Dienstag, 14. Juli 2015

Von Konformisten und Rebellen

Warum ''normal'' sein? Gustav Wegert lässt den Arm unten.
von Jorge Arprin
Einer der bekanntesten Sätze von Ludwig von Mises ist folgender:

“Aller Fortschritt der Menschheit vollzog sich stets in der Weise, dass eine kleine Minderheit von den Ideen und Gebräuchen der Mehrheit abzuweichen begann, bis schließlich ihr Beispiel die anderen zur Überzeugung der Neuerung bewog. Wenn man der Mehrheit das Recht gibt, der Minderheit vorzuschreiben, was sie denken, lesen und tun soll, dann unterbindet man ein für alle Male allen Fortschritt.”

Dieses Zitat richtet sich eindeutig gegen Konformität und ist ein Loblied auf die Rebellen. Leute, die sich einfach weigerten, “normal” zu sein und damit zum Fortschritt der Menschheit beitragen. Leider sind die meisten Menschen jedoch nicht nur Konformisten – d.h., sie orientieren sich an dem, was die Mehrheit tut – sondern haben auch negative Einstellungen gegenüber Rebellen. Ein Rebell gilt meistens einfach nur als “verrückt”, “schräg” oder gar als dumm und asozial. Auf jeden Fall gelten sie als nicht normal. Wenn dann ein Rebell eine Idee hat, die ungewöhnlich ist, wird diese oft einfach damit abgetan, dass sie verrückt sei, man solle sich stattdessen auf das “Normale” besinnen.


In einem Punkt haben die Konformisten Recht. Ein Rebell ist nicht “normal”. Der Begriff “Normalität” sagt aber lediglich etwas über die statistische Häufigkeit einer Sache aus. Es sagt nichts über Wertigkeit aus. Warum soll etwas, dass statistisch häufig vorkommt, deswegen auch gut oder hilfreich sein? Man könnte nun meinen, wenn etwas wirklich hilfreich wäre, hätte es sich bereits bei der Mehrheit durchgesetzt. Die Geschichte zeigt uns aber, dass dies keinesfalls der Fall ist und es kaum eine Idee gibt, die, egal wie dumm und schädlich sie ist, trotzdem von einer Mehrheit übernommen werden kann. Dennoch wird so getan, als sei das Normale automatisch das Gute. Karl August Bettermann formulierte den sogenannten “Beamten-Dreisatz“:

Das haben wir immer so gemacht!
Das haben wir noch nie gemacht!
Da könnte ja jeder kommen!

Man könnte diesen Dreisatz auch die “Regeln des Stillstands” nennen. Es lässt sich kaum einschätzen, wie viele Fortschritte – ob nun im politischen, im wirtschaftlichen oder im technischen Bereich – durch diese Sätze abgewürgt wurden, und zwar nicht nur von Beamten. Da Dinge wie die Sklaverei, das Gottesgnadentum oder das Patriarchat für etliche Generationen einfach normal waren, wurden sie einfach hingenommen, denn “Das haben wir immer so gemacht!”. Der Gedanke, dass etwas nicht deshalb gut sein muss, weil es immer so gemacht wurde, musste sich erst langsam durchsetzen. Noch heute ist er nicht überall angekommen. In Ländern, in denen es noch immer die Wehrpflicht gibt, wird diese oft damit verteidigt, dass es sie halt schon immer gab.

Der Satz “Das haben wir noch nie gemacht!” wiederum hat lange Zeit viele technische Neuerungen aufgehalten. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt basiert darauf, Neues auszuprobieren. Die Beamten der Deutschen Post konnten sich in den 1980ern nicht vorstellen, wie das Postsystem sich noch verbessern sollte. Dann kam die E-Mail. Aber auch wenn es um Bürgerrechte geht, fungiert der Satz bis heute als Bremsklotz. Das Adoptionsrecht für Schwule wird von vielen abgelehnt, weil Kinder eben noch nie von gleichgeschlechtlichen Paaren erzogen wurden – als ob es deswegen unmöglich wäre, dass gleichgeschlechtliche Paare gute Eltern sind.

Mit dem Satz “Da könnte ja jeder kommen!” werden meist gewaltsam durchgesetzte Monopole verteidigt, nach dem Motto: Wenn wir nicht die alleinige Kontrolle hätten, gäbe es Chaos. Wenn der Staat nicht die totale Kontrolle über die Bildung hätte und Taxifahrer sich nicht Lizenzen beim Staat holen müssten, könnte ja jeder einfach so seine eigene Schule aufmachen und sein eigenes Taxi fahren. Die Frage, was daran so schlimm wäre, dürften die Stillstandswahrer nichtmal verstehen. Bei dem Beamten-Dreisatz handelt es sich um die goldenen Regeln der Konformität, mit all ihren negativen Folgen. Tatsache ist: Von der Mehrheit abzuweichen, ist, wie Mises richtig beschreibt, der erste Schritt, um Fortschritt zu erreichen.

Diese Erkenntnisse dürfen nicht dazu führen, die Beurteilung von Rebellen in das Gegenteil zu verkehren. Manchmal werden Menschen nämlich völlig zurecht ausgelacht. Darwin, Einstein und Mises waren Rebellen. Aber Marx, Hitler und bin Laden waren es auch. Als diese Leute zu hören bekamen “Du bist ja verrückt!”, wäre es besser gewesen, wenn sie entmutigt aufgegeben hätten, statt weiterhin mit großem Elan für ihre non-konformistischen Ideen zu kämpfen. Denn ihre Ideen waren nicht nur verrückt, sondern auch schlecht. Nicht nur das Normale, auch das Ungewöhnliche ist nicht automatisch das Gute. Wenn jemand also ungewöhnliche Ideen vertritt, kann es sein, dass er ein genialer Erfinder wird, oder ein totalitärer Diktator und Massenmörder.

Um eine Idee zu beurteilen, sollte man überprüfen, ob sie dazu geeignet sind, das vorgegebene Ziel zu erreichen ist und ob die dabei angewandten Methoden moralisch zu rechtfertigen sind. Eine Idee ist weder schlecht noch gut, wenn sie von der Mehrheit als verrückt wahrgenommen wird (und heute gilt es vielen als schick gilt, sich als Rebellen zu bezeichnen, selbst wenn ihre Ansichten eigentlich vollkommen konformistisch sind – man denke nur an das deutsche Kabarett). Allerdings ist es fast schon eine Gewissheit, dass, wenn wir in Zukunft einen Fortschritt erleben – ganz gleich, ob in der Politik, in der Wirtschaft oder in der Wissenschaft – ein Rebell dafür verantwortlich sein wird.

(Zuerst auf dem Blog des Autors erschienen.)

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