Donnerstag, 6. August 2015

Über den Verfall der Tugend

Es gibt auch eine gute Eris: Hesiod. 
von Jonathan Danubio
Der erste namentlich bekannte Dichter der europäischen Literatur, Hesiod (wohl ca. 740-670 v. Chr.), ging in seiner "Theogonie" davon aus, daß die Eris (Personifikation des Streites, der Zwietracht etc.) schlecht sei. In "Werke und Tage" revidiert er seine Auffassung und schreibt, daß es auch eine gute Eris gebe. Die schlechte Eris entspricht dabei dem Streit, der sich u. a. in Kriegen, Verbrechen etc. ausdrückt. Die gute Eris entspricht dem Wettkampf, d. h. der marktwirtschaftlichen Konkurrenz zwischen den Menschen. Bei Hesiod klingt das so:

"Nicht also gab es nur eine Art von Eris, sondern zwei sind es auf Erden. Die eine nun wird loben, wer sie erkennt, die andere verdient Tadel. Sie haben nämlich ganz verschiedenen Sinn, mehrt doch die eine schlimmen Krieg und Hader, die verderbliche. […] Die andere aber gebar die dunkle Nacht zuerst, und der hochthronende Kronide, der im Äther wohnt, barg sie in den Erdwurzeln und schuf sie den Menschen zu größerem Segen. Ist einer auch träg, treibt sie ihn doch ans Werk. Sieht nämlich der Nichtstuer, wie sein reicher Nachbar mit Eifer pflügt, sät und sein Haus wohl bestellt, dann eifert der Nachbar dem Nachbarn nach, der zum Wohlstand eilt. Fördernd ist solcher Wetteifer für die Menschen, und so grollt der Töpfer dem Töpfer und der Zimmermann dem Zimmermann, der Bettler neidet dem Bettler, und der Sänger dem Sänger.“ (Übers.: Otto Schönberger)

Für Hesiod war es selbstverständlich, daß nur die gute Eris (u. a. Arbeit, Gerechtigkeitssinn, Tugendhaftigkeit) zu einem hohen Ansehen führt. Die schlechte Eris hingegen führt zu einer schlechten Reputation und wird darüber hinaus auch, wie jede Anmaßung des Menschen, von den Göttern bestraft.

(Digression: ich schätze Hesiod sehr dafür, daß er in Prometheus keinen verklärten Freiheitsbringer sieht wie später Aischylos oder auch Goethe, sondern einen Vermessenen, der die Menschen auf eine Stufe mit den Göttern stellen möchte und für seine Anmaßung dann büßen muß. Man denke an Heines schönen Satz: "Wir kämpfen nicht für die Menschenrechte des Volks, sondern für die Gottesrechte des Menschen.")

Hesiod geht offenkundig davon aus, daß gute Verhaltensweisen eine Art "nobilitas naturalis" schaffen, eine Elite also, die von den Mitmenschen aufgrund ihrer überlegenen moralischen Qualitäten freiwillig (sic!) anerkannt wird. Diese Idee war seinerzeit nichts Abstruses bzw. noch präziser: sie war so lange nicht abstrus, wie Gesellschaften (mehr oder weniger streng) hierarchisch organisiert waren, denn der gesellschaftliche Aufstieg in Hierarchien hatte viel mit bestimmten Verhaltensweisen zu tun.

In demokratischen Gesellschaften braucht man hingegen zum Aufstieg keine Qualitäten und wenn man sich die "Eliten" unserer Tage anschaut, sollte ein Zweifel ausgeschlossen sein. Ich fand und finde es stets amüsant und traurig zugleich, wenn Dozenten von Studenten als der "zukünftigen Elite" schwadronieren. Es zeigt doch deutlich: ob jemand zur "Elite" gehört oder nicht, ist keine Frage des Ethos mehr, sondern wird an lächerlichen Kriterien wie einem Studienabschluß festgemacht. Machen wir uns nichts vor: die Tugend ist in Verruf geraten, weil sie für's gesellschaftliche Prestige nicht mehr benötigt wird. Die Zugehörigkeit zur "Elite" wurde degradiert zu einer Frage von politischen Kontakten, Reichtum (oftmals mit ersterem korrelierend) und möglichst offenherziger Schamlosigkeit.

Man verstehe mich nicht falsch: ich plädiere nicht für eine Rückkehr zur hierarchischen Gesellschaft. Für Rousseau war der (durchaus verklärte) Naturzustand auf ewig verloren und auch meiner Ansicht nach gibt es historische Zäsuren (allen voran die Reformation, die Aufklärung und die Französische Revolution) hinter die man nicht zurücktreten kann.

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