Mittwoch, 22. Juli 2015

Zentrale Planung oder freier Markt?: Die Unmöglichkeit des Sozialismus

Schwer zu widerlegen: Mises.
von Hubert Milz
Im Winter 1919 hielt Ludwig von Mises vor der "Wiener Nationalökonomischen Gesellschaft" einen Vortrag mit dem Titel «Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen». Dieser Vortrag wurde 1920 im "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" veröffentlicht und bildete die Keimzelle für das Buch "Die Gemeinwirtschaft" von 1922, ein Buch, welches damals - 1922 - viele junge Nachwuchsökonomen stark beeinflusste, prägte und vom Sozialismus hin zur Marktwirtschaft führte. Diese Nachwuchsökonomen (z. B. Friedrich August von Hayek, Fritz Machlup, Gottfried von Haberler, Steffy Browne, Wilhelm Röpke, Lionel Robbins oder Bertil Ohlin) standen dann in der "Sozialismus-Debatte" jener Jahre auf Seiten von Mises.

Was war bis dahin geschehen? Wegen der Vorgaben von Marx und Engels entzogen sich damals die sozialistischen Theoretiker einer Diskussion darüber, ob in einem sozialistischen Gesellschaftsmodell tatsächlich zwingend ein Mehr an Freiheit und an persönlicher bzw. allgemeiner Wohlfahrt zu realisieren sei. Kritikpunkte, wie z. B. die Frage nach der Motivation der arbeitenden Menschen, wurden abgewürgt, denn im und durch den Sozialismus würde ein neuer Menschentypus entstehen – dies waren zwar alles nur Behauptungen, eine Diskussion kam jedoch durch diese Haltung der sozialistischen Theoretiker nicht zustande.

Mit dem Buch "Die Gemeinwirtschaft" von 1922 startete Mises einen Frontalangriff gegen den Sozialismus an und für sich. Alle Argumente, die bis dahin schon immer gegen die sozialistische Lehre vorgetragen worden waren, bündelte Mises noch einmal und erweiterte seinen Angriff um das Argument aus dem genannten Vortrag - die "Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung im Sozialismus" wurde zum Hauptargument.

Mises zeigt, dass in einer Marktwirtschaft die Steuerung des Einsatzes der Produktionsmittel über das Informationsmittel der "Marktpreise" erfolgt. Die Unternehmer kennen die "Preise" der Produktionsmittel, die sie zu erwerben und einzusetzen haben, um z. B. irgendein "Konsumgut" produzieren zu können, und diese "Marktpreise" fließen als Kosten in die Kalkulation jenes Konsumgutes ein. Der Unternehmer kennt somit die Kosten der Produktion und kann dadurch den Einsatz der Produktionsmittel optimal – nämlich mittels "Marktpreise" preiswert – gestalten.
Ein zentraler Planer kann das nicht, denn alle Produktionsmittel befinden sich in der Hand des zentralen Planers – der zentrale Planer braucht nicht einzukaufen und damit fehlt ihm die Rechengrundlage zur Kalkulation. Der Zentralplaner weiß nicht, was die Produktion irgendeines Konsumgutes wirklich kostet, da er die Einsatzkosten nicht kennt. Folglich kann der Zentralplaner die Ressourcen, die er zur Produktion benötigt, eben nicht optimal planen, sondern zwangsläufig Ressourcen verschwenden und dadurch die allgemeine und individuelle Wohlfahrt der Bevölkerung nicht steigern, sondern absenken.

Die These der "Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung im Sozialismus" löste unter den Ökonomen eine jahrzehntelange Debatte aus. Noch 1988 z. B. behauptete Christina Kruse in ihrer Dissertation (Die Volkswirtschaftslehre im Nationalsozialismus), dass Mises widerlegt sei, da das Theoriegebäude der "Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik" auch auf ein sozialistisches Gemeinwesen anwendbar, und damit auch eine optimale Zentralplanung der Ressourcenverwendung möglich sei.
Was besagt das Modell der "Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik"? Dieses Modell ist bis heute das grundlegende Modell der mathematischen Analysemethodik im Mainstream der Neoklassik. In diesem Modell werden die Gleichgewichtspreise und die entsprechenden Gleichgewichtsmengen über ein Gleichungssystem simultan bestimmt - "Güter" werden durch "Güter" getauscht. Da das Gleichungssystem simultan gestaltet ist, laufen alle Prozesse unmittelbar und zeitgleich ab – ein allwissender Auktionator sorgt für diesen reibungslosen und zeitgleichen Ablauf. Ergo ist die Zeit im Grunde wegdefiniert und somit können auch unmittelbar Güter gegen Güter getauscht werden – ohne Geld. Und dieser allwissende Auktionator ist ohne Umstände mit dem Zentralplaner austauschbar – zumindest in diesem Modell.

Kritik: Das Modell der "Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik" entspricht nicht der realen Welt. Den allwissenden Auktionator gibt es nicht: Menschen haben nur begrenztes Wissen, ebenfalls die zentralen Planer. Und die Realität ist nicht "statisch" wie im Modell der "Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik" - die reale Welt kennt die Zeit und ist somit eine "dynamische" Welt.
Und Mises argumentierte vor dem Hintergrund einer dynamischen Welt, so dass für Mises irgendwelche "Gleichgewichtsannahmen" nur Hilfsmittel zur Analyse einer sich durch menschliches Handeln stetig und ständig verändernden menschlichen Umwelt darstellen können.

Daraus folgt, dass der Versuch Mises mittels des realitätsfreien Modells der "Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik" zu widerlegen fehlgehen muss. Die Methodik, die Mises auf eine reale Welt anwendet, wird komplett ignoriert und stellt eben keine Widerlegung seiner Thesen dar. Diese Kritik ist eine mathematische Spielerei ohne eigentlichen Gehalt. Nicht umsonst hat der marxistische Ökonom Oscar Lange damals vor rund 90 Jahren gesagt, dass der Zentralplaner, wenn er Preise für eine optimale Planung des Ressourceneinsatzes benötigt, nur in einem amerikanischen Warenhauskatalog nachzuschlagen brauche.

Als 1989 der "real existierende Sozialismus" zusammenbrach, wurde Mises auch empirisch bestätigt. Es wurde offenbar und offensichtlich, dass Mises vor der Geschichte absolut im Recht ist, so dass die sogenannte ''Widerlegung'' der These von der "Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung im Sozialismus" nur eine Mär war und ist – mehr nicht.

Das Buch ,,Die Gemeinwirtschaft: Untersuchungen über den Sozialismus'' von Ludwig von Mises kann hier bestellt werden.

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