Dienstag, 23. Februar 2016

Bildungsvielfalt für alle

CC0 Public Domain /pixabay/
OpenClipartVectors. 
von Dr. Stefan Blankertz, Murray-Rothbard-Institut
Den Libertären ins Stammbuch, die meinen, sich mit den Islam-»Kritikern« verbinden zu sollen: Was meint ihr, werden eure Bündnisgenossen sagen zu der libertären Forderung nach Bildungsvielfalt? Glaubt ihr, sie wären so blöd, nicht zu realisieren, dass dann Islamschulen wie Pilze aus dem Boden sprießen? Unkontrolliert! Indoktrinierend! O Schreck. O Weh. Der Staat muss her. Überwachen. Kontrollieren.

In dem Kapitel über das Bildungswesen schrieb Murray Rothbard 1973 in seinem legendären Aufruf »Für eine neue Freiheit«:

»Der Schulverwaltungsbürokrat steht vor einer Menge von wesentlichen und kontroversen Entscheidungen über die formale Schulausbildung in seinem Gebiet. Er muss entscheiden: Wie soll die Schulausbildung sein – traditionell oder progressiv? Unternehmensorientiert oder sozialistisch? Wettbewerbsorientiert oder egalitär? Allgemein- oder berufsbildend? Integration oder Monoedukation? Sexualkunde – ja oder nein? […] Folglich nehmen das Ausmaß und die Intensität der sozialen Konflikte in der Gesellschaft immer weiter zu, wenn die Sphäre der öffentlichen im Vergleich zur privaten Bildung sich vergrößert. […] Vergleichen wir die Nachteile und intensiven sozialen Konflikte, die mit staatlichen Entscheidungen einhergehen, mit der Lage auf dem freien Markt. Wenn Bildung völlig privat wäre, könnten alle Eltern und alle Gruppen von Eltern ihre eigene Art von Schule führen. Eine Menge von verschiedenen Schulen würde entstehen und auf die verschiedenartigen Bildungsbedürfnisse der Eltern und Kinder treffen. Einige Schulen wären traditionell, andere progressiv. Schulen mit Abstufungen zwischen progressiv und traditionell entstünden. Einige Schulen würden mit egalitären Methoden und ohne Zensuren arbeiten, andere streng nach Fächern unterrichten und benoten, einige wären säkular, andere an unterschiedlichen Glaubensrichtungen ausgerichtet, einige Schulen wären libertär und würden die Tugenden des freien Unternehmertums hochhalten, andere dagegen irgendeine Form des Sozialismus predigen.«

Niemand wird Murray Rothbard eine Sympathie für den Sozialismus nachsagen können. Dennoch steht genau er hier als Symbol dafür, dass Freiheit immer nur als Freiheit des Andersdenkenden gedacht werden kann. Die »Nazi-Keule« zu schwingen ist nicht ehrenrühriger, als die »Sozialismus-Keule« zu schwingen.

Eine aktuelle Ergänzung zu Rothbards Plädoyer für die Bildungsvielfalt gibt es im Bereich der Religion. Zu Recht empört es jeden, der für Freiheit auch und gerade im Schulwesen eintritt, wenn der Staat mittels seiner Schulpflicht christliche Eltern zwingt, ihre Kinder auf eine Schule zu schicken, die ihrer Meinung nach verderbt ist. Auf der anderen Seite fehlt, soweit ich es sehe, im Moment der gleiche Aufschrei, wenn es um die Zwangsintegration von muslimischen Kindern geht. Hier mit zweierlei Maß zu messen, ist nicht nur intellektuell unlauter, sondern auch politisch-gesellschaftlich fatal: Es lässt die Idee der Freiheit als eine parteiische erscheinen, als eine wohlfeile Ideologie, die man anwendet, wenn es einem passt, die man aber wegdiskutiert, wenn es einem gegen den Strich geht.

1 Kommentar:

  1. Sehr geehrter Herr Blankertz,

    nachdem ich einem Ihrer älteren Artikel, in welchem sie den reaktionären Libertarismus der Marke "eigentümlich frei" zurecht geißelten ( http://www.freitum.de/2015/04/wider-den-reaktionaren-libertarismus.html ), zustimmte, kann ich das hier nicht unbedingt.

    Staatlicher Schulzwang und Bildungsmonopol sind zweifelsohne Übel, die beseitigt werden müssen. Sich dabei aber ausgerechnet schützend vor eine Idee zu stellen, die der Idee des Individuums feindlich gegenüber steht und die vom derzeitigen Bildungssystem, mit deren kollektivistischer Gesinnung sie bestens harmoniert und von der sie auch profitiert, finde ich doch etwas fragwürdig.

    Wenngleich der völkische Sumpf, dem man sich anzunähern Gefahr läuft, wenn man die Islamisierung der Gesellschaft anklagt, durchaus nicht appetitlich ist, halte ich es gleichfalls für naiv, dem Islam Kompabilität mit einer libertären Gesellschaft zu bescheinigen. Mit der Idee einer freien Wirtschaft mag er es sein, mit der eines Individuums, das Entscheidungen wider die Tradition und Gott trifft, nun aber eben nicht. Dass vereinzelt auch Sozialisten zu dieser Erkenntnis kommen, ändert nichts an deren Richtigkeit.

    Es ist diese Tage ein schwieriger Drahtseilakt, konsequent auf Seiten der Freiheit zu stehen. Ihrem Artikel ist insofern zuzustimmen, alsdass man sich nicht von putinistischen Sirenengesängen dazu hinreißen lassen sollte, den Primat der Freiheit aufzugeben. Gestatten Sie mir aber trotzdem, Ihnen teilweise zu widersprechen.

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