Donnerstag, 11. Februar 2016

Grenzen und Libertarismus: Das Phänomen der Überlappung

Foto: von ChrisO (Eigenes Werk) (CC BY-SA 3.0)
via Wikimedia Commons
von Tommy Casagrande
Wie man es aktuell in Folge der Flüchtlingsthematik an innerlibertären Diskussionen sehen kann, mangelt es vielen, die im Selbstverständnis sich als Libertäre sehen, am Verständnis darüber, was libertär zu sein eigentlich bedeutet. Der Libertarismus hat klare Prinzipien und Grundsätze, aus denen sich weitere Standpunkte logisch ableiten lassen. Oft genug jedoch kommt es vor, dass dieser Weg von A nach B von vielen nicht gegangen wird. 

Die libertäre Theorie erklärt, dass Staat nicht Ausdruck von Freiheit sondern von Herrschaft ist. Diese Herrschaft wird durch die Staatsgrenze territorial abgesichert. Die libertäre Forderung nach Freiheit impliziert somit, dass die Frage zwischen geschlossener und offener Grenze zugunsten offener Grenzen beantwortet wird. Wenn Staat nicht das Konzept von Freiheit ist, dann kann die Staatsgrenze auch kein Konzept sein, das von Libertären befürwortet werden kann. 

In der libertären Theorie gibt es keine zu befürwortenden Staatsgrenzen. Insofern präferiert die libertäre Theorie in Anbetracht, dass es Grenzen gibt, solche, die offen sind. Offene Grenzen kommen dem libertären Ideal, dass es keine Grenzen geben soll, so nahe, wie ein größtmöglich freier Markt unter staatlichen Rahmenbedingungen dem Ideal eines staatenlosen Marktes nahe kommt. Wer von den ''Grenzen-dicht-Libertären" käme auf die Idee, den Markt komplett zu verstaatlichen, weil die bisherigen staatlichen Eingriffe den gegenwärtig relativ freien/unfreien Markt verzerren? 

Das Problem bei diesem Thema, so wie auch bei anderen Themen, ist die Überlappung verschiedener Ebenen.

Man stelle sich ein Din-A4-Blatt vor. Auf der linken Seite des Blattes steht: 
Libertäre Theorie - Keine Grenzen/offene Grenzen. 
Über dieser Theorie steht ganz zart mit Bleistift geschrieben: 
Struktur der Gegenwart - Etatismus.
Was bedeutet das ?
Das bedeutet, dass die libertäre Theorie, was man als Libertärer fordern soll, durch die konkrete etatistische Gegenwart überformt wird und somit zu einer Verzerrung politischer Forderungen führen kann. Verzerrungen können nämlich nicht nur Preise betreffen. 

Die gegenwärtige etatistische Struktur könnte dazu führen, dass Migrationsströme subventioniert oder durch staatliche Eingriffe komplexe Probleme geschaffen worden sind. Diese Gegenwart verläuft synchron mit der libertären Forderung, dass es keine Grenzen geben soll oder die Grenzen zumindest offen sein sollten.

Wer nicht gefestigt ist im Verstehen des Libertarismus oder aufgrund seines Charakters bzw. seiner realen Ambitionen zum Opportunismus neigt, tendiert affektiv dazu, die gegenwärtige etatistische Realität abzulehnen und ohne Bezug auf die libertäre Theorie, eine Gegenposition zu dieser Realität einzunehmen. Es wird somit das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Und das ist verhängsnisvoll.

Auf unserem Din-A4-Blatt springen somit eine Vielzahl von Libertären auf die rechte Seite des Blattes, weil sie damit zur Konfrontation mit der Realität gehen. Verhängsnissvollerweise gehen sie damit auch auf Konfrontation mit der libertären Theorie. Rechts und links stehen auf diesem Din-A4-Blatt nicht für das politische Rechts- und Links-Schemata, sondern es handelt sich dabei um eine willkürliche Visualisierung meinerseits.

Das Grundproblem besteht darin, dass viele Libertäre nicht zwischen Struktur und Inhalt unterscheiden können oder unterscheiden wollen. Sie sehen nicht, dass offene Grenzen der libertären Theorie entsprechen und dass die etatistischen Strukturen Probleme verursachen, für welche die offenen Grenzen zum Sündenbock gemacht werden. In Folge dieses verhängnisvollen Irrtums wird der Etatismus mit Hilfe jener, die sich bisweilen für libertär gehalten haben, vorangetrieben. 

Wer genau darüber nachdenkt, wird erkennen, dass dieses Prinzip dem klassischen Etatismus entspricht und wenn Libertäre in diese etatistische Falle gehen, wird es am Ende nicht mehr viele geben, die mit Fug und Recht behaupten könnten, libertär zu sein.

Auch die Massentierhaltung wird durch die libertäre Theorie legitimiert. Die etatistischen Strukturen aber verursachen eine Schieflage, sodass es zu moralischen Missständen in der Lebensmittelindustrie kommt. Mangels Freiheit, Wettbewerb und somit Alternativen wird der Ruf nach einem Verbot der Massentierhaltung laut. In der "Logik" der ''Grenzen-dicht-Libertären" müsste man die Massentierhaltung verbieten, weil die konkrete etatistische Gegenwart problematisch ist. Doch schizophrenerweise sind bei diesem Thema wiederum manche, die für eine Grenzschließung eintreten, für den Abbau von staatlichen Eingriffen, um die Probleme, die es gegenwärtig in der Massentierhaltung gibt, zu lösen. Anscheinend fällt es hier manch einem leichter, zwischen Struktur und Inhalt zu unterscheiden obwohl ich ehrlicherweise sagen muss, dass viele Libertäre auch einfach nur die Massentierhaltung, so wie sie ist, legitimieren und über Strukturprobleme schweigen. Das ist ein Indiz dafür, dass der Großteil ein intellektuelles Problem damit hat, zwischen Struktur und Inhalt zu unterscheiden. Und dieses Problem ist zugleich die Ursache für jenen Opportunismus, der sich gegen den Libertarismus wendet, aber von denen kommt, die behaupten, sie seien libertär.

Kommentare:

FDominicus hat gesagt…

Ich denke es gibt vielleicht eine libertäre Sichtweise für das "dichtmachen". Und die besteht in der Sicht eines Landes als ein Haus. Ich denke nur wenige Libertäre haben mit der Möglichkeit jemanden vom Gebrauch des eigenen Eigentums auszuschließen ein Problem. Sehe ich also Deutschland als den in gewisser Weise als mein Eigentum an, ist ein dich machen auch für Libertäre zu ertragen/befürworten.

Eine andere Möglichkeit sehe ich für einen Libertären nicht. Aber es gibt natürlich auch die Ansicht. Jeder kann kommen - auf eigene Kosten und/oder auf Kosten von denjenigen die den Zuzug sponsorn.

Bei jeder anderen Begründung, sehe ich eher wie Sie. Lässt sich IMHO mit libertär nicht vereinbaren....

rote_pille hat gesagt…

Nein gibt es nicht, denn Deutschland ist nicht Ihr Eigentum.

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