Freitag, 27. November 2015

Romantisierung der Armut: Wohlstandsverwahrloste Schönrederei

Foto: Pixabay.
von Holger Pinter
Einem Freund hatten sie den Strom abgestellt. Der wollte zu lange nicht wahr haben, dass sein kleines Unternehmen Verluste machte und plötzlich war er richtig pleite.

Ja, das ist dumm. Dumme Entscheidungen haben wir alle schon getroffen. Wenn Du jetzt rufst: "Ich nicht!", gratuliere ich Dir dazu, dass Du klüger bist als ich.

Jedenfalls habe ich meinem Freund geholfen, an Brennholz zu kommen und gelegentlich brachte ich ihm eine Flasche Schnaps mit, denn es war Winter und er sollte nicht erfrieren. Der Nachbar legte ihm ein Verlängerungskabel über den Hof, damit er zumindest Licht machen und Radio hören konnte, doch offenbar ist das verboten und so ein Arsch vom Ordnungsamt hat gepetzt.

Als ich die Situation meines Freundes in einem Gespräch mit einem alten Bekannten erwähnte, der bei der Stadt tätig war, wollte der mir zuerst nicht glauben, dass in seiner Gemeinde ein Mensch ohne Elektrizität auskommen muss. Als ich ihn nach ein paar Tagen wieder traf, wusste er es besser und erzählte mir, allerdings ganz vertraulich, dass in dieser Gemeinde wenigstens ein Dutzend Haushalte dauerhaft ohne Strom lebte.

Wenn ich nun sehe, wie wohlstandsverwahrloste Journalisten das Leben armer Menschen in armen Ländern romantisieren und wie wohlstandsverwahrloste Leser darauf hereinfallen und wie Politiker und Priester, für deren fette Gehälter ärmere Menschen schuften müssen, darüber predigen, dass wir alle in Zukunft auf unseren Wohlstand verzichten müssen, wird mir ganz schlecht und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ich für die längste Zeit meines Lebens mehr als ein paar Schuhe besaß. Nein, ein Leben bei Kerzenschein ist nicht romantisch. Und dass man schon froh wäre, wenn man mal ohne Schmerzen aufwachen würde, weil man seit seiner Kindheit kaum etwas anderes als harte Arbeit kennen gelernt hat, ist auch keine Freude. Und das sage ich aus Erfahrung.

Aber eigentlich geht es euch ja darum, dass ihr eure eigene Unzufriedenheit erträglicher machen wollt, indem ihr die Zufriedenheit anderer Menschen zerstört.

Kommentare:

  1. Libertäre wollen radikale Märkte. Radikale Märkte produzieren Massenarmut. Wie hat sich denn ein menschlicher Text hierher verirrt?

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  2. Was sind ''radikale'' Märkte und inwiefern produzieren diese Massenarmut?

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