Freitag, 2. Oktober 2015

Gesellschaft und Moral: Noch ein Wort zur Immigrationskrise

von Jonathan Danubio
Das – mehr oder weniger bewußte – letzte Ziel jeder Gesellschaft ist notwendigerweise ihr eigener Erhalt. Würde ein Großteil der Mitglieder einer Gesellschaft dies anders sehen, so gäbe es diese Gesellschaft schlicht nicht mehr (umgekehrt folgt daraus die denkwürdige Tatsache, daß jede heute bestehende Gesellschaft die demonstrierte Präferenz eines Großteils der Mitglieder ist). Obwohl der Gesellschaftserhalt das letzte Ziel ist, folgt daraus – insbesondere in Massengesellschaften – nicht, daß die Mitglieder sich einig darüber wären, wie dieses Ziel am besten zu erreichen sei. Mehr noch: es herrscht nicht einmal Einheit darüber, wann dieses Ziel gefährdet ist und folglich Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen.

Allgemein läßt sich sagen, daß jede Gesellschaft ein Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen voraussetzt, denn müßte man sich in jeder Sekunde vor seinem Mitmenschen fürchten, könnte es keine wechselseitige Kooperation geben. So besteht die gesellschaftliche Funktion des Vertrauens auch gerade darin, den menschlichen Beziehungen einen Teil ihrer Unsicherheiten zu nehmen und das Verhalten des Gegenübers bis zu einem gewissen Grade vorhersehbar zu machen. Diese simple Feststellung erklärt auch die anthropologische Neigung zur (vorläufigen) Ablehnung alles Fremden, denn das Fremde ist zunächst unvorhersehbar und somit unwägbar (man denke nur an die griechischen Poleis, die aus diesem Grunde Fremde fernhielten oder – etwas zeitnäher – an das heutige Polen, das nicht aus Fremdenhaß keine Muslime aufnimmt, sondern aus eben diesen ethischen Überlegungen). Um jedoch erstmals Vertrauen zu seinen Mitmenschen – und später dann auch zu Fremden – fassen zu können, braucht es gemeinsame Bezugspunkte, deren wichtigster die geteilten Normen sind (daß der Sprache nicht dieselbe Bedeutung zukommt, kann man an den Beispielen der Hanse oder der mittelalterlichen Christianitas sehen). Diese elementaren Werte der friedlichen Kooperation müssen nicht nur ständig von jedem Einzelnen – ob nun Gesellschaftsmitglied oder Fremder mit dem Wunsch nach Mitgliedschaft – aufs Neue bewiesen werden, sie müssen auch absolut sein, d. h. sie können nicht zur Debatte oder gar zur Disposition gestellt werden. Alle darüber hinausgehenden Werte sind hingegen nicht Sache der Gesellschaft, sondern der individuellen Moral. Dieser Gedanke liegt auch einem lateinischen Sprichwort zugrunde: in necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas. Der dauerhafte Bestand einer Gesellschaft hängt von der Absolutheit letzter Werte ab. Daraus folgt nun zweierlei: 

a) Diese Werte dienen einer Gesellschaft als moralischer Kompaß, den sie soweit verinnerlicht haben muß, daß sie genau weiß, wie auf eine neuartige, d. h. außerhalb des Gewöhnlichen liegende Situation zu reagieren ist (nach Wilhelm Röpke als Maxima entweder mit Ehrfurcht oder mit Entrüstung).

b) Es reicht aber nicht, den moralischen Kompaß zu verinnerlichen, man muß auch Maßnahmen zu seinem Erhalt ergreifen, d. h. jedes Mitglied, das sich nicht an die Kooperationsregeln hält, ist dafür zu bestrafen (wobei die Spanne von öffentlicher Verachtung bis zur Verbannung reichen kann). Entscheidend ist, daß jede Nichtanerkennung der Regeln geahndet wird.

Es sollte offenkundig sein, daß diese Grundlagen einer dauerhaften Gesellschaft eher in kleinen als in modernen Massengesellschaften verwirklicht werden können. Eben dies ist auch der Grund, warum sich klassische Theoretiker eine Demokratie nur in kleinen Gesellschaften vorstellen konnten: die Möglichkeit moralischer Einheit ist dort größer (und daß es bei Fragen der Moral keine Mehrheitsentscheidung geben kann, ist eine politik-theoretische Binsenweisheit). Was wir im Zuge der Immigrationskrise wieder einmal – wenngleich vielleicht deutlicher als zuvor – vor Augen geführt bekommen, ist die Richtigkeit der klassischen Einstellung zur Demokratie, d. h., daß es in Massengesellschaften keine moralische Einheit bei letzten Fragen geben kann. Nicht nur ist die deutsche Gesellschaft nicht in der Lage, größtenteils einheitlich auf die neue Situation zu reagieren (a), sondern ein Teil von ihr ergibt sich zudem bereitwillig in die staatliche Preisgabe derjenigen letzten Werte, die einem anderen Teil noch kostbar und verteidigungswert erscheinen (b). 

Mit einem Wort: Deutschland befindet sich – und dieses Schicksal teilt es mit anderen europäischen Ländern – in einer gesellschaftlichen Moralkrise, deren Ausbruch samt gegenseitigen Diffamierungen angesichts der Millionen Mitglieder nur eine Frage der Zeit war. Der Staatsgewalt wird die Moralkrise nicht entgangen sein, versucht sie doch die moralische Einheit permanent auf künstlichem Wege, d. h. mittels Gesetzen (bspw. political correctness), Zensur (bspw. von Flüchtlingsstraftaten) etc. wiederherzustellen. Da aber jede staatliche Lösung eine Einheitslösung ist, die sich notwendig auf irgendeine moralische Seite schlagen muß, gießt sie nur Öl ins Feuer und verschärft so die Spannungen. Diese Verschärfung zieht dann wiederum neue Staatsinterventionen nach sich, in der Hoffnung, den Zerfall der Gesellschaft bloß irgendwie verhindern zu können.

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