Samstag, 2. Januar 2016

Liberal-Konservative: Teil der liberalen Familie

Für viele Konservativ-Liberale die Keimzelle der Gesellschaft: Die Familie.
Foto: Bundesarchiv, Bild 194-0078-31 / Lachmann, Hans / CC-BY-SA 3.0
von Johann Kaltenleithner
Um die Schwammigkeit des durch allerlei terminologisches Schindluder weichgewaschenen Begriffes „liberal“ zu umgehen, bedienen sich viele Anhänger dieser Ideologie präzisierender Zusatzadjektive, die anzeigen sollen, was genau dieses heutzutage beliebig verwendete Allerweltslabel in ihrem konkreten Fall nun eigentlich bedeuten soll. Manche tun dies, indem sie sich „sozialliberal“ heißen, andere tendieren eher zu „liberal-konservativ“. Aber auch hier stellt sich die Frage, was diesen Wortkonstruktionen eigentlich zugrunde liegt. 
 
Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, es handle sich dabei um Etikette für schwer fassbare Hybridpositionen, die zwischen zwei unterschiedlichen Weltanschauungen oszillieren – etwa, wenn jemand, der sich als „liberal-konservativ“ bezeichnet, beispielsweise für die freie Marktwirtschaft eintritt, in gesellschaftspolitischen Fragen aber auf staatliche Gängelung setzt, wie es etwa bei Politikern der Republikanischen Partei in den USA oftmals der Fall ist. Dies würde aber bedeuten, dass es sich dabei um ein inkohärentes Gemenge an eigentlich einander widerstrebenden Versatzstücken handelt, die jeweils aus unterschiedlichen Denksystemen entnommen und nach Belieben zusammengewürfelt wurden. Insofern müsste man Individuen, die sich dieser Bezeichnung bedienen, konsequenterweise die philosophische Zugehörigkeit zur (klassisch) liberalen Gemeinschaft ob mangelnder Stringenz absprechen – dies würde aber freilich zahllose Menschen verprellen und den Liberalismus um einen beträchtlichen Teil seiner Gefolgschaft bringen, wie schon der jüngste Zwist innerhalb der Hayek-Gesellschaft nahelegt.

Will man dies vermeiden, muss man den Begriff „liberal-konservativ“ anders deuten. Dies beinhaltet eine weitere Differenzierung zwischen konservativen Liberalen und liberalen Konservativen, die auf Meta-Ebene unterschiedlichen Strömungen zuzuordnen sind. Diese könnte wie folgt aussehen: der konservative Liberale bekennt sich zwar unzweideutig zu den Grundsätzen und Zielen des klassischen Liberalismus – individuelle Freiheit, freier Markt, Privateigentum -, nimmt aber Anleihe beim Konservatismus, um diese in der Praxis zu realisieren und/oder zu bewahren. Für ihn sind traditionelle Institutionen wie Religion, Familie oder bestimmte gesellschaftliche Strukturen effektive Vehikel zum Schutz des Individuums vor staatlichen Übergriffen: die Kirche stellt sicher, dass die Deutungshoheit über moralische Fragen nicht vom Staat monopolisiert wird und trägt durch ihre karitative Tätigkeit dazu bei, den Umverteilungs- und Ausgabenstaat klein zu halten. Die Familie (ob nun im klassischen Sinne oder erweitert um modernere Variationen wie gleichgeschlechtliche Partnerschaften) fungiert als Keimzelle der Gesellschaft und nimmt wichtige Aufgaben im Bereich der Erziehung und sozialen Absicherung dar, die in ihrer Absenz vom Staat beansprucht werden könnten. Auch tradierte gesellschaftliche Riten und Gebräuche, etwa im Bereich der volkstümlichen Kultur, können nach dieser Logik zum Erhalt der Freiheit beitragen, indem sie etwa ein reges Vereinswesen hervorbringen und dadurch eine starke Zivilgesellschaft produzieren, die ihre Identitätsstiftung abseits des Staates autonom vornimmt und ganz ohne Zwang lokale Lebenswelten formt und Gemeinwesen zusammenhält (ähnlich argumentierte schon Alexis de Tocqueville). 

Der liberale Konservative hingegen argumentiert zwar ähnlich, aber geht von unterschiedlichen Prämissen aus. Ihn treibt nicht primär die Sorge um die Freiheit um, sondern jene um den Erhalt traditioneller Institutionen und Strukturen, die er als wichtig und vorteilhaft für sich selbst und die Gesellschaft erachtet. Dies lässt sich aber wiederum an den Liberalismus rückkoppeln, weil dieser ja durch seinen Freiheitsbegriff einem Jeden frei stellt, ob er sich persönlich traditionellen oder „progressiven“ Werten verschreibt und für welche Lebensentwürfe er die ihm gegebene Freiheit gebraucht, um seine individuellen kulturellen und moralischen Präferenzen zu realisieren. Für den liberalen Konservativen ist es aber nicht etwa der Staat, der ihm als Verteidiger von Tradition und Althergebrachtem vorschwebt, sondern die Freiheit von dessen Zwangsmaßnahmen, Regulierungen und normativen Vorgaben. Sorgt er sich etwa um die Zukunft der Kirche, so versucht er, deren Verweltlichung und Politisierung durch eine scharfe Trennung von Religion und Politik zu bewerkstelligen und die religiöse Freiheit vor staatlichen Zurechtweisungen und Eingriffen in die Assoziationsfreiheit (etwa der von manchen Linken favorisierten Ausweitung der Homo-Ehe auf private Institutionen wie die Kirche) zu bewahren. Will er die Institution der (klassischen) Familie bewahren, so versucht er, dem Staat die Deutungshoheit über die Legitimität und den gesellschaftlichen Wert verschiedener Modelle des Zusammenlebens zu entziehen (etwa durch Privatisierung der Ehe oder die Verhinderung der Einführung von Konzepten zur Sexualerziehung in staatlichen Schulen, in denen die klassische Familie verhöhnt und für obsolet erklärt wird). Stellt er sich in den Dienst traditioneller Sozialstrukturen und althergebrachter Lebensweisen, positioniert er sich gegen staatliche Gesellschaftsklempnerei, die den Menschen eben diese austreiben soll (z.B. Gender Mainstreaming). Die Lösungen, die er forciert, gleichen also de facto jenen des konservativen Liberalen. Bei beiden Typen handelt es sich um Proponenten von stimmigen und weitgehend widerspruchsfreien Ideologien, die einen festen Platz im Kreise der liberalen Familie verdienen.

Freilich stellt sich die Frage, wo sich liberal-konservativ denkende Menschen am ehesten Gehör verschaffen können. Viele „progressive“ Liberale, denen die Freiheit nicht zuletzt als Instrument zur Befreiung zuvor marginalisierter und diskriminierter Lebensentwürfe der Moderne gilt, finden es – gelinde gesagt - seltsam, wenn jemand sich liberal nennt und gleichzeitig für die Kirche oder die klassische Familie eintritt. In den meisten liberalen politischen Parteien, wie etwa der FDP in Deutschland oder den Neos in Österreich, wird man mit solchen Ideen ebenfalls vielfach kritisch beäugt und manchmal auch als verkappter Konservativer der staatsaffinen Sorte verdächtigt. Dazu kommt noch eine gewisse Skepsis vonseiten der liberal-konservativen Neigungsgruppe selbst, in das liberale politische Umfeld einzutreten, weil dieses in vielen Fällen in ein soziokulturelles Milieu eingebettet scheint, das ihr beinahe schon antagonistisch erscheint. Um das Beispiel der Situation in Österreich zu bemühen: ein katholischer Jungliberaler, der dem ländlich-agrarischen Milieu entstammt, dürfte mit dem parteipolitischen Liberalismus in Österreich trotz inhaltlicher Affinität eher fremdeln, wenn er feststellt, dass dieser dort personell vor Allem durch urbane Bobos mit Hang zu Antiklerikalismus und kulturellem Modernismus vertreten wird. In vielen Fällen, wie sie dem Autor dieses Beitrages mehrfach bekannt sind, wird er daher entweder der Parteipolitik gänzlich fernbleiben (was viele Liberale ohnehin für den besseren Weg halten) oder im konservativen Lager verharren (in Österreich wäre das die ÖVP). Auch das muss kein Problem darstellen, gilt es doch, den Liberalismus auf möglichst breite Beine zu stellen. Konservative Netzwerke eröffnen Liberalen Zugang zu Kreisen, die ihnen sonst verwehrt bleiben würden – man denke hierbei beispielsweise an das katholische Studentenverbindungswesen, das allein in Österreich ca. 13.000 Mitglieder zählt, zu denen viele einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vom Vizekanzler und dem Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes abwärts gehören. 

All das setzt jedoch voraus, dass Liberal-Konservative als gleichberechtigte Vertreter ihrer Zunft anerkannt werden und ihnen ihr rechtmäßiger Platz in der liberalen Community zugestanden wird. Wird ihnen dieser verwehrt, ist dies nicht nur inhaltlich unbegründet, sondern wäre zudem strategisch einigermaßen unklug, weil es die breite Basis des Liberalismus künstlich verkleinert. Und diese ist, vor allem in Anbetracht seines vielerorts niedrigen Organisationsgrades, immer noch seine größte Stärke.

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