert werden m u s s. Unwissenheit ist hierbei im schlimmsten Falle eine Ausrede, im besten Falle irrelevant. Wieso wohl ausgerechnet dieser Strom in deutsche Gefilde? Es ist an Naivität nicht zu überbieten, dies für einen gewaltigen Zufall zu halten. Mit einem Schlag wollen sich Abermillionen ja einfach so und ganz zufällig „frei” nach Deutschland „bewegen”? Wenn sich etwas unter Menschen herumspricht, dann der Umstand, dass es etwas „umsonst“ gibt - was, wie wir wissen, ein Trugschluss ist. Nichts ist umsonst. Eigenverantwortlichkeit bleibt jedoch trotz des Wunsches nach Verantwortungstransfer ein ethisches Prinzip, welches stets evident bleiben und sich an Situationen anpassen muss. Andernfalls ist es wertlos und beliebig korrumpierbar.

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  3. Duplikat (damit impliziere ich nicht, dass es sich bei dem folgenden Link um das Original handelt) von http://www.freiwilligfrei.info/archives/7785
    Weitere Argumente sind auch dort zu finden.

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