Montag, 7. Dezember 2015

Das große Übel vom kleineren Übel

Gab es keine Alternative zur Kooperation
mit dem Gulag-Regime?
von Jorge Arprin
Manchmal stehen wir in der Politik und im Alltag vor Situationen, die sich ähneln. Das ist besonders dann der Fall, wenn es so aussieht, als müssten wir uns zwischen zwei Dingen entscheiden, die uns nicht gefallen. In dem Fall tendieren die meisten Menschen dazu, sich für das zu entscheiden, was sie für das “kleinere Übel” halten. Die Folgen dieses Denkens sind, dass in der Politik brutale Herrscher, die wir hassen, von uns unterstützt werden, weil wir Angst vor einer noch schlechteren Alternative haben, und dass wir uns im Alltag mit vollkommen unzufriedenen Situationen abfinden und sie sogar verteidigen, um bloß nicht unsere Lage zu verschlimmern.

Im Zweiten Weltkrieg schien die Sowjetunion das kleinere Übel zu sein als Nazi-Deutschland, also entschieden sich die Westmächte mit der Sowjetunion zu kooperieren. Irgendwie musste man ja die Nazis in Schach halten. Solch tragische und weitreichende Entscheidungen müssen wir im Alltag nicht ständig treffen, aber es gibt viele schwere Entscheidungen, die sich auf unser Wohlbefinden auswirken. Wenn eine Person in einem Job gefangen ist, den sie hasst, oder in einer unglücklichen Ehe, scheint es meistens das kleinere Übel zu sein, einfach weiterzumachen und nichts zu ändern. Irgendwie muss man ja Geld verdienen oder man will den Kontakt zu seinen Kindern nicht verlieren.

Es mag Fälle geben, in denen man sich wirklich zwischen zwei Übeln entscheiden muss, da jede andere Alternative verunmöglicht wurde. Befinden wir uns in so einer Lage, müssen wir sie leider notgedrungen akzeptieren, anstatt eine Möglichkeit ins Spiel zu bringen, die längst vergangen ist. Doch viel zu oft bilden wir uns so eine Situation nur ein und entscheiden uns für ein Übel, ohne dass das notwendig wäre. In diesen Fällen handeln wir im Grunde gegen unser Interesse und verhindern unser Glück, weil wir zu denkfaul sind. Besonders zwei Gründe sprechen dafür, sich genau zu überlegen, ob man sich für ein vermeintlich kleineres Übel entscheidet.

1. Es ist unmöglich, in die Zukunft zu sehen

Stellen wir uns gleich die Frage: War die Sowjetunion wirklich das kleinere Übel zu Nazi-Deutschland? Eigentlich kann darüber kein Zweifel bestehen, wenn man sich den Verlauf der Geschichte ansieht. Hitler wollte ganz Europa versklaven und danach wohl auch im Rest der Welt weitermachen. Stalin hat zwar Osteuropa kommunistisch gemacht, aber unter den kommunistischen Regimes gab es keine Völkermorde in Osteuropa, zumindest nicht solche wie Hitler sie plante. Das Problem bei dieser Betrachtung ist: Die Menschen im Jahr 1941 konnten nicht in die Zukunft sehen, sie hatten nicht das Wissen, das wir heute haben. Was wäre passiert, wenn nach Stalin nicht Chruschtschow gekommen wäre, sondern jemand, der genauso schlimm gewesen wäre wie Stalin?

Dann hätte es in der DDR, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien Millionen Gulag-Tote gegeben. Viele Historiker vermuten, dass Stalin kurz vor seinem Tod den Plan entwickelte, einen Völkermord an den Juden durchzuführen (Ärzteverschwörung) und nur der göttliche Herzinfarkt die sowjetischen Juden rettete, sowie der Kamikaze-Wind einst die Japaner vor den Mongolen rettete. Wir konnten 1941 nicht wissen, was Stalin plante und was nach Stalin kommt. Die Wahrheit ist: Wir hatten Glück, dass nach Stalin moderate Kommunisten in Moskau an die Macht kamen, das war jedoch nicht gewiss.

Wir wissen auch nicht, wie sich Europa entwickelt hätte, wenn die Nazis den Krieg gewinnen hätten. Vielleicht wäre Hitler kurz darauf gestorben und es wären moderate Nazis an die Macht gekommen? Als Folge davon hätten sie die innere Unterdrückung gelockert und im ganzen von den Nazis kontrollierten Bereich hätte es Reformen wie unter Ludwig Erhard gegeben. Hätte Hitler also den Krieg gewonnen, hätte vielleicht ganz Osteuropa heute denselben Wohlstand haben können wie Westeuropa, aber die Westmächte haben es verhindert, weil sie Stalin 1941 für das kleinere Übel hielten. Das sind alles absurde Spekulationen, aber 1941 konnte man nichts anderes tun als spekulieren.

Im Alltag sollten wir uns immer dieselbe Frage stellen: Ist das, was wir für das kleinere Übel halten, wirklich auf Dauer weniger schlimm als die Alternative? Eventuell ist eine Kündigung im Job besser, selbst wenn man dann weniger verdient, aber sich trotzdem besser fühlt, oder man macht sich selbständig und verdient mit einer genialen Geschäftsidee wie Drohnenkurieren in Afrika Millionen, ach was, Milliarden. Eine Scheidung hat womöglich am Anfang finanzielle und psychische Nachteile, aber ist es schlimmer als sich damit abzufinden, den Rest seines Lebens in einer lieblosen Beziehung zu verbringen? Wer sagt, dass man nicht eine neue Liebe findet und sich somit noch ein paar glückliche Jahre gönnt?

2. Es gibt vielleicht eine dritte Alternative

Heute scheint es für viele selbstverständlich zu sein, dass es für die Westmächte im Zweiten Weltkrieg keine andere Möglichkeit gab, als mit der Sowjetunion zu kooperieren. So selbstverständlich war das 1941 nicht. In allen von den Nazis besetzten Ländern gab es mal mehr, mal weniger starke Widerstandsbewegungen. In Polen gab es z.B. die Polnische Heimatarmee, die zwar auch für Verbrechen an Zivilisten verantwortlich war, aber in weit geringerem Umfang als die Rote Armee. Diese Bewegungen hätten viel mehr Unterstützung verdient als die massenmörderische Rote Armee. Außerdem hätten die Westmächte in den Konferenzen vor und nach dem Krieg stärker versuchen sollen, Osteuropa nicht an die Sowjets zu verkaufen (und sogar “Verräter” an Stalin auszuliefern).

Auch die ganzen sozialen Zwänge und Konventionen, die uns im Alltag vom Glücklichsein abhalten, müssen nicht unser Leben beherrschen. Wir müssen uns nicht zwischen einem unglücklichen Job oder Armut oder zwischen einer unglücklichen Beziehung oder Scheidung entscheiden, es gibt Alternativen. Damit meine ich nicht unbedingt Gewerkschaften oder Paarberatungen, sondern echte Hilfen wie eine Versetzung in eine andere Abteilung oder einen neuen Kollegen, bei einer kaputten Beziehung kann man es mit paarinterner Kommunikation versuchen, und wenn das nicht hilft, weil der Partner ein Schläger ist, kann man ihn töten und wie einen Unfall aussehen lassen (zugegeben, dazu braucht es ein gewisses Talent). Mit ein bisschen Vision findet man mehr als nur zwei Alternativen.

Folgendes ist eine wahre Geschichte: Vor drei Jahren wurde eine 26-jährige Frau in der ländlichen Türkei über einen langen Zeitraum von einem Mann vergewaltigt. Dort bedeutet Vergewaltigung für Frauen oft, dass ihre Ehre befleckt wurde, da sie nicht mehr “rein” sind, deshalb werden sie von der Familie ausgestoßen oder ermordet, außer wenn sie den Vergewaltiger heiraten. Der Mann drohte der Frau dazu noch, Nacktfotos von ihr zu verbreiten, wenn sie sich wehrt, was einer Todesdrohung gleichkam. An diesem Punkt glaubt ihr vielleicht, die Frau hatte aufgrund der sozialen Zwänge nur die Wahl zwischen zwei Übeln: Sich weiter vergewaltigen lassen oder Selbstmord begehen, wobei sich weiter vergewaltigen lassen das kleinere Übel ist, weil man immerhin noch lebt.

Aber so dachte Nevin Y. nicht. Sie wählte stattdessen einen dritten Weg: Sie nahm eine Schrotflinte, erschoss ihren Vergewaltiger, dann schnitt sie der Leiche den Kopf ab und zeigte sich im Dorfplatz mit dem abgetrennten Kopf ihres Peinigers. Damit stoppte sie nicht nur die Vergewaltigungen, sondern rettete ihre Ehre, denn in der ländlichen Türkei ist das öffentliche Zeigen des abgetrennten Kopfes des Vergewaltigers gleichbedeutend mit der Wiederherstellung der durch die Vergewaltigung(en) verlorenen Ehre. Was lernen wir daraus? Das kleinere Übel ist meist nur eine Einbildung: Es gibt (fast) kein Problem auf der Welt, dass sich nicht durch einen ausgeklügelten Plan und Schusswaffen lösen lässt. Was ist deine Ausrede?

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