Dienstag, 15. September 2015

,,Dann öffnet doch die Grenzen!''

,,Privatisiert alles!'': Prof. Walter Block
Wer hat Recht? Rothbard I oder Rothbard II?
Dominik Ešegović im Gespräch mit Prof. Walter Block
Professor Walter Block ist ein US-amerikanischer Ökonom der Österreichischen Schule und libertärer Theoretiker. Er promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University und lehrt Volkswirtschaftslehre an der Loyola University in New Orleans. Er war enger Freund der libertären Ikone Murray Rothbard und Student von Ludwig von Mises an der New York University. Walter Block ist Senior Fellow am Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama. Er ist Autor des Artikels A Libertarian Case for Free Immigration.

Im Interview mit Dominik Ešegović wirft Professor Block einen libertären Blick auf offene Grenzen.

DE: In seinem 1993 erschienenen Essay ,,Nations by Consent: Decomposing the Nation-State'' schreibt Murray Rothbard: „Eingedenk des anarcho-kapitalistischen Modells wurde mir klar, dass es in einem völlig durchprivatisierten Land offene Grenzen überhaupt nicht geben würde.“ Was sagen Sie zu dieser Aussage?

Prof. Block: Nun, Murray hatte zwei unterschiedliche Ansichten zu offenen Grenzen. In meinen Schriften spreche ich von „Rothbard I“ und „Rothbard II“. In seinen früheren Schriften machte Murray sehr deutlich, dass offene Grenzen Teil des libertären Ethos sind – Teil des libertären Systems. In seinen späteren Äußerungen, in denen er gegen meine Position und in Gleichklang mit Hans Hoppe argumentiert hat, nahm er den entgegengesetzten Standpunkt ein, nämlich, dass offene Grenzen mit der freien Marktwirtschaft nicht kompatibel seien. Murray war bei dieser Frage eine gespaltene Persönlichkeit. Ich denke, wir sollten seinen letzteren Standpunkt ernster nehmen, da er seine Meinung geändert hat. Soweit ich weiß, war er als er starb ein Gegner offener Grenzen. Obwohl er in früheren Tagen ein Befürworter offener Grenzen war, stand er ihnen später kritisch gegenüber. Ich sehe Murray in dieser Frage auf der Seite Hans Hoppes.

DE: Kommen wir also zu Professor Hoppe. In seinem Buch ,,Demokratie: Der Gott, der keiner ist'' schreibt er, dass es in einer Privatrechtsgesellschaft keine freie Einwanderung geben könne, weil private Grundbesitzer jeden von ihrem Grundstück ausschließen könnten. Was halten Sie von dieser Idee?

Prof. Block: Hans Hoppe wirft hier ein sehr, sehr mächtiges Argument in die Debatte. Hans ist brillant, selbst dann, wenn ich denke, dass er falsch liegt. Er sagt, dass es international drei Dinge gebe, die mobil seien: Waren, Investitionen und Menschen. Und bezüglich der ersten beiden gebe es immer zwei Menschen, die einen Vertrag abschließen. Zum Beispiel dann, wenn ich Ihnen aus den USA Baumwolle nach Deutschland schicke: sie müssen damit einverstanden sein, die Baumwolle anzunehmen, und ich muss zustimmen, ihr Geld dafür anzunehmen. Wenn Sie etwas aus Deutschland zu mir exportieren, müssen wir beide darin übereinstimmen. Und bezüglich der Investitionen gilt: wenn Sie in meiner Stadt investieren möchten, oder einen Anteil meiner Firma kaufen oder ihre Aktien zeichnen wollen, oder ich Ihnen oder Sie mir Geld leihen, dann müssen wir dem beide zustimmen. 
Allerdings sagt Hans, dass der dritte Fall ganz anders sei. Im dritten Fall - wenn ich nach Deutschland einwandere – hätte ich von niemandem eine Zustimmung dafür erhalten. Als ginge ich da einfach hin. Oder auch wenn Sie aus Deutschland in die USA einwandern würden, würden Sie sich mit niemandem darauf einigen - Sie würden dort einfach so auftauchen. Und Hans sagt, die ersten beiden Fälle seien legitim, weil der Markt aus freiwilligen Interaktionen zwischen Erwachsenen bestehe (ich lege ihm hier meine Worte in den Mund). Bei dem dritten Fall gebe es keine Einwilligung zweier Erwachsener, sondern es gebe nur den Einwanderer, der eigenwillig auftaucht und sagt: „Hier bin ich“. Dafür habe er von niemandem eine Einwilligung erhalten. Also sei dieser Fall ganz anders, weshalb Einwanderung nicht wirklich als Teil der freien Marktwirtschaft, sondern als unbefugtes Betreten oder Hausfriedensbruch zu betrachten sei, so Hans. Denn wenn ich ohne Ihre Erlaubnis in Ihr Haus eindränge, dann wäre das Hausfriedensbruch. Hans behauptet folglich, das gelte demnach auch für Staaten. 
Dem muss ich jedoch widersprechen. Ich weiß nicht, wie die Situation in Deutschland aussieht, aber in den USA gibt es eine Menge Land, das herrenlos ist. Es wird zwar vom Staat beansprucht, aber laut libertärer Überzeugung, die Murray, Hans und ich vertreten, ist der einzig legitime Weg um Land zu beanspruchen, es zu besiedeln. Es gibt in den USA riesige Flächen an Land, vor allem in Alaska, in den Rocky Mountains usw., die niemals mit menschlichen Händen oder Füßen in Berührung gekommen sind. Nehmen wir also an, dass ein paar Migranten ohne jedwede Erlaubnis dort auftauchten und anfingen das Land zu bewirtschaften - es handelt sich wahrscheinlich um minderwertige Böden, aber die Einwanderer sind nun mal verzweifelt, haben Samen und Kühe dabei und fliegen diese ein, z.B. in einem Hubschrauber. Sie kommen und lassen sich mitten in Nebraska oder inmitten Wyomings nieder und beginnen die Flächen zu besiedeln. Ich frage: Welches libertäre Recht hätten diese Menschen verletzt? Also mir fällt da keines ein. 
Es stimmt zwar, dass das Bureau of Land Management (BLM/Landverwaltungsamt), sprich der amerikanische Staat, diese Gebiete beansprucht. Ich kann jedoch nicht glauben, dass Murray und Hans behaupten würden, dass es sich dabei um berechtigte Ansprüche handeln würde. Ich sage jedenfalls, dass es keine berechtigten Ansprüche sind. Die Regierung hat diese Gebiete niemals besiedelt. 
Nehmen wir einmal an, Sie kämen aus Deutschland oder jemand käme vom Mars, haben einen Hubschrauber oder ein Raketenschiff und lassen sich mitten in Alaska nieder und besiedeln das dortige Gebiet. Welches libertäre Recht hätten Sie verletzt? Sie hätten überhaupt kein libertäres Recht verletzt! Und deshalb ist jedes Gesetz illegitim, das besagt, dass Sie das nicht tun dürfen. Ebenso wenig legitim ist die Praxis der US-Regierung, die bewaffnet an Sie herantritt und sagt: „Jetzt schmeißen wir Sie hier raus und schicken Sie zum Mars oder nach Deutschland oder wo immer Sie auch herkommen zurück!“ Nun, ich denke, das wäre ungerechtfertigt. Ich habe nun also einen Fall beschrieben, in dem offene Grenzen legitim sind und keinen Hausfriedensbruch darstellen. Es handelt sich nur um Hausfriedensbruch, wenn jemand anderes das Stück Land besitzt. Ich argumentiere hier für den Fall, dass der Einwanderer der erste vor Ort ist. Wieso sollte er das Land nicht besitzen, wenn er es besiedelt hat? 

DE: Bei Professor Hoppe heißt es: „Staatsgrenzen (und Pässe) sind eine ‚unnatürliche‘ (Zwangs-)Institution. In der Tat bedeutet ihre Existenz (und die einer inländischen Regierung) eine zweifache Verzerrung bezüglich der natürlichen Neigung der Menschen, sich mit anderen zu verbinden. Erstens können Inländer die Regierung (den Finanzbeamten) nicht von ihrem Eigentum ausschließen bzw. fernhalten und sind daher Ziel dessen, was man ‚erzwungene Integration‘ mit Regierungsagenten nennen könnte.“ Könnte regulierte Einwanderung eine legitime Aufgabe des Staates sein? 

Prof. Block: Ich würde sagen nein. Ich verstehe nicht, wie es jemandem verboten werden könnte, sich in Wyoming niederzulassen und es zu besiedeln. Oder einem Marsianer zu verbieten inmitten von Montana zu siedeln, wo alles leer ist und noch nie von menschlichen Händen oder Füßen berührt wurde. Ich verstehe es einfach nicht. Wenn Hans sagt, und ich glaube, dass Sie ihn richtig zitiert haben, dass Staatsgrenzen in einer freien Gesellschaft illegitim sind, dann kommt das meiner Argumentation entgegen, da ja der Marsianer oder der Deutsche kommen und beginnen jungfräuliches, unberührtes Territorium zu besiedeln. Nun, das macht sie zu rechtmäßigen Eigentümern. Und wer behauptet, dass sie rausgeschmissen werden sollen, der argumentiert nicht im Sinne des Libertarismus. 
Der Libertarismus besagt, dass das einzige, was Sie nicht tun können, die Anwendung von Gewalt gegen andere Menschen oder deren rechtmäßiges Eigentums ist - aber Sie täten das in diesem Fall. Ich denke also, dass es vollkommen legitim ist, dass der Einwanderer inmitten der USA Land beanspruchen und sich dort niederlassen können sollte. 
Nun, es gibt da aber einen viel strittigeren Fall. Stellen Sie sich einen unbesiedelten Platz mit Bäumen inmitten unbesiedelten Territoriums vor. Stellen Sie sich vor, dass Sie in einen Nationalpark gehen. In meiner Stadt gibt es den Audubon Park. Es ist ein großer Park in unmittelbarer Nähe meines Büros an der Loyola University. Er wurde bereits „besiedelt“. Viele Menschen haben den Audobon Park genutzt. Nehmen wir an, dass jeder Quadratzentimeter bereits von irgendjemandem besiedelt wurde – soll der Park also der Stadtverwaltung gehören? Stellen Sie sich vor, jemand stellt mitten im Park ein Zelt auf. Hans würde sagen: „Nun, der Staat sollte doch als Agent der Steuerzahler und aller Menschen, die zur Finanzierung des Parks herangezogen wurden, auftreten, da der Park vor vielen Jahren geschaffen wurde.“ Und dieser Fall ist tatsächlich etwas strittiger. Ich denke, dass Hans in dieser Frage einen besseren Standpunkt vertritt, als in Bezug auf die Besiedlung jungfräulichen Gebiets. 
Ich würde sagen, dass jemand den Audubon Park besiedeln, beziehungsweise, dass man ihn privatisieren sollte, da die jetzige Situation für jeden aufrechten Libertären ein Gräuel ist. Es handelt sich schließlich um einen öffentlichen Park, und öffentlich bedeutet sozialistisch. Es ist also ein sozialistischer Park. Vielleicht würde das Bernie Sanders mögen, aber Libertäre sind keine Anhänger öffentlicher Parks. Und wenn dieser Mann vom Mars oder aus Deutschland oder aus China ein kleines Zelt mitten im Audubon Park aufstellt, würde ich ihm Beifall klatschen. Hans würde sagen: „Nun, der Staat ist der Vertreter aller Menschen, und wir alle sind seine Eigentümer, und nicht dieser Zuzügler vom Mars.“ Ich denke, das Argument hat etwas für sich. Die Sache ist die: wenn Sie hundert Parkbesucher fragen würden, ob sie der Meinung sind, dass der Park privatisiert werden sollte, dann wäre das Ergebnis - vorausgesetzt, Sie erwischen einen Libertären - 99 zu 1 gegen die Privatisierung. Die Parkbesucher würden Sie zudem fragen, ob Sie denn verrückt seien mit Ihrer Frage, da der Park ja öffentlich sei und für jeden offen stehen sollte usw. Die Parkbesucher würden den Staat jedenfalls darin unterstützen, den Park öffentlich zu halten. 
Als Libertärer sage ich jedoch: „Soll sich doch die Öffentlichkeit zum Teufel scheren“ (lacht). Es ist mir egal, was die meisten Leute denken. Mich interessiert, was gerecht ist. Ich bin für die Anwendung libertärer Prinzipien. Und ein libertäres Prinzip ist, dass der Park privat sein sollte und wenn jemand beginnt, ihn zu privatisieren, dann begrüße ich das. Egal, ob das ein Einwanderer macht oder wer auch immer. Ich würde es selbst tun, wenn ich nicht die Angst haben müsste, dafür eingesperrt zu werden.

DE: Was ist nun die libertäre Haltung gegenüber öffentlichem Eigentum? Darf es als „Steuerzahlereigentum“ betrachtet werden? Kann es überhaupt einen legitimen Vertreter geben, den Menschen als „Staat“ bezeichnen? 

Prof. Block: Nun, der Satz „legitimer Vertreter, den Menschen als ‚Staat‘ bezeichnen“ klingt aus anarchistischem Munde gesprochen nicht so schön. Ich hätte gerne von Hans gehört, dass der Staat eine legitime Einrichtung sei. Das wäre gegen alles, wofür er, Murray und ich stehen, nämlich, dass der Staat keine legitime Institution ist. Wie könnte der Staat als legitime Institution erklärt werden? Als ich sagte, der Staat sei legitim und habe als rechtmäßige Aufgabe sicherzustellen, dass jeder Man, Economy, and State (von Rothbard) und Human Action (von Mises) liest, dann war das nur ein Scherz. Im Ernst, ich wollte damit nicht sagen, dass der Staat Steuern erheben und das Geld nutzen sollte, um diese Bücher zu kaufen - das sollte nur ein Witz sein. Aber erscheint es mir so, als sei es Hans ernst damit, dass der Staat eine legitime Agentur sei, die uns alle vertritt? Doch der Staat wird niemals den Audubon Park oder einen anderen öffentlichen Park oder Straßen, Bibliotheken oder Museen oder was er sonst noch so besitzt, privatisieren. Der Staat ,,besitzt“ in dem Sinne, dass er alle möglichen Dinge gesetzlich kontrolliert, und ich denke, dass das illegitim ist. Meine Ansicht ist, dass wenn sich etwas bewegt, man es zu privatisieren hat; wenn sich etwas nicht bewegt, sollte es ebenfalls privatisiert werden, und da sich alles entweder bewegt oder nicht bewegt, sollte eben alles privatisiert werden. Und Hans scheint dem zu widersprechen und ich gebe zu, dass er in dieser Frage bessere Argumente liefert als in der anderen - sein Standpunkt hierzu ist plausibler als etwa beim Beispiel des jungfräulichen Territoriums, das noch nie betreten wurde.

DE: Apropos jungfräuliches Gebiet: Es gibt da dieses libertäre Land „Liberland“, gelegen zwischen Kroatien und Serbien. Selbst ein so libertärer Staat scheint erpicht auf Einwanderungsbeschränkungen zu sein. Die Regierung Liberlands stellt Staatsbürgerrechte aus. Obwohl dies wohl noch ein eher fiktiver Fall ist, wie ist Ihre Meinung dazu?

Prof. Block: Ich weiß nicht genau, was die da tun, aber ich habe ein wenig davon gehört. Die Sache ist die: wenn es sich wirklich um ein libertäres Land handelt, dann befindet sich jeder Quadratzentimeter davon in Privatbesitz; vielleicht gehört es dem Kerls da, der Präsident ist, oder vielleicht auch zehn weiteren Personen. In diesem Fall handelt es sich nicht um Einwanderungsrestriktionen, sondern um Sanktionen bei Bruch des Hausfriedens. Hierl haben Hans und „Murray Rothbard II“ absolut recht: wenn das ganze Territorium Liberlands jemandem gehört - und ich gehe davon aus, dass jeder Quadratzentimeter Liberlands jemandem gehört -, dann handelt es sich bei Einwanderern um Hausfriedensbrecher. Halten Sie ihn draußen, wie jeden anderen Eindringling, es sei denn, er kommt auf Einladung! 
Also, wenn ich ein Viertel Liberlands oder ein Hundertstel davon besitze und Sie auf mein Stück Land einlade, dann ist das in Ordnung. Ohne Einladung haben Sie jedoch kein Recht darauf in Liberland Hausfriedensbruch zu begehen, da sich Liberland vollständig im Besitz von Einzelpersonen befindet. Und sollte es in Liberland öffentliches Eigentum geben, so würde ich sagen, dass es dies erst gar nicht geben sollte. Wenn es sich wirklich um ein „Liberland“ handelt, dann sollte es kein öffentliches Eigentum haben, und wenn es unberührte Liegenschaften und jungfräuliches Territorium gibt, dann sollte man Immigranten nicht verbieten dort hinzukommen und sich anzusiedeln. Ich weiß nicht genug über die Besonderheiten Liberlands, um zu sagen, ob sie dort öffentliches Eigentum oder Neuland haben, aber falls sie es haben, dann ist Einwanderung in Ordnung, und wenn sie es nicht haben, dann ist Einwanderung, wie Hans es sieht, Hausfriedensbruch.

DE: Einige behaupten, dass Grenzen eine natürliche Sache seien; so seien sie z.B. Barrieren zwischen zwei Sphären mit divergierenden Interessen,  aber auch Flüsse können als natürliche Barriere dienen. Sind Grenzen eine natürliche oder eine unnatürliche Sache?

Prof. Block: Nun, ich bin nicht gegen Grenzen. Ich habe einen Nachbarn und wir haben einen Zaun zwischen unseren Grundstücken – das ist die Grenze. Grenzen können entweder Privateigentum oder Landesgrenzen sein, und ich bin ein Gegner von Landesgrenzen. Daher bevorzuge ich private Grenzen. Apropos Flüsse: In meinem neuestes Buch, das hoffentlich Ende des Jahres erscheinen wird, geht es darum, wieso man Flüsse, Seen und Meere privatisieren sollte. Ein Fluss sollte von jemandem besessen werden. Der Mississippi sollte jemandem gehören. Der Hudson River sollte der Hudson River Company gehören. Und deshalb sollte der Fluss nicht nur als Grenze zwischen Ost- und West-Mississippi gesehen werden; man sollte ihn als Eigentum ansehen – als Eigentum der Mississippi Corporation. Und es sollte zwischen dem, was die Mississippi Corporation besitzt, und dem Land auf der Ost- sowie dem Land auf Westseite eine Grenze verlaufen. Und jeder sollte dieses private Eigentum respektieren und nur auf Einladung der Eigentümer betreten.

DE: Nun sprachen wir viel über Theorie. Lassen Sie uns kurz in die reale Welt schauen: Weltweit gibt es etwa 50 Millionen Menschen, die aufgrund von Gewalt und wirtschaftlicher Not auf der Flucht sind. Jedes Jahr ertrinken Tausende von Menschen im Mittelmeer oder sterben beim Versuch, in die USA einzureisen. Ist es ein humanitäres Gebot, die Grenzen zu öffnen, wie der European-Students-For-Liberty-Autor Christopher Hale betont: „Verhindern Sie, dass Tausende im Mittelmeer ertrinken: öffnen Sie unsere Grenzen für Flüchtlinge (oder besser noch für jeden, der kommen will)“?

Prof. Block: Schauen Sie, die Auffassung, die Donald Trump vertritt, ist, dass Mexikaner nicht in die USA einreisen sollten, weil zu viele von ihnen Vergewaltiger seien. Und die Leute haben Angst, dass wenn wir offene Grenzen hätten, eine Milliarde Chinesen oder Inder ins Land kommen und das Land dahingehend verändern würden, dass sie es ihrem Herkunftsland anpassen würden, anstatt die relativ größere wirtschaftliche Freiheit der USA zu schätzen. Und sie würden diese in der Regel auch nicht schätzen. Die meisten Migranten kommen aus sozialistischen Ländern, würden wohl auch in den USA sozialistisch wählen und die USA sozialistisch machen. Also, ich kann diese Angst vor Vergewaltigern oder vor einer Million Chinesen oder Marsianern durchaus nachvollziehen. Meine Antwort darauf ist: „Wollen Sie diese Leute nicht haben? Dann privatisieren Sie das Land. Und wenn Sie es nicht privatisieren, dann sind Sie selber schuld, denn dann werden diese Leute kommen oder zumindest das Recht haben zu kommen, weil sie niemandes Rechte verletzt haben.“ Sehen Sie, ich trage diese libertäre Brille und versuche die Welt von einer libertären Perspektive aus zu betrachten. Ich versuche dies auf eine unbeugsame und systematische Art und Weise zu tun und dabei logisch zu bleiben. Und ich frage dabei, ob hier das Nichtaggressionsprinzip verletzt wird oder nicht? Nun, das würde man machen, wenn alles privatisiert wäre und wenn Sie das verhindern wollen; dann privatisieren Sie alles und Sie haben sich nicht mehr darum zu kümmern! Auf der anderen Seite, wenn Sie nicht privatisieren wollen, wenn Sie Flüsse, Ländereien und Parks in öffentlicher Hand belassen wollen, gut, dann gibt es vom libertären Standpunkt aus kein Recht, die Einwanderer draußen zu halten, weil sie gegen keinen libertären Grundsatz verstoßen haben! 

DE: Um kurz auf Deutschland zu sprechen zu kommen: Einige Leute beschweren sich über die vielen Asylsuchenden. Ein großer Teil der Asylbewerber erhält gar keinen Asylstatus, weil viele von ihnen aus „sicheren Staaten“ kommen oder weil sie aus wirtschaftlichen Gründen fliehen, wofür sie wiederum von einigen verachtet werden. Was kann eine Gesellschaft gegen diese gesellschaftlichen Spannungen und gegen das Flüchtlingsproblem unternehmen? Was können Einzelpersonen, Libertäre, was kann die „Gesellschaft“ tun? Wie lautet der libertäre Ansatz?

Prof. Block: Ich denke, dass die meisten Leute sich über Einwanderer ärgern, weil diese kommen und sich an kostenloser Bildung, an kostenloser Gesundheitsversorgung und an allerlei Wohlfahrtsprogrammen bedienen, zu deren Leistung sie nichts beigetragen haben, und ich glaube, das dies der Grund für Donald Trumps heutige Beliebtheit ist. Ich denke, dass die meisten Leute den Ausländern übel nehmen, dass sie hierher kommen und vom Wohlfahrtsstaat profitieren. Es gibt jedoch Studien, die zeigen, dass Migranten mehr an Steuern einzahlen, als sie wieder an Sozialhilfe herausbekommen. Dies sind empirische Fragen, die mich nicht wirklich allzu sehr interessieren. Als Libertärer bin ich mehr an den Rechten interessiert, die eine Rolle spielen. Und wie gesagt, wenn Sie verhindern wollen, dass Menschen ungebeten in Ihr Land kommen, dann privatisieren Sie alles und lassen Sie die Leute nicht rein. Das wäre mit dem Libertarismus kompatibel. Aber wenn Sie nicht privatisieren wollen, wenn Sie ein sozialistisches Land mit allseits öffentlichen Gütern sein wollen, gut, dann öffnen Sie die Grenzen und lassen Sie jeden rein, der kommen will.

DE: Wenn wir einen Minimalstaat hätten, würde das nicht erzwungene Integration von Migranten bedeuten? Würde das nicht ein Überschreiten der optimalen Zahl an Migranten zur Folge haben? 

Prof. Block: Nun verlassen wir den anarchistischen Boden und begeben uns auf minimalstaatliches Terrain und beschäftigen uns mit der Frage, was die Haltung des Staates in dieser Frage sein sollte, und mir ist dabei ein wenig mulmig zu Mute, da ich kein Minimalstaatler bin. Ich bin mir nicht sicher, was ein Minimalstaat tun sollte. Ich bin so ziemlich im Klaren darüber, wie eine freie Gesellschaft auszusehen hat, die einem anarchistischen Zustand bzw. dem Anarchokapitalismus entspricht. 
Ich nehme an, dass wenn es einen Minimalstaat gäbe, dieser wohl dafür sorgen sollte, dass kein Einwanderer eine öffentliche Schule kostenlos besuchen darf - nicht, dass öffentliche Schulen mit irgendwelchen großen Tugenden verbunden wären: sie sind wirklich Senkgruben, aber das ist eine andere Frage. 
Außerdem müsste ein Minimalstaat Migranten wohl auch verbieten in öffentliche Krankenhäuser zu gehen oder öffentliche Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Ich kann mir vorstellen, dass ein Minimalstaatler sagen würde, dass man Einwanderern überhaupt gar nichts gewähren sollte. 
Natürlich sollte man niemandem öffentliche Leistungen zuteil kommen lassen, aber das wäre dann Anarchie, weil es dann ja keinen Staat mehr gäbe. Aber wenn man einen Staat hat, dann denke ich, dass die minimalstaatliche Position wäre, dass es keine illegalen Einwanderer gäbe, da wir alle dem Gesetz zu folgen haben. Und die Rechtsstaatlichkeit gebietet, dass nur Immigranten kommen können, die unsere Einwanderungsregeln befolgen. Daher sollten dann auch die elf oder 30 Millionen Immigranten aus den USA ausgewiesen werden, die sich quasi wiederrechtlich Zutritt verschafft haben. Ron Paul beispielsweise ist auch gegen offene Grenzen. Ich weiß nicht genau, was seine exakte Haltung ist, aber ich denke, dass er in dieser Frage etwa Folgendes fordern würde: „Zunächst einmal müssen wir eine große Mauer bauen, eine aus Stein oder eine elektronische Wand oder was auch immer, und keine weiteren illegalen Einwanderer hinein lassen.“ Ich bin mir nicht sicher, was seiner Ansicht nach mit den restlichen illegalen Einwanderern, die bereits im Land sind, geschehen sollte. Ich glaube, dass er, wenn er sich im Einklang mit seiner eigenen Haltung befindet, sagen würde, dass sie Gesetzesbrecher sind. Und ich glaube, dass er dem wohl hinzufügen würde, dass sie gerechte Gesetze gebrochen hätten. Ich bin mir da nicht ganz sicher. Ich spreche ja nun im Namen anderer Menschen und bin mir nicht sicher, wie man sich als Minimalstaatler zu verhalten hätte. 
Ich glaube, als Minarchist wäre ich ganz bei Donald Trump und würde sagen: „Nun, all die elf oder 30 Millionen Menschen, die jetzt noch im Land sind: schafft sie zurück nach Mexiko oder wo auch immer sie hergekommen sind und lasst sie sich noch mal bewerben und auf Linie trimmen.“ Soweit ich weiß, sind sogar 40 Prozent der mexikanischen Amerikaner für eine solche Regelung. Aber ich bin mir da nicht ganz so sicher. Das ist auch wirklich unwichtig. Wir können nämlich keine Gerechtigkeit auf libertäre Art schaffen, indem wir uns an Umfragen orientieren.

DE: Der kroatische libertäre Blogger Luka Popov hat vor kurzem erklärt, dass Libertäre nicht für die Legalisierung von Marihuana oder von Prostitution werben sollten, während zeitgleich „viel wichtigere“ Dinge wie das freie Unternehmertum praktisch verachtet würden. Stimmen Sie dieser Aussage zu, und könnte dies auch auf das Thema der offenen Grenzen zutreffen? First things first?

Prof. Block: Nun, ich bin ein österreichischer Ökonom und wir glauben an den Subjektivismus. Manche Leute sagen: „Wenn ich Präsident wäre, dann wäre das erste, was ich tun würde...", und andere Leute würden sagen, „tue etwas anderes zuerst!" Ich weiß es nicht. Manche Leute sagen, dass wir zunächst die FED (Zentralbank der USA) abschaffen sollten. Andere Leute sagen, dass wir zunächst alle US-Soldaten aus den fremden Ländern zurück nach Hause bringen sollten; wir hätten ein imperialistisches Land und sollten uns auf die Gründerväter zurückbesinnen, die forderten, nicht ins Ausland zu gehen, um Monster oder Drachen zu töten, sondern die USA zu verteidigen. Andere Leute sagen, dass an erster Stelle sollte die Bildung stehen sollte. Ich habe diesbezüglich keine tiefen Überzeugungen. Ich denke, dass wir als Libertäre das tun sollten, was immer wir tun können. 
Ein ähnliches Problem stellt ja die Frage dar, ob man sein Geld in Bildung, in einen Think Tank, in das Free State Project (in New Hampshire) oder gar in eine politische Partei investieren sollte. Und ich würde einfach sagen: „Tue, was immer Dir Freude bereitet!“ Ich stelle keine Hierarchien auf, was nun das Wichtigste wäre, weil alle Dinge miteinander verknüpft sind. Und sicher wäre die Legalisierung von Drogen und der Prostitution unterstützenswert, wobei ich nicht sage, dass dies an erster Stelle käme und wir das alle unterstützen sollten. Wenn Sie mit einem Mitglied der NORML (Nationale Organisation für die Aufhebung der Marihuanagesetze) reden, dann sollten Sie oder die Libertären, die versuchen, Linke zu konvertieren, sagen: „Lassen Sie uns Marihuana legalisieren, weil wir jetzt das Problem haben, das besonders farbige Menschen wegen des Verstoßes gegen die Drogengesetze im Gefängnis sitzen.“ Also, ich bin nicht wirklich sicher, was zuerst getan werden sollte, oder was die höchste Priorität genießt. Ich bin da ganz bei Onkel Mao Zedong, der sagte: „Lasst hundert Blumen blühen.“ Lasst uns Libertäre in allen möglichen Dimensionen wirken. Wir sollten versuchen Freiheit in jeder Dimension voranzutreiben und uns keine Sorgen darüber machen, was an erster oder an zweiter Stelle kommt oder worauf wir unseren Schwerpunkt setzen sollten. Schauen Sie, ich konzentriere mich darauf Professor zu sein und demonstriere nicht draußen auf der Straße. Ich bewerbe mich auch nicht für ein Amt, was hingegen andere Menschen tun. Wir sollten alle so viel tun wie wir können, um Freiheit in der Weise, die uns am glücklichsten macht, zu fördern. Daran glaube ich. 

DE: Professor Block, vielen Dank für das Interview!

1 Kommentar:

Haben Sie Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie uns!

Name

E-Mail *

Nachricht *