Mittwoch, 16. September 2015

Marktwirtschaft und Kapitalismus: Ein Klärungsversuch

Wilhelm Röpke. Foto: dpa.
von Jonathan Danubio
Vorab: Die folgenden Gedanken entspringen – leider – weitestgehend nicht meinem Geist, sondern dem Wilhelm Röpkes. Daß ich mir trotzdem die Mühe mache, fremde Gedanken in die Form eines Artikels zu bringen, liegt daran, daß sie niemals so angebracht waren wie in Zeiten kollektiver Begriffsverwirrungen.

Jede Gesellschaft hat eine spezifische Wirtschaftsordnung. Jede Wirtschaftsordnung gibt eine Antwort auf die grundlegendste ökonomische Frage: was, wieviel und wie soll produziert werden? Diese Frage kann nur auf drei Arten beantwortet werden, d. h. es gibt letztlich nur drei Wirtschaftsordnungen (wenngleich eine Vielzahl an historischen Ausprägungen).

Für nicht-arbeitsteilige Gesellschaften

1. Die Subsistenzwirtschaft, bei der Konsument und Produzent sich in einer oder mehreren Personen vereinen, die folglich auch selbst entscheiden, was, wieviel und wie produziert wird. Die reinste Form der Subsistenzwirtschaft ist das freie Bauerntum. Die entartete Form der Subsistenzwirtschaft ist der Feudalismus.

Für arbeitsteilige Gesellschaften

2. Die Marktwirtschaft, bei der es letzten Endes die Konsumenten sind, die darüber entscheiden, was, wieviel und wie produziert wird. Der Grund: um auf dem Markt bestehen zu können, muß ein Produzent – ob nun aus egoistischen Gründen oder nicht – irgendein Konsumentenbedürfnis befriedigen, denn andernfalls wird er kein Einkommen erzielen können. 

Hier greift nun der natürliche Selektionsmechanismus des Marktes: produziert ein Unternehmen nur Unnützes, d. h. etwas, das kein Konsumentenbedürfnis befriedigt, wird es schlußendlich bankrott gehen. Sind es letzten Endes also die Konsumenten, die über die Produktion entscheiden, so spielt doch auch die Angebotsseite (Produzenten) eine wichtige Rolle, so daß man sagen kann: was, wieviel und wie produziert wird, regelt sich über Angebot und Nachfrage (= Preismechanismus). 

Die reinste Form der Marktwirtschaft ist – bei strenger Auslegung – der Anarchokapitalismus (Abwesenheit von in die Wirtschaft eingreifenden Staaten) bzw. – bei weniger strenger Auslegung – eine Art Nachtwächterstaat, der die Marktkonkurrenz in allen nicht-staatlichen Bereichen schützen soll. Die entartete Form der Marktwirtschaft wird durch Kartelle und Monopole repräsentiert, die den Konkurrenzmechanismus außer Kraft setzen. Kartelle und Monopole entstehen in den seltensten Fällen auf dem Markt, sondern sind meist das Produkt staatlicher Privilegierung, so daß man die heutige Form der entarteten Marktwirtschaft – enge Verflechtung von quasi-monopolistischen Großbetrieben und dem Staat – als Korporatismus bezeichnen kann.

3. Die Planwirtschaft, in der von einer zentralistischen Behörde – eine Minderheit, die sich als Repräsentantin der Mehrheit ausgibt – vorgeschrieben wird, was, wieviel und wie produziert wird. Die Mißachtung dieser obrigkeitsstaatlichen Direktive wird schlimmstenfalls mit dem Tode geahndet.

Es sollte offenkundig sein, daß die Frage nach dem Was, Wieviel und Wie nur dann als befriedigend gelöst gelten kann, wenn es die Konsumenten mit ihren Bedürfnissen sind, die über die Verwendung der Produktionsmittel entscheiden. Insbesondere in einer arbeitsteiligen Gesellschaft setzt dies eine Autonomie der Konsumenten voraus, in dem Sinne, daß sie selbst entscheiden dürfen, was sie für wieviel kaufen. Die Gesamtheit dieser freiwilligen Kaufentscheidungen wird gerne als Marktdemokratie bezeichnet, in der jeder Euro ein Stimmzettel und jedes Produkt eine Art Partei ist. Der Einwand, daß diese Demokratie timokratisch sei, da einige mehr Geld und folglich auch mehr Einfluß auf die Produktion hätten, ist berechtigt. Doch dafür ist die Marktdemokratie das perfekte Proporzsystem, in dem wirklich jede Stimme zählt und als unmittelbarer Impuls zum Produzenten geleitet wird. Entscheidend ist folgendes: wo es nicht die Konsumenten sind, die über die Produktion entscheiden, da ist es ein allmächtiger Staatapparat, der die Konsumenten zu Gnadenbrotempfängern degradiert. Ein Mittelweg zwischen diesen beiden Polen wurde bisher noch nicht gefunden und kann logischerweise auch nicht gefunden werden.

Der letzte Satz weist auf eine wichtige Tatsache hin: die drei Ordnungsprinzipien sind allgemein, d. h. sie sind nicht an eine spezifische historische Epoche gebunden und tatsächlich findet man alle drei seit Anbeginn der Menschheit. Historisch gebunden ist dahingegen die jeweilige Form der Ordnungsprinzipien. Ein Beispiel: sowohl die mittelalterliche Hanse (Form 1) als auch der deutsche Kapitalismus des 19. Jh. (Form 2) waren marktwirtschaftlich (Prinzip), wenngleich sie sich stark unterscheiden. Auch der deutsche Kapitalismus des 19. (Form 1) und des 20. Jh. (Form 2) sind bei allen Differenzen beide marktwirtschaftlich (Prinzip). Ein letztes Beispiel zur Verdeutlichung: der Merkantilismus (Form 1) und der Sozialismus der Sowjetunion (Form 2) sind trotz aller Unterschiede beide planwirtschaftlich (Prinzip). In den wenigsten Gesellschaften wird man jedoch nur eines der drei Ordnungsprinzipien anfinden, d. h. sie treten historisch in unterschiedlichen Mischverhältnissen auf. Ob eine Gesellschaft nun als subsistenz-, markt- oder planwirtschaftlich bezeichnet werden kann, hängt davon ab, welches der drei Ordnungsprinzipien dominiert (was im einzelnen schwer auszumachen sein kann). 

Hierbei ist eines zu beachten: die Wirtschaftsordnung ist stets ein Teil (Subsystem) der Gesellschaft und kann folglich nicht isoliert betrachtet werden. Das heißt auch: der Glaube, man könnte einfach an der Wirtschaftsordnung herumbasteln, ohne daß dies Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes hätte, ist ein sehr gefährlicher Aberglaube. So erklärt sich auch, warum die Marktwirtschaft stets mit einem gewissen Grad an Liberalismus (hier als gesellschaftliches Ordnungsprinzip) einhergehen muß, denn die Existenz einer Marktwirtschaft setzt individuelle Freiheitsrechte (insbesondere Privateigentum) voraus. Im Gegenzug erklärt das auch, warum die Planwirtschaft stets mit dem Kollektivismus (hier ebenfalls als gesellschaftliches Ordnungsprinzip) einhergehen muß, denn die Verstaatlichung der Produktionsmittel (zu denen man in der Planwirtschaft wohl auch die Menschen zählen kann) setzt eine Zerstörung aller individuellen Freiheiten voraus. 

Was bedeutet all dies nun für das, was heutzutage ohne jedwede Differenzierung oder inhaltliche Präzisierung als Kapitalismus bezeichnet wird? „Der“ Kapitalismus des 19. Jh. etwa ist eine mögliche historische Ausprägungsform der Marktwirtschaft, die sich aber wiederum von „dem“ Korporatismus des 20./21. Jh. unterscheidet. An dieser Stelle sollten sich die Vertreter der Marktwirtschaft keinerlei Illusionen hingeben, denn der Kapitalismus des 19. Jh. war in einigen europäischen Ländern mit zahlreichen Defekten ausgestattet, die im wesentlichen von den konservativen und sozialistischen Kritikern sehr richtig erfaßt wurden: angefangen vom feudalistischen Kapitalerbe über die Proletarisierung (allerdings nicht im ökonomisch-marxistischen Sinne, sondern als besondere Form der Massenexistenz verstanden) und die die Landwirtschaft (als Lebensform) zerstörende industrielle Großproduktion bis hin zur Entstehung von staatlich geförderten Kartellen und Monopolen. Gleichzeitig muß man deutlich sagen, daß der Kapitalismus andererseits für einige ihm zur Last gelegte Übel gerade nicht verantwortlich war: man denke nur an den populären Mythos des Pauperismus (vom Kapitalismus angeblich geschaffene Massenarmut), der glücklicherweise von seriösen – darunter auch linken – Historikern als Unfug demaskiert wurde. Bei aller berechtigten Kritik dürfen aber auch die enormen Segnungen des Kapitalismus – insbesondere ein nie da gewesener Wohlstand für breiteste Schichten, bessere medizinische Versorgung = Senkung der Sterberate etc. – nicht zu kurz kommen (daß sie es an dieser Stelle doch tun, liegt daran, daß ich dem Leser keine so grobe Ignoranz unterstellen möchte). 

Die Defekte des Kapitalismus zu leugnen, wäre historische Blindheit und dennoch: indem Liberale diese Entartungen eingestehen, machen sie keine Zugeständnisse an den Sozialismus oder stellen das Prinzip der Marktwirtschaft an sich in Frage. Sie kritisieren nur eine spezifisch-historische Ausprägungsform, die aber keinesfalls die einzig mögliche Form der Marktwirtschaft ist, wie es Marxisten – die generell alle Weltübel vom Krieg über den Imperialismus bis hin zum Rassismus als inhärente Bestandteil des Kapitalismus betrachten – in ihrem ideologischen Eifer so gerne postulieren. Dies wird sehr deutlich, wenn man bspw. die Entstehung des Kapitalismus in den unterschiedlichen europäischen Ländern verfolgt: während die Defekte in England besonders ausgeprägt sind, gab es in der Schweiz kein feudalistisches Kapitalerbe, kein ausgeprägtes Proletariat (immer noch als Lebensform verstanden) etc. Insgesamt kann man festhalten: so etwas wie einen europäischen Kapitalismus oder gar „den“ Kapitalismus gibt es nicht. Beides sind der historischen Komplexität nicht gerecht werdende Abstraktionen. 

Ein findiger Sozialist, der Röpkes Analyse soweit zustimmt, könnte nun einwenden: „Wenn eine Differenz zwischen Marktwirtschaft (Prinzip) und Kapitalismus (Form) besteht, dann gibt es auch einen Unterschied zwischen Planwirtschaft (Prinzip) und bspw. der Umsetzung in der Sowjetunion (Form).“ Darauf ist zu erwidern, daß es natürlich auch unterschiedliche Formen der Planwirtschaft gibt, allerdings ist hier das Prinzip selbst marode, da es notwendigerweise zu Kollektivismus und Tyrannei führt, woran auch keine Spielart der Planwirtschaft irgend etwas ändern kann oder wird.

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