Donnerstag, 27. August 2015

Der Schwangerschafts-Chauvinismus

von Jorge Arprin, ohne Rücksicht auf Gefühle
Seit es die Möglichkeit gibt, mittels künstlicher Befruchtung schwanger zu werden, sind wir nicht mehr auf die klassischen biologischen Prozesse angewiesen, um ein Kind zur Welt zu bringen. Allerdings ist künstliche Befruchtung nicht die einzige Möglichkeit, um auf nicht-klassischem Wege schwanger zu werden. Die Leihmutterschaft ermöglicht es, seinen Embryo bei einer anderen Frau zu implantieren, die dann das Kind zur Welt bringt. Mit der Methode des “Social Freezing” kann man Eizellen einfrieren lassen, um so auch im späten Alter, wenn die “biologische Uhr” abgelaufen ist, noch ein Kind bekommen zu können. Die Präimplantationsdiagnostik (PID) wiederum bezeichnet das Untersuchen von Embryos nach bestimmten genetischen Ausstattungen, dadurch werden sogenannte “Designerbabys” möglich.

Während kaum einer mehr ein Problem mit künstlicher Befruchtung hat, werden die anderen Formen noch immer von Verboten heimgesucht. Leihmutterschaft ist in Deutschland komplett verboten, ähnlich wie in den meisten anderen europäischen Ländern. Deutsche Frauen, die dennoch auf diese Möglichkeit zurückgreifen wollen, bestellen sich deshalb illegal Leihmütter aus Russland, der Ukraine, Indien oder Thailand, wo Leihmutterschaft legal ist. Die Gesetzeslage zu Social Freezing ist noch etwas unklar. PID ist in den meisten Ländern drastisch eingeschränkt, in Deutschland darf man Embryos nur nach schweren Erbkrankheiten oder zur Vermeidung von Tot- und Fehlgeburten untersuchen. Im Folgenden wende ich mich gegen die chauvinistische Ansicht, wonach Schwangerschaften nur mit dem eigenen Bauch, dem richtigen Alter und ohne genetische Untersuchungen legal sein sollten.

Leihmutterschaft

Gegner der Leihmutterschaft bringen immer wieder ein Argument hervor: Kinder sind keine Ware. Birgit Kelle meint gar, Leihmutterschaft würde bedeuten, man könne Kinder bestellen, als wären sie Autos. Die Gleichsetzung von Kinderhandel mit Leihmutterschaft ist jedoch völlig falsch. Was von Leihmüttern gekauft wird, ist nicht ein Baby, sondern ihr Bauch. Das Geld ist sozusagen die Entschädigung für die Unannehmlichkeiten während der neun Monate. Wer behauptet, Leihmutterschaft wäre eine Form von Kinderhandel, müsste Hebammen und Kindermädchen dasselbe vorwerfen, immerhin verdienen sie mit Dienstleistungen an Kindern Geld. Mit einer Dienstleistung an Kindern Geld zu verdienen, ist eben nicht dasselbe wie Kinder zu “kaufen”.

Die Frage, ob es Frauen erlaubt sein sollte, ihren Körper zur Verfügung zu stellen, erübrigt sich, wenn man sich auf ein feministisches Motto besinnt: Mein Bauch gehört mir. Warum sollte irgendjemand anderes als die betreffende Person darüber bestimmen dürfen, was eine Frau mit ihrem Körper macht? Dies ist ein massiver Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Einige sind bereit, Leihmutterschaften zu legalisieren, solange dabei kein Geld verdient wird (so wie man z.B. mit Organspenden kein Geld verdienen darf). Zwar wäre das schon ein Fortschritt, aber ich sehe keinen Grund, den kommerziellen Aspekt zu verbieten. Solange die zwei Parteien freiwillig zustimmen und niemand Drittes geschädigt wird, sollte man doch wohl mit allem Geld verdienen dürfen.

Social Freezing

Hinter der Sorge um Social Freezing steckt die Befürchtung, Frauen würden zunehmend Kinder nur noch mit 50 Jahren bekommen, nachdem sie mit ihrer Karriere fertig sind. Ich sehe darin aber erstens nichts Verwerfliches – ältere Frauen können auch gute Mütter sein – und zweitens denke ich nicht, dass es passieren wird. Die meisten Frauen wollen durchaus nicht erst mit 50, sondern früher Kinder bekommen. Social Freezing ist nur eine Absicherung für Notfälle, da man nicht weiß, was die Zukunft bringen wird. So sind Frauen nicht mehr gezwungen, auf ihre biologische Uhr zu schauen und können ihre Karriere- und Familienplanung entspannter angehen, und das ist doch was Gutes.

Designerbabys

Die Gründe, die gegen “Designerbabys” genannt werden, sind vielfältig. Es sei ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen, wenn man sein Erbgut verändert, auch wenn schädliche Eigenschaften (wie z.B. Krankheiten) aussortiert oder Talente und wünschenswerte Merkmale (z.B. Sportlichkeit, Intelligenz, Fleiß) gefördert werden. Die Reichen könnten diese Technik eher nutzen als die Armen und die Ungleichheit würde steigen. Das Leben würde langweilig werden, wenn alle Genies wären. Wir könnten keine Leistungen mehr würdigen, da sie nicht durch Fleiß, sondern genetische Optimierung zustande kämen. Schließlich gibt es die Befürchtung, dass totalitäre Regimes diese Technik nutzen würden, um jeden Dissens zu unterdrücken.

Ein Embryo hat keine Rechte, somit ist es auch kein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen, sein Erbgut zu verändern. An der Möglichkeit, es Menschen zu ersparen, mit Krankheiten aufzuwachsen, die sie schwer belasten würden, sehe ich auch nichts Falsches. Es ist falsch, Behinderte zu diskriminieren oder ihnen pauschal die Lebensfreude abzusprechen, aber in den allermeisten Fällen ist es eine schwere Belastung, an einer Behinderung zu leiden, und die Betroffenen würden sicher gerne darauf verzichten, wenn sie die technische Möglichkeit dazu hätten. Selbstverständlich müsste die Entscheidung darüber freiwillig bleiben. Ich persönlich sehe aber keinen guten Grund, warum man die schwere Behinderung eines Kindes nicht verhindern sollte, wenn man es könnte.

Die Sorge um wachsende Ungleichheit ist etwas, dass man bei jeder neuen Technik äußern könnte. Es ist immer zuerst so, dass die Reichen in den Genuss von Luxus kommen, bevor er für die Massen erschwinglich wird. Aber wäre es nicht langweilig, wenn alle Menschen ihre Kinder durch genetische Optimierung zu Genies machen könnten? Eine Welt voller Genies wäre ebenso wenig langweilig wie eine Welt voller Reichtum. Wenn wir in das Jahr 1500 zurückblicken und es mit heute vergleichen, kann man dann sagen, es sei langweilig, dass wir heute nicht mehr hungern müssen, wenn wir kein Geld haben? Wohl kaum. Für mich jedenfalls wäre es kein Problem, wenn die Menschen in Zukunft intelligenter, sportlicher und künstlerisch begabter wären.

Dies würde meiner Meinung nach gar nicht dazu führen, dass es keinen mehr gäbe, der herausragt, unsere Ansprüche würden lediglich höher werden. Wenn es Tausend Charles Dickens und Mark Twains gibt, wird die Definition darüber, wer ein großartiger Schriftsteller ist, nach oben geschraubt. Es würde nicht mehr ausreichen, so gut wie Ronaldo oder Messi zu sein, um Weltfußballer zu werden. Diese neuen Überleistungen könnten sehr wohl auch gewürdigt werden. Mich interessieren die Leistungen, nicht, wie sie zustande gekommen sind. Durch die moderne Technik haben heute viele Berufsgruppen Vorteile gegenüber ihren Vorgängern aus früheren Zeiten. Architekten können heute viel spektakulärere Hochhäuser bauen als im 19. Jahrhundert, sollten wir sie nicht mehr würdigen?

Was ist aber mit der Befürchtung, totalitäre Diktatoren könnten diese Technik dazu benutzen, um die Kontrolle über die Fortpflanzung zu erlangen und jeden Dissens schon im Mutterleib zu ersticken? Ich gebe zu, das ist, neben einem Asteroiden-Einschlag, dem Ausbruch eines Supervulkans und dem Aufstand intelligenter Roboter eines der schlimmsten Szenarien, die man sich für die Menschheit vorstellen kann, und schon der bloße Gedanke daran kann einen mulmig werden lassen. Man stelle sich vor, was Hitler oder Stalin mit dieser Technik hätten anstellen können, oder Kim Jong-Un und Abu Bakr al-Baghdadi heute. “1984” war ein Witz dagegen. Aber letztlich ist es so, dass die bloße Möglichkeit dieses Szenarios kein Grund ist, um die gesamte Technik zu verbieten.

Die Möglichkeit der Sterilisierung hätte von totalitären Diktaturen missbraucht werden können, um allen missliebigen Gruppen die Fortpflanzung zu verbieten. Schulen hätten missbraucht werden können, um alle Kinder zu indoktrinieren – und es geschah auch oft und geschieht immer noch. Das Mittel dagegen ist aber Wachsamkeit, um so eine Diktatur zu verhindern, und nicht Sterilisierungen und Schulen zu verbieten. Außerdem ist so ein Szenario nicht nur äußerst schwer umzusetzen, sondern auch umkehrbar. Die meisten Kinder aus der Hitler-Jugend konnten wieder entnazifiziert werden. Falls jemand ein Nazi-Gen entwickeln sollte, wird man sicher auch ein Anti-Nazi-Gen entwickeln können.

Ich denke, wir haben wenig Grund uns vor einer durch “Designerbabys” zustande gekommenen Diktatur zu fürchten, aber wir haben Grund zur Befürchtung, dass die Regierung in die Fortpflanzungsfreiheit seiner Bürger eingreift und Schwangerschaften reguliert. Nicht nur bei den derzeit möglichen neuen Techniken, sondern auch bei anderen Zukunftstechniken wie künstlichen Spermien und Gebärmüttern, weil viele der Meinung sein werden, Kinder sollten “blutig” und nicht im Labor geboren werden. Irgendwann wird es hoffentlich möglich sein, seine durch PID nach schweren Krankheiten untersuchten Embryos einfrieren zu lassen, um sie nach Ende der Karriere mit 45 Jahren gegen ein angemessenes Entgelt einer Leihmutter zu implantieren.

Kommentare:

  1. Für den Fall, dass die Auftraggeber nicht beide die biologischen Eltern sind handelt es sich um Kinderhandel, weil nicht nur der Bauch gekauft wird.

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  2. Bei der Propagierung der Leihmutterschaft vergisst man häufig die Tatsache, dass nur die Mutter die optimale kognitive Initialzündung für ihr Kind in den ersten Lebensjahren geben kann. Es ist zu befürchten, dass nur ungenügend sprachlich und kognitiv entwickelte Kinder entstehen könnten. Denn bereits ab der 20. Gestationswoche hört der Foet im Mutterleib flüssigkeitsangekoppelt die Mutterstimme und ist nach der Geburt massiv darauf fixiert, sodass eine längere (max. bis zu 3 Jahren) dyadenspezifische Beziehung zwischen diesen beiden Personen (nicht durch eine andere Frau voll ersetzbar)notwendig ist, zumal in diesem Zeitraum zumindest zwei kürzere Phasen besonders begierigem Sprechlernen des Kleinkindes individuell verschieden auftreten [siehe Kapitel „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ im Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014, ISBN 978-3-9814303-9-4]

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