Dienstag, 26. Januar 2016

Die steuerfinanzierten Orchester

von Gotthilf Steuerzahler
Liebe Leserinnen und Leser,

Deutschland verfügt über eine große Orchesterlandschaft, die weitgehend aus Steuermitteln finanziert wird. Angesichts dieser Abhängigkeit stünde den Nutznießern dieses Systems ein wenig Bescheidenheit gut zu Gesicht. Aber das Gegenteil ist festzustellen, man lässt es sich auf Kosten der Steuerzahler gut gehen!

Alle Experten stimmen darin überein: Die deutsche Orchesterlandschaft ist in ihrer Dichte und Vielfalt im internationalen Vergleich einzigartig. Weltweit wird die Zahl der professionellen Berufsorchester mit klassisch-sinfonischer Besetzung auf rund 560 geschätzt. Fast ein Viertel davon - gegenwärtig über 130 - haben ihren Sitz in Deutschland. Da gibt es mehr als 80 Theaterorchester, welche in den Sparten Oper, Operette und Musical der Staats- und Stadttheater tätig sind. Weiterhin gibt es 30 Konzertorchester wie zum Beispiel die Berliner Symphoniker oder das Leipziger Gewandhausorchester. Hinzu kommen noch einige Kammerorchester sowie die Klangkörper der Rundfunkanstalten.

Die Eigenfinanzierung der Orchester ist bescheiden, sie liegt im Durchschnitt zwischen 10 und 20 Prozent.Bei sehr renommierten Orchestern sind die eigenen Einnahmen etwas höher und machen rund 30 Prozent der Gesamtkosten aus. Die großen Orchester der Kategorie A haben 99 und mehr Musikerplanstellen, die kleineren Orchester der Kategorie B verfügen über mindestens 66 Planstellen.

Spitzenhonorare für die Dirigenten 

Erstaunlich, wenn nicht gar skandalös ist es, dass viele dieser Orchester, die von ihrer zahlenden Kundschaft nicht leben können, ihre Dirigenten geradezu fürstlich entlohnen. Spitzendirigenten, so konnte man vor einiger Zeit lesen, erhalten deutlich mehr Geld als der Oberbürgermeister der sie finanzierenden Stadt oder die Minister des betreffenden Bundeslandes. Genaue Zahlen werden aber nie genannt, da die sensiblen Künstler mit ihrem Weggang drohen, falls Einzelheiten ihrer Vergütung bekannt werden sollten. Und auf seinen Stardirigenten, der das Publikum wie ein Magnet anzieht, will ja niemand verzichten.

Einen kleinen Hinweis auf die in Rede stehenden Summen gab es allerdings vor einiger Zeit: Der Landtag eines süddeutschen Bundeslandes möchte im Vorfeld eingeschaltet werden, wenn die Jahresvergütung für einen Dirigenten, mit dem gerade Vertragsverhandlungen geführt werden, mehr als eine Million Euro betragen soll! 

Eine Obergrenze bei der Honorierung war nicht durchsetzbar 

Im politischen Raum wurde vor einiger Zeit erwogen, eine Gagenobergrenze für Spitzendirigenten einzuführen. Denn Zugeständnisse einer Stadt oder eines Bundeslandes bei den Honorarverhandlungen wirken sich in kurzer Zeit auch bei anderen Kultureinrichtungen aus. Bei den Spitzensolisten des Gesangsbereichs gibt es eine solche Gagenobergrenze, die auch zumeist eingehalten wird. Eine entsprechende Obergrenze für die Dirigenten kam jedoch nicht zustande. Auch der Hinweis darauf, dass die hohen Vergütungen für diesen Personenkreis in Deutschland ausschließlich von öffentlich finanzierten Theatern, Orchestern und Rundfunkanstalten gezahlt werden, konnte daran nichts ändern. So wird sich die aus dem Konkurrenzdenken der öffentlichen Kultureinrichtungen erwachsende Kostenspirale bei der Vergütung der Dirigenten weiterhin fortsetzen. 

Geringe Auslastung der einzelnen Musikergruppen 

Aber nicht nur dem künstlerischen Leitungspersonal der Orchester geht es gut, sondern auch die einfachen Musiker haben es sich in dem steuerfinanzierten Biotop bequem eingerichtet. Immer wieder wurde bei Überprüfungen festgestellt, dass die Auslastung der einzelnen Musikergruppen recht gering war. Häufig wurden nur zwei Drittel der tarifvertraglich vorgeschriebenen wöchentlichen „Dienste“ abgeleistet.

Unter einem „Dienst“ ist die Teilnahme an einer Orchesterprobe oder an einem Konzert zu verstehen. Die Musiker nutzen die gewonnenen Freiräume dann gewinnbringend und völlig legal für die Mitwirkung in anderen Ensembles oder für die Erteilung von Privatunterricht. Was kann ich dafür, werden sie sich sagen, wenn der Dirigent Stücke einstudiert, in denen mein Instrument nicht gebraucht wird. Aber auch die Streicher, die in jedem Orchester am häufigsten eingesetzt werden, kamen nur auf eine Auslastung von 70 - 80 Prozent. 

Zusätzliche Aushilfsmusiker neben nicht ausgelastetem Stammpersonal 

Die geringe Auslastung des vorhandenen Stammpersonals ist umso ärgerlicher, als bei den untersuchten Orchestern Hunderttausende von Euro für zusätzliche Aushilfsmusiker ausgegeben wurden, ohne vorher zu prüfen, ob eigene Musiker zum Einsatz kommen könnten. Wie nicht anders zu erwarten, lehnten es die darauf angesprochenen Dirigenten ab, sich um eine stärkere dienstliche Inanspruchnahme des Stammpersonals zu bemühen. Entscheidend für den Einsatz der Musiker seien allein künstlerische Gesichtspunkte. Überlegungen zur Auslastung der vorhandenen Musiker dürften in einem hochrangigen Orchester keine Rolle spielen. Nun, wenn man nicht aufs Geld gucken muss, kann man sich eine solche Einstellung leisten.

Auch Bestrebungen, nicht ausgelastete Musiker unentgeltlich zwischen benachbarten Orchestern auszutauschen, waren nicht sonderlich erfolgreich. Die Entlastungen bei den Etats für Aushilfsmusiker wurden durch den entstehenden Koordinierungsaufwand wieder aufgezehrt. 

Druck auf mehr Wirtschaftlichkeit bei den Orchestern 

Bisher sind die Verantwortlichen in den Ländern und Kommunen nur vorsichtig an Reformen bei den von ihnen getragenen Orchestern herangegangen. Es gibt jetzt etwas mehr Druck auf eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit. Planstellen bei den Orchestern bleiben unbesetzt oder werden eingespart, es gibt Bestrebungen, Orchester zusammenzulegen oder zu verstärkter Kooperation zu bewegen. Auch soll der Anteil der Eigenfinanzierung erhöht werden.

Es hat sich aber gezeigt, dass sich die Einnahmen aus Spenden und Sponsoring trotz verstärkter Bemühungen nur in geringem Umfang erhöhen lassen. Anders als in Amerika sind hierzulande Sponsoren kaum bereit, eine Einrichtung wie ein Orchester kontinuierlich zu unterstützen. Es müsste sich in Deutschland eine viel größere Bereitschaft zum finanziellen Engagement für gemeinnützige Zwecke entwickeln als derzeit, damit Orchester wie in den USA weitgehend ohne Staatsgelder existieren könnten. Aber warum sollten sich finanzkräftige Privatpersonen oder Unternehmen in großem Stil als Sponsoren engagieren, wenn sie dafür kaum gesellschaftliche Anerkennung erhalten, vielmehr für Teile der Bevölkerung das Feindbild sind. 

Der Rückhalt schwindet 

Angesichts des Bedeutungsverlustes der klassischen Musik und der Überalterung des Opern- und Konzertpublikums schwindet in der Politik der Rückhalt für die subventionierten Orchester. Man kann gespannt sein, liebe Leserinnen und Leser, wie lange die deutsche Orchesterlandschaft im bisherigen Umfang bestehen bleiben wird. Die nächste Krise der Staatsfinanzen wird es zeigen, sagt nachdenklich

Ihr
Gotthilf Steuerzahler

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