Mittwoch, 19. August 2015

Wie das Vorsorgeprinzip den Fortschritt bremst

Als Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins am 16. Juli 1969 ihre Reise zum Mond antraten, hatte Nixon zwei Reden vorbereitet, die er vor der ganzen Nation halten sollte. Die eine war die Rede, die er später hielt, die andere wurde erst 1999 veröffentlicht – sie sollte gehalten werden, falls die Mission der Astronauten scheitert und sie sterben. Es war eine kurze Rede, 12 Sätze mit 233 Wörtern, aber sie hatte es in sich:

,,Fate has ordained that the men who went to the moon to explore in peace will stay on the moon to rest in peace. These brave men, Neil Armstrong and Edwin Aldrin, know that there is no hope for their recovery. But they also know that there is hope for mankind in their sacrifice.''

und an anderer Stelle wurde es richtig martialisch:

,,In ancient days, men looked at stars and saw their heroes in the constellations. In modern times, we do much the same, but our heroes are epic men of flesh and blood.''

Es fällt schwer sich vorzustellen, ob eine wissenschaftliche Mission, in der alle Beteiligten ein so großes Risiko eingehen würden, heute möglich wäre. In unseren Zeiten herrscht das “Vorsorgeprinzip“. Bevor etwas erlaubt wird, muss jedes Risiko ausgeschaltet werden. Rückblickend betrachtet waren die letzten 100 Jahre zwar ohne Frage wunderbar für die Wissenschaft und den technischen Fortschritt. Im Jahr 1915 waren Flugzeuge noch so neu, dass Menschen tagelang reisten, um einen Piloten in seiner Maschine fliegen zu sehen. Im Jahr 1960 konnten wir bereits um die ganze Welt fliegen und das Zeitalter der Raumfahrt begann. Im Jahr 1990 machten es Satelliten möglich, ein Dokument innerhalb von Sekunden um die Welt zu senden. Heute leben wir dank Computer, Smartphones und Tablets in der technologisch am weitesten entwickelten Gesellschaft die die Menschheit je gesehen hat.

Doch im Magazin “Aeon” vertrat Michael Hanlon die These, der technische Fortschritt habe sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr verlangsamt. Laut Hanlon gab es ein “Goldenes Viertel” des Fortschritts, das von 1945 bis 1971 andauerte und nun vorbei ist. Während dieses Viertels wurde alles erfunden, was die moderne Welt ausmacht: Die Grüne Revolution in der Landwirtschaft, Elektronik, Fernsehen, billige und sichere Autos, Hochgeschwindigkeitszüge, Luftfahrt, Antibiotika und die Pille (sogar die Geburt der Popmusik, des Feminismus und der Bürgerrechtsbewegung fällt in diese Zeit). Danach folgte die bis heute anhaltende Zeit der Stagnation.

Ein Flug von New York nach London dauerte 1971 8 Stunden, dieselbe Zeit, die es heute verschlingt. Niemand war seit 1972 wieder auf dem Mond, es gab keine bemannte Marsmission und es gibt keinen Weltraumtourismus. Wir fahren noch immer von Erdöl und Diesel angetriebene Karosserien. Es gab keine neue Grüne Revolution. Der medizinische Fortschritt mag uns Gentherapien, Organe aus Stammzellen und die Entschlüsselung des menschlichen Genoms gebracht haben, aber keine dieser Behandlungen werden heute großflächig eingesetzt. Wir wissen nicht wie man Demenz bekämpft und die Chancen, Krebs zu überleben, sind nicht viel besser als in den 1970ern. Hanlons Schlussfolgerung: Fortschritt bedeutet heute fast ausschließlich banale Verbesserungen in der Informationstechnologie.

Natürlich gab es auch nach 1971 noch großartige Innovationen: Das Internet und das Handy wurden erfunden und die Segnungen der modernen Technik haben sich auf der ganzen Welt verbreitet. Ein Mitglied der britischen Arbeiterklasse kann sich heute leicht eine Reise nach Paris leisten und man findet Smartphones sogar in den Slums von Indien und Kenia. Die Menschheit war noch nie zuvor reicher, gesünder und gebildeter als heute. 2015 ist viel besser als 1971. Aber man kann nicht leugnen, dass sich der Fortschritt wirklich verlangsamt hat. Peter Thiel, ein Libertärer und Risiko-Kapitalanleger, meinte dazu: “Wir wollten fliegende Autos, wir bekamen 140 Zeichen”. Was ist schief gelaufen? Hanlon nennt einige Gründe, die das erklären könnten.

Vielleicht brauchen wir einfach mehr Zeit, weil es schwerer ist, von einem Propellerflugzeug aus den 1930ern zu den Jets der 1960er zu kommen. Aber es hieß in der Vergangenheit oft, dass der Fortschritt zu Ende war, bevor eine neue Entdeckung auftauchte, die niemand kommen sah. Eine andere Erklärung ist das durch den Ölschock und dem Ende des Bretton-Woods-System markierte Ende des Nachkriegs-Wachstums Anfang der 1970er. Doch das weltweite BIP hat sich seit 1971 mehr als verdoppelt, und es gab viele Aufschwungphasen nach dem “Goldenen Viertel”. Auch die Behauptung, die Regierung würde weniger Geld für Forschung ausgeben, ist falsch. Die öffentlichen Ausgaben für Forschung haben sich seit den 1970ern in absoluten und prozentuellen Zahlen erhöht.

Schließlich gibt es doch eine sinnvolle Erklärung: Zu viel Regulierung. Risiko ist immer ein Teil des Fortschritts. Egal ob technische Neuerungen wie die Eisenbahn, das Auto oder neue Medikamente zur Bekämpfung von tödlichen Krankheiten, es lauern immer Gefahren, wenn man etwas Unbekanntes ausprobiert. Aber in den letzten Jahrzehnten hat die Furcht vor den Risiken von Innovationen immer mehr Überhand genommen gegenüber den Hoffnungen auf ihre Vorteile. Die Folge ist, dass wir immer mehr Regulierung und immer weniger Innovationen haben. Tyler Cowen nennt die letzten Jahrzehnte technologisch betrachtet die “große Stagnation”.

Was ist das “Vorsorgeprinzip”? Es besagt im Grunde, jede Technik soll verboten werden, solange sich ihre Risiken nicht einschätzen lassen (also nicht, wenn tatsächlich eine Gefahr ausgemacht wurde, sondern schon wenn es eine Gefahr “geben könnte”). Aber so gut wie jede neue Erfindung hat Risiken. Hätten die Menschen in der Steinzeit immer nach dem Vorsorgeprinzip gelebt, hätten sie niemals das Feuer oder Werkzeuge erfinden können, und die Menschen in den frühen Hochkulturen hätten nie das Rad erfinden oder Eisen entwickeln können. Die industrielle Revolution wäre unter diesen Bedingungen nicht möglich gewesen. Viele der neu entwickelten Produktionsweisen waren sehr schädlich, wie man heute weiß.

Natürlich können neue Techniken für viele unbeabsichtigte negative Folgen haben, aber für viele andere können sie enorme Vorteile bringen. Es sollte die freie Entscheidung der Menschen sein, ob die Vorteile durch den Gebrauch der neuen Technik für sie die Risiken wert sind. Selbstverständlich schließt das nicht aus, dass die Risiken durch weitere Forschung minimiert werden und die neue Technik sicherer wird. Das Auto z.B. wurde mit der Zeit immer sicherer. Außerdem gilt weiterhin das Prinzip der Haftung. Jeder Mensch, somit auch die Hersteller von neuen Techniken, haftet für sein Handeln. Wer andere nicht über Risiken aufklärt, macht sich strafbar, falls sein Kunde einen Schaden erleidet.

In den 1960ern dauerte es 5 Jahre, bis Boeing das 747-Modell vom Reißbrett zum Flughafen brachte. Die Airbus 380 (die langsamer ist als die 747) brauchte 15 Jahre von der Erlaubnis bis zum ersten Flug. Die Zeit, bis ein neues Arzneimittel zugelassen wird, ist von den 1960ern zu den 1990ern von 8 auf 13 Jahre gestiegen, bei einigen Behandlungen dauert es 20 Jahre, bevor sie zugelassen werden. Letztlich führt das dazu, dass Menschen für das Anliegen sterben, die Medizin sicherer zu machen. Das erschreckendste Beispiel ist die Kampagne gegen den “Goldenen Reis”, eine gentechnisch modifizierte Reissorte, die Vitamin A-Mangel bekämpfen könnte, verantwortlich für 1-2 Millionen Tote und 500.000 Erblindungen jährlich. Bis heute ist es verboten.

Das ist nicht alles. Die Atomkraft wird seit langer Zeit durch die Ängste von Politikern und Aktivisten zurückgehalten, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, wo seit 1986 kein neuer Reaktor fertiggestellt wurde. Fracking soll verboten werden, weil sich die Risiken nicht einschätzen lassen (viele der mit Fracking verbundenen Ängste sind jedoch schon längst widerlegt). Hanlon vermutet, das Apollo-Programm wäre heute nicht mehr möglich, weil die Risiken inakzeptabel wären. Das wäre eine Erklärung, warum wir 140 Zeichen bekommen haben statt fliegenden Autos. Die Lösung zur Überwindung der großen Stagnation ist weniger Regulierung und mehr Freiheit.

Obwohl unsere Generation so viel Wohlstand genießt wie keine andere zuvor, bleibt der kleine Makel: Die moderne Technik hätte viel weiter sein können. Was ist mit den kommenden Generationen? Wir haben ein endloses Potenzial für die Zukunft. 3D-Drucker, Kernfusion, künstliches Fleisch, Impfungen gegen Drogensucht, fahrerlose Autos, fliegende Autos, Hyperschallflugzeuge die in 90 Minuten von Berlin nach Sydney fliegen könnten, Weltraumtourismus- und Kolonisierung, Augmented Reality, intelligente Roboter, künstliche Organe, lebensverlängernde Maßnahmen, und vieles mehr. Aber um all diese Träume zu erfüllen brauchen wir mehr Freiheit. Die Vorteile wären unzählig. Hanlon drückt es so aus:

,,If the pace of change had continued, we could be living in a world where Alzheimer’s was treatable, where clean nuclear power had ended the threat of climate change, where the brilliance of genetics was used to bring the benefits of cheap and healthy food to the bottom billion, and where cancer really was on the back foot. Forget colonies on the Moon; if the Golden Quarter had become the Golden Century, the battery in your magic smartphone might even last more than a day.''

Hoffentlich erleben wir dies eines Tages.

Kommentare:

  1. Ich habe mich schon immer gefragt warum sie die Flugzeuge nicht schneller machen.

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  2. Infoliner sagt:

    Hm. Warum veröffentlicht Ihr den Beitrag eines dermaßen ahnungslosen Schreiberlings? Das fällt doch auf Euch zurück!
    Wir sind auf fast allen Gebieten genau eben wegen des fehlenden Vorsorgeprinzips entsetzlichen Belastungen ausgesetzt, die vor allem für die Zukunft unübersehbare Probleme erzeugen wie der "friedliche" Nutzung der Atomkraft, der Genmanipulation, den Chemtrails, gepulster Mikrowellenbestrahlung und vielem weiterem Unfug. Nur für sinnvolle und ungefährliche Technologien gibt es Beschränkungen und gilt das Vorsorgeprinzip: Brennesseljauche zb. darf wegen angeblich fehlenden wissenschaftlichen Nachweisen nicht mehr hergestellt werden, freie Energietechnologien werden mit falschen Begründungen unterdrückt und und der Schutz vor unbotmäßig gekrümmten Gurken ist nahezu vollkommen. Schärft mal Euren Blick, das ist doch albern so ein Artikel. Fragt Euch lieber, wie es zu der so unterschiedlichen Handhabung von "Vorsorge" kommt. Warum wird keine Vorsorge betrieben, wo es der Zentralisierung von Macht nützt und den Menschen schadet? Warum wird wohl "Vorsorge" betrieben, wo es um die Verhinderung von Autonomie und Entwicklung der Menschen geht?

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  3. @ Infoliner
    Wer soll denn die Macht haben zu entscheiden was eine "sinnvolle und ungefährliche Technologie" ist? Die Gentechnik ist harmlos, Chemtrails existieren nicht in der globalen Ausführung, in der VTler sie vermuten, gepulste Mikrowellenbestrahlung wird gegen niemanden eingesetzt, die Atomkraft hat nur in einem sozialistischen Staat irgendwelche Toten verursacht, in Fukushima gar keine.

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