Samstag, 12. Dezember 2015

Erstickende Gleichförmigkeit: Lieber Einzelgänger

Einzelgänger: Maulwurf. Foto: pixabay/CC0 Public Domain.
von Jonathan Danubio
Mein liebster Autor, Nicolás Gómez Dávila, schreibt in seinen “Scholien”: 

"Der Moderne glaubt, in einem Pluralismus der Meinungen zu leben, während uns heute doch die Gleichförmigkeit erstickt."

Unglücklicherweise ist das, was bei diesem immer schnelleren Marschieren in dieselbe Richtung auf der Strecke bleibt, gerade nicht der unnötige Ballast, sondern der für eine Kultur überlebenswichtige Proviant. Dieser Proviant bezeichnet einen bestimmten, heute leider aussterbenden Menschentypus, den ich persönlich - insbesondere in der Gestalt Dávilas - um so mehr bewundere, als ich weiß, daß mir Kraft und Wille für einen solchen Lebensweg wohl fehlen (würden). 

Der 24-jährige Truman Capote hatte vielleicht eine ähnliche Vorahnung, als er in seinem Debütroman “Andere Stimmen, andere Räume” (1948) schrieb:

“Sie [Ameisen] erfüllen mich mit, oh, solcher Bewunderung und, oh, solchem Weltschmerz: so viel puritanischer Geist in ihrem gedankenlosen Marsch gottesfürchtiger Emsigkeit, aber kann ein so anti-individueller Staat die Poesie dessen zulassen, das sich dem Verstand entzieht? Gewiss wären dem Mann, der sich weigerte, seinen Krümel zu tragen, bald Attentäter auf den Fersen, und in jedem Lächeln würde ihm sein Todesurteil begegnen. Was mich anbelangt, so ziehe ich den einzelgängerischen Maulwurf vor: er ist keine Rose, abhängig von Dorn und Wurzel, und auch keine Ameise, deren Lebenszeit von der unwandelbaren Herde eingerichtet wird: blind geht er seines gesonderten Weges, in dem Wissen, dass Wahrheit und Freiheit Geisteshaltungen sind.” 

Wie nennt man einen solchen Einzelgänger? Für Davila ist er - mit den notwendigen Abstrichen und Zusätzen zur Textstelle - ein Reaktionär. Für Ernst Jünger - abermals ohne Überdehnung der Parallelen - ein Anarch. Vielleicht fällt mir eines Tages auch ein geeigneter oder gar schöner Begriff ein, doch mangelt es letztlich - ganz wie bei guten Ratschlägen - nicht an treffenden Worten, sondern an Menschen, die nach ihnen leben.

Kommentare:

  1. > ... der für eine Kultur überlebenswichtige Proviant.

    Der Einzelne ist die Valuta jeder Kultur und alles Ethischen.

    Durch "Selbstwahl" von Tag zu Tag muss sich der besondere Einzelne selbst erneuern in seiner Ursprünglichkeit.

    Sich selbst ganz gegenwärtig sein in Selbstbekümmerung, ist die höchste Aufgabe für das persönliche Leben.

    Wenn der Einzelne das Absolute ist, so ist er selbst der archimedische Punkt, von dem aus man die Welt heben kann.

    Kein Ding für Gesellschaftsvögel, die gleich sterben, wenn sie nur einen Augenblick allein sein müssen. "Wie das kleine Kind in den Schlaf gesungen werden muss, so brauchen diese das beruhigende Einlullen des Gesellschaftlichen, um essen, trinken, schlafen, beten, sich verlieben usw. zu können." (Kierkegaard)

    --
    Ich erschaffe mich nicht, ich wähle mich, absolut

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  2. > Wie nennt man einen solchen Einzelgänger?

    Vielleicht Ritter der Freiheit?

    "Wenn da alles still um einen geworden ist, feierlich wie eine sternenklare Nacht, wenn die Seele allein ist in der ganzen Welt, da zeigt sich ... die ewige Macht selbst, da tut gleichsam der Himmel sich auf, und das Ich wählt sich selbst, oder richtiger, es empfängt sich selbst.

    Da hat die Seele das Höchste gesehen, was kein sterbliches Auge zu sehen vermag und was nie mehr vergessen werden kann, da empfängt die Persönlichkeit den Ritterschlag, der sie für eine Ewigkeit adelt.

    Zwar wird der Mensch damit kein anderer als er zuvor gewesen, aber er wird er selbst, das Bewusstsein schließt sich zusammen, und er ist er selbst" (Kierkegaard).

    PS: Ich bin durch "Furcht und Zittern" (Kierkegaard) auf den Geschmack gekommen.

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