Mittwoch, 28. Oktober 2015

Wir schaffen das!

von Ralph Eisbär
Der Kollektivismus geht um. Freilich, er war nie weg. Das große Wir ist schon seit je her da, mal mehr, mal weniger. Was das große Wir nicht schon alles war. Papst, Fußball-Weltmeister, ein Automobil-Hersteller (Opel) oder die 99%. 

Im Moment schafft das Wir die Flüchtlingskrise. Sollte es zumindest. Nur Mut. Wir wissen nicht wie, wir haben keine Erfolgsbeispiele, keine Erfahrungen mit derartigen historischen Ereignissen, aber das ist egal. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und wenn es nicht klappt, naja, dann waren die anderen schuld, sicher nicht wir. Die anderen dürfen das Wir auch nicht verwenden, die sind auch nicht das Volk, egal, wie sehr sie darauf pochen. 

Das Wir heißt im Moment besonders oft Europa. Genauer genommen die EU, Europa ist schließlich älter und größer, aber das kümmert im Moment wenig. Europa muss dieses, Europa muss jenes, kann dieses, kann jenes. Europa ist an jenem schuld, an diesem schuld. Könnte scheitern und zerbrechen, aber auch in Krisen wachsen, die es mitunter selbst erst in diesem Maß herbeigeführt oder zumindest verstärkt hat. 

Fest steht: Gerade in Krisenzeiten hat das Wir Hochkonjunktur, noch mehr als sonst. Aus mindestens zwei Gründen: Zum einen, so können wir bei Frank Chodorov in seiner kleinen Schrift One is a crowd nachlesen, könnte die Sehnsucht nach der Masse auf mangelndes Selbstbewusstsein zurückgehen:

„The collectivist idealizes group behaviour because he feels an inadequacy in himself; he must be part of a mob and therefore he organizes and joins. The individualist abhors labels.”

In Krisenzeiten wird diese Tendenz durch die grassierende Unsicherheit verstärkt. Selbst Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl möchten dann nicht auf sich allein gestellt sein und suchen nach Mitstreitern, Weggefährten, anderen, die auf sie aufpassen. 

Zum anderen ist das Wir eine willkommene Gelegenheit, Verantwortung abzustreifen. An die anonymisierte Masse konkrete oder pauschale Forderungen zu stellen. Weil Europa und das Wir ja auch so viel Leid verursacht hat, von der Kolonialzeit über das Elend in vielen Weltgegenden bis hin zu den gegenwärtigen Konflikten. Nein, das waren keine Politiker oder Wirtschaftseliten, nicht der Military Industrial Complex (Aluhut! Aluhut!), das waren wir alle, zur Not, weil wir sie ja auch gewählt haben, weil wir nichts dagegen tun. Darum muss Europa auch solidarisch sein, die eigene Schuld verlangt, dass das Wir etwas tut, oder eben, wie Angela Merkel es getan hat, „etwas schafft“. Wer genau das Wir, wer genau Europa ist, weiß man freilich nicht. Alle Menschen, die innerhalb eines EU-Staats ihren dauernden Wohnsitz haben? Die dortigen Netto-Steuerzahler? Alle, die einen Paß eines EU-Mitgliedslandes haben, was sie ja auch zu EU-Bürgern macht? Die Institutionen der EU mitsamt den dazugehörigen Protagonisten und sonstigen Angehörigen des Verwaltungsapparats? Die Regierungen? Nichts Genaues weiß man nicht, soll man auch nicht. Sobald das Allgemeine nicht mehr ausreicht und ein bestimmter Personenkreis genannt wird, schmeckt das Wir mit einem Male bitter, jedenfalls für die wirklich Betroffenen. Genau deswegen wird es auch so lange wie möglich nicht näher konkretisiert – denn das Wir, das sind die anderen.

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