Mittwoch, 20. Januar 2016

Die reichsten 62: Glaube keiner Statistik, die du nicht verstanden hast!

Leben wir in einer neuen Feudalgesellschaft?
von Jorge Arprin, ohne Rücksicht
Oxfam hat es wieder getan. Wie schon 2014, als von Oxfam behauptet wurde, dass die reichsten 85 Menschen so viel besitzen würden wie die ärmere Hälfte der Menschheit, und 2015, als schon die reichsten 80 so viel hatten wie die ärmere Hälfte, sind es 2016 Oxfam zufolge schon die reichsten 62 Menschen. Die Medienresonanz ist erneut gewaltig, ebenso wie die Falschheit der Behauptung. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Vermögen, Einkommen und Kaufkraft. Ein verschuldeter Amerikaner mit einem Nettovermögen von 0 hat zwar weniger Vermögen als ein Slumbewohner in Nairobi, der 10 Cent Vermögen hat, hat aber eine viel höhere Kaufkraft. Da Oxfam diesen Unterschied nicht berücksichtigt, gehören ihren Angaben nach 40 Millionen Amerikaner zu den ärmsten 10% der Menschheit.

Eine große Resonanz hatte im letzten Monat auch eine Statistik vom Pew Research Center in den USA, wonach die Mittelschicht immer weiter schrumpft. Gehörten im Jahr 1971 noch 61% der Amerikaner zur Mittelschicht, waren es 2015 nur noch 50%. Die Medien titelten: “Der amerikanische Traum stirbt”, “Die Mittelschicht verschwindet”, “Immer mehr Ungleichheit”. Was jedoch wenig beachtet wurde ist, dass die Oberschicht im selben Zeitraum von 14% auf 21% gestiegen ist. Die Mittelschicht verschwindet also, weil immer mehr in die Oberschicht aufsteigen (bei der Verschiebung der Einkommensschichten spielen auch demografische Entwicklungen eine Rolle, z.B. der veränderte Anteil von Rentnern und Jugendlichen, der Zustrom von armen Einwanderern, usw.).

Statistiken, die einem nicht gefallen als falsch abzutun, ohne sich mit dem Inhalt beschäftigt zu haben, ist unterstes Niveau. Aber Statistiken sollten auch richtig verstanden werden. Natürlich kann eine Statistik auch falsch sein, aber nicht schlimmer ist es, eine richtige Statistik falsch zu interpretieren, vor allem, wenn dadurch politische Maßnahmen rechtfertigt werden sollen. Zu was auch eine falsche Statistik führen kann, zeigt ein Beispiel aus Deutschland. Im Jahr 2009 gab es einen Schock, als das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) behauptete: 16,3% der deutschen Kinder leben in Armut. Die schwarz-gelbe Koalition beschloss eine Erhöhung des Kindergelds. Später kam heraus: Die Zahlen waren eine Statistikpanne, die tatsächliche Prozentzahl der Kinderarmut lag bei 8,3%.

Einen ähnlichen Aufschrei gab es über die sogenannte “Generation Praktikum”. In der neoliberalen Hölle, die Deutschland angeblich geworden ist, macht eine ganze Generation von Jugendlichen nach dem Abschluss nur noch jahrelange Praktika zu Niedriglöhnen. In Wirklichkeit ist die “Generation Praktikum” ein Mythos, was schon seit 2007 bekannt ist (nur bei den Geistes- und Sozialwissenschaften nahmen die Praktika zu – wahrscheinlich, weil es kein Bedarf für so viele Menschen gibt, die Vorträge über Feminismus und dem “White Privilege” halten), aber der Mythos starb nicht aus. Die Folge: Der 2015 eingeführte Mindestlohn machte auch bei Praktika keine Ausnahmen. Wie erwartet stellen Unternehmen nun seltener Praktikanten ein. Auch eine nette Problemlösung.

“Zunehmende Kinderarmut”, “Generation Praktika”, “Weltweite Ungleichheit steigt”, “Mittelschicht verschwindet” – all diese Horrorszenarien sind bei genauer Betrachtung nicht aufrechtzuerhalten. Wenn sie unwidersprochen bleiben, können sie in der realen Welt reale Auswirkungen haben. Der ständige Aufschrei über die weltweite Ungleichheit (wenn es in dem Tempo weitergeht, werden 2020 schon die reichsten 10 soviel besitzen wie die ärmere Hälfte) könnte den feuchten Traum der Piketty-Jünger wahr werden lassen, nämlich eine globale Vermögenssteuer. Da kann ich den Steuerschutzsuchenden nur empfehlen: Haut ab, solange ihr noch könnt! In Monaco, Luxemburg und den Cayman-Inseln soll es eine nette Willkommenskultur geben.

Kommentare:

  1. Die Argumentation zieht nur bedingt, 7% mehr Oberschicht und 11% weniger Mittelschicht, bleibt die Frage, wieviel das in absoluten Zahlen ist und dann kann man bewerten, ob das gut oder schlecht ist. Denn 7% von 100.000 sind deutlich weniger als 11% von 500.000. Es kann natürlich sein, das das Verhältnis Ober- zur Mittelschicht andersrum liegt, aber das glaube ich nicht. Bzgl. der Kinderarmut ist das nur noch als zynisch zu bezeichnen, es spielt keine Rolle, ob es nun 16 oder 8% sind, jedes Prozent an armen Kindern ist ein Prozent zu viel.

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  2. Die Angaben beziehen sich beide jeweils auf die ganze Bevölkerung und sind somit vergleichbar. Außerdem: die Armut ist ein statistischer Wert, d.h. es wird sie immer geben, egal ob es Ihnen passt oder nicht. Arme Kinder hier sind nicht dasselbe wie arme Kinder in Entwicklungsländern.

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  3. Was ist da schwer zu verstehen ? Die Verteilung und Unterschiede in dieser extremen Ausprägung sind und bleiben pervers - völlig unabhängig von Kaufkraft und anderem...

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