Freitag, 11. September 2015

Das fromme Streben nach Anarchie

Max Stirner
von Philipp Bogensberger
Wie viele Libertäre habe ich über den Liberalismus zum Anarchismus gefunden. Ich fing mit der Lektüre von Hayek an, las irgendwann Mises und landete bei Rothbard, dazwischen begegnete ich hundert anderen Denkern und natürlich blieb ich nicht bei Rothbard stehen.

Auf diesem Weg begleitete mich eine Frage ständig - sie liess mich nicht los und blieb unbeantwortet. Eine Frage, die sich jeder Libertäre irgendwann stellt: Wie erreicht man denn nun diesen Zustand, den manche Privatrechtsgesellschaft und andere schlichtweg Anarchie nennen - wie kann ich Leviathan stürzen?

Die gängigste Antwort darauf ist, Aufklärung zu betreiben, und so habe ich immer wieder versucht zu diskutieren und zu überzeugen. Meist vergebens. Im Wettbewerb der Ideen ist man meist chancenlos gegen den übermächtigen Herrscher namens Staat.

Ich stellte also fest, dass die Antwort “Aufklärung” mehr als unbefriedigend ist und mir die Aufklärungsversuche mehr schadeten als mich meinem Ziel näher zu bringen. Denn vertritt man den Anarchismus, gilt man als Spinner, als Anarchokapitalist ist man gar ein bösartiger Spinner und man stößt häufig auf Ablehnung. Diese ist verkraftbar, schließlich glaubt man ja, die gute und richtige Sache zu vertreten.

Durch die Lektüre von Max Stirner stellte ich nun fest, dass diese Frage, die mich solange begleitet hat, schlicht und einfach falsch gestellt war!

In “Der Einzelne und sein Eigentum” gibt es einen zentralen Punkt, den Stirner immer wieder verdeutlicht, nämlich dass das Wahre, Gute, Rechte, Freie, ja sogar das Menschliche nichts als Spuk sind. Nach diesen Sachen zu streben, ist nicht anders als nach der Sache Gottes, des Volkes oder des Staates zu streben. Die einzige Sache, die sich lohnt ist meine Sache, die rein egoistische Sache. Seine Argumentation hier zu erläutern, würde den Rahmen sprengen und es wäre vergeblich, denn ich könnte es nicht halb so gut wie er.

Ich nehme diese These nun als Ausgangspunkt, um zu versuchen, die Frage nach der richtigen libertären Strategie zu beantworten. Wer also nach der Freiheit als Ziel, als Selbstzweck strebt, unterscheidet sich in einem Punkt nicht von Sozialisten, Etatisten, Kommunisten oder von den Gläubigen aller Religionen. Alle suchen ihr Glück in einer höheren Sache, sei es die freie, die gerechte, die gleiche Gesellschaft oder gar das Jenseits.

Und so wird das Ideal der Freiheit zum Herrscher; man dient einer höheren Sache. Man dient der Sache der Freiheit und des Rechts, anstatt sich selbst. Man versucht die Ketten des Staates abzuwerfen, um sich neu zu unterwerfen. Man unterwirft sich dem Recht und der Freiheit in der Hoffnung, dass es unter ihrer Herrschaft besser ist, als unter der Herrschaft des Staates. Man bleibt Untertan und hat seinen alten Herren, den Staat, durch einen neuen ersetzt und im Namen des neuen Herren bekämpft man den alten Herren.

Und so kommt es, dass sich Libertäre erbitterte Kämpfe mit Etatisten, Sozialisten und anderen liefern, um die alten Herrscher durch neue zu ersetzen.

Ich versuche das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Jeder Libertäre weiß, dass Steuern Raub sind. In einer berühmten Analogie vergleicht Lysander Spooner den Staat mit einem Straßenräuber und diese Passage wird häufig in Diskussionen zitiert. Man wirft dem Gegenüber vor, Raub und somit Unrecht zu befürworten und versteht nicht, dass das Gegenüber kein Problem mit diesem Unrecht hat, solange der Staat für ihn sorgt. Fassungslos steht man nun vor ihm und kann nicht verstehen, wie er dieses Unrecht befürworten kann, doch der Etatist hat sich nunmal nicht dem Recht sondern dem Staat unterworfen. Sowohl der Libertäre als auch der Etatist haben etwas entscheidendes gemeinsam: Sie dienen einem höheren Prinzip - der eine dem Staat, der andere dem Recht. Keiner von beiden dient sich selbst. Gläubige kämpfen gegen Gläubige und keiner ist besser als der Andere.

Doch mein Problem am Raub ist nicht, dass er Unrecht ist, sondern dass man mir etwas wegnimmt! Etwas, das ich brauche um mein Glück zu verwirklichen.

Störe ich mich am Raub weil er Unrecht ist, so bin ich Untertan des Rechts. Stört er mich weil er mir schadet, so bin ich Egoist. Die Frage nach der richtigen Strategie, um die Gesellschaft zu verändern, ist die Frage eines Untertans. Er kann sein Glück nicht verwirklichen, solange der Staat es ihm verbietet. Er braucht zuerst das Recht, er will die Erlaubnis aller anderen, er braucht eine staatenlose Gesellschaft, bevor er sich verwirklichen kann. Er sucht nach dem richtigen Herrscher.

Gebt die Suche nach einer Strategie die Gesellschaft zum Wohle des Rechts und der Freiheit zu verändern auf und konzentriert euch auf euer eigenes Wohl! Werdet von Untertanen zu Egoisten!

Der Staat und seine Akteure stehen dann nicht länger über euch, sondern neben euch - auf gleicher Stufe. Und nur da wo sie euch im Wege stehen, macht es Sinn sie zu bekämpfen und nur dafür braucht ihr eine Strategie, denn genauso würdet ihr gegen jeden Räuber verfahren.

Könntet ihr euch dem Wegelagerer aus Spooners Beispiels erwehren, würdet ihr es tun, könntet ihr es nicht, würdet ihr ihn umgehen.

Nun stellt euch vor, besagte Räuberbande beherrschte ein Dorf seit Generationen und jeder Bewohner wäre überzeugt, er brauche die Räuberbande, so wie die Menschen heute überzeugt sind, den Staat zu brauchen. Würdet ihr auf eurer Reise halt machen und jahrelang versuchen die Dorfbewohner zu überzeugen, sich mit euch zu verbünden und die Bande auszumerzen, damit dem Recht genüge getan wird? Wohl kaum!

Doch was bedeutet dies für die libertäre Strategie? Die Strategie, die ihr wählt, sollte zielgerichtet sein und konkrete staatliche Hindernisse, die euch an eurem Glück hindern, beseitigen. Jegliche Versuche überzeugen zu wollen, sollten das Ziel haben, Verbündete zu suchen, die euch dabei helfen. Also sollten sich diese Überzeugungsversuche auch an diejenigen richten, die demselben Hindernis gegenüber stehen. Diese könnt ihr auch besser erreichen als die Sozialisten in allen Parteien.

Fromme Staatsgläubige aufzuklären, damit sie sich der Freiheit zuwenden, ist sinnlos. Sie haben ihren Glauben bereits gefunden und sie davon zu überzeugen, dass die Freiheit und das Recht bessere Götzen sind als der Staat, ist genauso zielführend, wie einen Christen vom Atheismus überzeugen zu wollen. Im besten Fall findet ihr einen Glaubensbruder, aber dem eigenen Glück kommt ihr so nicht näher.

Kommentare:

  1. Wenn es auch nur einen Staat auf der Welt gäbe in dem man frei leben könnte; ich würde mein letztes Hemd dafür geben dahin zu gelangen.

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  2. An diesem Artikel muss ich doch mal deutliche Kritik üben. Mir kommt es ein wenig so vor, als ob da zu vieles herum-philosophieren über "Freiheit" auf seltsame Abwege führt und den Philosophen mit der Zeit Betriebsblind macht.

    Was ich damit meine, wird an dieser Aussage deutlich:
    "Und so wird das Ideal der Freiheit zum Herrscher; man dient einer höheren Sache."
    Freiheit bedeutet definitionsgemäß die Abwesenheit von Herrschaft. Wie kann man denn einer abwesenden Herrschaft dienen? Das ist vollkommen unmöglich. Solche Gedanken wirken auf mich ziemlich absurd.
    Die persönliche Freiheit ist natürlich eine individuelle Sache und damit egoistisch. Vielleicht meint der Autor mit dem "Ideal der Freiheit", dass man sich auch für die Freiheit anderer einsetzt. Aus meiner Sicht ist das aber auch nur eine rationale Überlegung. Zumindest wird es wohl so sein, dass wenn ich die Freiheit, welche ich für mich beanspruche, bei anderen nicht respektiere, werden diese anderen meine Freiheit wohl auch nicht respektieren.

    "Man dient der Sache der Freiheit und des Rechts, anstatt sich selbst."
    Je nachdem was man unter "Recht" versteht, kann dieses "Recht" natürlich einem selbst dienen, wenn ich meine Mitmenschen von diesem "Recht" überzeuge (z.B. Recht auf Eigentum und körperliche Unversehrtheit). Meiner persönlichen Freiheit kann ich nicht dienen, die ist mir immer nützlich. Der Freiheit der anderen kann ich auch nicht dienen. Die kann ich höchstens respektieren.

    Noch eine Frage zu diesem Satz:
    "Wer also nach der Freiheit als Ziel, als Selbstzweck strebt, unterscheidet sich in einem Punkt nicht .."
    Ich verstehe gar nicht wie man nach Freiheit als Selbstzweck streben kann. Wie soll das praktisch aussehen? Ich will meine Freiheit, weil mir die Leute welche meine Freiheit nicht respektieren auf die Nerven gehen. Deren Regeln gehen mir auf die Nerven und es stört mich gewaltig von denen ausgeraubt zu werden.
    Angesichts dieser Tatsachen ist es mir unbegreiflich, wie man auf so einen Satz überhaupt kommen kann, irgendwer würde nach dem Ziel Freiheit als Selbstzweck streben. Ich kapier es nicht. Wäre nett, wenn der Autor hier eine Antwort geben könnte.


    Fazit: In den libertären, freiheitlichen oder anarchistischen Kreisen habe ich die letzten Jahre ziemlich vieles gelesen, was ich sehr gut fand und was mir persönlich auch viel gebracht hat. Einige Gedanken aus dem obigen Artikel gehören eher nicht dazu. Auf FreiwilligFrei gab es vor einiger Zeit einen Artikel, in dem jemand gefragt hat ob er andere überhaupt "aufwecken"(aufklären) darf. Oder würde er in deren Freiheit unrechtmäßig eingreifen, wenn er sie ungefragt aus der "Matrix" holen würde. Vor noch längerer Zeit haben ein paar Freiheitliche geschrieben, sie möchten nicht eine "freiheitliche Bewegung" genannt werden. Dieses "Bewegung" würde schon wieder der Freiheit widersprechen.
    Aus meiner Sicht gehen all diese Überlegungen ins absurde. Natürlich darf man andere ungefragt aufklären. Wenn dann jemand sagt, lass mich in Ruhe, dann respektiere ich das eben. Natürlich ist man auch frei eine Bewegung zu gründen. Man kann sich auch organisieren und man kann sich auch für die Freiheit anderer einsetzen.
    Das einzige was man nicht tun sollte, ist andere zu irgendwas zu zwingen. Das würde das Ende der Freiheit von denen bedeuten die zu etwas gezwungen werden und am Ende wäre auch meine persönliche Freiheit vorbei.

    PS:
    "Fromme Staatsgläubige aufzuklären, damit sie sich der Freiheit zuwenden, ist sinnlos."
    Das wirkt auf mich wie eine Kapitulation. Aufklärung von möglichst vielen Menschen ist auch aus meiner Sicht die einzige Chance wirklich in Freiheit leben zu können. Das mag manchmal frustrierend sein und es gibt auch keine Garantie, dass es jemals klappt. Es hat natürlich auch niemand die Pflicht aufzuklären. Das wäre aus freiheitlicher Sicht tatsächlich absurd. Aber ohne Aufklärung wird es denke ich nichts werden mit der Freiheit.

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  3. In der Hackerszene macht man das schon lange so, denn Staat zu bekämpfen kostet einen nur extrem viel Zeit, Resourcen usw und hält einen von der Verwirklichung eigener Ziele ab.

    Besser ist es da sowas wie Darknets, Bitcoin, "Freie Software" und so weiter aufzubauen, Staatsfreie Zonen in denen die eigene Freiheit egoistisch gelebt werden kann ohne das der Staat, NSA oder sonstwer davon weiß was man tut dieses tun also nicht verhindern kann.

    Denn Staat offen anzugreifen veranlasst diesen eher noch dazu diese Freiheiten dann erst recht zu verbieten. Staatsfreie Strukturen aufzubauen und den Staat dabei zu umgehen ist viel zielführender als ständig den Kampf gegen die Windmühlen zu führen und zu verlieren. Freiheit entsteht durch egoistisches Handeln in freien Räumen, nicht durch das Predigen politischer Ideologie.

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  4. Stirner ist ein guter prä-postmodernistischer Kritiker von ideologischen (sekundären) Verallgemeinerungen. Er liefert einen Teil einer 'negativen' Widerlegung vieler anmaßender, herrschafts-(er)fordernder Konstruktionen, die andere Individuen nach eigener Vorstellung autoritär formen und (bewusst oder als Folge) unterdrücken wollen. Aber: Eine 'positive' Grundlage für den Umgang von Menschen mit anderen Menschen und der Welt liefert Stirner nicht.

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