Montag, 14. September 2015

Bericht aus der Irrenanstalt: Das wahnhafte Sautreiben der Gesellschaft

von Kurt Kowalsky
Eine Frau ist in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Sie "hört" von Zeit zu Zeit ihren erwachsenen Sohn im Keller um Hilfe rufen. Als ein junger Assistenzarzt zum ersten Mal von dieser Problematik erfährt, bedrängt er seinen Chef mit dem Vorschlag, der Patientin einfach einmal den Keller zu zeigen. Dann könne sie sich selbst davon überzeugen, dass im Keller der Klinik niemand um Hilfe ruft.

Der Chefarzt meint, das wäre zwecklos, doch lässt er sich dazu überreden, beim nächsten Anfall, mit der Frau den Keller der Klinik zu besichtigen.

Als es nun wieder soweit ist, alarmieren die Ärzte den Hausmeister mit dem Schlüssel und man geht gemeinsam mit der Patientin in den Keller. Jede Tür wird aufgeschlossen und die Frau kann sich frei und in Ruhe davon überzeugen, dass tatsächlich ihr Sohn dort unten nicht eingesperrt ist, folglich auch nicht um Hilfe ruft.

"Ja", meint die Patientin, "da muss ich mich wohl entschuldigen, dass ich Ihnen, meine Herrn, soviel Mühe gemacht habe. Aber ich habe das Rufen deutlich gehört. Jetzt ist mir klar, das ganze war ein Hirngespinnst meinerseits."

Der Assistenzarzt, der den ganzen Zinnober angeregt hatte, ist mächtig stolz darauf, bei der Patientin derartige Erkenntnisfortschritte bewirkt zu haben.

Sechs Stunden später klingelt die Patientin Sturm: "Herr Doktor, Herr Doktor, jetzt schreit mein Sohn wirklich!"

Analog dazu schleppt sich die deformierte Gesellschaft von gebrochenem Wahlversprechen zu gebrochenem Wahlversprechen, von Sommertheater zu Sommertheater, von Weltuntergang zu Weltuntergang und erfährt stets von Neuem, verarscht, getäuscht und hinters Licht geführt worden zu sein. Um dann diese missliche Erfahrung sofort wieder zu vergessen, um erneut am Wegesrand zu eifern, wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben.

Psychiatrisch Erkrankten kann man heute in vielen Fällen helfen. Dem wahnhaften Treiben der Gesellschaft soll jedoch nicht abgeholfen werden.

Denken Sie, liebe Freunde, einmal darüber nach, wenn sie gierig nach neuen schmierigen Meldungen suchen und intuitiv für Säue Partei ergreifen, welche angeblich durch ihr Dorf gejagt werden. Ihnen, liebe Freunde der Freiheit, gehört kein Dorf. Ihnen gehört noch nicht einmal das bisschen Geld, das Sie in der Tasche haben. Man gönnt es Ihnen lediglich.

Morgen erlassen die Treiber der Säue ein neues Gesetz (rechtsstaatlich, versteht sich) und Ihr Vermögen ist weg.

Vielleicht werden Sie nun phantasieren, dass man Sie nicht finden würde. Doch man findet Sie sicher, Sie und Ihresgleichen, stehen doch mit Kommunisten, Faschisten, Gutmenschen und anderem Gesindel ganz vorne in der ersten Reihe am Dorfweg, und verfolgen gespannt, wie die Irren, das Treiben der Säue.

1 Kommentar:

  1. Ein (politisch und was die formale Politik angeht) ein wenig pessimistischer, aber doch auch die Stabilität der Systeme ansprechender Artikel.

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