Dienstag, 12. Januar 2016

Er ist wieder da: Fische, Kokosnüsse und Hitler

Hitlers Copyright wurde einst verletzt.
von Dominik Ešegović
Raub und Diebstahl sind bekannte und alltägliche Phänome unserer Gesellschaft. Sie gehen aus dem Konflikt um Eigentum hervor. Die Eigentumsfrage ist eine Schlüsselfrage der menschlichen Zivilisation. Die meisten Menschen, die nachdenken, werden zustimmen, dass es ohne Eigentum und den zuverlässigen Schutz desselben nicht geht. Fast alle antworten auf die Frage "Wem gehört dein Körper?" spontan mit: "Natürlich mir selbst!" 

Was ist Eigentum? Zunächst besitzen wir Eigentum an unserem eigenen Körper. Daraus resultiert, dass wir mit unserem Körper machen können, was immer wir wollen - vorausgesetzt natürlich, dass wir keinem anderen schaden. Es ist nicht erlaubt, in das Eigentumsrecht eines anderen Menschen ohne dessen Einverständnis einzugreifen, ihn zu berauben, bestehlen, körperlich zu verletzen oder gar zu töten. Jeder vernunftbegabte Mensch wird dieser Einsicht zustimmen. Kontroverser wird es, wenn man sich mit dem Eigentumskonzept etwas näher beschäftigt. Zum Eigentum gehören nämlich auch Dinge, die man sich aneignet. Das kann z.B. ein Stück Land sein, das zuvor niemand beansprucht hat. Eine einsame Insel, auf der ich strande, darf ich für mich selbst beanspruchen und mich zu ihrem König erklären. An Land Gespülte haben dann nach meiner Erlaubnis zu fragen, ob sie auf der Insel bleiben dürfen. Solange es sich beim Inselkönig um keinen Wahnsinnigen handelt, wird er natürlich neu Angespülte freudig in Empfang nehmen, da ihm allein auf der Insel furchtbar langweilig sein muss. So könnte sich eine friedliche Kooperation auf der Insel entwickeln: der Inselkönig fischt und tauscht seinen Fang gegen Kokosnüsse, die von den Angespülten gepflückt wurden. Kokosnüsse werden gegen Fisch getauscht. Beide Seiten profitieren. Es versteht sich von selbst, dass der Inselkönig auch Ansprüche auf die Kokosnüsse hat, die von den Angespülten gepflückt werden; schließlich ist es seine Insel. Jedoch sind die Angespülten so glücklich über die Lebensrettung des Inselkönigs, dass sie ihm einige ihrer Kokosnüsse schenken. Der Inselkönig überlässt den Angespülten ihre Kokosnüsse und nimmt ihnen freilich nicht alle weg, auch wenn er ein Recht dazu hätte. Er profitiert von ihrer Arbeit, da er unmöglich gleichzeitig fischen und Kokosnüsse pflücken könnte. Ein symbiotisches Verhältnis entsteht.
 

Wer hat Anspruch auf die vom Inselkönig gefangenen Fische? Wiederum versteht es sich von selbst, dass die Fische sein alleiniges Eigentum sind. Wer sonst sollte Anspruch erheben? Schließlich war das Fischen mit Arbeit verbunden und niemand sonst als der Inselkönig selbst, hat diese Arbeit zum Fang der Fische aufgewendet. Eigentum entsteht also aus der Vermischung eigener Arbeit mit einem knappen, freien Gut, in dem Fall wären es die Fische. Die Fische gehören noch niemandem, bis sie jemand fängt. Fische, wie auch Kokosnüsse, sind knappe Güter. Das Meer kann überfischt und Kokospalmen können abgeerntet werden. Der Fischer und der Erntenehmer machen sich durch ihre jeweilige Arbeit zu Eigentümern knapper Güter. Tatsächliches Eigentum kann es nur an knappen Gütern geben. Um Konflikte zu vermeiden, müssen Eigentumsgrenzen klar definiert sein. Schon kleine Kinder wissen instinktiv: "Das ist meins, das ist deins." "Das Bild habe ich gemalt, es gehört mir." 


Imaginäres Eigentum 


Ein Konzept vernebelt nun die klare Sicht auf die Dinge: die Idee imaginären Eigentums. Die Angespülten auf der Insel haben sich mit dem Inselkönig längst geeinigt: dieser hat ihnen einen Teil seiner Insel gegen eine bestimmte Menge Kokosnüsse verkauft. Der Inselkönig lebt friedlich mit seinen angespülten Nachbarn auf der Insel. Eines Tages macht ein Angespülter dem Inselkönig ein Angebot. Dieser hat ein Bild gemalt und möchte es dem Inselkönig verkaufen. Das Bild zeigt eine Kokospalme, ist in Blautönen gehalten, jedoch schlecht ausgestaltet und gefällt dem Inselkönig nicht besonders. Der Kaufvertrag kommt nicht zustande. Da malt sich der Inselkönig ein eigenes Bild. Es sieht fast genauso aus wie das Bild des Nachbarn, jedoch ist es in den Augen des Königs viel schöner. Er fragt nun seinen Nachbarn, ob ihm das Bild gefalle, er wolle es ihm schenken. Der Nachbar reagiert empört auf das Angebot. Der Inselkönig habe sein Bild frech kopiert, ohne nach seiner Erlaubnis zu fragen. Das stelle ein Verstoß gegen sein "Urheberrecht" dar. Er fordert eine materielle Entschädigung vom Inselkönig und die Vernichtung des Bildes. 

Woher nimmt sich der Angespülte das Recht, das Eigentum des Inselkönigs zu beanspruchen, in dem er eine unerlaubte "Kopie" sieht?  Kann der Angespülte ein Recht auf "imaginäres Eigentum" anmelden? Stellen wir uns vor, der Inselkönig schreibt ein Gesetzbuch, das für seine Seite der Insel gelten soll: "§1 Unerlaubtes Pflücken von Kokosnüssen ist verboten; §2 Fischen ist an jedem zweiten Samstag untersagt (...)" Nun verliest der Inselkönig sein Gesetzbuch. Die Angespülten erfahren dadurch vom Inhalt und fertigen ein eigenes Buch mit demselben Inhalt an. Davon erfährt wiederum der Inselkönig und verlangt Entschädigung für das "unerlaubte Kopieren" seiner Schrift. Liegt hierbei eine Verletzung von Eigentumsrechten vor? Die Angespülten haben schließlich lediglich die Ideen des Inselkönigs übernommen. Ihm wurde kein Exemplar seines Gesetzbuches gestohlen. Das knappe Gut "Buch" befindet sich weiterhin in seinem Besitz. Einen Diebstahl eines knappen Gutes hat es somit nicht gegeben. Die Forderung des Inselkönigs ist haltlos. Im Gegensatz zu tatsächlichen Eigentumsrechten, sorgt das Recht auf "imaginäres Eigentum" nicht für Frieden, sondern für Konflikte. 

Ein Volk, ein Reich, ein Copyright 

Irgendwann in den Dreißigerjahren, las der junge Korrespondent des International News Service und spätere US-Senator Alan Cranston Hitlers "Mein Kampf". Der junge Journalist war erschrocken über die offen ausgesprochenen Eroberungsabsichten und Hasstiraden des deutschen Reichskanzlers. Eines Tages sah er eine englische Übersetzung des deutschen Originals, das er gelesen hatte, in einem New Yorker Buchladen herumliegen. Cranston erkannte, dass es sich nicht um eine originalgetreue Übersetzung handelte und dass einige Stellen, die amerikanischen Lesern nicht gefallen würden, herausgenommen waren. Cranston war empört über diese verfälschende Übersetzung und entschied sich, eine originalgetreue Kopie auf den Markt zu bringen. In nur acht Tagen vervollständigte der junge Übersetzer das Werk um die fehlenden Abschnitte, womit er seine amerikanischen Mitbürger vor der Gefahr des Nationalsozialismus warnen wollte. Er verkaufte Hitlers Buch für rund drei Dollar. Hitler bekam als Inhaber des Copyright vierzig Cent für jedes verkaufte Exemplar. Außerdem verkaufte Cranston zusammen mit einem Kollegen eine Taschenbuchausgabe von "Mein Kampf", welche er zu günstigen 10 Cent an den Mann bringen konnte. Sie hatte ein rotes Cover und zeigte Hitler wie er die Welt umgreift. Die Übersetzung sorgte für mächtig Aufsehen. Einige amerikanische Nazis warfen Verkaufsstände um, die das Buch anboten. Dennoch wurden in nur zehn Tagen landesweit etwa eine halbe Million Exemplare verkauft. Sofort reagierten Hitlers Agenten und eine Klage rasselte Cranston ins Haus: er habe eine nicht autorisierte Ausgabe von "Mein Kampf" verkauft und somit Hitlers Copyright verletzt. 

Um dem Wahnsinn noch die Krone aufzusetzen: die US-Gerichte gaben Hitler, bzw. dem NSDAP-eigenen Franz Eher Verlag recht. Nur wenige Wochen vor Hitlers Überfall auf Polen wurde Cranston veranlasst bestehende Exemplare seiner "Mein Kampf"-Übersetzung zu vernichten. 

Zwar hatte es Cranston geschafft "viele Amerikaner vor der Nazi-Gefahr“ zu warnen, doch stand das Rechtssystem zumindest zu dieser Zeit auf Seiten Hitlers. 

Kommentare:

  1. Dieser Vergleich mit der Insel ist völliger Unfug und sollte nicht verlinkt werden, damit Außenstehende kein falsches Bild vom Libertarismus bekommen. Selbstverständlich ist der "Inselkönig" nicht der Eigentümer der ganzen Insel, weil er als 1. da war. Er hat schließlich nicht die ganze Insel mit seiner Arbeit vermischen können. Ihm gehört das Land auf dem er siedelt, das was er darauf gebaut hat, das Stückchen Küste was daranhängt und wo er badet und fischt und die paar Kokosbäume die er "bewirtschaftet". Alles andere steht jedem Ankömmling offen und die müssen auch nichts für den 1. pflücken. Die Ansprüche können nur so weit gehen wie sie durch Bearbeitung gerechtfertigt wurden.

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  2. Lieber Herr Pille,
    ich gebe Ihnen recht: nach libertärer Aufassung wird Eigentum bzw. der eigene Grund und Boden durch das Besiedeln (homesteading) generiert.
    In dem Text wollte ich die Eigentumsfrage mit sehr einfachen Beispielen erläutern - daher auch die Rede von "Fischen" und "Kokosnüssen".
    Die fiktive Insel des Inselkönigs (der Charakter ist übrigens frei erfunden) ist sehr klein und kann "mit einem Happs" besiedelt werden. Auf der Insel herrschen fast klaustrophobische Zustände - vielleicht erinnern Sie sich nach der sorgfältigen Lektüre des Texts an das Verlesen des Gesetzbuches durch den Inselkönig; seine Nachbarn haben sofort davon Wind gekriegt! Tja, so klein ist die Insel.
    Bleiben Sie uns auch weiterhin treu und gut gelaunt!
    Ihr
    Dominik Ešegović

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