Dienstag, 7. Juli 2015

Staatliches Bildungswesen: Jeder Schritt in Richtung Freiheit ist ein guter Schritt

 Stefan Blankertz -
,,dienstältester Anarchokapitalist Deutschlands''
Tomasz M. Froelich im Gespräch mit Dr. Stefan Blankertz
Stefan Blankertz ist Schriftsteller, Sozialwissenschaftler und laut André F. Lichtschlag ,,Deutschlands dienstältester Anarchokapitalist’’. Er vertritt eine klassisch libertäre, ideologiefreie Position des Anarchokapitalismus und eine historisch-materialistische Staatskritik. Mit dem staatlichen Bildungswesen hat er sich ausgiebig auseinandergesetzt, etwa in seinem Buch ,,Pädagogik mit beschränkter Haftung''. Tomasz M. Froelich, Autor des Buches ,,Bildungsvielfalt statt Bildungseinfalt'', in dem dieses Interview abgedruckt ist, sprach mit ihm. 

Froelich: Herr Blankertz, André F. Lichtschlag nannte Sie einst ,,den dienstältesten Anarchokapitalisten Deutschlands''. Wie wurden Sie zum Anarchokapitalisten und warum?

Blankertz: Irgendwann im zarten Alter von 14, also 1970, bin ich in einem Spiegel-Artikel zu den anarchistischen Wurzeln der Studentenbewegung auf ein Bakunin-Zitat gestoßen, dass die Menschen keinen Staat bräuchten, sondern alle Angelegenheiten untereinander regeln könnten. Dies hat mich augenblicklich befeuert und von da habe ich alles über Anarchismus gelesen, dessen ich habhaft werden konnte. Dabei fand ich von Anfang an die Unterschiede zwischen kommunistischen, kollektivistischen und individualistischen Anarchisten höchst unnütz, denn wenn die Menschen frei sein sollten, ihr Leben zu gestalten, müssten sie ja vor allem frei sein, solche grundlegenden Entscheidungen zu treffen. Warum also Differenzen? Es ergaben sich im Laufe des Nachdenkens und der Diskussionen besonders mit den marxistischen Mitschülern zwei Probleme.

Froelich: Die da wären?

Blankertz: 1. Die Marxisten behaupteten, wenn die Menschen in ökonomischer Hinsicht frei und individualistisch handeln dürften, würde dies notwendigerweise zu Ausbeutung und zur Kapitalkonzentration führen. Was war auf dieses Argument zu antworten.

2. Nicht nur Marxisten, sondern alle Nichtanarchisten, von denen ich las oder mit denen ich sprach, wandten ein, dass das freie Handeln des Einen jemand anderes schädigen, beeinträchtigen oder auch nur ärgern könnte. Wie dieses Problem lösen?

Als ich 1980 auf einer Tour durch Kalifornien die Libertarians entdeckte - genau gesagt: das Büro von Murray Rothbards "Libertarian Party Radical Causus’’ - wurde mir genauso plötzlich klar, wie ich 1970 aufgrund eines Bakunin-Zitats Anarchist wurde, dass die österreichische Schule der Ökonomie, Ludwig von Mises und Murray Rothbard, die Antwort auf beide Probleme hatte: Eine ökonomische Erkenntnis, die bewies, dass die Selbstbestimmung auch im wirtschaftlichen Sinne nicht nur nicht Ausbeutung begünstigt, sondern ihr entgegensteht und zu Wohlstand, Frieden und Freiheit führt, ebenso wie im Eigentum eine genaue rechtliche und alltagstaugliche Trennlinie zwischen dem, was ich tun darf und was ich nicht tun darf: alles und zwar beliebiges mit mir und meinem Eigentum sowie mit Menschen, die mit mir übereinstimmen, und nicht mit anderen Menschen und deren Eigentum, solange sie nicht zustimmen: Das Prinzip der Freiwilligkeit oder Selbstbestimmung ist ohne den Eigentumsbegriff nicht sinnvoll auszudrücken. Schwierigkeiten hatte ich am Anfang mit dem positiven Gebrauch des Begriffs "Kapitalismus", das war starker Tobak für einen links sozialisierten Deutschen, aber da ich die Theorie überzeugend fand, habe ich die terminologische Abneigung schnell überwinden können.

Tomasz M. Froelich -
Autor von ,,Bildungsvielfalt statt Bildungseinfalt''
Allerdings war meine Erfahrung in Deutschland dann sehr niederschmetternd. Wurde ein linker, antikapitalistischer Anarchist noch als harmloser Spinner angesehen (wenn er sich hinreichend von den terroristischen Umtrieben von Marxisten-Leninisten abgrenzte, die der Staatsschutz "Anarchisten" nannte), so machte ein Anarchist, der sich zu Eigentum, Marktwirtschaft und Kapitalismus bekennt mich zu einem Aussätzigen. Das hat sich zwar insofern geändert, als es inzwischen einen libertäre Szene gibt, aber in den mir wichtigen Bereichen, Wissenschaft und Literatur, ist die Ausgrenzung eher noch heftiger und unversöhnlicher geworden. Wenn ich egoistischer entschieden hätte, wäre ich den Weg des üblichen Salonsozialismus gegangen. (Dies als kritische Anmerkung zur Psychologie von Ayn Rand, die ich für falsch halte, ungeeignet für die Fundierung des Libertarianism.)

Froelich: Ich mache diesbezüglich ähnliche Erfahrungen: Immer, wenn ich mich als Anarchist und Kapitalist zugleich bezeichne, werde ich angeschaut, als ob ich wahnsinnig wäre, obwohl Anarchismus meiner Ansicht nach eine notwendige Bedingung für Kapitalismus, den ich als freien Markt begreife, darstellt. Können Sie mir - in Anbetracht der Tatsache, dass Anarchismus zumeist als antikapitalistisch konnotiert wird - das Wesen des Staates aus einer anarchokapitalistischen Sichtweise heraus erklären?

Blankertz: Systematisch gesehen ist der Staat sowie alle von ihm geschaffenen oder abhängigen Organisationen, Institutionen und Unternehmen (der Theorie Murray Rothbards folgend) die einzige soziale Organisation, die legal ihre Ressourcen nicht durch ein gegenseitiges Übereinkommen mit den Gebern erzielen. Der Staat eignet sich Ressourcen ohne Zustimmung der Ressourceneigentümer an, ein Verfahren, dass außerhalb der Konstruktion des Staates als krimineller Akt, als Diebstahl oder Raub bezeichnet wird. Für die Legalisierung des Raubes ist es für den Staat notwendig, ideologisch die Rechtsprechung zu übernehmen (damit wird die Legalität definiert) und machtpolitisch ein Gewaltmonopol zu errichten (damit wird Konkurrenz ausgeschlossen).

Historisch gesehen ist der Staat das Ergebnis von Eroberung und zwar Eroberung zu genau dem Zweck, Raub (Aneignung fremder Arbeitsleistung) auf Dauer zu stellen, abzusichern und schließlich zu legalisieren. In diesem Prozess, in welchem sich nach den Worten des heiligen Augustinus Räuberbanden in Reiche verwandeln, entsteht meist auch die Klugheit, dass den Ausgebeuteten nicht das Produzieren unmöglich gemacht wird. Staatslenker, die dies nicht berücksichtigen, müssen entweder ihren Kurs ändern oder die Ausbeuter gehen zusammen mit den Ausgebeuteten unter.

Die Funktion der Ausbeutung verliert der Staat unter keinen Umständen. Wohl aber werden im Prozess der Verfeinerung der Herrschaftsstrukturen viele weitere, darunter wichtige und sogar lebenswichtige soziale Funktionen vom Staat okkupiert, Infrastrukturen, Verbrechensbekämpfung, Rechtsprechung, Bildung usw. Durch die Okkupation werden diese sozialen Funktionen in den Dienst der Ausbeutung gestellt, ihr Sinn wird verdreht, ihre Ausführung wird teurer und (gemessen an den Bedürfnissen der Gesellschaft) schlechter, aber durch die schiere Dauer der staatlichen Okkupation vergessen die Menschen, dass sie diese Funktionen besser und günstiger selbst organisieren könnten. Es kommt zu der paradoxen Situation, dass auf der einen Seite theoretisch und empirisch für alle Staatstätigkeit nachgewiesen werden kann, dass sie moralisch gesehen ungerecht und ökonomisch gesehen zerstörerisch ist, während das Bewusstsein der Ausgebeuteten sich ein Leben ohne Staat nicht mehr denken kann. Diese Situation nenne ich in augenzwinkernder Anlehnung an den neomarxistischen Begriff des Spätkapitalismus "Spätetatismus".


Froelich: Der Staat okkupiert also Bereiche, die von der Mehrheit der Gesellschaft als notwendig oder wünschenswert erachtet werden, um sein verbrecherisches Wesen zu verschleiern oder gar zu rechtfertigen. Wie wichtig ist ihm dabei die Okkupation der Bildung?

Blankertz: Historisch kommt die systematische Okkupation der Bildung durch den Staat relativ spät. Sie setzt im 19. Jahrhundert ein. Eine flächendeckende Beschulung der ganzen Bevölkerung über einen längeren Zeitraum gibt es aber erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Okkupation der Bildung folgt dem Muster anderer Okkupationen: Entgegen dem in Lehrbüchern der Pädagogik oder, wie es heute heißt, Erziehungswissenschaft bzw. Bildungsökonomie hat der Staat den Zugang der breiten Masse zur Bildung nicht geschaffen. Vielmehr haben sich im Zuge der Industrialisierung Arbeiterfamilien, die Bildung für ökonomisch und geistig erstrebenswert hielten, diese selbst in hohem Maße und guter Qualität selbst organisiert und selbst finanziert. Der Staat hat diese selbstorganisierte und selbstfinanzierte Bildung durch drei Maßnahmen okkupiert: indem er erstens sein eigenes "Angebot" durch Schulpflicht verbindlich gemacht hat, indem er zweitens sein eigenes "Angebot" scheinkostenlos, also steuerfinanziert machte und damit jede gebührenerhebende Konkurrenz benachteiligte und indem er drittens die Zulassung zu bestimmten Berufen an den Erwerb von Abschlüssen in seinen oder von ihm lizenzierten Institutionen band ("Berechtigungswesen").

Der Sinn der Okkupation der Bildung durch den Staat liegt nicht nur und gar nicht mal vordringlich im Zugriff auf die Inhalte begründet, sondern vor allem auf zwei anderen Funktionen der Schule: Zum ersten übt der Staat die Kinder durch die Schule in sein System von Rundumversorgung bei gleichzeitigem Verbot jeglicher Selbstständigkeit ein; zum anderen steuert er durch die Schule die Produktion von Nachwuchs für verschiedene, ihm wichtige Berufe - die selektive Funktion der Schule, auch und gerade der Einheitsschule wird oft übersehen. Wer es in dieser einen Schulform nicht schafft, wird ausgeschlossen. Auch die Produktion von Versagern gehört zu den wesentlichen Funktionen der Schule, ebenso die Produktion des Nachwuchses für die Sozialbürokratie.

Wie auch immer eine Schule auf dem freien Markt aussehen würde, welche Formen und Inhalte Eltern auch bevorzugen würden, eins ist ganz klar: Eine Institution, die auf dem freien Markt damit werben würde, dass sie 25% oder mehr Versager hervorbringt, würde genauso wenig Kunden bekommen wie ein Autohersteller, der sagt, na ja, rund ein Viertel seiner Autos seien in Ordnung, etwa die Hälfte mit leichten Mängeln behaftet, während das letzte Viertel leider nicht fahrtauglich sei, wenn man den erwische, Pech gehabt; mit Kostenerstattung jedenfalls sei Essig. (Diesen Vergleich habe ich übrigens von dem marxistischen Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Gruschka übernommen.)

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Froelich: Einleuchtend, wobei ich die Relevanz des Zugriffs auf die Inhalte der Bildung nicht unterschätzen würde. Was sind weitere Gefahren, die vom staatlichen Bildungswesen ausgehen?

Blankertz: Der Zugriff auf die Inhalte ist besonders für diktatorische und ideologische Staaten sicherlich ein wichtiges Thema, aber es wird überschätzt. Denn Bildung hat eine positive "Eigenstruktur", so wie die Staatliche Zwangsschule einen negativen "heimlichen Lehrplan" hat. Die Eigenstruktur der Bildung besteht darin, dass jedes komplexe Wissen ein eigenständiges Erarbeitung und ein eigenständiges Nachdenken erfordert, sodass selbst in diktatorischsten Systemen der Widerstand auch und gerade in der Bildungselite wächst. Auf der anderen Seite wirkt das schulische Zwangssystem als heimlicher Lehrplan und das ist die Gefahr des staatlichen Bildungswesens: Der heimliche Lehrplan lehrt die Kinder und Jugendlichen die Gleichzeitigkeit von Abhängigkeit und Versorgtwerden. Leider wirkt das auf den Widerstand der Bildungselite gegen einen aktuellen Staat zurück, sodass sie zwar gegen dieses oder jenes diktatorische oder autoritäre System aufbegehren, sich aber kein selbstorganisiertes Leben vorstellen können.

Eine weitere Gefahr des heimlichen Lehrplans ist es, dass der pluralistische Staat durchaus zulassen kann, liberale Inhalte auf den Lehrplan zu setzen, ohne sich in Gefahr zu begeben - die Schüler werden gegen diese Inhalte genauso resistent werden wie gegen alle anderen auch.

Froelich: Was sind denn die Alternativen zum staatlichen Bildungswesen? Vielfältige Bildungsmodelle? Eine vollständige Privatisierung der Bildung? Wie sollen die Alternativen umgesetzt werden? Und lässt sich dadurch allein der von ihnen beschriebene Spätetatismus überwinden? Was wäre noch nötig? Oder ist die Überwindung des Spätetatismus – realistisch betrachtet – nichts anderes als anarchokapitalistische Träumerei?

Blankertz: Von Alles-oder-Nichts-Positionen halte ich wenig. Jeder Schritt in Richtung Freiheit ist ein guter Schritt, auch wenn er klein ist. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, im Bildungsbereich für mehr Freiheit zu sorgen, mehr Wahlmöglichkeiten zu schaffen.
Das könnte sein
- die Erleichterung, alternative Angebote auch im Pflichtschulbereich zu machen, 
- die Erlaubnis zu "Homeschooling",
- die Aufhebung der Schulpflicht,
- die Einführung eines Gutscheinsystems (ich persönlich bevorzuge eine Variante über Steuerrabatt für Eltern, die ihre Kinder nicht zur Staatsschule schicken; diese Variante kann über die Finanzämter ohne eine zusätzliche neue Bürokratie zur Verteilung der Gutscheine eingerichtet werden), 
- in den Staatsschulen die Wahl nicht nur der Fächer, sondern auch und vor allem der Lehrer (denn wir wissen, dass in Wahrheit die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer bildend ist, nicht das Fach),
- die Umstellung von Abschluss- auf Aufnahmeprüfungen (es kommt dann nicht darauf an, was und wo man etwas gelernt hat, sondern was man kann, ob man der Aufgabe gerecht wird, egal woher man die Kenntnisse und Fähigkeiten hat).
Diese sechs Punkte fallen mir spontan ein, es gibt sicherlich noch weitere Möglichkeiten, im Bildungswesen mehr Freiheit zu schaffen, ohne gleich das "ganze System" umkrempeln zu müssen.

Ob solche Veränderungen durchsetzbar sind, hängt von den politischen Rahmenbedingungen ab. Ganz prinzipiell muss zusammentreffen 
- die Unzufriedenheit von Betroffenen (Eltern, Kindern/Jugendlichen und Lehrern sowie von "Abnehmern" der so Ausgebildeten, also Arbeitgebern)
- mit einer Krise im System (etwa Finanzierungsprobleme oder eine krasse ökonomische Dysfunktionalität der Berufbildung - eine solche Dysfunktionalität hat ja Ende der 1960er Jahre zu der sozialdemokratischen Schulreform geführt) sowie
- zusätzlich zu diesen beiden objektiven Faktoren das subjektive Bewusstsein von politisch einflussreichen Handelnden, dass die Lösung der objektiven Probleme in einer Entstaatlichung zu suchen sei (demgegenüber hat Ende der 1960er Jahre die Vorstellung durchgesetzt, dass eine weitere Verstaatlichung die Probleme lösen würde, obwohl in der Protestbewegung gerade auch für den Bildungsbereich Ansätze zu libertären, außerstaatlichen Lösungen vorhanden waren, aber politisch zu schwach zu zeigten).

Froelich: Herr Blankertz, ich danke Ihnen für die ausführlichen Antworten.

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