Mittwoch, 11. November 2015

Waffen und Gewaltverbrechen

Foto: Wikimedia Commons/
Michael Donnermayer
von Jorge Arprin, ohne Rücksicht
Es dürfte kein anderes Thema geben, bei dem die politischen Ansichten zwischen den USA und Deutschland so weit auseinanderliegen wie beim Thema Waffenrecht. In den USA haben viele Bundesstaaten ein liberales Waffenrecht: die Bürger können leicht an Waffen rankommen und tun das oft auch. In Deutschland herrschen hingegen einige der strengsten Waffengesetze der Welt: jeder, der legal an eine Waffe kommen will, muss einen bürokratischen Marathon bewältigen und selbst nach Erlangen der Waffe mit ständigen Kontrollen rechnen. Während in Deutschland völliger Konsens herrscht, tobt in den USA seit Jahren eine heftige Debatte um Sinn und Unsinn der Gesetze. Beide Seiten benutzen dabei fragwürdige Argumente.

Die Befürworter eines liberalen Waffenrechts meinen, Waffen seien für Selbstverteidigung notwendig. Es bräuchte folglich mehr Waffen, um für mehr Sicherheit zu sorgen (“The only thing that stops a bad guy with a gun is a good guy with a gun”). Waffenverbote würden in eine Diktatur führen und man könne auch mit Küchenmessern Menschen töten. Ich finde die Vorstellung, mehr Waffen würden automatisch für mehr Sicherheit sorgen, albern. Es kommt immer auf den verantwortungsvollen Umgang mit Waffen an. Außerdem hat selbst bei einem liberalen Waffenrecht nicht jeder immer eine Waffe dabei, wenn ein Amokläufer an seine Tür klopft. Das Dammbruch-Argument ist willkürlich. Ein Staat kann durchaus Waffenverbote haben, ohne KZs aufzumachen. Küchenmesser haben immerhin eine andere (Haupt-)Funktion als eine Pistole, deren einziger Sinn es ist, und sei es aus Selbstverteidigung heraus, andere zu verletzen (oder zu töten).

Aber auch die Befürworter von Waffenverboten argumentieren verkehrt. Sie meinen, härtere Waffengesetze würden zu mehr Sicherheit führen. Der Grund für die niedrigere Mordrate z.B. in Deutschland oder Japan im Vergleich zu den USA liege bei den härteren Waffengesetze in den ersten beiden Ländern. Das “Heilmittel” gegen die Amokläufe in den USA seien daher ebenfalls härtere Waffengesetze. Man kann aber aus den statistischen Daten keine Korrelation zwischen härteren Waffengesetzen und niedrigerer Mordrate feststellen - weder in den US-Bundesstaaten noch im internationalen Vergleich. Waffen machen nicht sicherer, aber auch nicht gefährlicher.

Schauen wir uns die Daten an: In den USA sterben jährlich 32.000 Menschen durch Schusswaffen. Das ist eine unglaublich hohe Zahl. Doch dabei muss man beachten, dass zwei Drittel dieser Todesfälle, also etwa 20.000, Selbstmorde sind. Nun könnte man argumentieren, es gäbe nur deshalb so viele Selbstmorde in den USA, weil es so viele Waffen gibt. Aber die Selbstmordrate in den USA ist nicht viel höher als in Ländern mit härteren Waffengesetzen. Japan z.B. hat trotz seiner extrem harten Waffengesetze (im Jahr 2006 gab es im ganzen Land zwei Tote durch Schusswaffen) eine doppelt so hohe Selbstmordrate. Selbstmord hat eine lange Tradition in der japanischen Kultur. 

Die Selbstmordrate eines Landes hat wenig mit dem Waffenrecht zu tun, die Kultur eines Landes und der Zustand der Gesellschaft sind entscheidend. Ohne Schusswaffen würden die Amerikaner einen anderen Weg finden, sich auszuknipsen, so wie die Japaner, die keine Schusswaffen nehmen dürfen. Es bleiben aber immer noch die übrigen 12.000 Tote in den USA, die durch Schusswaffen umgebracht wurden. Hier muss man zwei andere Dinge beachten: Die Gewaltkriminalität in den USA sinkt seit Jahren, und es gibt keine Korrelation zwischen härteren Waffengesetzen und niedrigeren Verbrechensraten. Beides wird in der Regel von den Befürwortern härterer Waffengesetze ignoriert, dabei kann man nur so sehen, ob ihr Heilmittel wirklich funktioniert.

Die Gewaltkriminalität in den USA begann Mitte der 1960er anzusteigen, dieser Trend setzte sich in den 1970ern und 1980ern fort und erreichte Anfang der 1990er den Höhepunkt. Seitdem geht sie stetig zurück. Im Jahr 1992 gab es 757,7 Gewaltverbrechen pro 100.000 Einwohner, 2014 waren es 365,5. Fast alle Städte in den USA sind sicherer geworden, in New York gab es Anfang der 1990er 2000 Morde pro Jahr, 2014 waren es 300. Gegenden wie Harlem haben sich unglaublich verändert. Gewalt in den Schulen ist heute weitaus seltener als vor einigen Jahrzehnten, und auch Amokläufe sind seltener geworden, trotz der hohen medialen Beachtung. Die USA waren noch nie ein so sicherer Ort wie heute.

Wo liegt der Grund für den Rückgang der Gewaltkriminalität? Sicher nicht in härteren Waffengesetzen, denn seit den 1990ern sind die Waffengesetze eher liberaler geworden. Außerdem zeigen die Daten: Die Mordrate korreliert nicht mit den Waffengesetzen. Rein statistisch betrachtet haben Gebiete mit härteren Waffengesetzen sogar leicht höhere Mordraten, aber der Unterschied ist so klein, dass er nicht ins Gewicht fällt. In vielen Gegenden mit vergleichsweise hohen Mordraten ist es schwer, legal an eine Waffe zu kommen, ein Beispiel dafür ist Chicago, eine Stadt mit harten Waffengesetzen und hohen Mordraten. Dann gibt es noch Länder wie Finnland, die Schweiz oder Israel, in denen ein ebenso großer Teil der Bevölkerung legal über Schusswaffen verfügt wie in den USA, während die Mordrate dort viel niedriger ist.

Die Befürworter von liberalen Waffengesetzen benutzen meistens falsche Argumente. Waffen machen nicht sicherer, Waffenverbote müssen nicht in eine Diktatur führen und Schusswaffen kann man nicht mit Küchenmessern gleichsetzen (auch wenn man sagen kann, dass Morde mit Messern nicht besser sind als Morde mit Schusswaffen und wir alle gegen alle Versuche sein sollten, das “Recht” auf das Tragen von Messern einzuschränken). Aber in einem haben sie Recht: Härtere Waffengesetze sind kein Heilmittel gegen Gewaltkriminalität und sollten deshalb auch nicht angewendet werden.

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Fragen Sie sich auch mal war das hier wohl bedeutet:
    http://www.epochtimes.de/politik/deutschland/bevoelkerung-bewaffnet-sich-vertrauen-in-staatliche-sicherheit-sinkt-a1283332.html

    Warum wohl? Wegen der enormen Sicherheit des bewaffneten Gewaltmonopols?

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  3. "Ich finde die Vorstellung, mehr Waffen würden automatisch für mehr Sicherheit sorgen, albern."

    Ich finde die Vorstellung nur Waffen in Staatshand können sicher sein albern. Und dann gibt es ein statistisches Werk:
    http://www.amazon.de/More-Guns-Less-Crime-Understanding/dp/0226493660/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1447308582&sr=8-1&keywords=more+guns+less+crime

    Dort kann man nachlesen,daß mehr "verborgen getragene" Waffen, bestimmte Delikte massiv reduzieren und insgesamt eine positive Auswirkung auf die Sicherheit haben.


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  4. Guten Morgen,

    Küchenmesser haben immerhin eine andere (Haupt-)Funktion als eine Pistole, deren einziger Sinn es ist, und sei es aus Selbstverteidigung heraus, andere zu verletzen oder zu töten).

    Diese Aussage ist nicht fair!
    Ich kenne einige Sportschützen, die zu den friedlichsten Menschen der Welt gehören und sicher niemals den Gedanken gehegt haben, eine Waffe zum verletzten oder töten einzusetzten. Der Schießsport ist mentales Training auf höchstem Niveau.

    Weiterhin stellt sich mir die Frage, warum Politiker (ja auch Grüne!!), die ständig überlegen das Volk zu entwaffnen, mit einer Waffe herumlaufen. Sie dürfen ironischerweise eine Waffe führen. Hat das mal jemand hinterfragt...Teil der öffentlichen Diskussion ist es jedenfalls noch nie gewesen.

    Viele Grüße, Jörg Zimmermann

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  5. Ich gehe damit konform, dass Waffengesetze und Mordraten keine Korrelation miteinander haben.

    Normale Bürger, die sich an Waffengesetze halten, sind keine Verbrecher, die aus finanziellen Gründen morden. Und Verbrecher, die aus Habgier morden, halten sich nicht an Waffengesetze.

    Worin ich nicht konform gehe, dass Waffen in Bürgerhand keine Gewalt verhindern können. In den USA werden jährlich zwischen 500.000 und 2.000.000 mal ein Verbrechen mit Schusswaffen verhindert. In über 50% der Fälle wird gar kein Schuss abgegeben, sondern nur gedroht. Die meisten Schüsse sind Warnschüsse. Es gibt keine verletzten Angreifer, aber auch keine vergewaltigte, verprügelte oder bestohlene Opfer. In den Medien tauchen diese 500.000 bis 2.000.000 Fälle pro Jahr nicht auf.

    Daher stellt sich die Frage, ob dort, wo die Polizei den Schutz der Bürger nicht gewähren kann (und das fast überall so, wenn sogar bei uns 10% der Notrufe ins Leere gehen und die heißen Einbrüche steigen), ein Bürger mit Waffe ein Verbrechen ohne Gewalt verhindern kann.

    Der Polizeichef von Detroit glaubt dies. Er hat seine Einstellung zu Waffen, die er in Los Angeles gelernt hatte, durch seine Erfahrungen in Maine überdacht und lässt in Detroit immer mehr normale Bürger sich bewaffnen. Gleichzeitig hat er die Zeit gekürzt, in der die Polizei zu einem Notruf kommt. Denn normale Bürger, die Opfer eines Verbrechens werden, sollten beides tun: Polizei rufen und sich verteidigen, falls sie zu spät kommt.

    http://german-rifle-association.de/detroits-polizeichef-legale-waffenbesitzer-koennen-verbrechen-verhindern/

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  6. Schönen Dank für Ihren Eintrag Frau Triebel. Ich schrieb:
    "Ich mußte lesen einer hat “mal eben” 40 Leute erschossen. Wo war denn das der Schutz durch den Staat? Wer sich darauf verläßt, landet schneller im Massengrab wie Gründe verbieten denken können.

    Daher mein einfacher Vorschlag um sich nicht sinnlos abknallen lassen zu müssen dürfen sich die Franzosen beliebig Waffen beschaffen. Offensichtlich kann ja der französische Staat innere und äußere Sicherheit nicht mehr garantieren."

    Das Problem mit Verbrechen ist, es werden ja die "gelungenen" und angezeigten notiert, die verhinderten nicht. Das ist ja mit ein zentrales Problem was in "More guns - less crime" behandelt wird.


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